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Original-Titel: Shadow of a Doubt
Deutscher Titel: Im Schatten des Zweifels
Genre: Thriller, sw
Studio/Produktionsland: Universal. USA
Filmjahr: 1943
Filmlänge: 108 Min.
Drehbuch: Thornton Wilder, Sally Benson und Alma Reville nach einer Geschichte von Gordon McDonell
Musik: Dimitri Tiomkin, dirigiert v. Charles Previn
Kamera: Joseph Valentine
Regie: Alfred Hitchcock
Produzent: Jack H. Skirball
Darsteller: Joseph Cotton (Charlie Oakley), Teresa Wright (Charlie
Newton), MacDonald Carey (Jack Graham), Patricia Collinge (Emma Newton), Henry
Travers (Joseph Newton), Hume Cronyn (Herbie Hawkins), Wallace Ford (Fred
Saunders), Edna Mae Wonacott (Ann Newton), Charles Bates (Roger Newton), Irving
Bacon (Bahnhofsvorsteher), Clarence Muse (Gepäckträger), Janet Shaw (Louise),
Estelle Jewell (Freundin), Virginia Brissac (Mrs.
Phillips), Frances Carson (Mrs. Poetter), Earle S, Dewey (Norton).
Inhaltsangabe: Charlie Cokley (Joseph Cotten) wird von zwei Männern
gesucht und flüchtet sich zu Verwandten nach Santa Rosa. Dort leben seine ältere Schwester, sein Schwager und vor allem seine junge Nichte (Teresa
Wright), die wie er Charlie heißt, Sie liebt und bewundert ihn sehr, dennoch
steigt in ihr der Verdacht auf, dass er der geheimnisvolle Witwenmörder ist,
der von der Polizei gesucht wird. Bestärkt werden ihre Vermutungen durch einen
jungen Kriminalbeamten (MacDonald Carey), der als angeblicher Vertreter eines
Meinungsforschungsinstituts ins Haus kommt. Ein anderer Verdächtiger wird von
den Propellern eines Flugzeugs getötet, gerade als die Polizei ihn festnehmen
will. Die Polizei legt den Fall zu den Akten, aber Onkel Charlie, der weiß,
dass seine Nichte ihn verdächtigt, versucht dreimal, sie umzubringen, zweimal
im Haus und ein drittes Mal im Zug, der ihn nach New York bringen soll. Dabei fällt er aus dem Zug und stirbt selbst unter den
Rädern eines Gegenzuges. In
Santa Rosa bekommt er ein feierliches Begräbnis. Seine Nichte ist die einzige,
die Onkel Charlies Geheimnis kennt, und nur dem Kriminalbeamten teilt sie es
mit.
Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: Ich weiß, Shadow of a Doubt ist unter Ihren Filmen derjenige,
den Sie am meisten mögen. Aber wenn durch irgendein Unglück alle Ihre anderen
Filme verloren gingen, dann würde Shadow of a Doubt, glaube ich, doch
keinen genauen Eindruck vom »Hitchcock touch« vermitteln. Ein getreueres Bild
von Ihrem Stil würde Notorious geben.
H.: Ich sollte nicht sagen, daß Shadow of a Doubt mein
Lieblingsfilm ist. Wenn ich mich ein paarmal in diesem Sinn geäußert habe, dann,
weil dieser Film auch unsere Freunde die Wahrscheinlichkeitskrämer und unsere
Freunde die Logiker zufriedenstellt.
T.: Und unsere Freunde die Psychologen.
H.: Ja, unsere Freunde die Psychologen. Das ist also eine Schwäche
meinerseits, denn auf der einen Seite gebe ich vor, mich nicht um
Glaubwürdigkeit zu kümmern, und auf der anderen bemühe ich mich um sie. Ich bin
schließlich auch nur ein Mensch. Aber vermutlich ist der zweite Grund die
Erinnerung an die besonders angenehme Zusammenarbeit mit Thornton Wilder. In
England hatte ich immer mit den besten Stars und den besten Autoren
zusammengearbeitet. In Amerika war das nicht der Fall gewesen, und ich hatte
Körbe einstecken müssen von Stars und Autoren, die die Arbeit verachteten, die
mich interessiert. Deshalb war es sehr angenehm und befriedigend für mich, daß
einer der besten amerikanischen Schriftsteller plötzlich bereit war, mit mir zu
arbeiten und diese Arbeit ernst nahm.
T.: Hatten Sie sich Thornton Wilder selbst ausgesucht, oder hatte jemand
anders ihn vorgeschlagen?
H.: Ich war selbst auf ihn gekommen. Aber blenden wir etwas zurück. Eine
Frau, Margaret MacDonnell, Leiterin der Story-Abteilung bei Selznick, sagte mir
eines Tages, ihr Mann, der Schriftsteller war, habe eine Filmidee, sie aber noch
nicht zu Papier gebracht. Ich habe sie zum Mittagessen zum Brown Derby von
Berverly Hills eingeladen, und sie haben mir die Geschichte erzählt, die wir
dann während des Essens gemeinsam ausgebaut haben. Schließlich habe ich gesagt:
»Gehen Sie nach Hause und schreiben Sie das in die Maschine.« So hatten wir ein
neun Seiten umfassendes Skelett einer Geschichte und haben das an Thornton
Wilder geschickt. Und er ist gekommen, und wir haben in dem Studio, in dem wir
jetzt sind, weitergearbeitet. Ich arbeitete mit ihm jeden Morgen, und
nachmittags schrieb er allein weiter in eine kleine Schulkladde. Er arbeitete
nicht gern kontinuierlich, sondern sprang immer von einer Szene zur anderen, wie
es ihm gerade einfiel. Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich auf Wilder
gekommen war, weil er ein ausgezeichnetes und sehr bekanntes Stück geschrieben
hatte, Our Town.
T.: Ich kenne den Film, den Sam Wood nach dem Stück gedreht hat.
H.: Als das Drehbuch fertig war, ist Thornton Wilder zur psychologischen
Abteilung der Armee gegangen. Das Drehbuch war noch nicht ganz in Ordnung, und
ich suchte jemand, der die kurzen komischen Momente, als Gegengewicht zu den
dramatischen, noch entwickeln konnte. Thornton Wilder hatte einen Autor von der
MGM vorgeschlagen, Robert Audrey, der mir aber zu ernst vorkam. Und schließlich
habe ich mit Sally Benson weitergearbeitet.
Mit Thornton Wilder hatten wir einen besonderen Realismus angestrebt, vor allem
was die Stadt und den Dekor betraf. Wir hatten ein Haus ausgewählt, und Wilder
hatte Bedenken, ob es nicht zu groß wäre für einen kleinen Bankangestellten. Wir
haben Nachforschungen angestellt, und dabei stellte sich heraus, daß der Mann,
der das Haus bewohnte, in genau derselben finanziellen Situation war wie die
Figur in unserem Film, und Wilder war zufrieden. Als wir vor den Dreharbeiten
wieder in die Stadt kamen, hatte der Mann, weil er so froh darüber war, daß sein
Haus in einem Film vorkommen sollte, es frisch gestrichen. Wir waren gezwungen,
alles wieder "dreckig« anzustreichen. Natürlich haben wir ihm das Haus nach den
Dreharbeiten wieder frisch gestrichen.
T.: Man ist überrascht, wenn man im Vorspann diese Danksagung an Thornton
Wilder liest.
H.: Ich habe das getan, weil ich wirklich beeindruckt war von den
menschlichen Qualitäten dieses Mannes.
T.: Aber weshalb haben Sie ihn dann nicht für weitere Drehbücher
engagiert?
H.: Er ging in den Krieg, und ich habe ihn erst Jahre später wieder
gesehen.
T.: Ich wüßte gern, wie Sie auf die Idee gekommen sind, die Melodie aus
der Lustigen Witwe durch ein tanzendes Paar zu illustrieren. Das ist ein Bild,
das in dem Film mehrfach wiederkehrt.
H.: Sie erinnern sich auch, daß ich es unter dem Vorspann verwandt habe.
T.: War das eine Archivaufnahme?
H.: Nein, ich habe das selbst gedreht. Ich erinnere mich nicht mehr
genau, wer als erster darauf kommt, ein paar Takte aus der Lustigen Witwe zu
pfeifen. War es Onkel Charlie oder das Mädchen?
T.: Zuerst zeigen Sie das tanzende Paar und man hört orchestriert Die
Lustige Witwe. Dann trällert die Mutter die ersten Takte, dann das Mädchen,
und dann suchen alle am Tisch noch dem Titel. Joseph Cotten, leicht verwirrt,
sagt: »Das ist Die Blaue Donau.« Und die Nichte sagt: »Ja, richtig. Ach nein, es
ist Die Lustige ...« Da stößt Cotten ein Glas um, um sie abzulenken.
H.: Er möchte nicht, daß man sagt: »Das ist Die Lustige Witwe«, weil das
der Wahrheit zu nah kommen würde. Das ist wieder eine dieser
Telepathiegeschichten zwischen Onkel Charlie und dem Mädchen.
T.: Shadow of a Doubt ist mit Psycho einer Ihrer wenigen
Filme, in denen die Hauptfigur der Schurke ist und das Publikum zugleich sehr
mit ihm sympathisiert, vermutlich weil man nie sieht, wie er die Witwen
umbringt.
H.: Vermutlich. Und dann ist er ein Mörder mit einem Ideal. Er gehört zu
den Mördern, die sich berufen fühlen zu zerstören. Vielleicht verdienten die
Witwen ihr Schicksal, aber es stand ihm nicht zu, es zu tun. Der Film enthält
ein moralisches Urteil. Zum Schluß des Filmes kommt er um, nicht? Seine Nichte
bringt ihn um, wenn auch ohne Absicht. Das bedeutet, daß nicht alle Schurken
schwarz sind und nicht alle Helden weiß. Überall gibt es grau. Onkel Charlie
liebte seine Nichte sehr, aber nicht so sehr wie sie ihn. Aber sie mußte ihn
verderben, denn erinnern wir uns, was Oscar Wilde sagt: »Man tötet, was man
liebt.«
T.: Ein Detail aus Shadow of a Doubt würde mich noch
interessieren. In der ersten Bahnhofsszene, wenn der Zug einfährt, aus dem Onkel
Charlie aussteigt, kommt dieser schwarze Rauch aus dem Schornstein der
Lokomotive. Wenn der Zug nah herankommt, ist der ganze Bahnsteig davon voll. Ich
hatte den Eindruck, daß das Absicht war, denn am Schluß des Films, in der
zweiten Bahnhofsszene, wenn der Zug wegfährt, ist da nur eine ganz gewöhnliche
kleine Wolke.
H.: Allerdings, für die erste Szene hatte ich viel schwarzen Rauch
verlangt. Das ist eins von diesen Dingen, mit denen man sich ungeheure Mühe
macht, und hinterher merkt man es kaum. Aber hier hatten wir obendrein noch
Glück. Die Sonne stand so, daß ein wunderschöner Schatten über den ganzen
Bahnhof fällt.
T.: Dieser schwarze Rauch läßt sich so übersetzen: jetzt zieht der Teufel
in die Stadt ein.
H.: Ja sicher. Ganz ähnlich ist es in The Birds, wenn Jessica
Tandy in ihrem Lieferwagen wieder davonfährt, nachdem sie die Leiche des Farmers
entdeckt hat. Sie hat wirklich einen Schock gekriegt, und um diese Emotion zu
erhalten, habe ich Rauch aus dem Auspuff kommen und Staub von der Straße
aufwirbeln lassen. Im Kontrast zu der friedlichen Szene, als sie ankam - eine
etwas feuchte Straße und kein Rauch aus dem Auspuff.
T.: Abgesehen von dem Kriminalbeamten ist die Besetzung von Shadow of
a Doubt ganz ausgezeichnet, und ich vermute, daß Sie mit Joseph Cotten sehr
zufrieden waren und auch mit Teresa Wright. Es ist wirklich eins der besten
Mädchenporträts in einem amerikanischen Film. Sie ist sehr hübsch, mit einer
guten Figur und einem graziösen Gang.
H.: Ja, wir hatten sie bei Goldwyn ausgeliehen, bei dem sie unter Vertrag
war. Die ganze Ironie der Situation lag darin, daß sie in ihren Onkel verliebt
war.
T.: Ach ja, noch zu dieser Verliebtheit. Ganz zum Schluß des Films sieht
man das Mädchen und ihren Verlobten, den Polizisten, vor der Kirche stehen. Im
Ton hört man im Hintergrund den Pfarrer eine Lobrede auf Onkel Charlie halten,
etwa so: »Er war ein außerordentliches Wesen ...« Währenddessen schmieden das
Mädchen und der Polizist Zukunftspläne, und das Mädchen sagt etwas ziemlich
Zweideutiges etwa: »Wir sind die einzigen, die die Wahrheit kennen.«
H.: Ich erinnere mich des Satzes nicht genau, aber die Idee war, daß das
Mädchen ihr Leben lang in ihren Onkel Charlie verliebt bleiben würde.
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois
Truffaut.
Info: Alfred Hitchcock
erwähnte öfter, dass dies sein Lieblingsfilm wäre.
Der Film war in Westdeutschland nach dem Krieg kurze
Zeit als Im Schatten des Zweifels im Verleih und wurde später nur
vom Fernsehen gezeigt.
Der Film bezieht sein Spannung weniger aus der Frage
nach Schuld, als aus der zwiespältigen Beziehung zwischen dem sympathischen und
verbrecherischen Onkel und der naiven und unschuldigen Charlie. Das Gute ist vom
Bösen fasziniert, aber auch das Böse beginnt Sympathien und so etwas wie
Zuneigung zu entwickeln.
Nicht nur für Alfred Hitchcock, der die Arbeit im Studio
über alles liebte, sondern auch ganz allgemein für die damalige Filmarbeit sind
in dem Film ungewöhnlich viele Aufnahmen „on Location“, also an einem realen,
nicht im Studio gebauten Set gefilmt worden. Das hatte jedoch weniger praktische
oder gar künstlerische Gründe, sondern war durch den Krieg bedingt. Ein
staatliches Kriegskomitee bestimmte, wieviel Geld zum Bau von Filmsets
ausgegeben werden durfte und so sparte man, indem man sich in die Realität
hinaus wagte.
Entgegen des von Hitchcock gerne verbreiteten Mythos des Regisseurs, der sich
beim Drehen langweilt, weil er das Werk längst im Kopfe vollendet hat, wurde
auch dieser Film während der Dreharbeiten permanent umgeschrieben und
verfeinert. Einen Großteil der Umschreibarbeit tat die Darstellerin der Mutter
Emma (Patricia Collinge), die bereits Erfahrung mit dem Schreiben hatte und sich
sehr gut in das bürgerliche Ambiente und in die Figuren des Films
hineinversetzen konnte. Sie wird jedoch im Vor- oder Abspann nicht genannt.
Im Schatten des Zweifels wird nicht nur oft als Hitchcocks Lieblingsfilm
bezeichnet, er gilt auch als sein persönlichstes Werk. Es gibt zahlreiche
Parallelen zu Hitchcocks Leben, sei es der Name der Mutter, biografische
Erlebnisse die er in Dialogen einflechtet, oder, so Spoto in seiner
umfangreichen Hitchcockbiographie, die Tatsache, dass man in den beiden
Hauptfiguren (den beiden Charlies) die zwei verschiedenen
Persönlichkeitsstrukturen Hitchcocks wiederfindet.
Im Schatten des Zweifels war zwar der Drehbuchtitel, wurde aber nur als
vorübergehend bezeichnet, bis ein besserer Titel gefunden würde.
Der verwendete Walzer Lippen schweigen, 's flüstern Geigen aus Franz
Lehárs Operette Die lustige Witwe wird im Film als Merry Widow-Walzer
bezeichnet.
Preise/Auszeichnungen: -
Literatur: -
Videos
Neuverfilmungen:
Step Down To Terror, USA 1958, Regie: Harry Keller
Shadow Of A Doubt/Im Schatten des Zweifels, USA 1991, Regie: Karen Arthur, TV-Film
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