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Original-Titel: I Confess

Deutscher Titel: Ich beichte/Zum Schweigen verurteilt

Genre: Krimi, sw

Studio/Produktionsland: Warner Bros./First National Picture. USA

Filmjahr: 1953

Filmlänge: 87 Min. (95 Min.)

Drehbuch: George Tabori,  William Archibald, Paul Anthelme. Vorlage: Theaterstück 'Nos Deux Consciences' von Paul Anthelme.

Musik: Dimitri Tiomkin

Kamera: Robert Burks

Regie: Alfred Hitchcock

Produzent: Alfred Hitchcock, Barbara Keon

Darsteller: Montgomery Clift (Pater Michael Logan), Anne Baxter (Ruth Grandfort), Karl Malden (Inspektor Larrue), Brian Aherne (Willy Robertson), O.E. Hasse (Otto Keller), Dolly Haas (Alma Keller), Roger Dann (Pierre Grandfort), Charles André (Pater Millais), Rubin Huges, Judson Pratt (Murphy), Olivia Légaré (Vilette), Gilles Pelletier (Pater Benoit).

Inhaltsangabe: Kanada/Quebeck: ein Mord geschieht. Durch die nächtlichen Straßen eilt ein Mann in einer Priester-Soutane. Sein Ziel ist die Kirche. Der Mörder (sein Küster) beichtet die Tat dem echten Priester. Pater Michael Logan nimmt dem Täter das Versprechen ab, sich der Polizei zu stellen. Ein Versprechen, das niemals eingelöst wird. Plötzlich gerät er selbst unter Verdacht. Seine vergessene Vergangenheit macht Pater Logan zum Angeklagten. Ist er vielleicht doch nicht ganz unschuldig? Aber er darf sich nicht entlasten, trotzdem er den Mörder kennt. Er hat geschworen, das Beichtgeheimnis zu wahren. Obwohl dem Pater der elektrische Stuhl droht, ist sein Gewissen stärker...

Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: Ich glaube, mit I Confess sind Sie nicht sehr zufrieden. Das Drehbuch ist verwandt mit Strangers an a Train. Fast alle Ihre Filme erzähle die Geschichte eines ausgetauschten Mords. Im allgemeinen kommt der, der den Mord begangen hat, ebenso vor wie der, der ihn hatte begehen können. ich weiß, Sie waren überrascht, als französische Kritiker Sie 1955 darauf aufmerksam machten, und ich glaube, Ihre Überraschung war echt. Dennoch ist es nicht zu bezweifeln, daß alle Ihre Filme dieselbe Geschichte erzählen. Es ist verblüffend, daß in I Confess anhand der Adaptation eines schlechten französischen Stücke aus dem Jahr 1902 dasselbe Thema illustriert wird. Man fragt sich, wie Sie überhaupt an Nos deux consciences von Paul Anthelme gekommen sind.
H.: Louis Verneuil hat es mir verkauft.
T.: Ich nehme an, er hat es Ihnen verkauft, nachdem er es Ihnen erzählt hatte.
H.: Ja.
T.: Aber wenn er es Ihnen erzählt hat, wird er doch angenommen haben daß es Sie interessierte?
H.: Das nehme ich an.
T.: Louis Verneuil hätte Ihnen eins seiner eigenen Stücke erzählen können oder auch andere, er wird doch Hunderte gekannt haben. Ich wundere mich, daß er Ihnen gerade eine so altmodische, obskure Geschichte erzählt, deren Prinzip aber so ungeheuer Ihren anderen Filmen gleicht.
H.: Er sagte zu mir: »Ich habe da eine Geschichte, die Sie vielleicht interessieren wird.« Die Agenten verfallen bei den meisten Stoffen, die sie mir vorlegen, einem Irrtum. Sie sagen zu mir: »Wir haben ein ideales Suiet für Sie«, aber meistens ist es eine Geschichte mit Gangstern oder Berufsverbrechern oder ein Whodunit, das heißt Dinge, die ich nie anfasse. Verneuil kam also mit diesem Stück, und wahrscheinlich war er ein guter Verkäufer, denn ich habe es genommen. Wenn ich heute eine Geschichte kaufe, so heißt das nicht, daß ich auch das Thema nehme. Man erzählt mir ein Sujet, und wenn es mir paßt, wenn mir die Situation gefällt, ergibt sich das Thema hinterher von selbst.
T.: Das ist seltsam, aber logisch, Wahrscheinlich haben Sie wegen der Mischung aus anstößigen und religiösen Elementen doch Schwierigkeiten gehabt mit dem Drehbuch von I Confess.
H.: Sehr große Schwierigkeiten, und letztlich finde ich das Ergebnis auch recht schwerfällig. Der ganzen Behandlung des Sujets fehlt es an Humor und Subtilität. Ich will nicht sagen, daß in den Film mehr Humor gehört hätte, aber ich hätte selbst mit mehr Humor vorgehen müssen, wie in Psycho: eine ernsthafte Geschichte mit Ironie erzählen.
T.: Das ist eine sehr interessante Nuance, und etwas, was die Kritiker oft mißverstehen. Sie verstehen die Absicht sehr gut, wenn der Inhalt humoristisch ist, aber sie verstehen nicht, daß der Inhalt ernst gemeint sein kann und der Blick darauf humorvoll ist. Das ist interessant. Das ist genau so mit The Birds: der Blick ist ironisch und der Vorwurf ernst.
H.: Übrigens, wenn wir an einem Drehbuch arbeiten, ist der Satz, der am häufigsten vorkommt: »Wäre es nicht amüsant, wenn er auf diese Weise umgebracht würde?«
T.: So können Sie ernste und starke Dinge filmen und dabei Feierlichkeit und schlechten Geschmack vermeiden. Natürlich könnte das Vergnügen, das man daran hat, schreckliche Dinge zu filmen, zu einer Form von intellektuellem Sadismus werden, aber ich glaube, es kann auch sehr gesund sein.
H.: Der Meinung bin ich auch. Es ist ein Zeichen von Liebe, wenn eine Mutter ihrem Baby Angst macht mit Geräuschen wie buuu oder brrr. Das Baby hat Angst und lacht und klatscht in die Hände, und sobald es sprechen kann, sagt es: »Noch einmal.« Eine englische Kritikerin hat geschrieben, Psycho sei der Film eines Mannes, der gleichzeitig sophisticated und barbarisch sei. Das stimmt vielleicht, wie?
T.: Das ist keine schlechte Definition.
H.: Wenn man aus Psycho einen ernsten Film machen wollte, würde man einen klinischen Fall zeigen. Dann dürfte man weder Rätsel noch Suspense in die Sache hineinbringen. Er müßte die Dokumentation eines Falles darstellen, und wie wir schon festgestellt haben, würde man über lauter Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit schließlich einen Dokumentarfilm drehen. Man kommt also in den Grusel- und Suspense-Filmen nicht ohne Humor aus, und ich glaube, I Confess und The Wrong Man leiden unter ihrem Mangel an Humor. Die Frage, die ich mir häufig stellen muß, ist: Soll ich bei einem ernsten Suiet meinen Sinn für Humor beiseite lassen oder soll ich ihn einsetzen?. Ich glaube, einige meiner englischen Filme waren zu leicht und einige meiner amerikanischen zu schwerfällig, aber die richtige Dosierung ist halt so schwer zu treffen. Meistens merkt man das erst hinterher.
Halten Sie es für denkbar, daß die Schwerfälligkeit von I Confess mit meiner Erziehung bei den Jesuiten zu tun hat?
T.: Das glaube ich nicht. Ich würde das eher dem Kanadischen zuschreiben, zu dem, durch das Emigrantenpaar Otto Keller und seine Frau, noch das Deutsche hinzukommt.
H.: Allerdings, es gibt von dieser Seite her immer ein Unbehagen, wenn in einer Geschichte eine ethnisch gemischte Gemeinschaft ist, Engländer und Amerikaner oder Amerikaner und Franko-Kanadier. Genauso bei Filmen, die im Ausland gedreht werden und in denen alle englisch sprechen. Ich habe mich daran nie so recht gewöhnen können.
Übrigens wollte ich auch nicht Ann Baxter für die weibliche Hauptrolle, sondern Anita Björk, die in Fräulein Julie gespielt hatte. Sie kam in Amerika an mit einem Geliebten und einem unehelichen Kind im Karton, und die Chefs von Werner Bros. hatten Angst, zumal eine andere Schwedin in Washington gerade einen Sturm ausgelöst hatte, ich meine die Geschichte mit Bergman und Rossellini. Die Warner Bros. haben darauf Anita Björk an ihre Fjorde zurückgeschickt, und ich erfuhr per Telefon, daß man Arm Baxter genommen hatte. Ich habe sie zum erstenmal im Speisesaal des Hotels Cháteau-de-Frontenac in Quebec getroffen. Nun vergleichen Sie mal Anita Björk und Ann Baxter und sagen Sie mir, ob da nicht ein kleiner Unterschied ist.
T.: Sicher, aber Montgomery Clift ist wirklich außerordentlich gut. Imgrunde hat er den ganzen Film hindurch nur eine einzige Haltung, sogar nur einen einzigen Blick, eine vollkommene Würde mit einer leichten Nuance von Überraschung.
Das Suiet des Films ist wieder einmal das Thema der Schuldübertragung, hier aber erneuert durch die Religion und den Anspruch der Beichte. Von dem Augenblick an, in dem Montgomery Clift in der Beichte von 0. E. Hasse das Geständnis des Verbrechens erhält, wird er schuldig, und genau damit hatte der Mörder auch gerechnet.
H.: Ich glaube, das ist eine grundlegende Tatsache. jeder Priester, de irgendein Mörder beichtet, wird damit zum Hehler.
T.: Das ist richtig, aber ich glaube nicht, daß das Publikum das versteht. Das Publikum mag den Film, interessiert sich dafür, aber es hofft die ganze Zeit, daß Clift sprechen möge, was aber nicht infrage kommt. Ich bin sicher, daß Sie nicht die Absicht hatten, diese Hoffnung zu wecken.
H.: Ich bin Ihrer Meinung. Und nicht nur die Zuschauer, sondern auch viele Kritiker fanden, es sei lächerlich, sein Leben zu riskieren, um ein Geheimnis zu bewahren.
T.: Ich weiß nicht, ob dieser ganz bestimmte Punkt sie schockiert, oder ob es nicht vielmehr die horrende Zufälligkeit der Ausgangssituation ist.
H.: Sie meinen, daß der Mörder eine Priesterrobe anzieht?
T.: Nein, das wird einfach vorausgesetzt. Ich denke an die Zufälle, die das Opfer, Villette, betreffen. Der Mörder hat, als er ihn beraube wollte, ausgerechnet den Erpresser getötet, der den Priester verfolgt dem der Mörder dann sein Verbrechen beichtet. Was für ein Zusammentreffen!
H.: Ja, das stimmt.
T.: Ich glaube, dieses Zusammentreffen stört unsere Freunde, die Wahrscheinlichkeitskrämer. Es geht nicht um eine Unwahrscheinlichkeit sondern um eine außergewöhnliche Situation. Sie ist der Gipfel an Außergewöhnlichem.
H.: Es gehört in die Kategorie »altmodische' Situationen« oder »veraltete Geschichten«. Ich möchte Ihnen dazu eine Frage stellen: Weshalb ist es veraltet, eine Geschichte zu erzählen, eine Handlung zu verwenden? Ich glaube, an den französischen Filmen gibt es gar keine Handlung mehr.
T.: Das ist kein Prinzip, aber es ist eine Tendenz, die man der Entwicklung des Publikums zuschreiben kann, dem Einfluß des Fernsehens, dem zunehmenden Übergewicht an dokumentarischen und journalistischen Stoffen in der Unterhaltungsindustrie. Alles das entfernt die Leute von der Fiktion und macht sie mißtrauisch den alten Formeln gegenüber.
H.: Das heißt, die Kommunikationsmittel haben sich derart entwickelt, daß wir dazu neigen, uns von der Handlung zu entfernen? Das mag sein. Ich bin selbst davon nicht frei, und ich würde heute auch einen Film lieber auf einer Situation als auf einer Geschichte aufbauen.
T.: Ich möchte nicht, daß wir I Confess zu schnell verlassen. Wir haben also gesehen, daß das Publikum im Verlauf der ganzen Handlung ungeduldig darauf wartet, daß Clift spricht. Halten Sie das für einen Konstruktionsfehler des Drehbuchs?
H.: Auf jeden Fall ist es ein Nachteil, weil es einfach unmöglich ist, und damit, daß die Ausgangsidee fürs Publikum nicht annehmbar ist, fällt der ganze Film zusammen. Das bringt uns zu einer neuen Grundregel: Es ist nicht immer gut in einem Film, wenn man eine Person hat oder eine Figur, deren Authentizität für einen selbst nachprüfbar ist, die man kennt, die man selbst erlebt hat. Man bringt sie in den Film herein und ist sich ihrer sicher, weil man sagen kann: Das stimmt, ich habe es gesehen. Kurz, man kann sagen, was man will, das Publikum oder auch die Kritiker werden es einfach nicht so akzeptieren. Man kommt da wieder auf die alte Feststellung: Die Wahrheit läßt die Fiktion hinter sich. Zum Beispiel habe ich einen ungeheuer geizigen Mann sehr gut gekannt, einen Einsiedler in der Art der Brüder Collier, die man in der Fifth Avenue entdeckt hat und von dem ich Ihnen erzählen werde. Ich habe diesen Fall gekannt, aber es wäre unmöglich, ihn in einem Film zu verwenden. Auch wenn man sagte: »Ich kenne solch einen Mann«, würde der Zuschauer antworten: »Ich glaube Ihnen nicht.«
T.: Die Erfahrung von Dingen, die man gesehen hat, kann nur dazu dienen, andere, ähnliche Dinge zu suggerieren, die einfacher zu filmen sind.
H.: Das ist es. Und in I Confess wissen wir Katholiken, daß ein Priester ein Beichtgeheimnis nicht preisgeben darf, aber die Protestanten, die Andersgläubigen und die Agnostiker denken: »Es ist doch lächerlich zu schweigen, das gibts doch nicht, daß jemand dafür sein Leben opfert.«
T.: So ist das ein Fehler in der Konzeption des Films?
H.: Ja, ich hätte den Film nicht machen sollen.
T.: Es gibt darin aber doch sehr schöne Dinge. Clift geht durch den ganzen Film, es ist eine Bewegung noch vorn, die mit der Form des Films zusammengeht, und das ist schön, es konkretisiert die Idee von Redlichkeit. Eine besonders hifchcocksche Szene ist das Frühstück, wenn Otto Kellers Frau den Kaffee einschenkt und dabei immer wieder hinter Montgomery Clift vorbeigeht, um herauszubekommen, wie er sich verhält. Hinter der harmlosen Unterhaltung der Priester geht wirklich etwas vor zwischen Clift und dieser Frau, man versteht alles durch das Bild. Ich kenne keinen anderen Regisseur, der das könnte oder auch nur versuchte.
H.: Sie wollen sagen, der Dialog sagt eine Sache und das Bild eine andere? Aber das ist ein entscheidender Punkt jeder Regie. Im Leben ist das nicht anders. Die Menschen drücken nicht ihre innersten Gedanken aus. Sie versuchen, im Bild ihres Gegenüber zu lesen. Häufig sagen sie sich Banalitäten und versuchen dabei, hinter die geheimen Gedanken des anderen zu kommen.
T.: Deshalb sind Sie in gewisser Hinsicht ein ausgesprochen realistischer Regisseur.
Doch etwas anderes. Es scheint so, als ob das Verhalten von Otto Keller von dem Augenblick an umschlägt, in dem er seiner Frau verbietet, die blutbefleckte Sutane zu reinigen. Von dem Augenblick an ist sein naiver und tiefer Glaube keine Entschuldigung mehr. Er versucht ganz bewußt den Mann zu belasten, der sein Wohltäter und
Beichtvater ist, er wird wirklich satanisch.
H.: Ja, das finde ich auch. Bis dahin handelt er in gutem Glauben.
T.: Sehr interessant ist die Figur des Staatsanwalts, den Brian Aherne spielt. Wenn man ihn zum erstenmal sieht, versucht er eine Gabel und ein Messer auf einem Glas zu jonglieren. Das zweitemal liegt er am Boden und balanciert ein Glas Wasser auf seiner Stirn. Die beiden Einzelheiten, die beide etwas mit Gleichgewicht zu tun haben, sollten sagen, scheint mir, daß die Justiz nur ein Gesellschaftsspiel für ihn ist.
H.: Ja, das stimmt. Schon in Murder habe ich gezeigt, wie Staatsanwalt und Verteidiger in einer Prozeßpause zusammen speisen. In The Paradine Case speist der Richter, nachdem er Alida Valli zum Tod durch den Strang verurteilt hat, zuhause in aller Ruhe mit seiner Frau. Man hätte Lust, ihn zu fragen: »Sagen Sie, Euer Ehren, was ist das für ein Gefühl, wenn man abends nach hause kommt und eine Frau zum Tod durch den Strang verurteilt hat?« Und durch sein unbewegtes Verhalten scheint Charles Laughton zu antworten: »Ich denke gar nicht mehr daran.« Und dann haben wir noch die beiden Kriminalbeamten in Blackmail, die sich, nachdem sie die Gefangene eingesperrt haben, in der Toilette die Hände waschen wie zwei Büroangestellte.
Für mich ist das gar nicht so viel anders, wenn ich tagsüber eine Horrorszene in Psycho oder The Birds drehe. Glauben Sie nur nicht, ich würde abends nach hause gehen und die ganze Nacht Alpträume haben. Das ist ein Arbeitstag, ich habe mein Bestes getan, und damit hat sichs. Wirklich, am liebsten würde ich nachher darüber lachen, und, was komisch ist, während der Dreharbeiten bin ich sehr ernst. Das ärgert mich, ich fühle mich nämlich wirklich immer wie das Opfer. Da sind wir wieder bei meiner Angst vor der Polizei. Ich habe es immer so empfunden, als wäre ich ihre Beute. Ich identifiziere mich sofort mit einem Menschen, der festgenommen wird und den man im Auto zur Polizei bringt, der durch das Gitter die Leute ins Theater gehen oder aus einem Café kommen sieht, wie sie vergnüglich ihr alltägliches Leben leben. Und wie vorn im Auto der Fahrer und sein Kollege einen Witz machen. Ich finde das schrecklich.
T.: Was mir so gefallen hat an diesen beiden Jongliergeschichten, das ist, daß sie wirklich etwas zu tun haben mit der Vorstellung der Waage als Symbol der Gerechtigkeit. Und da Ihre Filme immer so überlegt sind....
H.: Ausgetüftelt in einer tückischen Art, ja.
T.: ... glaube ich nicht, daß so etwas zufällig in Ihre Filme gerät, oder Sie haben einen ausgeprägten Instinkt.
Noch ein anderes Beispiel: Wenn Montgornery Clift den Gerichtssal verläßt, herrscht in der Menge um ihn herum eine große Feindseligkeit, als ob sie ihn lynchen wollten. Gleich hinter Clift, neben Ott Kellers Frau, die sanft, schön und verstört aussieht, bemerkt man ein dicke, ziemlich widerliche Frau, die einen Apfel ißt und deren Blick, bösartige Neugier verrät.
H.: Ja, die Frau habe ich natürlich bewußt, absichtlich dahingestellt. Ich habe ihr den Apfel gegeben und gezeigt, wie sie ihn essen soll.
T.: Aber das ist etwas, was im Publikum niemand bemerkt, weil man immer auf die Leute schaut, die man schon kennt. Deshalb ist das etwas, was Sie zu Ihrer eigenen Befriedigung in den Film bringen und natürlich auch, um ihn zu bereichern.
H.: Aber sehen Sie, so was muß man doch machen. Es geht doch immer darum, den Hintergrund auszufüllen, und oft sagen die Leute, sie müßten die Filme mehrmals sehen, um alle Einzelheiten mitzubekommen. Die meisten Sachen, die wir in einem Film unterbringen, sind wirklich verloren, und trotzdem dienen sie ihm, wenn man ihn nach Jahren wieder herausbringt. Man merkt, daß er sich noch hält und nicht veraltet ist.
T.: Immer noch zu I Confess. In diesem Film, wenn Montgomery Clift freigesprochen wird, und in mehreren anderen Filmen von ihnen gibt es eine Regel, nach der die Figur vor dem Gericht plötzlich entlastet ist, aber als Mensch verurteilt bleibt, weil jemand im Gericht den Freispruch angreift. Auch in Vertigo ist das so.
H.: Das geschieht häufig bei Prozessen, wenn die Beweise zur Verurteilung des Angeklagten nicht ausreichen. Bei schottischen Gerichten gibt es ein besonderes Urteil, das »not proven« (nicht erwiesen, Schuldbeweis nicht erbracht) heißt.
T.: In Frankreich heißt das »aquitté au bénéfice du doute« (Freispruch aus Gründen des Zweifels)…..
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.

Info: Ausstattung:Edward S. Haworth, George James Hopkins. Schnitt: Rudi Fehr. Kostüme: Orry-Kelly. Ton: Oliver S. Garretson.

Hitchcock nutzt in "Zum Schweigen verurteilt" die Geschichte eines Mordes, um die seelische Verfassung von Menschen auszuleuchten, die in ein Verbrechen verwickelt sind (oder darin verwickelt zu sein scheinen). Er enthüllt diffizile menschliche Beziehungen, ehe die Handlung in ein furioses Finale mündet. "Die Spannung entwickelt sich hier aus psychologischen und theologischen Konflikten. Die kriminalistischen Vorgänge bilden den Hintergrund" (Lexikon des Internationalen Films). Daß er persönliche Ehe- und Glaubensprobleme mit einbezog, deutete er Truffaut gegenüber an ("Hitchbook", S. 167 ff.), die Namengebung für Kellers Frau Alma (so hieß die Gattin des Meisters) ist vielleicht kein reiner Zufall. Ganz bewußt ist die Besetzung des Ehepaars Keller mit den beiden Deutschen, dem Charakterschauspieler O. E. Hasse und Dolly Haas, der deutschen Emigrantin, die 1933 nach etlichen Komödienerfolgen für die Ufa Hitlers Deutschland verließ und in den USA einen Neuanfang wagte. Mit "Zum Schweigen verurteilt" gab sie ihren Leinwandabschied. Am Drehbuch schrieb der große Theatermann George Tabori mit. Der gebürtige Bulgare mit britischem Paß war in den 30er Jahren nach England und von dort 1947 in die USA emigriert. In Hollywood arbeitete das Multitalent als Drehbuchautor u. a. für Hitchcock, Anatol Litvak und Joseph Losey.

Ursprünglich war vorgesehen, dass der Priester aufgehängt wird. Diese Szene wurde jedoch entfernt und durch eine andere ersetzt, um dem Zorn des Zensors zu entgehen.

Preise/Auszeichnungen: -

Literatur: -

Videos

Neuverfilmungen:
The Confessional/Der Beichtstuhl - KAN/GB/F1995, Regie: Robert Lepage

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Brian Koller
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