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I Zum ersten Mal der eigene Stil
In dem berühmten Interview, das François Truffaut mit ihm führte, nannte
Hitchcock The Lodger den „ersten Film, auf den ich das anwenden konnte, was
ich in Deutschland gelernt hatte. Ich bin in diesem Film ganz instinktiv
vorgegangen. Es war das erstemal, daß ich meinen eigenen Stil anwandte. Man
kann sagen, daß The Lodger eigentlich mein erster Film ist“ (Truffaut, S.
38). Der eigene Stil Hitchcocks – was macht ihn aus? Woran erkennen wir
seine persönliche Handschrift? Was macht sie unverwechselbar? Ich werde im
Folgenden eine Analyse und Interpretation von The Lodger vornehmen und
versuchen, das herauszuarbeiten, was hier schon als Hitchcock-typisch
anzusehen ist bzw. um festzustellen, wo Hitchcock noch anders agiert als in
späteren Werken.II Produktionsgeschichte
Michael Balcon teilte Hitchcock Ende April 1926 mit, er hätte die Rechte an
einem sehr erfolgreichen Buch erworben. Es war der größte
schriftstellerische Erfolg der Marie Belloc Lowndes und basierte auf der
Geschichte von Jack the Ripper. Stannard schrieb das Drehbuch. Hitchcock
hatte bereits alle einzelnen Einstel-lungen geplant und mit Hilfe eines
Illustrators skizziert. Deko, Ausstattung, Schnitte, Einstellungen, alles
war auf Papier bis ins Detail ausgearbeitet. Balcon engagierte zwei der
populärsten britischen Darsteller, Ivor Novello und June (Tripp), für die
Hauptrollen. Anfang Mai begannen die Dreharbeiten in den Islington-Studios.
Hitchcock hatte ein offenes Ende für die Geschichte vorgesehen: Der Lodger
kann fliehen und es bleibt unklar, ob er der Mörder ist oder nicht. Aber es
sollte anders kommen. Novello, der gut aussehende und beliebte Darsteller,
durfte nicht der Mörder sein. „Die Werbespezialisten regierten, und wir
mußten das Drehbuch so ändern, daß kein Zweifel daran blieb, daß er (Novello)
unschuldig war“ (Hitchcock, Spoto I, S. 110).
Anfang Juli war The Lodger abgedreht. Im August fand die damals übliche
Kolorierung im Labor statt (Grautöne, Braun und Grün wurden zugefügt). Aber
dann begannen die Probleme. Cutts, der frühere Chef Hitchcocks, wohl von
Eifersucht auf dessen berufliche Erfolge geplagt und selbst privat in einer
Sackgasse angelangt, machte seinen Einfluss auf den Chef des Verleihs der
Balcon-Filme, C. M. Woolf, geltend. Woolf ließ den Film mit Pauken und
Trompeten durchfallen. Er sollte ins Lager und ‚einfach vergessen‘ werden.
Balcon holte Ivor Montagu (22 Jahre alt), den politischen und
gesellschaftlichen Sprecher der Londoner Film Society, der im Vorjahr im
Auftrag der Londoner Times über den Aufstieg der Deutschen auf dem Gebiet
der Filmtechnik geschrieben hatte. Montagu lobte den innovativen Stil des
Films. Er meinte allerdings, man müsste die Zahl der Zwischentitel stark
verringern und einige Szenen sollte man neu drehen, um dem Zuschauer mehr
Klarheit zu verschaffen. Das Dreieckmotiv (die ‚Visitenkarte‘ des Mörders)
wollte er mehr betonen und schlug deshalb vor, den amerikanischen
Plakatdesigner E. McKnight Kauffer hinzuzuziehen, damit das Motiv in den
Zwischentiteln ebenfalls aufgegriffen würde.
Es war nicht leicht für Montagu, Hitchcock zu überzeugen. Aber schließlich
erkannte Hitchcock die Möglichkeit, durch die Ausführung von Montagus
Vorschlägen seinen Film tatsächlich zu verbessern und nicht etwa banaler
werden zu lassen. Spoto berichtet, dass Hitchcock später die Verdienste
Montagus in der Öffentlichkeit niemals würdigte, sondern jegliches Lob nur
auf sich bezog. Spoto beklagt den „Zug der Undankbarkeit“ an Hitchcock, der
sich hier zum ersten Male zeigte (Spoto I, S. 115).
Der Presse wurde The Lodger im September 1926 vorgeführt und zum größten
Teil begeistert aufgenommen. Die Reaktionen reichten von „bester britischer
Film“ über „brillanter Regiesseur“ bis „mit diesem Autor nicht so gut
beraten“ (Spoto I, S. 116). Das nun ungeduldige Londoner Publikum bekam The
Lodger im Februar 1927 zu sehen. Der Film wurde ein großer Erfolg.
III Die Story
Im Londoner Nebel geht – immer dienstags – ein Frauenmörder um. Seine Opfer
sind jung und blond. Neben den Leichen lässt der Mörder stets einen
dreieckigen Zettel mit dem Text ‚The Avenger‘ (‚Der Rächer‘) zurück. Bei
Familie Bunting (Vater, Mutter, blonde Tochter Daisy) mietet sich ein
geheimnisvoller, gut aussehender Fremder ein. Daisy ist mit dem Polizisten
Joe verlobt. Doch bald entwickelt sich zwischen ihr und dem Lodger eine
Liebesbeziehung.
Die Mutter beobachtet, wie der Lodger das Haus nachts heimlich verlässt. Als
am anderen Morgen die Medien von einem weiteren Mord in der vergangenen
Nacht berichten, schöpft sie Verdacht. Gleichzeitig muss Joe feststellen,
dass er dabei ist, Daisy an den Fremden zu verlieren. Joe dringt mit seinen
Leuten in das Zimmer des Lodgers ein, findet dort neben einer Pistole
Zeitungsausschnitte mit Berichten zu den Morden und eine Karte, auf der alle
Tatorte eingezeichnet sind. Er nimmt den Lodger fest. Diesem gelingt die
Flucht in Handschellen.
Der Lodger trifft sich heimlich mit Daisy in der Nacht. Er berichtet, dass
seine Schwester das erste Opfer des Mörders gewesen ist und er seiner Mutter
auf deren Sterbebett versprochen hat, den Mörder zu finden. Gemeinsam suchen
sie eine Kneipe auf. Als seine Handschellen bemerkt werden, flüchten sie
wieder. Joe kommt in die Kneipe und erwähnt während eines Telefonates die
Handschellen. Augenblicklich stürzen die Kneipengäste, die den Lodger für
den Frauenmörder halten, los und verfolgen ihn. Er wird von der Menge fast
gelyncht. In letzter Minute rettet ihn der Einsatz Joes aufgrund der
Nachricht, dass wirkliche Mörder inzwischen gefasst worden sei.
IV Analyse/Interpretation
1 Genre
Der Stummfilm The Lodger zeigt sich noch stark expressionistisch geprägt.
Das finden wir in der auf uns heute übertrieben wirkenden Spielweise der
Schauspieler (Mimik, Gestik), aber auch in der Bildkomposition, die oft mit
Schlagschatten spielt. Zur expressionistischen Darstellung gehört auch „eine
starke ästhetische Prägung durch den Filmemacher“ (Monaco, S. 552), die es
im Folgenden noch festzustellen gilt.
Im Vordergrund steht eine Kriminalstory. Es geht um einen Serienmörder, den
wir nie zu Gesicht bekommen. Er bezeichnet sich auf den bei den Opfern
hinterlassenen Zetteln als ‚The Avenger‘. Die ganze Geschichte, die ihn zum
Rächer werden ließ und die vor dieser Kriminalgeschichte gespielt haben
muss, bleibt im Dunkeln und interessiert Hitchcock überhaupt nicht. Es gibt
einen – zu Unrecht – Verdächtigten und eine wilde Verfolgungsjagd.
Die Kriminalgeschichte wird durchzogen von der Liebesbeziehung, die sich
zwischen Daisy und dem Lodger entwickelt. Joe verliert seine Braut an den
Fremden. Daisy bekommt am Ende ihren ‚Prinzen‘, der sie mit ihren Eltern in
seiner Villa empfängt.
Immer wieder aber hat der Film auch komödiantische Aspekte, vor allem,
sobald Daisy anwesend ist. In ihrer Gegenwart wird der joviale Joe zum
verliebten ‚Teigherzen-Ausstecher‘ und der Lodger zum scherzenden Freund.
The Lodger gehört also nicht einem Genre allein an. Wir können von einem
Genre-Mix aus Kriminalgeschichte, Melodram und Liebesgeschichte mit
komödiantischen Einschüben sprechen.
2 Charaktere
Held und Heldin sind gegensätzlich konzipiert: Er, der Dunkle,
Geheimnisvolle, Schweigsame, den ein Erlebnis aus der Vergangenheit im
Handeln einschränkt. Sie die Blonde, Fröhliche, Unbekümmerte, die stärkste
Persönlichkeit des Filmes.
Der Lodger ist ein junger, gut aussehender und wohl situierter Mann, den der
Mord an der geliebten Schwester aus der Bahn geworfen hat. Die Tat an sich
hat ihn schon sehr getroffen. Dazu kommt das Versprechen, das er seiner
Mutter auf deren Sterbebett gab: Den Mörder finden und der Gerechtigkeit
zuzuführen. Wie sehr er von Erinnerungen und Schuldgefühlen beherrscht wird,
zeigen einige Szenen deutlich: Er kann die Bilder der blonden Mädchen an den
Wänden seines Zimmers nicht ertragen. Er geht unruhig auf und ab oder
vergräbt den Kopf in den Händen. Als Joe ihn mit seinen Leuten verhaften
will, bricht er zusammen. Der Lodger wird als ein schwacher Mensch gezeigt,
der eine Last aus seiner Vergangenheit mit sich herumträgt, der er nicht
gewachsen scheint. Er zeigt sich gelöst und zugänglich, wenn er mit Daisy
allein ist. Dann lacht und scherzt er und legt sein herrisches, insbesondere
die Mutter einschüchterndes Gehabe ab. Er ist großzügig: Er will Daisy das
kostbare Kleid, in dem er sie während der Modevorführung gesehen hat,
schenken, was ihr Vater jedoch ablehnt.
Daisy ist eine fröhliche junge Frau, stets zu Scherzen aufgelegt, humorvoll
und schlagfertig. Sie arbeitet als Mannequin und wohnt noch bei den Eltern.
Die Kleider, die sie vorführt, sind für sie unerschwinglich. Daisy ist
bodenständig. Sie weiß was sie will und handelt entschlossen. Das zeigt sich
deutlich, wenn sie Joe endgültig in seine Schranken weist, als er ihr
Treffen mit dem Lodger unter der Laterne stört. Und vor allem, wenn sie dem
Geliebten während der Flucht beisteht.
Joe, der rechtschaffene Polizist und willkommene künftige Schwiegersohn, ist
ein netter Kerl. Er ähnelt im Wesen sehr seinem künftigen Schwiegervater,
mit dem er sich prächtig versteht, und macht auch sonst einen etwas
altväterlichen Eindruck. Joe versteht es nicht, Daisy wirklich zu
respektieren. Wenn er ihr im Spaß Handschellen anlegt, ist das in
Wirklichkeit gar nicht so spaßig gemeint. Er will sie an sich binden, sie
heiraten. Aber eigentlich will er sie an sich fesseln, um sie nicht zu
verlieren. Joes guter Charakter zeigt sich nach all seiner Eifersucht und
seinem Besitzgebaren, wenn er alles daransetzt, den zu Unrecht verfolgten
Lodger vor dem Lynchmord zu bewahren.
Mr. und Mrs. Bunting sind einfache Menschen, die untervermieten müssen, um
einen etwas besseren Lebensstandard zu haben. Er ist zu Hause der Pascha und
tut dort nicht viel Nützliches. Seine Frau ist unentwegt mit dem Haushalt
beschäftigt. Sie ist auch diejenige, die alles mitbekommt, was im Hause oder
mit Daisy los ist.
3 Erzählstruktur und Erzählperspektive
Hitchcock erzählt die Geschichte weitgehend linear. Einzige Ausnahme: Wenn
der Lodger Daisy die Vorgeschichte erzählt, sehen wir in Rückblenden das
Geschehen. In The Lodger weiß der Zuschauer über weite Strecken nicht mehr
als jeder Londoner Zeitungsleser: Der ‚Avenger‘ mordet in nebligen Nächten
blonde junge Frauen. Seine Identität ist unbekannt. Da taucht ein
geheimnisvoller Fremder auf, den Hitchcock gezielt als Verdächtigen aufbaut.
Hitchcock ist berühmt für seine besondere Art, Spannung zu erzeugen. Dabei
ist ihm Suspense stets das wichtigste Mittel, den Zuschauer zu fesseln. Das
funktioniert, indem dem Zuschauer ein Informationsvorsprung vor dem
Protagonisten gegeben wird. Dadurch weiß er um die Gefahr, die diesem droht,
identifiziert sich intensiv mit ihm und fiebert unter Umständen sehr viel
mehr als Held oder Heldin, die ahnungslos in einen Hinterhalt geraten oder
falschen Person vertrauen. Suspense finden wir in allen wichtigen
Hitchcock-Filmen als sein Markenzeichen.
Schleicht der Lodger nachts heimlich die Treppe hinunter, bekommt der
Zuschauer das zusammen mit der lauschenden Mrs. Bunting mit. Der Zuschauer
sieht abwechselnd die schleichende und die horchende Person. Er ist durch
das unmittelbar zuvor Gezeigte alarmiert: Alles erinnert an die Morde: die
Laufschrift, die Mädchen in der Garderobe, marschierende Polizisten, die
Vermummung des Lodgers. Der Zuschauer weiß, dass gerade wieder ein Mord
geschehen ist. Wenn Mrs. Bunting, kaum dass er aus dem Haus ist, im Zimmer
ihres Mieters nach irgendetwas Unbestimmtem sucht, ist die Spannung groß.
Dann sieht er, wie der Mieter sich bereits wieder dem Hause nähert, während
Mrs. Bunring sich noch in seinem Zimmer aufhält. Dieser Wissensvorsprung
macht die Szene so ungeheuer spannend. Wir würden zwar gerne mit Mrs.
Bunting etwas über ihren Mieter herausfinden, aber sehr viel mehr wünschen
wir, dass er sie nicht beim Schnüffeln erwischt – weil wir ihm alles
zutrauen und um das Leben der Frau fürchten.
Nachdem Joe in der Kneipe durch sein Telefonat gerade den Aufbruch der Meute
verursacht hat, die jetzt unterwegs ist, den vermeintlichen Mörder zu
lynchen, erfährt er, dass ein Unschuldiger gejagt wird. Die endlos lange
Sequenz gipfelt darin, dass der Verfolgte gefesselt und hilflos dem Mob
ausgeliefert ist – nur der glückliche Umstand, auf der ‚falschen‘ Seite des
Zaunes zu hängen, verhindert, augenblicklich erschlagen zu werden. Zu dieser
Zeit weiß der Zuschauer mehr als der Lodger und Daisy und auch mehr als die
Meute, denn alle können nicht ahnen, dass der wirkliche Mörder inzwischen
gefasst worden ist. Die Gefahr ist riesengroß und es scheint kein Entrinnen
möglich. In dieser Situation entsteht eine ungeheure Spannung. Wir zittern
mit Joe, er möge rechtzeitig kommen, um den Lodger zu retten.
4 Raum
Hitchcock führt den Zuschauer in eine Umgebung, die künstlerisch sehr gut
durchdacht und eingesetzt ist. Haupthandlungsort ist die Wohnung der
Buntings. Die Küche liegt im Souterrain, im Parterre das Wohnzimmer, im
ersten Stock hat man untervermietet und darüber liegen die Schlafräume. In
der Küche findet das Familienleben statt. Es gibt einen Haupteingang im
Parterre und einen Nebeneingang mit einer Außentreppe direkt hinunter zum
Souterrain.
Die Souterrain-Wohnung kann gleichzeitig als ein Bild für die Beschränkung
sowie die Erweiterung des Blickfeldes betrachtet werden. Wie auf einer Bühne
ist die Küche der Buntings zu sehen, im Hintergrund ein Fenster. Durch das
Fenster erblickt man nur die herabführende Treppe, auf der jeder Besucher
sich noch vor seinem Klopfen ankündigt. Es ist ein Bild im Bild, zeigt aber
nur einen winzigen Ausschnitt der Außenwelt mit Straße, Verkehr, Passanten.
Treppen spielen eine weitere wichtige Rolle in dem Film. Neben den beiden
Außentreppen gibt es das Treppenhaus, in dem wichtige Szenen stattfinden.
Durch seine umlaufende Gestaltung verhindert es zu jedem Moment eine
vollkommene Sicht. Immer ist nur ein Ausschnitt zu sehen, nie das Ganze. In
dieser Beziehung ähnelt es dem Ausblick aus dem Souterrain-Fenster. Die
Mannequins schreiten über eine breite Treppe in den Vorführraum, sie steigen
bildhaft in ihren luxuriösen Roben aus einer höheren Sphäre zum Publikum
hinab. Hitchcock zeigt auch den erleuchteten Ballsaal als eine Welt, der
eine breite, großzügige Außentreppe vorgelagert ist.
Die Tatorte sind unterschiedlich. Der Mord an der Schwester des Lodgers
findet in einem Ballsaal statt, die beiden anderen auf öffentlichen Plätzen
im nächtlichen Londoner Nebel. Dabei ist der letzte Tatort derselbe Platz,
an dem Daisy sich mit dem Lodger auf dessen Flucht trifft.
Hitchcock nutzt die Vorstellungen und Ängste des Zuschauers vor
unüberschaubaren Orten. Dort kann sich das Böse, der Mörder, verbergen: im
Nebel, in der Dunkelheit, an abgeschiedenen oder unübersichtlichen Orten.
Diesen stellt er die Glitzerwelt der Mode bzw. einen Ballsaal gegenüber, um
den Unterschied noch deutlicher zu machen.
5 Zeit
Hitchcock hat wesentlich darauf Einfluss genommen, wie die Zeit für den
Zuschauer zu vergehen hat. So zeigt er zu Beginn, wie sich die Nachricht von
dem Mord in Windeseile verbreitet. Die Geschwindigkeit dieses Vorgangs wird
zum einen durch Aktionen gezeigt, die schnell ablaufen: Menschen eilen,
Fahrzeuge rasen, Maschinen hämmern. Zum anderen wird dieser Eindruck noch
durch eine rasche Schnittfolge verstärkt. Dabei sind die verschiedensten
Kommunikationsmittel bzw. der Entstehungsprozess und die Verbreitung der
Nachricht zu sehen: Telefon, Fernschreiber, Schreibmaschine,
Rotationsmaschinen, Zeitungsverkäufer. Zeit wird gerafft, wenn die
Schnelligkeit des Geschehens gezeigt werden soll. Auch die Verfolgungsszene
ist mit schneller Schnittfolge dargestellt.
Zeit wird gedehnt, wenn es spannend wird. Verlässt der Lodger nachts
heimlich sein Zimmer, so scheint es unendlich lange zu dauern, bis er die
Treppe hinuntergeschlichen ist. Dabei erfolgt wiederholt eine Schnittfolge
zwischen ihm und Mrs. Bunting, die in ihrem Bett sitzt und lauscht. Die Zeit
wird gedehnt durch wiederholte Schnitte auf unveränderte bzw. kaum
veränderte Situationen.
Der Blick auf die Uhr dient immer wieder zur Orientierung, des Zuschauers
oder einer mitwirkenden Person: Im Zimmer des Lodgers blickt Mrs. Bunting
gedankenverloren auf die Tischuhr auf dem Sekretär. Später kontrolliert sie
mit einem Blick auf den Wecker die Kuckucksuhr, um sich über den Zeitpunkt
der nächtlichen Rückkehr ihres Lodgers Gewissheit zu verschaffen. Der Vater
zieht beunruhigt seine Taschenuhr hervor, wenn Daisy abends lange mit dem
Lodger ausbleibt. Zwischentexte geben an, wenn ein Zeitsprung vorliegt: „Late
that night“, „The same evening“.
6 Licht
In diesem Film über den Londoner Nebel spielt Licht eine wichtige Rolle.
Hitchcock fühlte sich der Ästhetik des Expressionismus verpflichtet. Er
setzt Licht und Schatten fast wie handelnde Personen ein.
Bewegtes Licht – bewegte Schatten
Hitchcock nutzt Laufschrift und Leuchtreklame geschickt, um Zwischentitel
oder -texte im Stummfilm zu ersetzen. Dabei sind die Bewegungseffekte
optisch reizvoll. Pulsierende und bewegte Lichter vermitteln dem Zuschauer
eine moderne Großstadtatmosphäre.
Nachdem wir in der Eingangsszene das schreiende Frauengesicht gesehen haben,
erscheint unvermittelt die wiederholte Laufschrift: „To night ‚golden curls‘“.
Nach dem Auffinden der Leiche wird die Nachricht bald auch an der Fassade
eines Pressehauses als Laufschrift verkündet: „another avanger crime ...“.
Wenn nun noch einmal die Leuchtreklame für die ‚golden curls‘ zu sehen ist,
sind wir unvermittelt zwischen den Trägerinnen der goldenen Locken in der
Garderobe der Modenschau.
Die Laufschrift verlangt die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers, um den
vollständigen Text zu lesen. Die – teilweise blinkende und auch noch nach
unten gespiegelte – Leuchtreklame für die ‚golden curls‘ setzt wegen ihres
unmittelbaren Zusammenhanges mit dem Mord einen wichtige Akzent für die
Atmosphäre: Wenn sie später wieder erscheint, erwarten wir den nächsten Mord
und so geschieht es auch.
Wenn Mrs. Bunting nachts heimlich die Wohnung des Lodgers betritt, werfen
vorbeifahrende Autos blitzende Lichtmuster an die Wand. Mrs. Bunting kennt
das und ignoriert es. Den Zuschauer beunruhigt es, suggeriert doch das Licht
drohende Entdeckung.
Das erste, was wir vom geheimnisvollen Lodger zu sehen bekommen, ist sein
Schatten, wenn er auf die Tür der Buntings zu geht. Wenig später dann seine
verschwommene Silhouette vor dem leuchtenden Nebel. Wenn Joe mit seinen
Männern in das Haus der Buntings stürmt, um den Lodger festzunehmen, sehen
wir durch die offen stehende Tür draußen nur die dunkle Nacht, aber keinen
Nebel. Als der Lodger kurz darauf durch diese Tür flieht, verschwindet sein
Umriss sofort in dichtem Nebel. Vom Mörder zeigt uns Hitchcock nur den
Schatten, den dieser auf sein Opfer wirft, wenn er sich ihm nähert.
Unbewegtes Licht
Licht und Schatten werden zur Rauminszenierung eingesetzt. Das wird am
deutlichsten im Schlafzimmer Mrs. Buntings. Das riesige bizarre Muster an
der Wand über ihrem Bett beherrscht den Raum. Es bildet grotesk verzogen das
Rechteck des gegenüberliegenden Sprossenfensters ab. Wenn Mrs. Bunting sich
allmählich aufrichtet, füllt ihr Schatten einen Teil dieses Musters aus.
Eine Laterne steht direkt unter dem Fenster. Das sehen wir auch, wenn Mrs.
Bunting dem Lodger nachblickt: Auf dem Gehweg ist ein ovaler Lichtkegel zu
sehen.
Mehrere dreieckige Lichtkegel begegnen uns bei der Laterne an der Bank, wo
der Mord passiert. Hier hält das künftige Opfer inne, um im Schein der
Laterne die Strümpfe zu richten. Der Lichtflecken wird bald vom Schatten des
Mörders verdeckt.
Strahlend hell erleuchtet sind die Räume der Modevorführung und auch der
Ballsaal. Reichtum und Luxus präsentieren sich in einer Überfülle an Licht.
Licht verheißt Sicherheit. Um hier erstmals zu morden, muss der Mörder die
Sicherungen herausdrehen. Erst im Dunkel schlägt er zu.
Orte, an denen Licht und Schatten hart aufeinander treffen, wirken
bedrohlich. Schon im Vorspann wird die Silhouette eines Mannes wiederholt
vor hellem Hintergrund gezeigt.
7 Mise en Scène
Wie geschickt Hitchcock inszenierte, möchte ich an einigen Szenen belegen.
Für das erste Auftreten des Lodgers setzt Hitchcock die fröhliche, lockere
Stimmung in der Küche der Buntings gegen das Dunkle, Drohende, das von außen
in die heile Welt hereindringt. Wir sehen nach einem unvermittelten Schnitt
eine Haustüre, darüber die Unheil verkündende Nummer %sbquo;13‘ in dunkler
Nacht. Ein menschlicher Schatten bewegt sich darauf zu. Die Kamera nimmt
hier die subjektive Position des Mannes ein, der sich der Tür nähert. Vor
dem Eingang angekommen, hebt die Person die Hand und betätigt den
Türklopfer. Damit taucht die Figur aus der Schattenwelt in die reale
Filmwelt ein.
Schnitt. Es wird gezeigt, wie sich die fröhliche Gesellschaft in der Küche
auflöst. Schnitt. Wir sehen in einer Totalen den Flur mit der Haustüre im
Zentrum, links die nach oben führende Treppe, rechts Zimmertüren und eine
Topfpflanze. Mrs. Bunting geht in die Tiefe des Bildes hinein zur Tür. Der
Zuschauer ist nur ein Beobachter, der sich zurückhält. Während Mrs. Bunting
gerade beginnt, die Tür zu öffnen, sehen wir ihren Kopf und Rücken für einen
Moment ganz nah und meinen, wir könnten über ihre Schulter durch den
Türspalt sehen. Hitchcock lässt uns für einen Moment glauben, wir könnten
mit Mrs. Bunting ganz nahe an das Geschehen heran. Gleichzeitig suggeriert
er durch den Blick auf ihren Hinterkopf und Rücken aber auch eine ihr
drohende Gefahr.
Es wird aber sofort wieder in die Totale zurückgegangen. Jetzt öffnet sie
die Tür ganz und im Gegenlicht leuchtender Nebelschwaden sieht man die hohe,
schlanke Gestalt eines Mannes mit Hut schemenhaft auf der Schwelle stehen.
Nach dem ersten gruseligen Eindruck der vermummten undeutlichen Figur rückt
die Kamera näher heran. Das erschrockene Gesicht Mrs. Buntings und das
anfangs ausdruckslose, dann ‚erwachende%lsquo; des Fremden werden
abwechselnd in Großaufnahme gezeigt. Es gibt fast keine Veränderung in
diesen Gesichtern, auf denen die Kamera lange verweilt. So konzentriert sich
die gesamte Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Augen des Fremden. Der
reißt sie immer weiter auf, rollt sie umher, als erwache er aus einer
unwirklichen Situation und wolle sich vor einer ersten Bewegung über seine
Lage orientieren (Zitat aus Dr. Caligari von Césare). Als er schließlich das
Haus betritt, nimmt die Kamera wieder die Position wie anfangs ein: Die Tür
befindet sich in der Bildmitte. Mrs. Bunting steht jetzt links, in
unterwürfiger Haltung etwas vorgebeugt. Der Lodger bewegt sich extrem
langsam in das Haus hinein und schließt die Tür, ohne sich dabei zu drehen
und ohne die Frau einen Moment aus den Augen zu lassen. Hier wird er in
einer leichten Untersicht gezeigt, so wie ihn Mrs. Bunting wahrnehmen muss.
Danach steht er rechts im Bild und setzt mit sehr langsamen Bewegungen
seinen Hut ab.
Durch die Art, wie Hitchcock den abendlichen Besucher einführt, haftet
diesem vom ersten Augenblick an etwas Geheimnisvolles, Furchteinflößendes
an. Zu ihm gehören die Nacht, der Schatten, der Nebel, das Schweigen. Seine
Positionierung in der Mitte der Türöffnung, umgeben von Nebelschwaden, lässt
ihn wie eine unwirkliche, dämonische Gestalt aus einer anderen,
geheimnisvollen Welt erscheinen.
Die Langsamkeit seiner Bewegungen erhöht die Spannung. Durch die
Großaufnahmen werden die Emotionen der beiden Personen gezeigt. Die Haltung
Mrs. Buntings am linken Bildrand ist devot, die des Lodgers am rechten Rand
starr und steif und sehr gerade. Ebenfalls sehr ‚gerade‘, sehr geometrisch
ist die Bildkomposition, wenn die Kamera aus der Totalen auf die Tür hält.
Ein weiteres Beispiel für Hitchcocks Methode, Aufmerksamkeit und Emotionen
des Zuschauers zu lenken, sehen wir, wenn Daisy dem Lodger am ersten Morgen
das Frühstück serviert. Zu Beginn steht Daisy mit dem vollen Tablett vor der
Tür und meldet ihr Kommen an. Wir sehen danach den Lodger in eine Zeitung
vertieft in seinem Zimmer links im Vordergrund am Tisch sitzen. Dabei ist
die Kamera auf Augenhöhe einer stehenden Person. Daisy betritt den Raum
durch die Tür rechts. Auf ihren Gruß erhebt er sich rasch und beide gehen
aufeinander zu. Die Kamera bleibt unbeweglich wie beim ersten Auftritt des
Lodgers auch. Aber die Personen bewegen sich flüssiger und sind nicht
voreinander in einem Abstand erstarrt.
Nachdem sie das Tablett auf den Tische gestellt und er sich wieder gesetzt
hat, sehen wir beide abwechselnd in Nahaufnahme: Sie, zu ihm
hinunterblickend, er zu ihr hinaufblickend, dazwischen geschnitten die Sicht
auf beide Personen am Tisch. Dann in Großaufnahme das Tablett. Die Hand des
Lodgers ergreift ein Messer und hebt es an. Dabei hält er es waagerecht nach
rechts auf Daisy zu, so dass es wie eine Waffe wirkt. Es wird groß das
Gesicht des Lodgers im Profil gezeigt. Sein gebannter Blick geht in die
gleiche Richtung wie das Messer. Dann sehen wir ihn aus geringfügig größerem
Abstand mit aufgestütztem Ellbogen am Tisch sitzen, dabei mit dem Messer auf
den uns frontal zugekehrten Leib Daisys zielend. Mit einer blitzschnellen
Bewegung schnickt er mit der Messerspitze eine Fliege von Daisys Bluse.
Schnitt. Daisys verträumtes Gesicht in Großaufnahme, sie ist kein bisschen
erschrocken. Als sie kurz darauf das Zimmer verlassen will, springt der
Lodger auf, lehnt sich mit dem Rücken an die Tür und hält den Türgriff. Noch
einmal bangt der Zuschauer kurz, dann öffnet der Lodger die Tür weit und
Daisy geht hinaus. Gezeigt wird hier, wie der Lodger von Daisy angetan ist
und eigentlich nicht möchte, dass sie schon wieder geht.
Ein paar Tage später sitzen beide, jetzt schon vertrauter, in seinem Zimmer
beim Schachspiel. Die Szene wirkt arrangiert: zentriert im Hintergrund der
brennende Kamin, davor in der Mitte ein Tisch, daran links der Lodger,
rechts Daisy. Er hat den Kopf in die linke Hand gestützt, sie trommelt
ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch. Wir sehen beide anschließend
abwechselnd halbnah beim Schachspiel. Als sie ihm eine Figur wegnimmt,
deutet er mit waagerecht ausgestrecktem Zeigefinger in einer Haltung, die
sehr stark an die Szene mit dem Messer erinnert, auf Daisy und warnt
freundlich: „Be careful, I'll get you yet.“
Wenig später fällt Daisy eine Figur herab. Jetzt ändert die Kamera in dieser
Szene erstmals ihren Standort völlig: Wir sehen Daisy von hinten, wie sie
sich seitlich auf der Suche nach der Figur vom Stuhl beugt. Der Lodger ist
jetzt halb durch sie verdeckt. In einer neuen Einstellung ist Daisys
Hinterkopf ganz nah zu sehen, im Hintergrund beugt sich auch der Lodger
etwas hinunter, lässt dabei aber Daisy nicht aus den Augen. Schnitt,
Großaufnahme: Die Hand des Lodgers greift nach einem Schürhaken. Schnitt.
Wieder Daisys Kopf, im Hintergrund die angehobene Hand des Lodgers mit dem
Schürhaken. Jetzt ist die Spannung groß, aber Hitchcock erzählt erst einmal,
was sich inzwischen in der Küche ereignet. Erst dann sieht man das lodernde
Kaminfeuer, in dem ein Schürhaken stochert.
In der Fortführung der Szene sehen wir, wie der Lodger und Daisy jetzt ganz
nah an den Tisch gerückt sind und beide Oberkörper weit nach vorne gebeugt
haben. Das Spiel ist nur noch ein Vorwand, um sich nahe zu sein. Der
intimste Moment kommt, als er ihr Haar berührt. Als sich kurz darauf beide
wieder langsam und widerstrebend voneinander entfernen und gerade setzen,
geschieht das, weil sie Mrs. Bunting kommen hören.
In der berühmtesten Szene des Filmes – der Lodger schleicht sich nachts aus
dem Haus – hat Hitchcock meisterhaft das Treppenhaus in Szene gesetzt. Dabei
steht es im Wechselspiel mit dem Schlafzimmer Mrs. Buntings.
Die nächtliche Szene beginnt mit einem Blick durch das geschwungene
Treppengeländer auf die Tür zur Wohnung des Lodgers, links im Bild, wobei
die Kamera ihre Position einige Stufen niedriger eingenommen hat. Die Tür
öffnet sich und etwas Licht fällt heraus, als der Lodger, vermummt und mit
der rechten Hand auf der Brust heraustritt. Er blickt die Treppe hinauf.
Schnitt. Mrs. Buntings Schlafzimmer. Der Raum wird beherrscht von dem
riesigen verzerrten geometrischen Bild, welches das durch das Fenster
einfallende Licht auf die Wand zeichnet. Davor steht Mrs. Buntings Bett. Sie
ist wach. Dann sehen wir sie durch das metallische Gitter des Kopfteiles
ihres Bettes, jetzt aus der Nähe. Sie richtet sich etwas auf und dreht sich
dem Betrachter zu. Schnitt. Der Lodger greift, während er weiterhin nach
oben blickt, hinter sich nach der Tür. Schnitt. Mrs. Bunting hat sich etwas
mehr aufgerichtet und dreht horchend den Kopf. Schnitt. Jetzt sehen wir den
Lodger aus geringerer Entfernung. Er blickt immer noch nach oben. Schnitt.
Mrs. Bunting noch immer horchend. Schnitt. Der Lodger wieder etwas
entfernter als anfangs. Er macht einen Schritt zurück und löscht das Licht
in seinem Zimmer. Dann schließt er die Tür und geht nach rechts die Treppe
hinunter. Schnitt. Mrs. Bunting sitzt jetzt in ihrem Bett. Wir sehen ihr
Zimmer wie in der ersten Einstellung. Schnitt. Jetzt blickt die Kamera von
unten die Treppe hinauf. Der Lodger kommt rasch gehend herunter, die rechte
Hand auf dem Geländer. Schnitt. Mrs. Bunting im Bett sitzend, jetzt wieder
halbnah. Schnitt. Die Kamera blickt senkrecht das Treppenhaus hinunter.
Dabei bildet das Geländer ein langgestrecktes Hochoval. Die Hand des Lodgers
gleitet im Hinuntergehen zügig einmal von links nach rechts den Bogen
entlang. Schnitt. Mrs. Buntings Gesicht in Großaufnahme, von schräg oben:
Sie sieht den Betrachter beunruhigt und böse an. Schnitt. Der Lodger ist im
Parterre angelangt und eilt nun vom Ende der Treppe ganz links im Bild auf
die Haustüre, die sich extrem am rechten Bildrand befindet, zu. Schnitt.
Mrs. Bunting wieder halbnah im Bett sitzend. Schnitt. Der Lodger öffnet die
Tür einen schmalen Spalt und drückt sich vorsichtig hindurch. Schnitt. Mrs.
Buntings Zimmer wie in der Eingangsszene, sie jetzt aber sitzend. Dann wie
in der zweiten Szene durch das Kopfende ihres Bettes. Wieder wendet sie sich
dem Zuschauer zu und sieht ihn intensiv an. Schnitt. Die Haustüre wird
zugezogen.
An diesen Beispielen wird deutlich, wie Hitchcock es hier verstanden hat,
mit sehr geschicktem Einsatz von Licht und Schatten, von Inszenierung im
Bild und Schnitt den Zuschauer genau so zu manipulieren, wie er es
beabsichtigte. Wir verdächtigen den vermummten Mann, der aus dem Nebel
kommt. Wir erkennen ‚augenblicklich‘, dass sich etwas zwischen ihm und Daisy
anbahnt. Wir trauen ihm alles zu, wenn er mit dem Messer oder dem Schürhaken
hantiert und Kamera und Schnittfolge geschickt die Akzente setzen. Wir
spüren das Misstrauen Mrs. Buntings, wenn sie nachts auf Ungewöhnliches in
ihrem Hause lauscht.
8 Symbole
Wichtigstes Symbol – sichtbar und unsichtbar – ist das Dreieck in diesem
Film. Unsichtbar steht es für die Dreiecksbeziehung zwischen Daisy, Joe und
dem Lodger.
Sichtbar wird es auf den ‚Visitenkarten‘ des Avengers, die an den Tatorten
aufgefunden werden. Polizei und Lodger kennzeichnen die Tatorte auf ihren
Karten mit kleinen Dreiecken. Aber auch in den Zwischentiteln spielt es eine
Rolle: Schon im Vorspann schließt und öffnet sich ein dreieckiger Fächer um
die Silhouette eines Mannes mit Hut. Später kündigt ein Dreieck als
Zwischenbild stets Daisy an, anfangs zusätzlich mit ihrem Namen.
Der Zuschauer hat das Dreieck neben den Leichen gesehen. Wenn Hitchcock es
dreifach geschachtelt in den Zwischentiteln nutzt, um Daisy anzukündigen,
stellt der Betrachter zwischen ihr und den Toten eine Verbindung her.
Unwillkürlich fürchtet er um Daisys Leben.
Dreieckige Formen finden sich auch im Bildaufbau, etwa an der Wand in Mrs.
Buntings Schlafzimmer, wo der Schatten des Laternenmastes das schräge
Viereckmuster des Sprossenfensters in Dreiecke zerschneidet. Auch die
Lichtkegel der Laterne, unter der ein Mord geschieht, bilden langgezogene
spitzwinklige Dreiecke.
Als weiteres wichtiges Symbol setzt Hitchcock Fesselungen ein. Joe spielt
mit seinem ‚brandneuen Paar‘ Handschellen, voller Stolz, dass ihm der
Avenger-Fall übertragen wurde. Er spielt Daisy vor, welches Gesicht der
Mörder machen wird, wenn Joe ihm einen Strick um den Hals legt. Unmittelbar
danach sagt er: „I'll put a ring round Daisy's fingers.“ Die Ähnlichkeit der
Bilder verstimmt Daisy. Als Joe ihr kurz darauf im Scherz die Handschellen
anlegt, hört der Spaß für sie endgültig auf.
Hitchcock schafft hier eine Verbindung zwischen Ehe und Gefangenschaft,
zwischen Liebe und Verbrechen. Der Strick um den Hals – das Ende des
Mörders. Der Ring um den Finger – das Ende der Liebe? Joes unbeholfener
Versuch, Daisy an sich zu binden, geht völlig daneben und der Zuschauer
ahnt, dass die fröhliche Daisy sich niemals – weder von Joe noch von einem
anderen Mann – Fesseln der einen oder anderen Art anlegen lassen wird. Der
Lodger erträgt den Anblick des gefesselten Mädchens auf dem Bild in seinem
Zimmer nicht. Er selbst muss in den schlimmsten Augenblicken seines Lebens,
hilflos an einen Zaun gefesselt, den Tod fürchten.
Gleich zu Beginn des Filmes sehen wir die Laufschrift „golden curls“ im
Wasser gespiegelt. Wenig später erschreckt ein Scherzbold die Zeugin, als
sie in einer spiegelnden Fläche am Kiosk sein vermummtes Zerrbild sieht.
Spiegelungen werden am selbstverständlichsten in den Garderoben der
Modenschau benutzt: Hier schminken und frisieren sich die Mannequins und
reißen ihre blonden Lockenperücken nach dem Auftritt von den Köpfen.
Wichtige Spiegelszenen spielen im Zimmer des Lodgers. Dort hängt ein großer
Spiegel über dem Kamin. Beim ersten Betreten des Raumes erblickt er die
Mädchen-Bilder an den Wänden. Die Kamera zeigt uns im Spiegel eines der
Bilder und den Lodger, der es be-trachtet. Vor dem Spiegel sehen wir
gleichzeitig den Lodger. Es wird eine Beziehung geschaffen zwischen dem
realen Mann und einer irrealen oder vergangenen Welt im Spiegel. Später an
diesem Abend steht er hier und birgt den Kopf verzweifelt in den Händen. Als
Daisy eintritt, wendet er sich nicht auf dem kürzesten Weg nach links zu
ihr, sondern vollzieht fast eine ganze Drehung nach rechts, bis er sie
erblickt. Das wirkt sehr merkwürdig und lässt sich nur dadurch erklären,
dass er sich so in sein anderes Ich, das Spiegelbild, versenkt hat, dass er
meint, sich aus diesem herausdrehen zu müssen. Der Spiegel steht für die
Zerrissenheit der Person, für das Zweideutige an ihr, den Doppelgänger, für
Gut und Böse schlechthin. Aber auch für eine andere Welt hinter der realen.
Die Bilder im Zimmer des Lodgers zeigen Gemälde blonder Frauen. Für ihn sind
sie alle Symbole für die getöteten jungen Frauen, besonders natürlich seine
Schwester. Sie blicken ihn an und erinnern ihn auf unerträgliche Weise an
den Grund seines Aufenthaltes. Er lässt alle Gemälde von den Wänden
entfernen. In seiner Tasche bewahrt er eine Bild seiner Schwester auf. Es
hat einen sehr hohen emotionalen Wert für ihn. Er bricht zusammen, als Joe
das Bild entdeckt. Seine Reaktion im Zusammenhang mit Bildern ist überzogen
und macht ihn verdächtig.
V Die eigene Handschrift
Nach der Untersuchung von The Lodger bleibt die Klärung der eingangs
gestellten Frage: Zeigt der Film, wie Hitchcock sagte, bereits seine eigene
Handschrift? Im Folgenden werde ich die in The Lodger festgestellten
Charakteristika der Inszenierung mit denen späterer Hitchcock-Filme
vergleichen.
Die Kombination aus verschiedenen Genres findet man durchweg in allen
späteren Filmen Hitchcocks. Mord und Liebe sind immer nah beieinander
angesiedelt. Ein oder beide Partner geraten unversehens in eine mörderische
Geschichte, werden mit dem Tode bedroht und erkennen mit dem gemeinsam
überstandenen Abenteuer, dass sie einander wirklich lieben. Beispiele aus
verschiedenen Jahrzehnten: Das Fenster zum Hof (1953): Die komplizierte
Liebesbeziehung zwischen Jeff und Lisa klärt sich mit der Aufklärung des
Mordes. Marnie (1963/64) zeigt tragische Momente: Die kindliche Mörderin ist
als erwachsene Frau neurotisch und unfähig zur Liebe. Sie stiehlt zwanghaft
und findet schließlich über die schmerzhafte Konfrontation mit der
Vergangenheit zur ‚Normalität‘ zurück. Auch die Agenten- und
Spionagethriller wie z. B. Eine Dame verschwindet (1937/38), Der unsichtbare
Dritte (1958/59), Der zerrissene Vorhang ((1965/66) erzählen immer auch eine
Liebesgeschichte bzw. zeigen komödiantische oder auch tragische Aspekte. Der
Genre-Mix, der sich in The Lodger zeigt, ist auf jeden Fall bereits ein
wichtiges Kennzeichen für Hitchcocks Handschrift.
Bei den Charakteren zeigt sich das nicht so eindeutig. Der männliche
Protagonist ist bei Hitchcock oft ein bindungsscheuer Einzelgänger, der erst
durch den Einsatz der weiblichen Partnerin wieder ins normale Leben und zu
sich selbst zurückfindet. Das ist auch schon in The Lodger verwirklicht, dem
Film, dessen rätselhafte Titelfigur nicht einmal einen Namen besitzt und die
damit in ihrer Identität noch unbestimmbarer bleibt. Der Lodger ist eine
typische männliche Hitchcock-Figur. Er gerät ohne eigenes Verschulden in
schwierigste Umstände, die ihn in Lebensgefahr bringen. Dabei ist er kein
Held im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr durch ein zurückliegendes
Ereignis psychisch verwundet, misstrauisch und von Schuldgefühlen und
Selbstvorwürfen gepeinigt. Der Lodger zeigt allerdings nicht die Vorbehalte
und Ablehnung gegen eine eheliche Bindung wie dies bei späteren
Protagonisten Hitchcocks oft der Fall ist. So etwa bei Jeff in Das Fenster
zum Hof oder bei Roger in Der unsichtbare Dritte. Hier haben die Männer
bereits Eheerfahrung oder sind von tiefem Misstrauen gegen die Ehe geprägt.
Das ist in The Lodger nicht der Fall. Fast könnte man sagen: im Gegenteil.
Denn die zweite männliche Hauptfigur, Joe, von Beruf her damit befasst,
Menschen aufzuspüren und festzuhalten, ist auch bemüht, die geliebte Daisy
an sich zu fesseln.
Hitchcock liebt und verehrt den Frauentyp, der in seinen Filmen gezeigt
wird. Der übermäßig dicke Mann hatte eine Vorliebe für unterkühlte blonde
Schönheiten. Einige seiner Hauptdarstellerinnen waren Leinwandgöttinnen
ihrer Zeit: Ingrid Bergmann, Grace Kelly, Kim Novak, Marlene Dietrich. Als
Regisseur ist er ihr Schöpfer: Sie müssen sich nach seinem Geschmack kleiden
und bewegen. Gleichzeitig ist er aber auch ihr Richter, der sie für ihr
Selbstbewusstsein, ihre Kühle, ihre Überlegenheit bestraft. Sie sollen
leiden wie er. In The Lodger bewundert der Mieter Daisy bei ihrem Auftritt
als Mannequin und will ihr das elegante Kleid schenken – das dem, welches
seine Schwester auf dem Ball an ihrem Todestag trug, sehr ähnelt. Er will
sie – wie Hitchcock – nach seiner Vorstellung kleiden. Hier wird das durch
den Vater verhindert. Auch in späteren Filmen spielt dieses Formen und
Gestalten der Frau durch den Geliebten immer wieder eine Rolle, zum Beispiel
in Vertigo (1957).
Auch June Tripp war eine begehrte Darstellerin. Die Figur der Daisy zeigt
schon sehr viel der späteren Frauenfiguren bei Hitchcock: Die sind stets
blond, gut aussehend und helfen dem Mann, den sie lieben, aus einer
Depression, aus einer gefährlichen Situation oder verhelfen ihm wenigstens
zur Einsicht, dass er sie heiraten sollte. So etwa Lisa in Das Fenster zum
Hof oder Eve in Der unsichtbare Dritte.
Wenn der Lodger Daisy in einer Liebesszene einmal unvermittelt von sich
stößt, haben ihn vermutlich seine Schuldgefühle ganz massiv eingeholt.
Draußen geht der Mörder um und er, der Lodger, gibt sich pflichtvergessen
seiner Liebe hin. Er ist an das Versprechen gebunden, das er seiner Mutter
gab: Den Mörder der Gerechtigkeit zuzuführen. Auch in späteren
Hitchcock-Filmen gibt es die starke Persönlichkeit der Mutter, die auf den
längst erwachsenen Sohn großen Einfluss ausübt bzw. dessen Abhängigkeit
liebt und festigt. In Berüchtigt (1945/1946), Der unsichtbare Dritte, Die
Vögel (1962) und natürlich in Psycho (1959/1960) finden wir diese lebenslang
(in Psycho noch darüber hinaus) Einfluss nehmenden Mütter immer wieder.
Hitchcocks eigene Mutter war wohl auch solch eine starke Persönlichkeit, die
selbst über den Atlantik hinweg auf ihren Sohn einzuwirken verstand. Spoto
beschreibt sie als „dickköpfig“ (Spoto I, S. 258).
Hitchcock zelebriert die Morde gerne und zeigt, wie Frauen gequält werden
und leiden müssen. In The Lodger ist das eher noch verhalten dargestellt.
Hier zeigt Hitchcock dem Zuschauer jeweils in Großaufnahme das schreiende
Gesicht des Opfers, nicht jedoch das Opfer im Augenblick des Sterbens oder
den Mörder im Rausch der Tat. In späteren Filmen geht Hitchcock hier –
sicher auch in Übereinstimmung damit, was man einem immer abgehärteteren
Publikum zumuten kann – immer weiter und zeigt, wie Frauen gequält werden
(Die Vögel), vergewaltigt werden (Marnie), ihre Todesangst, schließlich ihre
hässliche Fratze im Tod (Frenzy).
Für Hitchcock steht immer das Visuelle im Vordergrund. Seine Filme sollen
Emotionen beim Zuschauer wecken. Das geschieht nicht über die Dialoge
sondern über das Bild, die Inszenierung, die Montage. Was er vermitteln
will, soll nicht den Umweg über Denken und Kombinieren nehmen, sondern sich
unmittelbar aus den Bildern erschließen.
Was sich zwischen den Personen ereignet, wie ihre Beziehungen zueinander
sind, sich verändern, welche Spannungen in der Luft liegen – der Zuschauer
erfährt es direkt aus ihren Blicken, ihren Gesten, ihrer Körperhaltung,
ihrer räumlichen Stellung zueinander auf der Leinwand. Diese Kunst führt
Hitchcock auch in The Lodger bereits meisterhaft vor. Hier nimmt der
Zuschauer in den Augen des Lodgers, wenn dieser aus einer innerlichen
Abwesenheit erwacht, das Gebrochene, Getriebene seiner Seele wahr.
Verstohlene Blicke, ungläubige, verliebte, fordernde, drohende, verzweifelte
– sie allein erzählen über weite Strecken das Geschehen. In späteren Filmen
Hitchcocks findet sich diese vor allem im Stummfilm beheimatete stark
expressionistische Seh-Weise nicht mehr. Auch dann schauen seine
Protagonisten ausgiebig und intensiv. Aber sie blicken indiffererenter.
Paradebeispiele dafür sind Das Fenster zum Hof und Vertigo. Die zahlreichen
Einstellungen in The Lodger, bei denen die Kamera durch ein Fenster in einen
beleuchteten Raum hineinsieht, manchmal auch noch aus einer ‚versteckten‘
Position heraus durch ein Gitter, suggerieren ‚verbotene‘ Blicke.
Voyeurismus, der heimliche Blick auf fremdes Leben, fasziniert Hitchcock
sein Leben lang. Einen Höhepunkt erreicht das Thema bei ihm in Das Fenster
zum Hof.
Fesselungen haben bei Hitchcock immer auch einen sexuellen Hintergrund. Ihn
interessiert das Moment der Abhängigkeit und des Ausgeliefertseins, der
unentrinnbaren Nähe. Die gefesselte Frau ist die vom Mann beherrschte Frau.
In The Lodger gibt es drei Fesselungsszenen: das Mädchen auf dem Bild, Daisy
mit Handschellen, der Lodger mit Handschellen. In späteren Hitchcock-Filmen
finden wir immer wieder ähnliche Bilder wie etwa das aneinander gekettete
Paar in 39 Stufen (1935). ‚Gefesselt‘ im übertragenen Sinne, also gehindert
am Handeln, sind seine Protagonisten wie der Lodger oft durch traumatische
Erlebnisse. Jeff in Das Fenster zum Hof ist durch ein Gipsbein an seinen
Stuhl ‚gefesselt‘, Scotties Höhenangst hindert ihn in Vertigo, Madeleine auf
den Turm zu folgen.
Hitchcock war immer sehr an innovativen Möglichkeiten des Films interessiert
und zeigte sich äußerst kreativ in der Umsetzung seiner Ideen. In The Lodger
hat er das schreiende Gesicht des Opfers mit einer Glasscheibe bedeckt, um
die blonden Locken darauf besonders dekorativ zur Geltung bringen zu können.
Das unruhige Auf-und-ab-Gehen des Lodgers in seinem Zimmer sehen wir
ebenfalls durch eine dicke Glasscheibe von unten. Ein weiteres Experiment
waren die extrem langen Einstellungen in Cocktail für eine Leiche (1948)
oder der gleichzeitige Vorwärts-Zoom während der Rückwärtsfahrt der Kamera
im Treppenhaus des Turmes in Vertigo, um den Schwindel erfahrbar zu machen.
In The Lodger sehen wir auch Hitchcock selbst in zwei kleinen Auftritten.
Während die Nachricht des ersten Mordes verbreitet wird, sieht man ihn kurz
in einer Redaktion sitzen, später ist er bei der Festnahme des Lodgers in
der Menge anwesend. Diese kleinen Auftritte hat er in fast allen seiner
späteren Filmen. „Inzwischen ist es ein ziemlich lästiger Gag geworden.
Damit die Leute sich den Film in Ruhe ansehen können, bringe ich es
möglichst immer in den ersten fünf Minuten des Films hinter mich“ (Hitchcock
in: Truffaut, S. 44).
Abschließend ist festzustellen, dass Hitchcocks Handschrift in The Lodger
schon in sehr vielen Bereichen ausgemacht werden kann. Grundlegende Methoden
und Arbeitsweisen, Überzeugungen und Einstellungen, insbesondere was das
Visuelle und Emotionale anbelangt, sind in The Lodger vorhanden. Seinen Stil
hat Hitchcock hier tatsächlich bereits gefunden.
VI Literatur:
- Spoto, Donald: Alfred Hitchcock. Die dunkle Seite des Genies. Biografie.
Hamburg 1984. Im Text zitiert als: Spoto I
- Spoto, Donald: Alfred Hitchcock und seine Filme. München 1999 (Heyne
Filmbibliothek 270).
- Truffaut, François: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? München 2001
(Heyne Sachbuch 19/14).
- Monaco, James: Film verstehen. Reinbek 1995 (Handbuch 6514).
- Patalas, Enno: Alfred Hitchcock. München 1999. |
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