|
|
||
|
|
||
|
William Hitchcock starb 1914, mit 52 Jahren. Widerstansfähiger war seine Frau, sie überlebte ihn um 37 Jahre. Jeden Sonntag mußte ihr Jüngster mit ihr mehrere Kilometer laufen, weil sie unbedingt in ihrer früheren Gemeindekirche, St. Francis in Stratford, die Messe hören wollte. Sicher bestand sie auch auf einer katholischen Trauung des Sohnes, die die Konversion der Braut voraussetzte. Die Mutter begleitete das junge Paar auf seinen Reisen, und angeblich war der Sohn oft mehr um sie als um seine Frau bemüht. Am Ende von "To Catch A Thief" sagte die Braut zum Bräutigam: So lebst du also. Na, Mutter wird es hier gefallen!" Fast ein tragischer Schluß, fand Hitchcock. Dominierende Mütter gehören zum Ensemble erst seiner späteren amerikanischen Filme. Vorher verkörpern vorzugsweise Väter die Autoritäten, die von rebellischen (Schwieger-)Söhnen in Frage gestellt werden. Emma Newton in "Shadow of a Doubt", 1942, ist ein freundlich-ironisches Mutterportrait; sie schreit immer laut ins Telefon, als müsse sie so die Distanz überwinden. Im selben Jahr starb Emma Hitchcock. Heim, Familie und eine starke Mutter, im Hollywoodkino noch der Kriegsjahre selten in Frage gestellte Werte, nehmen bei Hitchcock alptraumhafte Züge an, zuerst in "Notorious", 1946. Der Vater von Ingrid Bergmann ist ein Landesverräter; um sich zu rehabilitieren, muß sie sich mit einem Feinagenten einlassen, der seinerseits unterm Pantoffel seiner Mutter steht. Francois Truffaut, dessen eigenes problematisches Mutterverhältnis 'Les quatre cents coups' ebenso bezeugt wie de Baec-que-Toubianas Biografie, schreibt der Mutter-Sohn-Beziehung im Haus Sebastian einen realen Hintergrund zu. "Claude Rains, wenn er mitten in der Nacht ängstlich das Schlafzimmer seiner Mutter betritt und ihr wie ein schuldbewußter kleiner Junge gesteht: 'Mama, ich habe eine amerikanische Spionin geheiratet', das ist für mich Hitchcock" - der junge Hitchcock, der angeblich Abend für Abend der Mutter am Fußende ihres Bettes Rede und Antwort stehen mußte über sein Treiben im Laufe des Tages. Das gehört nicht zum offiziellen Anektotenschatz; Hitchcock soll es Tippi Hedren erzählt haben, von der hat es sein Biograph Donald Spoto. Auszug aus "Alfred Hitchcock" von Enno Patalas Alfreds Mutter Emma, ein Jahr jünger als ihr Mann, war in West Ham aufgewachsen. Auch ihre Vorfahren waren Auswanderer irischer Herkunft: diese hatten sich in den vornehmlich von Angehörigen der Unterschicht bevölkerten Randbezirken der englischen Metropole angesiedelt. Alfred wuchs fast wie ein Einzelkind auf, verhätschelt von seiner Mutter, die zu Hause das Sagen hatte, und streng erzogen von einem Vater. Emma Hitchcock legte großen Wert auf die katholische Erziehung ihres Sohnes. Auszug aus "Alfred Hitchcock" von Bernhard Jendricke So verhätschelte Mama den geliebten 'Fred', wie sie ihn nannte. Er haßte den Namen ... Mama schickte ihn sonntags mehrere Kilometer weit nach Stratford ins Gotteshaus ihrer früheren Heimatgemeinde zur Messe. Wäre er gern Priester geworden? Die Mutter hätte bestimmt das letzte Hemd dafür hergegeben. Auszug aus "Alfred Hitchcock - Der Meister der Angst" von Ronald M. Hahn, Rolf Giesen Emma Jane Whelan, Tochter schreibkundiger irischer Einwanderer der zweiten Generation, war in der John Street Nummer 4 in West Ham aufgewachsen. Ihr Vater, John Whelan, war, wie die Geburtsurkunde zeigt, nicht nur Ire und Katholik, sondern auch noch - und das machte ihn in seinen heimischen Gefielden doppelt unbeliebt - ein Polizist. Im Alter von vierundzwanzig heiratete William Hitchcock also Emma Jane Whelan. Sie war ein Jahr jünger als er. Als Hitchcocks Vater vierzig wurde, ging es mit seiner Gesundheit bergab. Das führte dazu, daß die Mutter noch dominierender wurde, als es in East-End-Familien ohnehin schon üblich war. Unausweichlich wurde Alfreds Mutter zum Zentrum im Leben des Jungen, wobei Mrs. Hitchcock ihr jüngstes Kind mit übergroßer Zärtlichkeit umgab, aber auch mit einer zu dieser Zärtlichkeit heftig kontrastierenden Strenge, die ihrem irisch-katholischen Hintergrund entstammte. Einer Cousine zufolge war Emma Hitchcock 'eine fesch gekleidete, gesetzte Person, die mit ruhiger Stimme sprach und etwas Aristokratisches an sich hatte. Wenn es darum ging, eine Mahlzeit zuzubereiten, was eine ihrer Stärken war, legte sie großen Wert auf jedes Detail. Sie verließ nie das Zimmer, ohne perfekt und ordentlich gekleidet zu sein, und sie erledigte alles in Ruhe und mit Würde.' Hitchcock selbst bezog sich selten auf seine Mutter - außer in seinen Filmen -, und wenn er von ihr sprach, dann tat er es nur kurz und sehr allgemein. Wir wissen jedoch, daß sie auch später noch oft ihren Sohn in den Urlaub begleitete - auch als er schon erwachsen und verheiratet war. Und dann fühlte er sich mehr dazu getrieben, ihre Wünsche zu erfüllen, als sich um die seiner Frau zu bemühen. Abend für Abend, wenn Alfred nach Hause kam, ob aus der Schule, von einem Tanz oder nur von einem Spaziergang auf der High Road, mußte er am Fußende des mütterlichen Bettes detaillierte Fragen über seinen Tagesablauf mit detaillierten Auskünften beantworten. "Das verlangte sie immer von mir. Das war ein Ritual. Ich erinnere mich oft dieser abenteuerlichen Beichte", erzählte er noch fünfzig Jahre später. Mitte September 1942 kehrt die Mannschaft zur Studioarbeit nach Hollywood zurück, und die befürchtete Nachricht traf kurz danach ein. Hitchcock erfuhr vom Tod seiner Mutter innerhalb von Stunden, nachdem er am Morgen des 26, September, eines Samstags, eingetreten war. Sie war 79 Jahre alt... Sie entschlief ruhig in Anwesenheit ihres Sohnes William und des Arztes..., der als Todesursache akutes Nierenversagen, eine Unterleibsfistel und einen Darmdurchbruch angab. Auszüge aus "Alfred Hitchcock - Die dunkle Seite des Genies" von Donald Spoto Am 26. September 1942 stirbt Emma Jane Hitchcock in London. |
||