| |
Original-Titel: The Lady Vanishes
Deutscher Titel: Eine Dame verschwindet
Genre: Agenten-Thriller, sw
Studio/Produktionsland: Gainsborough Pictures. England.
Filmjahr: 1938
Filmlänge: 97 Min.
Drehbuch: Sidney Gilliat und Franck Launder nach dem Roman "The Wheel Spins" von Ethel Lina White
Musik: Louis Levy, Cecil Milner
Kamera: Jack Cox
Regie: Alfred Hitchcock
Produzent: Edward Black
Darsteller: Margaret Lockwood (Iris Henderson), Michael Redgrave
(Gilbert Redman), Paul Lukas (Dr. Hartz), Dame May Whitty (Miss Froy), Googie Withers
(Blanche), Cecil Parker (Eric Todhunter), Linden Travers (Mrs. Margaret Todhunter), Mary
Clare (die Baronin), Naunton Wayne (Caldicott), Basil Radford (Carters), Emil
Boreo (Hotelmanager), Googie Withers (Blanche), Sally Stewart (Julie), Philip
Leaver (Doppo), Zelma Vas Dias (Signora Doppo), Catherine Lacey (Nonne),
Josephine Wilson (Madame Kummer), Charles Oliver (Abwehroffizier), Kathleen
Tremaine (Anna).
Inhaltsangabe: Als sie im Balkanexpress aus den Ferien heimkehrt, lernt
Iris, eine junge Engländerin, eine charmante alte Dame, Miss Froy, kennen. Während der Fahrt verschwindet
diese auf geheimnisvolle Weise, und als Iris sie
sucht, leugnen alle Fahrgäste, sie gesehen zu haben. In Wahrheit ist der Zug
voller Agenten, und Miss Froy, die eine Geheimagentin ist, wurde geknebelt und
gefesselt. Iris fürchtet, verrückt zu werden, und alle bemühen sich, sie in
diesem Glauben zu bestärken. Glücklicherweise hilft ihr bei ihren
Nachforschungen ein junger Spezialist für Volkslieder (Michael Redgrave). Der
Zug wird auf ein Nebengleis gestellt und angegriffen. Miss Froy taucht wieder
auf und kann fliehen. Alle treffen sich gesund im Foreighn Office wieder, wo
Miss Froy die Botschaft abliefert, für die sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt
hat: die ersten Takte einer Mandolinenmelodie.
Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: Sprechen wir nun über The Lady Vanishes. Man kann ihn in
Paris sehr oft sehen, und es kommt vor, daß ich ihn mir zweimal in eine Woche
anschaue. Und jedesmal sage ich mir: Da ich ihn ja auswendig kenne, werde ich
mich nicht um die Geschichte kümmern, ich werde nur auf den Zug achten. Ob der
Zug sich bewegt. Wie die Rückprojektionen sind. Ob es in den Abteilen
Kamerabewegungen gibt. Und jedes Mal bin ich wieder so gefesselt von den
Personen und de Handlung, daß ich immer noch nicht weiß, wie der Film gemacht
ist.
H.: Er ist 1938 in dem kleinen Islington-Studio entstanden, in
einem Atelier von dreißig Metern Länge, mit einem einzigen Eisenbahnwagen, alles
andere ist mit Rückprojektionen und Modellen gemacht. Technisch gesehen, war das
ein sehr interessanter Film. Ich hatte zum Beispiel die bekannte Szene um ein
Getränk, in das man ein Schlafmittel getan hat. Was macht man gewöhnlich in so
einem Fall? Man hilft sich irgendwie mit dem Dialog. »Hier, trinken Sie das.«
»Nein, danke.« »Aber es wird Ihnen bestimmt gut tun.« »Jetzt nicht, vielleicht
später.« »Aber, bitte.« »Sie sind zu freundlich.« Und der Betreffende nimmt das
Glas, führt es zum Mund, zögert, stellt es wieder hin, nimmt es wieder, beginnt
von neuem zu sprechen, ehe er trinkt. Ich habe mir gesagt, so werde ich es nicht
machen, versuchen wir mal etwas Neues. Ich habe einen Teil der Szene zwischen
den Gläsern durch fotografiert, damit das Publikum sie ständig sieht, aber erst
am Schluß der Szene haben die Personen die Gläser berührt. Ich hatte dafür
besonders große Gläser herstellen lassen…
T.: ...Das Drehbuch war ausgezeichnet.
H.: Ja, von Sidney Gilliat und Frank Launder. Aber denken wir mal
einen Augenblick an unsere Freunde, die Wahrscheinlichkeitskrämer. Sie könnten
sich fragen, weshalb die Botschaft einer alten Dame anvertraut wird, die jeder
ohne weiteres niederschlagen kann. Weshalb schicken diese Leute von der
Spionageabwehr ihre Botschaft nicht mit einer Brieftaube? Wenn man bedenkt,
welche Mühe sie sich gemacht haben, die Dame in den Zug zu bringen, mit soviel
Komplizen rundherum, sogar mit einer Frau, die bereitsteht, mit ihr die Kleid zu
tauschen, ganz zu schweigen davon, daß man den Wagen abhängt, und im Wald
verschwinden lässt.
T.: Noch dazu, wenn man bedenkt, daß die Botschaft einfach aus den
ersten fünf oder sechs Takten eines Liedes besteht, die die alte Dame behalten
muß. Das ist lächerlich und wirklich hübsch.
H.: Ein Hirngespinst, ein reines Hirngespinst. Wissen Sie
eigentlich, daß dieselbe Geschichte drei- oder viermal verfilmt worden ist?
T.: Meinen Sie, man hat Remakes davon gemacht?
H.: Nein, keine Remakes, sondern Geschichten nach demselben Prinzip nur
in verschiedener Form. Allem zugrunde liegt eine Geschichte, die 1889 in Paris
passiert sein soll. Eine Frau kommt mit ihrer Tochter in Paris an. Sie steigen
in einem Hotel ab. Da wird die Mutter krank. Der Arzt kommt, untersucht die
Frau, nimmt den Hotelbesitzer beiseite und redet mit ihm. Dann sagt er zu der
Tochter: »Ihre Mutter braucht bestimmte Medikamente«, und schickt sie mit einer
Kutsche ans andere Ende von Paris. Als sie nach vielleicht vier Stunden
zurückkommt und fragt: »Wie geht es meiner Mutter?« antwortet der Hotelier:
»Welcher Mutter? Wir kennen Sie nicht. Wer sind Sie? Das Mädchen sagt: »Meine
Mutter ist in dem und dem Zimmer. Man führt sie zu dem Zimmer, aber da wohnen
ganz andere Gäste die Möbel stehen nicht mehr am selben Platz, und die Tapeten
sind anders. Nach diesem Prinzip habe ich auch einen Halbstundenfilm fürs
Fernsehen gemacht, und die Rank hat mit Jean Simmons einen Film mit dem Titel So
Long at the Fair produziert. Der Witz bei diese' angeblich wahren Geschichte
ist, daß sie zur Zeit der großen Weltausstellung passierte, damals, als der
Eiffelturm gebaut wurde. Die beiden Frauen kamen aus Indien, und der Arzt
merkte, daß die Mutter die Pest hatte. Da hat er gedacht, wenn sich das
rumspräche, käme es zu einer Panik und alle Touristen, die zur Ausstellung
gekommer waren, würden abreisen. Das war der Grund.
T.: Geschichten dieser Art sind meist am Anfang recht aufregend, aber dann
flauen sie ab, und meistens wird es, wenn es zur Aufklärung kommt, fürchterlich.
Beim Finale von The Lady Vanishes gibt es diese Enttäuschung nicht, es ist
ausgezeichnet. Das Drehbuch war wirklich gut.
H.: Dem Film lag ein Roman von Ethel Lina White zugrunde, The Wheel
Spins, und Sidney Gilliat und Frank Launder, die sehr begabt sind, haben das
erste Drehbuch geschrieben. Ich habe ein paar Änderungen gemacht, und wir haben
die allerletzte Episode hinzugefügt. Für die Kritiker war es vor allem ein
Hitchcockfilm, und das hat Launder und Gilliat dazu gebracht, von da an ihre
eigenen Produzenten und Regisseure zu werden…
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois
Truffaut.
Info:
The LadyVanishes beruht auf dem Roman The Wheel
Spins von Ethel
Lina White, von dem Hitchcocks Drehbuch jedoch zum Teil stark abweicht. Ort der
Handlung ist ein Zug, der durch ein südliches Krisengebiet fährt. Name und
Sprache des Landes, Bandrika und Bandrieken, sind fiktiv. Vor allem seine
einzigartige Komik, die in witzigen Dialogen und absonderlichen Charakteren Bahn
bricht, hat diesen Thriller zu einem der beliebtesten Hitchcock-Filme gemacht:
"Nirgends wird weniger auf logische Verknüpfungen Wert gelegt als hier. Alles
ist möglich: Die freundliche alte Dame entpuppt sich als Geheimagentin, eine
falsche Nonne trägt Stöckelschuhe, ein Volkslied dient als Geheimcode. Dingen
wird der vertraute Schein genommen, nichts ist schließlich so, wie es zunächst
scheint. Hitchcock schafft eine völlig irreale Atmosphäre, indem er eine absurde
Situation an die andere reiht."
Für Hitchcock selbst war der Film vor
allem eine technische Herausforderung. Die Dreharbeiten fanden unter äußerst
bescheidenen Bedingungen in einem knapp 30 Meter langen Atelier und einem
einzigen Eisenbahnwaggon statt. Damit der Zuschauer trotzdem die Illusion hatte,
sich an Bord eines fahrenden Zuges zu befinden, waren zahlreiche Rückprojektionen
und Modellaufnahmen von Landschaften nötig.
The Lady
Vanishes ist wahrscheinlich Hitchcocks
erfolgreichster Film der dreißiger Jahre. Als er 1938 in die Kinos kam, wurde
er sofort zum Kassenschlager und erhielt u. a. den New Yorker Kritikerpreis.
Während der Dreharbeiten bot David O. Selznick Hitchcock an, in den
USA einen Film über den Untergang der Titanic zu drehen. Doch der
Regisseur wartete bis 1940, ehe er dann mit Rebecca in Hollywood debütierte.
Der bei Gainborough Pictures unter Vertrag stehende Drehbuchautor Frank
Launder hatte schon im Mai 1936, kurz nach Erscheinen des Buches, den Roman von
Ethel White als möglichen Stoff für eine Verfilmung vorgeschlagen. Als die
Produktionsfirma darauf einging, war Launer aber mit einem anderen Film
beschäftig und so wurde sein Kollege Sidney Gilliat mit der Ausarbeitung eines
Treatments beauftragt. Nach dessen Fertigstellung traf Launder zu ihm und
gemeinsam verfassten sie dann das fertige Drehbuch, das im August 1936
fertiggestellt wurde.
Ursprünglich war der in England arbeitende US-Amerikaner Roy William Neill als
Regisseur vorgesehen und es wurde ein Team unter der Leitung eines
Regieassistenten nach Jugoslawien geschickt um dort einige Außenaufnahmen zu
drehen. Dabei kam es aber zu einem Zwischenfall als die jugoslawischen Behörden
das Drehbuch beschlagnahmten und das Team des Landes verwiesen - in der ersten
Version war auf den ersten Seiten eine Einstellung enthalten, die einen
schnellen Schnitt von marschierenden Soldaten auf watschelnde Gänse beschrieb.
Dies betrachteten die jugoslawischen Behörden als Affront und führte - besonders
in Boulevardzeitungen - zu einem kleineren politischen Zwischenfall.
Dies – und der schwindende Enthusiasmus von Roy William Neill – führte
schließlich dazu, dass das Projekt zunächst auf Eis gelegt wurde. Erst als
Hitchcock im Oktober 1937 das Drehbuch las, wurde es wieder aufgenommen.
Hitchcock ließ die beiden Autoren kleinere Änderungen vornehmen, die das Tempo
im ersten und letzten Akt beschleunigten und so konnte es innerhalb kürzester
Zeit abgedreht werden.
Der Film wurde komplett in einem nur 30 Meter langen Studio gedreht. Mit
Rückprojektion-Aufnahmen und Modelltricks gelang es Regisseur Hitchcock jedoch,
diese Beschränkungen kaum sichtbar werden zu lassen.
Preise/Auszeichnungen: -
Literatur: Ethel Lina
White: Eine Dame verschwindet (OT: The Lady Vanishes, zuvor auch The Wheel
Spins). Heyne, München 1994, ISBN 3-453-08220-6
Kompletter Film
Neuverfilmungen:
The Lady Vanishes/Tödliche Botschaft, GB 1979, Anthony Page
Links:
Filmplakate
Videocovers
|
|