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Original-Titel: Sabotage
Deutscher Titel: Sabotage
Genre: Thriller, sw
Studio/Produktionsland: Shepherd/Gaumont-British Picture. England
Filmjahr: 1936
Filmlänge: 77 Min.
Drehbuch: Charles Bennett nach dem Roman "The Secret Agent" von Joseph Conrad
Musik: Louis Levy
Kamera: Bernard Knowles
Regie: Alfred Hitchcock
Produzent: Michael Balcon, Ivor Montagu
Darsteller: Sylvia Sidney (Sylvia Verloc), Oscar Homolka (Carl Verloc),
Desmond Tester (Stevie, Sylvias kleiner Bude), John Loder (Ted Spencer, der Polizist), Joyce Barbour
(Renee), Matthew Boulton (Superintendent Talbot), S. J. Warmington (Hollingshead),
William Dewhurst (Professor), Martita Hunt (Tochter), Peter Bull (Michaelis),
Torin Thatcher (Yunct), Austin Trevor (Vladimir), Clare Greet (Mrs. Jones, die
Köchin), Aubrey Mather (Greengrocer), Peter Bull (Michaelis), , Martita Hunt
(Miss Chatman), Hal Walters (Vater), Frederick Piper (Reporter),
Charles Hawtrey (Studious Youth), Sam Wilkinson,
Sara Allgood, Pamela Bevan, Frank Atkinson.
Inhaltsangabe: Der Saboteur, Veloc (Oscar Homolka), ist der freundliche
Geschäftsfürer eines kleinen Kinos. Er lebt mit seiner jungen Frau (Sylvia
Sidney) und deren kleinem Bruder zusammen. Als Gemüsehändler getarnt, überwacht ein
gutaussehender Kriminalbeamter das Kino und macht Mrs. Verloc den
Hof. Eines Tages lässt Verloc, der sich bespitzelt fühlt, den Bruder seiner
Frau ein Paket ans andere Ende der Stadt bringen. Es erhält eine Bombe mit
Zeitzünder. Der Junge bummelt unterwegs, und die Bombe explodiert in einem Bus.
Das Kind stirbt. Die junge Frau, die jetzt alles durchschaut, rächt ihren
Bruder, indem sie ihren Mann mit einem Messer ersticht. Glücklicherweise fliegt
das Kino in die Luft, und der Mord bleibt unentdeckt. Der Kriminalbeamte wird
sich um die junge Frau kümmern.
Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: Noch The Secret Agent drehten Sie Sabotage (1936), nach
einem Roman von Joseph Conrad, der The Secret Agent heißt. Das hat
gelegentlich zu einem Durcheinander in Ihren Filmografien geführt.
H.: Der amerikanische Verleihtitel von Sabotage war The
Woman Alone. Haben Sie ihn gesehen?
T.: Ja, ganz kürzlich erst, und ich mußgestehen, daß er mich,
gemessen an seinem Ruf, etwas enttäuscht hat. Die Exposition ist ausgezeichnet,
Zunächst eine Großaufnahme von einem Wörterbuch mit der Definition von
»Sabotage«, dann die Großaufnahme einer elektrischen Birne, Totale auf eine
erleuchtete Straße, wieder zurück zur Großaufnahme der Birne, die ausgeht, eine
dunkle Einstellung und jemand, in einem Elektrizitätswerk, der sagt: »Sabotage.«
Dabei steht er neben einer Maschine und hält etwas Sand in der Hand. Dann wieder
unten in der Straße. Ein Händler, der Streichhölzer verkauft, Marke »Luzifer«.
Dann sieht man zwei Nonnen vorbeigehen und hört ein diabolisches Lachen. Dann
stellen Sie Oscar Hornolka vor, wie er nachhause kommt in die Toilette geht und
sich die Hände wäscht, und unten in der Waschschüssel setzt sich etwas Sand ab.
Was mich enttäuschte, war vor allem die Figur des Kiiminalbeamten.
H.: Den Kriminalbeamten sollte Robert Donat spielen, aber Alexander Korda
hat ihn nicht freigestellt. Während der Dreharbeiten habe ich die Dialoge
umschreiben müssen, weil der Schauspieler nicht paßte. Aber außerdem ist mir ein
schlimmer Fehler unterlaufen: der kleine Junge, der die Bombe transportiert.
Wenn jemand eine Bombe transportiert, ohne es zu wissen, wie ein einfaches
Paket, versetzen Sie das Publikum in einen sehr starken Suspense.
Während seines
Weges ist die Figur des kleinen jungen dem Publikum so sympathisch geworden, daß
ich es mir eigentlich nicht leisten konnte, ihn sterben zu lassen, bei der
Explosion der Bombe im Autobus.
Was hätte ich machen sollen? Oscar Homolka hätte den Jungen absichtlich
umbringen müssen, und zwar so, daß man den Mord nicht gesehen hätte, und seine
Frau hätte ihn nachher töten müssen, um ihren kleinen Bruder zu rächen.
T.: Ich glaube, selbst mit dieser Lösung wäre das Publikum nicht zufrieden
gewesen. Es ist, glaube ich, sehr problematisch, in einem Film ein Kind sterben
zu lassen. Das grenzt schon an Mißbrauch des Kinos. Was meinen Sie?
H.: Ich bin ganz Ihrer Meinung. Es ist ein schwerer Fehler.
T.: Zu Beginn von Sabotage sieht man, wie der Junge sich verhält, wenn er
allein ist. Sie lassen ihn heimliche, verbotene Dinge tun. Heimlich nascht er
vom Essen, zerbricht dabei einen Teller und versteckt die Scherben in einer
Schublade. Aber alles das macht ihn uns sympathisch, einem drarnaturgischen
Gesetz zufolge, das für Kinder einnimmt. Etwas ähnliches passiert aus demselben
Grund mit der Figur des Verloc, wahrscheinlich, weil Oscar Homolka rundlich ist.
Man hält einen runden Mann immer für menschlich und findet ihn eher sympathisch.
Deshalb ist man unangenehm berührt, wenn der Kriminalbeamte mit Mrs. Verloc zu
flirten beginnt. Man ist dann für Verloc und gegen den Kriminalbeamten.
H.: Ich bin ganz Ihrer Meinung, aber es liegt daran, daß der Schauspieler
John Loder, der den Kriminalbeamten spielt, nicht zu der Figur paßte.
T.: Ganz bestimmt. Aber hinzu kommt - und das ist einer der wenigen
Einwände, die ich gegen einige Ihrer Drehbücher habe -, daß die
Liebesbeziehungen zwischen der Heldin und dem Polizisten, der den Fall
bearbeitet, ein Unbehagen verursacht, ein moralisches Unbehagen. Ich weiß, Sie
mögen die Polizei nicht besonders, aber in dieser Romanze zwischen der Heldin
und dem Kriminalbeamten ist etwas Unangenehmes, Peinliches.
H.: Ich bin doch nicht gegen die Polizei, ich habe nur Angst vor ihr.
T.: Angst vor der Polizei hat jeder, Aber bei Ihnen kommt die Polizei
immer erst dann, wenn die Sache vorüber ist. Sie versteht nichts, und der Held
ist immer besser als sie. Aber ich habe ohnehin den Eindruck, daß es für Sie
etwas anderes bedeutet als für den Zuschauer, wenn eine Ihrer Hauptfiguren ein
Polizist ist. Zum Beispiel der Polizist in Shadow of a Doubt ist ganz
offensichtlich ein ziemlich mittelmüßiger Typ, während das Drehbuch doch
verlangt, daß er neben Onkel Charlie bestehen kann, und das verdirbt mir ein
wenig den Schluß.
H.: Ich verstehe sehr gut, was Sie sagen wollen. Ich sage nochmal, das
ist nur eine Frage der Besetzung. Es stimmt für Sabotage, und es stimmt für
Shadow of a Doubt. Die Kriminalbeamten da sind Nebenrollen, nicht wichtig genug,
als daß berühmte Schauspieler dafür zu gewinnen waren. Der Name der Darsteller
kommt auf dem Plakat erst »nach dem Titel«, da liegt das wahre Problem.
T.: Anders gesagt, diese Nebenrollen sind schwieriger zu spielen als die
Hauptrollen und deshalb schwerer zu besetzen,
H.: Genau.
T.: Natürlich ist das Schönste an Sabotage die Essensszene, gegen Ende,
des Films, nach der Bombenexplosien, bei der das Kind umgekommen ist, wenn
Sylvia Sidney sich entschließt, Oskar Homolka umzubringen. Es gibt da eine Menge
Einzelheiten, die auf den Tod des Kindes anspielen, und als sie schließlich
ihren Mann ersticht, ist es wenige, ein Mord als ein Selbstmord. Oscar Homolka
läßt sich von Sylva Sidney umbringen, die dabei klagende Laute ausstößt. Das ist
hinreißend, wie der Tod von Carmen bei Mérimée.
H.: Da lag das ganze Problem. Die Sympathie des Publikums mußte Sylvia
Sidney erhalten bleiben, der Tod Verlocs mußte wie ein Unfall wirken, und
deshalb war es unbedingt notwendig, daß das Publikum sich mit Sylvia Sidney
identifizierte. In diesem besonderen Fall wird vom Publikum nicht verlangt, daß
es Angst hat, sondern daß es Lust hat zu töten, und das ist schwieriger. Und so
habe ich das gemacht: Während Sylvia Sidney die Gemüseplatte auf den Tisch
stellt, ist sie wie behext von dem Messer, als ob ihre Hand sich selbständig
machte, wenn sie danach greift. Die Kamera geht auf ihre Hand, dann auf ihre
Augen, dann auf ihre Hand und wieder auf die Augen, bis zu dem Moment, in dem in
ihrem Blick das Bewußtsein davon erscheint, was das Messer bedeutet. Dann eine
gewöhnliche Einstellung von Verloc, der gedankenlos sein Gemüse ißt, wie jeden
Tag. Dann wieder zurück zu der Hand und dem Messer.
Der falsche Weg hätte darin bestanden, durch Sylvia Sidneys Mienenspiel dem
Publikum zu erklären, was in ihrem Inneren vorgeht. So etwas mag ich nicht. Im
Leben sind den Leuten auch ihre Gefühle nicht ins Gesicht geschrieben. Ich bin
Regisseur, und deshalb versuche ich, dem Publikum den Seelenzustand dieser Frau
auschließlich mit Kinomitteln klarzumachen.
Jetzt ist die Kamera auf Verloc, dann geht sie auf das Messer und nochmal zu
Verloc, auf sein Gesicht. Plötzlich merkt man, daß er das Messer sieht und weiß,
was es für ihn bedeutet. Der Suspense zwischen den beiden Figuren ist jetzt da,
und zwischen ihnen ist das Messer. Dank der Kamera ist das Publikum jetzt ein
Teil der Szene. Die Kamera darf auf keinen Fall plötzlich distanziert und
objektiv werden, dann wäre die Emotion, die entstanden ist, wieder zerstört.
Verloc steht auf und geht um den Tisch herum direkt auf die Kamera zu, so daß
der Zuschauer das Gefühl hat, er müsse zur Seite treten, um ihm Platz zu machen.
Der Zuschauer müßte eigentlich in seinem Sessel leicht zur Seite rücken, um
Verloc vorbeizulassen. Wenn Verloc dann an uns vorbei ist, gleitet die Kamera
wieder auf Sylvia Sidney und kehrt zu dem entscheidenden Gegenstand, zu dem
Messer, zurück. Und dann geht die Szene weiter, wie, das wissen Sie ja, bis zum
Mord.
T.: Die ganze Szene ist vollkommen überzeugend. Ein anderer hätte sie
vielleicht völlig ruiniert, nur dadurch, daß er, wenn Verloc aufsteht, den
Blickwinkel der Kamera geändert und sie für eine Totale des Zimmers weiter
zurück postiert hätte, ehe er in die Nahaufnahme zurückgegangen wäre. Der
kleinste Fehler, wie das schnelle Zurückziehen der Kamera, hätte die Spannung
zerstört.
H.: Das hätte die ganze Szene ruiniert. Die erste Aufgabe besteht darin,
die Emotion zu schaffen, die zweite darin, sie zu erhalten.
Wenn man einen Film so aufbaut, braucht man keine virtuosen Schauspieler, die
mit ihren eigenen Mitteln Effekte und Hochspannung erzielen oder die durch ihr
Talent oder ihre Persönlichkeit direkt auf das Publikum wirken. Meiner Meinung
nach muß der Schauspieler im Film entschieden schmiegsamer sein, eigentlich
braucht er überhaupt nichts zu machen. Er muß ein ruhiges und natürliches
Benehmen haben, was übrigens gar nicht so einfach ist, und er muß es hinnehmen,
daß er benutzt und vom Regisseur und der Kamera in den Film eingebaut wird. Er
muß es der Kamera überlassen, die besten Akzente und die besten Höhepunkte zu
finden.
T.: Diese Neutralität, die Sie vorn Hauptdarsteller erwarten, ist eine
sehr interessante Sache. Nicht mehr zu übersehen ist das in Ihren neueren Filmen
wie Rear Window oder Vertigo. In diesen beiden Filmen hat James Stewart
überhaupt nichts auszudrücken. Sie verlangen von ihm nur drei- bis vierhundert
Blicke, und zwischendurch sieht man, was er sieht. Das ist alles. Waren Sie mit
Sylvia Sidney eigentlich zufrieden?
Hitchcock: Nicht ganz. Ich habe eben gesagt, der Filmschauspieler dürfe nichts
ausdrücken, aber von Sylvia Sidney hätte ich mir etwas mehr Bewegung in ihrem
Gesicht gewünscht.
T.: Sie ist sehr schön aber ein wenig finde ich - es ist nicht freundlich,
das von einer Frau zu sagen -, gleicht sie Peter Lorre, vielleicht wegen ihrer
Augen. Abgesehen davon, was halten Sie sonst von Sabotage?
H.: Er ist etwas - sabotiert. Abgesehen von den Szenen, die wir uns eben
vorgenommen haben, ist er unordentlich, geschludert, ich mag ihn nicht
besonders.
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.
Info: Die spannendsten
Szenen sind jene, in denen Stevie mit dem Paket durch die Stadt eilt, ohne zu
ahnen, daß es eine Zeitbombe enthält. Hier wirkt Hitchcocks Suspense
zum ersten Mal: Der Zuschauer weiß im Gegensatz zu dem Jungen, welche Fracht er
transportiert, und er verzweifelt, als er sieht, wie er die Zeit vertrödelt,
während die Bombe lautlos tickt und die Katastrophe näher rückt. Wenig erbaut
war die Kritik von Hitchcocks Idee, den in die Luft fliegenden Bus im Bild zu
zeigen: Nach einer Pressevorführung mußte man einen erbosten Journalisten mit
Gewalt hindern, den Regisseur zu ohrfeigen.
Der Film basiert auf dem Roman The Secret Agent von Joseph
Conrad. Hitchcock benutzte diesen Titel aber schon für seinen vorangegangenen
Film und musste daher den Titel auf Sabotage ändern.
Der amerikanische Verleihtitel von Sabotage war "The
Woman Alone". US re-issue title "I Married a Murderer".
Bauten: Oskar Friedrich Werndorff, Albert Jullion, Kostüme:
J. Strassner, Prod.-Firma: Gaumont-British Picture Corp. , British International
Pictures, Schnitt: Charles Frend.
Preise/Auszeichnungen: -
Literatur: Joseph
Conrad: Der Geheimagent. Eine einfache Geschichte. Roman (OT: The Secret Agent).
Piper, München und Zürich 2001, ISBN 3-492-23242-6
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