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Original-Titel: Marnie

Deutscher Titel: Marnie

Genre: Psycho-Thriller, Farbe

Studio: Universal Pictures. USA

Filmjahr: 1964

Filmlänge: 125 Min.

Drehbuch: Jay Presson Allen nach dem Roman "Marnie" von Winston Graham

Musik: Bernhard Herrmann

Kamera: Robert Burks

Regie: Alfred Hitchcock

Produzent: Alfred Hitchcock

Darsteller: Tippi Hedren (Margaret "Marnie" Edgar), Sean Connery (Mark Rutland), Martin Gable (Sidney Strutt), Diane Baker (Lil Mainwaring), Louise Latham (Bernice Edgar, Marnies Mutter), Bob Sweeney (Vetter Bob), Alan Napier (Mrs. Ruthland), S. John Lainer (Sam Ward), Mariette Hartley (Susan Clabon), Bruce Dern (Matrose) Edith Evanson (Rita), Meg Wyllie (Mrs. Turpin), Henry Beckman (Detektiv).

Inhaltsangabe: Einem gefüllten Safe kann Marnie (Tippi Hedren) einfach nicht widerstehen. Immer wieder wechselt die Kleptomanin ihre Identität, um nicht überführt zu werden - bis sie einen Job bei dem Verleger Mark Rutland (Sean Connery) annimmt: Er ertappt sie auf frischer Tat. Doch statt sie anzuzeigen fasst Mark den impulsiven Beschluß, die hübsche Diebin zu heiraten - trotz der Skepsis des vornehmen Rutland-Clans. Mark und Marnie spielen das glückliche Paar, in Wirklichkeit aber schreckt die junge Frau vor jeder Berührung zurück. Als der Bräutigam während der Hochzeitsreise gewalttätig wird, versucht Marnie sich das Leben zu nehmen. Systematisch beginnt Mark in Marnies Vergangenheit zu forschen. Er entdeckt nach manchen Komplikationen den Schlüssel zu ihrer seelischen Verklemmung in einem schockierenden Erlebnis in ihrer frühen Kindheit.

Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: ..... Von diesem Film hat man schon gesprochen, lange bevor Sie mit den Dreharbeiten begannen. Es hieß, Grace Kelly werde mit ihm vielleicht ihr Comeback auf der Leinwand machen. Was hat Sie an dem Roman von Winston Graham interessiert?
H.: Vor allem hat mir die Vorstellung Spaß gemacht, eine fetischistische Liebe zu zeigen. Ein Mann will mit einer Diebin schlafen, weil sie eine Diebin ist, wie andere mit einer Chinesin oder einer Negerin schlafen wollen. Leider kam diese fetischistische Liebe auf der Leinwand nicht so gut heraus wie die von James Stewart zu Kim Novak in Vertigo. Um es ganz eindeutig zu sagen: Man hätte Sean Connery zeigen müssen, wie er die Diebin vor dem Safe überrascht, wie ihn die Lust überkommt und er sie sofort vergewaltigt.
T.: Was reizt diesen Helden eigentlich so an Marnie? Daß diese Diebin von ihm abhängig ist, weil er ihr Geheimnis kennt und es bei ihm liegt, ob er sie der Polizei übergibt? Oder einfach nur, daß er es aufregend findet, mit einer Diebin zu schlafen?
H.: Beides zusammen.
T.: Für mich gibt es in dem Film einen Widerspruch. Sean Connery ist sehr gut. Er hat in seiner Erscheinung etwas Bestialisches, was dem sexuellen Aspekt des Films sehr zustatten kommt, aber das Drehbuch und der Dialog kümmern sich kaum um diesen Aspekt. Mark Rutland wird dem Publikum einfach als jemand vorgestellt, der beschützen möchte. Erst wenn man sein Gesicht aufmerksam betrachtet, ahnt man Ihren Wunsch, das Drehbuch in eine originellere Richtung zu treiben.
H.: Das stimmt, aber Sie müssen auch bedenken, daß ich von Anfang an gezeigt habe, daß Marnie Mark aufgefallen war. Wenn er hört, daß sie mit der Kasse verschwunden ist, sagt er: »Ach ja? Das Mädchen mit den hübschen Beinen?« Wenn ich, wie in meinem alten englischen Film Murder, das Verfahren des inneren Monologs verwendet hätte, dann hätte man Sean Connery zu sich selbst sagen hören: »Hoffentlich begeht sie bald einen neuen Raub, daß ich sie auf frischer Tat ertappe und sie endlich haben kann.« Auf die Weise hätte ich einen doppelten Suspense gehabt. Wir hätten Marnie weiter aus Marks Blick gefilmt, und wir hätten die Befriedigung gezeigt, mit der er das Mädchen den Diebstahl begehen sieht.
Ich habe mir sehr genau überlegt, ob ich die Geschichte so aufbauen sollte. Ich hätte gezeigt, wie der Mann heimlich einen wirklichen Diebstahl mit ansieht - nein: betrachtet. Dann hätte er Marnie, die Diebin verfolgt, hätte sie festgehalten und so getan, als ob er ihr auf die Spur gekommen sei, sich ihrer bemächtigt und den Empörten gespielt. Aber so etwas kann man auf der Leinwand nicht zeigen. Das Publikum würde es ablehnen und sagen: »0 nein, nicht sowas.«
T.: Das ist schade, der Aufbau wäre wirklich aufregend gewesen. Ich mag Marnie, so wie er ist, aber ich habe das Gefühl, es war fürs Publikum ein schwieriger Film, wegen seiner ziemlich traurigen, düsteren Atmosphöre: wie ein Alptraum.
H.: In Amerika ist er in einem Doppelprogramm mit The Birds herausgekommen, und beide zusammen gehen sehr gut.
T.: Ich glaube, der Film wäre besser ausbalanciert, menn er drei Stunden dauern würde. Es gibt nichts, was zuviel wäre in dieser Geschichte. Im Gegenteil, über manchen Punkt möchte man noch mehr erfahren.
H.: Das stimmt. Ich mußte alles, was die Psychoanalyse betrifft, vereinfachen. Wissen Sie, im Roman geht Marnie, um ihrem Mann entgegenzukommen, einmal in der Woche zum Psychoanalytiker. Ihre Bemühungen, ihr wahres Leben und ihre Vergangenheit zu verbergen, ergaben im Buch zugleich amüsante und tragische Szenen. Wir haben das alles in einer einzigen Szene zusammenziehen müssen, in der ihr Mann selbst die Analysesitzung leitet.
T.: Ja, in der Nacht nach einem ihrer Alpträume. Das ist eine der besten Szenen des Films.
H.: Wirklich fürchterlich finde ich in Marnie die Nebenrollen, zum Beispiel Marks Vater. Ich hatte den Eindruck, daß ich diese Leute, diese Personen nicht kenne. Sean Connery ist nicht unbedingt ein Patrizier aus Philadelphia. Im Grunde, wenn man die Geschichte von Marnie auf ihre einfachste Quelle zurückführen wollte, kämen wir auf Aschenbrödel und der Prinz. In einer Geschichte dieser Art braucht man einen sehr eleganten Mann,
T.: Jemanden wie Laurence Olioier in Rebecca?
H.: Genau. So käme die Idee von einer fetischistischen Liebe klarer heraus. Mit The Paradine Case hatte ich schon dasselbe Problem.
T.: Sie hängen sehr an diesem Motiv, das Claude Chabrol die »Versuchung durch die Erniedrigung« genannt hat, und das Sie die Erniedrigung durch die Liebe nennen. Ich hoffe, daß Sie es eines Tages so realisieren können, wie Sie es sich vorstellen.
H.: Nein, das glaube ich nicht. Die Geschichten dieser Art sind an ein bestimmtes Klassenbewußtsein gebunden, das es vor dreißig Jahren gab. Heute kann eine Prinzessin einen Fotografen heiraten, und niemand regt sich darüber auf.
T.: In einem ersten Entwurf Ihrer Adaptation gab es eine Idee, die ich sehr aufregend fand und die Sie dann fallengelassen haben. Sie wolllen eine Liebesszene machen, in der Marnie ihre Frigidität verlieren sollte, und Sie wollten, daß das öffentlich passierte.
H.: 0 ja, richtig, ich erinnere mich. In dieser Fassung fuhr sie zu ihrer Mutter, und das Haus war voller Nachbarn: Die Mutter war gestorben. Dann kam die große Liebesszene, die unterbrochen wurde von der Polizei. Sie kam, um Marnie zu verhaften. Ich habe das fallengelassen wegen des Klischees, auf das man unvermeidlich hätte zurückgreifen müssen. Wenn die Frau von der Polizei abgeführt wird, hätte der Mann, der sie liebt, sagen müssen: »Ich werde auf dich warten.«
T.: Sie haben lieber die Polizei weggelassen und zu verstehen gegeben, daß Marnie nichts zu befürchten hat, weil Mark den verschiedenen Opfern der Diebstähle ihre Verluste ersetzt hat. Übrigens habe ich den Eindruck, daß das Publikum die Drohung der Festnahme gar nicht empfindet. Man hat nie den Eindruck, daß sie gesucht wird oder in Gefahr ist. Dasselbe Phänomen habe ich bei Spellbound beobachtet. Sie vermischen zwei Rätsel von verschiedener Art: Erstens, ein moralisches und psychoanalytisches Problem: Was kann diese Person - Gregory Peck oder Tippi Hedren - nur in ihrer Kindheit gemacht haben? Zweitens, ein handfestes Problem: Wird die Polizei sie festnehmen oder nicht?
H.: Entschuldigen Sie, aber die Drohung mit dem Gefängnis ist für mich genauso ein moralisches Problem.
T.: Sicher. Trotzdem scheint mir, daß eine polizeiliche und eine psychoanalytische Untersuchung kaum zusammengehen können. Als Zuschauer weiß man nicht mehr, was man der Person wünschen soll: ihrer Neurose auf den Grund zu kommen oder der Polizei zu entwischen. Außerdem scheint es mir äußerst schwierig, diese beiden Handlungen gleichzeitig zu führen, weil die Verfolgung durch die Polizei ein rasantes Tempo verlangt, während sich die psychologische Untersuchung sehr langsam entwickelt.
H.: Das stimmt. Was mich bei der Konstruktion von Marnie störte, war die zu lange Periode zwischen dem Augenblick, als sie die Arbeit bei Rutland bekommt, und ihrem Diebstahl. Zwischen den beiden Momenten macht Mark ihr den Hof, aber das reicht nicht aus. Auf das Problem stoßen wir häufig. Wir spüren, daß etwas eine bestimmte Vorbereitung erfordert, aber die Vorbereitung selbst kann lästig werden, weil man sie, damit sie nicht noch länger wird, nicht mit amüsanten Details ausfüllt, die sie interessanter machen würde. Das habe ich in Rear Window gespürt, in dem sehr viel Zeit vergeht, bevor James Stewart anfängt, gegenüber dem Mann auf der anderen Seite des Hofes mißtrauisch zu werden.
T.: Ja, da gab es einen ersten Tag, der die Exposition bildete, aber da habe ich sehr interessant gefunden.
H.: Weil Grace Kelly angenehm anzuschauen war und der Dialog gut ist.
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.

Info: Ausstattung: Robert Boyle, George Milo. Schnitt: George Tomasini. Kostüme: Edith Head. Ton: Waldon O. Watson, William Green.

Bond-Pause: Sean Connery, der sich nach "Dr. No" und "Liebesgrüße aus Moskau" nicht Auf die "007"-Rolle festlegen lassen wollte, gab mit Hitchcocks "Marnie" sein US-Debüt.

Hintergrund: Skandal beim Dreh: Ein Jahr zuvor hatte Hitchcock Tippi Hedren für "Die Vögel" engagiert - mit Folgen: Die Schauspielerin, die während der Dreharbeiten zusammenbrach, zerstritt sich mit dem Filmemacher. Im Rückblick bezeichnete sie die Zusammenarbeit als "die schlimmsten Wochen meines Lebens" (Tippi Hedren fühlte sich während des Drehs von Alfred Hitchcock sexuell belästigt).

Grace Kelly, damals bereits Fürstin von Monaco, lehnte die Hauptrolle ab.

Mit Marnie hat der Regisseur Alfred Hitchcock den dritten Film in einer Reihe von Spielfilmen gedreht, die sich noch mehr als vorher mit psychologischen Themen befassen. War es in Psycho der Psychopath "Norman Bates", der die Hauptperson bildet und wurde in Die Vögel die Rolle des weiblichen Hauptcharakters (ebenfalls Tippi Hedren) zu der Mutter ihres Freundes behandelt, so erklärt Marnie nicht nur die kleptomanische Seite der Hauptperson. Der Film beleuchtet auch das manische Vorgehen Marks, der mit Gewalt über Marnie verfügen möchte und sie mit Erpressung zur Ehe zwingt.

Der Film wurde - im Gegensatz zum Vorgänger Die Vögel - kein großer Erfolg, steht jedoch in Hitchcocks Bestreben, als Auteur angesehen zu werden.

Nach Marnie drehte Hitchcock mit Der zerrissene Vorhang und Topas wieder zwei Spionagegeschichten, so dass die drei angesprochenen Filme Psycho, Die Vögel und Marnie eine Serie bilden. Dies drückt sich, wie Hitchcock selbst bemerkte, auch in den Namen der drei weiblichen Hauptcharaktere der Filme aus: "Marion" (Psycho) + "Melanie" (Die Vögel) = "Marnie" (Marnie).

Preise/Auszeichnungen: -

Literatur: Winston Graham: Marnie (OT: Marnie). Piper, München und Zürich 1994, ISBN 3-492-11931-X

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Neuverfilmungen: -

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Dokumentation: The Trouble with Marnie