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Original-Titel: Lifeboat

Deutscher Titel: Das Rettungsboot

Genre: Thriller, sw

Studio/Produktionsland: 20th Century-Fox. USA

Filmjahr: 1943

Filmlänge: 95 Min.

Drehbuch: Jo Swerling nach einem Roman von John Steinbeck

Musik: Hugo W. Friedhofer

Kamera: Glen MacWilliams

Regie: Alfred Hitchcock

Produzent: Kenneth MacGowan

Darsteller: Tallulah Bankhead (Constance Porter), William Bendix (Gus Smith), Walter Slezak (Willy, U-Boot-Kommandant), Mary Anderson (Alice MacKenzie), John Hodiak (John Kovac), Henry Hull (Charles D. Rittenhouser), Heather Angel (Mrs. Higgins), Hume Cronyn (Stanley Garett), Canada Lee (George "Joe" Spencer), William Yetter jun. (Matrose).

Inhaltsangabe: Im zweiten Weltkrieg wird ein Schiff, das aus den USA nach England fährt, von einem deutschen U-Boot torpetiert und sinkt. Eine Gruppe Überlebender flüchtet sich auf Rettungsboote: die Modejournalistin Constance, der linke Ingenieur John, die Militärkrankenschwester Alice, der rechte Industrielle Rittenhouse, der verletzte Seemann Gus, der schwarze Stewart Joe, der Funker Garrett und die Engländerin Mrs. Higgins mit ihrem Kind, von dem sie nicht glauben will, daß es längst tot ist. Auch das U-Boot sinkt. Der Deutsche Willy wird von den Überlebenden ins Boot gezogen. Man diskutiert, ob man ihn ersäufen soll, doch dann siegt die Vernunft, denn seine Kenntnisse bewahren das Boot vor dem Kentern. Man überläßt Willy - angeblich ein gewöhnlicher Seemann, in Wahrheit jedoch U-Boot-Kapitän - die Steuerung, damit er sie zu den Bermudas bringt. Willy kann dem verletzten Gus ein Bein amputieren und rettet ihm das Leben. Nach Tagen auf See nehmen Hunger, Durst und die Spannung zu. Willy bewahrt Disziplin. Als Gus ihn heimlich mit einem Kompaß hantieren sieht (er will nicht zu den Bermudas, sondern zu einem deutschen Schiff steuern), wirft Willy ihn über Bord und stellt sein Verschwinden als Selbstmord hin. Doch die anderen ahnen, was wirklich passiert ist; sie stürzen sich auf den Nazi und töten ihn. Als man das deutsche Schiff erreicht, wird es von einem Schiff der Alliirten versenkt. Erneut rettet sich ein Deutscher ins Boot - er hat eine Pistole. Man überwältigt ihn. Ein Rettungsschiff nähert sich.

Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: Einige Ihrer Filme sind im wahrsten Sinn des Wortes Herausforderungen. Dazu gehört Lifeboat. Hier bestand das Wagnis darin, einen ganzen Film in einem Rettungsboot spielen zu lassen.
H.: Es war wirklich eine Herausforderung, aber ich wollte auch eine Theorie beweisen, die ich damals hatte. Ich hatte den Eindruck, wenn man einen üblichen psychologischen Film analysierte, daß man dann feststellte, achtzig Prozent der Gesamtlänge des Films bestünden aus Großaufnahmen oder Beinahe-Großaufnahmen. Wahrscheinlich machten die meisten Regisseure das nicht mit Absicht, sondern instinktiv, weil es notwendig war, nah heranzugehen, eine Art Vorwegnahme dessen, was das Fernsehen dann machen sollte
T.: Das ist sehr interessant, aber es hat Sie doch oft gereizt, mit der Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung zu experimentieren. Lifeboat ist das Gegenteil eines Thrillers, ein Personenfilm. War es der Erfolg von Shadow of a Doubt, der Sie in diese Richtung geführt hat?
H.: Nein, das hat überhaupt nichts mit Shadow of a Doubt zu tun, Lifeboat war ausschließlich vom Krieg beeinflußt. Das war ein Mikrokosmos des Krieges.
T.: Ich habe früher einmal gemeint, die Moral von Lifeboat sei, daß alle schuldig sind, daß alle sich etwas vorzuwerfen haben, und daß Sie den Schluß nahelegen wollten: Urteil nicht! Aber ich glaube, da habe ich mich getäuscht.
H.: Die Idee des Films ist eine andere. Wir wollten zeigen, daß es damals in der Welt zwei Kräfte gab, die Demokratien und den Nazismus. Die Demokratien waren völlig durcheinander, während die Deutschen alle wußten, wohin sie wollten. Es handelte sich also darum, den Demokratien zu sagen, daß sie sich unbedingt aufraffen mußten, sich zu vereinigen, sich zusammenzuschließen, ihre Differenzen und Divergenzen zu vergessen, um sich auf einen einzigen Feind zu konzentrieren, der durch seine Einigkeit und seine Entschlußkraft besonders stark war.
T.: Das war eine richtige und starke Idee.
H.: Der Ingenieur, den John Hodiak spielte, war praktisch ein Kommunist, und auf der anderen Seite hatten wir am äußersten Ende einen Industriellen, der ein Faschist war. Wenn die Entschlußlosigkeit ihren Höhepunkt erreichte, wußte niemand, was zu tun war, nicht einmal der Kommunist. Der Film ist scharf kritisiert worden. Die berühmte Dorothy Thompson gab ihm in ihrer Kolumne zehn Tage Zeit, die Stadt zu verlassen!
T.: Der Film ist nicht nur psychologisch, er ist oft auch moralisch. Zum Beispiel zum Schluß, wenn der Deutsche gelyncht werden soll und Sie die Gruppen aus größerer Entfernung zeigen, von hinten, dann machen sie einen sehr abstoßenden Eindruck. Das ist doch Absicht?
H.: Ja, sie sind wie eine Meute Hunde.
T.: Es ist ein Film, der gleichzeitig einen psychologischen Konflikt und eine Art moralischer Fabel darstellt. Die beiden Elemente vermischen sich sehr gut, ohne einander zu schaden.
H.: Zunächst hatte ich John Steinbeck engagiert, aber was er lieferte, war sehr unvollständig. Dann habe ich einen berühmten Schriftsteller kommen lassen, MacKinley Kantor, der zwei Wochen daran gearbeitet hat. Was er gemacht hatte, gefiel mir überhaupt nicht. Er sagte zu mir: »Besser kann ich es nicht.« »Danke«, habe ich gesagt und einem anderen Schriftsteller geschrieben, Jo Swerling, der mit Frank Capra gearbeitet hatte. Als das Drehbuch fertig war und wir den Film anfangen wollten, merkte ich, daß alle Sequenzen ohne Höhepunkt endeten. Darauf habe ich mich dann hingesetzt und jeder Episode eine dramatische Form gegeben.
T.: Deshalb haben Sie den Gegenständen, wie der Schreibmaschine und dem Schmuck soviel Bedeutung gegeben.
H.: Ja. Die amerikanischen Kritiker waren deshalb so heftig gegen den Film, weil ich den Deutschen als den anderen überlegen gezeigt hatte. Und damals, 1940/41, war Frankreich gerade besiegt worden, und um die Alliierten stand es schlecht. Übrigens war der Deutsche, der sich zunächst als einfacher Matrose ausgegeben hatte, U-Boot-Kommandant gewesen. Es gab also einen Grund, daß er qualifizierter war als die anderen, das Kommando auf dem Boot zu übernehmen. Offensichtlich glaubten die Kritiker, ein böser Nazi könne kein guter Kapitän sein. Der Film kam in New York trotz allem recht gut an, aber ein kommerzieller Erfolg war es nicht, schon allein wegen der gewagten Ausgangssituation. Ich habe die Kamera nie aus dem Boot herausgelassen. Ich habe das Boot nie von außen gezeigt, und dazu gab es keinen einzigen Ton Musik in dem Film, alles war außerordentlich streng. Natürlich wurde das Ganze von der Figur Tallulah Bankheads beherrscht.
T.: Sie macht eine gewisse Entwicklung durch, ähnlich der Heldin von The Birds. Erst ist sie sehr sophisticated, dann wird sie natürlich und wird physischen Anstrengungen ausgesetzt. Ich mochte das sehr, diesen moralischen Weg, der durch den Verlust materieller Dinge markiert ist. Die Schreibmaschine fällt ins Wasser, und zum Schluß des Films, als nichts mehr zu essen da ist, dient der Verschluß des goldenen Armbands als Angelhaken. Bei den Gegenständen darf man die alte Zeitung nicht vergessen, die im Boot herumgereicht wird und die Sie benutzt haben, um Ihren rituellen Auftritt zu absolvieren.
H.: Das ist meine Lieblingsrolle, und ich muß sagen, daß es mich lange und angestrengte Überlegungen gekostet hat, das Problem zu lösen. Im allgemeinen spiele ich doch Passanten, aber wo kriegt man auf dem Ozean Passanten her? Ich dachte daran, eine Leiche darzustellen, die in einiger Entfernung auf dem Meer schwimmt, aber ich hatte zu große Angst zu ertrinken. Und es war mir unmöglich, einen der neun Überlebenden zu spielen, denn die Rollen mußten alle von kompetenten Schauspielern und Schauspielerinnen gespielt werden. Schließlich kam mir eine ausgezeichnete Idee. Ich machte damals gerade eine sehr strenge Abmagerungskur und näherte mich nur mühsam meinem Ziel, nämlich von zweihundert Kilo fünfzig loszuwerden. Also beschloß ich, meine Abmagerung zu verewigen und gleichzeitig zu meiner Nebenrolle zu kommen, indem ich Modell stand für die »Vorher«- und »Nachher«-Fotos. Diese Fotos illustrierten dann die Reklame in einer Zeitung und priesen ein famoses Mittel mit dem Namen »Reduco« an. Man sah die Anzeige und mich selbst, wenn William Bendix eine alte Zeitung aufschlug, die wir im Boot untergebracht hatten. Die Rolle war ein großer Erfolg. Ich habe eine Flut von Zuschriften bekommen, Briefe von dicken Leuten, die wissen wollten, wo und wie sie Reduco bekommen könnten.
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.

Info: Diese Rarität aus dem Werk Hitchcocks funktioniert mit ihrer Beschränkung auf den (theatergeschichtlich "uralten") Topos des einen Raumes als spannendes Kabinettstückchen. Und sie stellt innerhalb der damals nicht gerade subtil gestalteten Anti-Nazi-Filme Hollywoods eine Ausnahme dar: Hitchcock läßt offen, ob der sehr differenziert gezeichnete deutsche Offizier als "typisch" Deutscher, "typischer" Nazi oder "typischer" Pragmatiker zu verstehen ist. Alle Rollen sind in ihrer Verschränkung von Typisierung und Individualität, aber auch in ihrer sich erst im Laufe des Geschehens enthüllenden Mehrschichtigkeit hervorragend besetzt. Zur Charakterisierung von Personen und Situationen tragen auch die vorzüglichen Dialoge des Drehbuches viel bei.

Mit "Das Rettungsboot" drehte Hitchcock mit den Mitteln des Psychothrillers nach Der Auslandskorrespondent (Foreign Correspondent, 1940) und Saboteure (Saboteur, 1942) seinen dritten Film in der Trilogie kriegsorientierter Filme. Die propagandistische, gegen Hitler-Deutschland gerichtete Aussage des Films war durchaus gewollt, spielte für den Regisseur aber nur eine untergeordnete Rolle.

Ihm kam es darauf an, die unterschiedlichen Charaktere herauszuarbeiten - ihre Handlungsmotive ebenso wie ihre Haltung angesichts drohender aber ungewisser Gefahr. Das gelingt ihm in einer klassischen Kammerspiel-Situation, da die gesamte Handlung an Bord des kleinen Rettungsboots spielt.

Die für Hitchcock-Filme typische Spannung, die bis zum Showdown anhält, ergibt sich daraus, dass auch der Zuschauer lange im Ungewissen darüber bleibt, ob Willy ein gutmütiger Mensch oder ein schurkischer Nazi ist. Wer den Film sieht, fragt sich unwillkürlich, wie er selbst sich in einer ähnlichen Situation verhalten würde.

Preise/Auszeichnungen:
1945: Oscar-Nominierungen in den Kategorien „Beste Regie“, „Beste Kamera (schwarzweiß)“, „“Bestes Originaldrehbuch“

Literatur: -

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Neuverfilmungen:
Lifepod/Lifepod-Universum des Grauens - USA 1993, Regie: Ron Silver

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