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Original-Titel: The Man Who Knew Too Much
Deutscher Titel: -
Genre: Thriller, sw
Studio/Produktionsland: Gaumont British. England
Filmjahr: 1934
Filmlänge: 74 Min.
Drehbuch: Charles Bennett, Edwin Greenwood, A. R. Rawlinson
Musik: Arthur Benjamin
Kamera: Curt Courant
Regie: Alfred Hitchcock
Produzent: Michael Balcon
Darsteller: Leslie
Banks (Bob Lawrence), Edna Best (Jill Lawrence), Peter Lorre (Abbott), Frank
Vosper (Ramon Levine). Hugh Wakefield (Clive), Nova Pilbeam (Betty Lawrence),
Pierre Fresnay (Louis Bernard), Cicely Oates (Schwester Agnes), D. A
Clarke-Smith (Inspector Binstead), Gearge Curzon (Gibson).
Inhaltsangabe: Ein Paar, englische Touristen, macht mit seiner kleinen
Tochter eine Reise in die Schweiz. Dort werden sie Zeuge eines Mordes an einem
Franzosen, der ihnen, bevor er stirbt, noch eine Nachricht anvertraut. Es geht
um den Plan, einen ausländischen Botschafter, der London einen
besuch
abstattet, zu ermorden. Um das Paar zum Schweigen zu bringen, kidnappen die
Agenten das Mädchen. Zurück in London, rettet die Mutter, die die Kidnapper
verfolgt, dem Botschafter das Leben. In dem Augenblick, in dem ein
Revolverschuss ihn während eines Konzerts in der Albert Hall treffen soll,
schreit sie auf. Das Finale zeigt die Besetzung des Schlupfwinkels der Agenten
durch die Polizei und die Rettung des kleinen Mädchens.
Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: The Man Who Knew Too Much war Ihr größter englischer
Erfolg und war auch in Amerika sehr erfolgreich. Ein Paar, englische Touristen,
machte mit seiner kleinen Tochter eine Reise in die Schweiz. Dort werden sie
Zeugen eines Mordes an einem Franzosen, der ihnen, bevor er stirbt, noch eine
Nachricht anvertraut. Es geht um den Plan, einen ausländischen Botschafter, der
London einen Besuch abstattet, zu ermorden. Um das Paar zum Schweigen zu
bringen, kidnappen die Agenten das Mädchen. Zurück in London, rettet die Mutter,
die die Kidnapper verfolgt, dem Botschafter das Leben. In dem Augenblick, in dem
ein Revolverschuß ihn während eines Konzerts in der Albert Hall treffen soll,
schreit sie auf. Das Finale zeigt die Besetzung des Schlupfwinkels der Agenten
durch die Polizei und die Rettung des kleinen Mädchens.
Ich habe irgendwo einmal gelesen, die Geschichte gehe zurück auf eine wahre
Begebenheit, bei der Churchill eine Rolle gespielt haben soll, in seiner Zeit
als Polizeichef.
H.: Alfred Hitchcock Das stimmt, aber nur der Schlußteil, Das
passierte 1910. Der Vorfall ist bekannt geworden unter der Bezeichnung
»Belagerung der Sidney Street«. Russische Anarchisten hatten sich in einem Haus
verschanzt und schossen. Es war sehr schwierig, so daß man Militär rufen mußte.
Churchill selbst hat die Operation geleitet. Ich hatte große Schwierigkeiten mit
der Zensur, weil doch die englische Polizei nie bewaffnet ist. Damals hatte die
Polizei es nicht geschafft, die Anarchisten herauszuholen. Deshalb hatte man die
Armee holen müssen. Man wollte schon Artillerie einsetzen, als das Gebäude in
Brand geriet. Als wir den Film drehten, bereitete uns dieser Vorfall großen
Verdruß. Der Zensor machte uns Schwierigkeiten, weil diese Sache seiner Meinung
nach in der Geschichte der englischen Polizei einen Makel darstellte. Er wollte
nicht, daß man den Polizisten Waffen gäbe. ich habe ihn gefragt: »Und wie sollen
wir die Agenten herausholen?« Er sagte: »Weshalb nehmen Sie keine
Feuerwehrspritzen?« Ich habe meine Notizen studiert und entdeckt, daß Churchill
damals auch darangedacht hatte. Schließlich erlaubte der Zensor doch, daß die
Polizisten Waffen benutzten. Unter einer Bedingung: Es sollten alte Waffen sein,
und sie sollten sie nicht selbst mitbringen, sondern aus einem Antiquitätenladen
holen. Damit man sähe, daß die Polizei sonst keine Feuerwaffen verwendete. Ich
fand das albern, und habe mich schließlich dadurch aus der Affäre gezogen, daß
ich kurz einen Lastwagen zeigte, von dem man die Gewehre an die Polizei
verteilt.
T.: In der amerikanischen Fassung von 1956 beginnt der Film in
Merrakesch. Aber die erste begann in der Schweiz.
H.: Der Film beginnt im Schnee in Sankt Moritz, weil wir, meine
Frau und ich, unsere Flitterwochen dort verbracht hatten. Vom Fenster unseres
Zimmers aus schaute ich oft auf die Eisbahn, und dabei kam mir die Idee, einen
Film damit zu beginnen, daß ein Schlittschuhläufer Zahlen auf das Eis schreibt -
8 - 6 - 0 - 2 -, und natürlich ist das irgendein Spionagecode. Aber auf die Idee
habe ich dann verzichtet.
T.: Weil es nicht zu filmen war oder weshalb?
H.: Es war in der Geschichte nicht unterzubringen. Aber so habe ich zum erstenmal an diesen Film gedacht.
Ich habe vor mir die verschneiten Alpen gesehen, dann die verstopften Londoner Straßen, und dieser Kontrast war der Anstoß.
T.: In der ersten Fassung haben Sie Pierre Fresnay auftreten lassen, und
in dem Remake haben Sie für dieselbe Rolle wieder einen französischen
Schauspieler genommen, Daniel Gélin. Warum?
H.: Ich glaube, das kam von der Produktion, ich wollte nicht unbedingt
einen Franzosen. Der Schauspieler, den ich unbedingt haben wollte und den ich
habe kommen lassen, war Peter Lorre. Es war seine erste englische Rolle. Er
hatte gerade M von Fritz Lang gemacht. Er hatte einen ausgeprägten Sinn für
Humor, und weil er einen auffälligen Überzieher trug, der ihm bis auf die Füße
ging, nannten wir ihn »der wandelnde Überzieher«.
T.: Hatten Sie M gesehen?
H.: Ja, aber ich erinnere mich nicht genau. Gab es da nicht einen Mann,
der pfiff?
T.: Ja, das war Peter Lorre. Wahrscheinlich hatten Sie damals doch schon
mehr von Fritz Lang gesehen, Die Spione, Das Testament des Dr. Mabuse.
H.: Mabuse, ja. Aber das ist lange her.
Erinnern Sie sich an die Szene beim Zahnarzt in The Man Who Knero Too Much? Erst
sollte sie in einem Frisiersalon spielen, und die Männer sollten heiße
Handtücher auf den Gesichtern haben, wie Masken. Kurz bevor ich anfing zu
drehen, sah ich dann einen Film von Mervyn LeRoy, I Am a Fugitive from a Chain
Gang, mit Paul Muni, und da gab es eine ähnliche Szene. Daraufhin habe ich dann
alles in das Sprechzimmer eines Zahnarztes verlegt. Dann habe ich noch
verschiedenes andere geändert, was mir nicht mehr gefiel. Zum Beispiel hatten
wir zu Beginn des Films gezeigt, daß die Mutter des gekidnappten Kindes, die
Heldin des Films, eine ausgezeichnete Karabinerschützin war. In der Szene in der
Kapelle sollten die Schurken dann die Mutter hypnotisieren und sie, immer noch
in Hypnose, in die Albert Hall bringen. Da sollte sie dann den Mord begehen, sie
selbst sollte den Botschafter umbringen. Die Idee habe ich dann fallengelassen,
weil ich mir gesagt habe, daß auch eine Meisterschützin in Hypnose vielleicht
nicht genau zielen kann.
T.: Interessant ist, daß Sie sich genau für die entgegengesetzte Idee
entschieden haben. Die Frau tötet den Botschafter nicht nur nicht, sondern sie
rettet ihm das Leben, indem sie im richtigen Augenblick den Schrei ausstößt, als
sie während des Konzerts den Revolver des Mörders auf die Ehrenloge gerichtet sieht.
Aber erlauben Sie mir, die Handlung noch einmal zusammenzufassen, um unser
Gedächtnis aufzufrischen. Die Agenten haben also beschlossen, den ausländischen
Staatsmann während eines Konzerts in der Albert Hall zu töten. Und zwar soll der
Killer genau in dem Augenblick abdrücken, in dem die Partitur der Kantate einen
Beckenschlag vorschreibt, den einzigen. Sie haben das Attentat geübt und sich
dabei die Kantate mehrmals auf einer Platte angehört. Das Konzert beginnt also,
alle entscheidenden Personen sind versammelt, und wir warten mit steigender
Angst auf den Augenblick, in dem der unbeweglich dasitzende Beckenschlüger sein
Instrument benutzen wird.
H.: Auf die Idee mit dem Beckenschlag hat mich eine Witzzeichnung
gebracht, vielmehr ein Comic Strip in einer Zeitschrift von der Art des Punch.
Er ging über vier ganze Seiten und zeigte einen Mann, der aufwacht. Er steht
auf, geht ins Badezimmer, gurgelt, rasiert sich, duscht, zieht sich an,
frühstückt. Alles das in getrennten kleinen Bildern. Dann nimmt er seinen Hut,
seinen Mantel und ein kleines Etui aus Leder, geht hinaus auf die Straße, nimmt
einen Bus, fährt in die Stadt und kommt zur Albert Hall. Er geht durch den
Künstlereingang, legt Hut und Mantel ab, öffnet sein Etui und holt eine kleine
Flöte heraus. Dann geht er zu den anderen Musikern, und sie betreten das Podium.
Die Instrumente werden gestimmt, unser Mann setzt sich an seinen Platz, der
Dirigent erscheint, gibt das Zeichen zum Einsatz, und die große Symphonie
beginnt. Der kleine Mann sitzt da, er wartet und dreht die Seiten um.
Schließlich richtet er sich auf, nimmt sein Instrument, führt es zum Mund, und
bei einer bestimmten Geste des Dirigenten bläst er mit seiner Flöte eine Note.
Bluup! Dann packt er sein Instrument wieder weg, verläßt leise das Orchester,
nimmt Hut und Mantel, tritt auf die Straße. Es ist schon dunkel. Er steigt in
den Autobus, kommt nachhause, ißt zu abend, geht in sein Schlafzimmer, dann ins
Bad, gurgelt, zieht den Schlafanzug an, geht ins Bett und macht das Licht aus.
T.: Das ist hübsch. Das ist eine Idee, die man in Zeichenfilmen ein paarmal verwendet hat,
glaube ich, einmal mit einer Triangel.
H.: Wahrscheinlich. Sie hieß The One-Note Man (der Mann mit der einen
Note), und die Geschichte dieses kleinen Mannes, der auf den Augenblick wartet,
wo er eine einzige Note zu spielen hat, hat mich inspiriert zu dem Suspense mit
dem Beckenschlag.
T.: Ich erinnere mich leider nicht mehr sehr gut an die englische Fassung.
Aber in Ihrem amerikanischen Remake haben Sie, was die Becken angeht, sehr große
Rücksicht auf das Publikum genommen. Am Ende des Vorspanns zeigen Sie den
Musiker, der die Becken schwingt, und darüber läuft ein Text, etwa des Inhalts:
Ein einziger Beckenschlag kann das Leben einer amerikanischen Familie durcheinanderbringen.
Später im Film hören sich dann die Agenten, ehe sie ins
Konzert gehen, eine Aufnahme der Kantate an, und dabei kann man die Takte, die
dem Beckenschlag voraufgehen, zweimal hören, ganz genau und sehr nachdrücklich.
H.: Das war nötig, damit das Publikum auch wirklich ganz bei der Sache
war. Wahrscheinlich gibt es doch Zuschauer, die nicht wissen, was ein Becken
ist, und denen mußte man unbedingt gleichzeitig das Instrument zeigen und dazu
das Wort »Becken« ausgeschrieben in Buchstaben. Weiter mußte das Publikum in der
Lage sein, den Ton des Beckens nicht nur zu erkennen, sondern ihn sich vorher
schon vorzustellen, ihn zu erwarten. Diese Konditionierung des Publikums ist die
Voraussetzung für jeden Suspense. Ich habe die Takte der Kantate zweimal
ablaufen lassen, um jedes Mißverständnis hinsichtlich der Dinge, die sich
ereignen können, zu vermeiden. Ich habe oft bemerkt, daß bestimmte
Suspense-Situationen dadurch infrage gestellt werden, daß das Publikum die
Situation nicht ganz erfaßt. Zum Beispiel tragen zwei Schauspieler fast gleiche Anzüge, und schon unterscheidet
sie das Publikum nicht mehr. Oder der Dekor ist unübersichtlich, und schon
wissen die Leute nicht mehr richtig, wo sie sind. Und während der Zuschauer
versucht, sich die Sache zurechtzulegen, läuft die Szene ab, und alle Emotion
ist weg. Man muß ständig verdeutlichen.
T.: Ich glaube, nicht nur verdeutlichen, sondern auch vereinfachen. Man muß ein Gefühl für Vereinfachung haben.
Ich frage mich manchmal, ob man die
Künstler nicht in zwei Kategorien einteilen kann, die Vereinfacher und die
Komplizierer. Unter den Komplizierern gibt es natürlich große Künstler, gute
Schriftsteller. Aber meinen Sie nicht auch, daß man, wenn man auf dem Gebiet des
Schauspiels Erfolg haben will, besser ein Vereinfacher sein sollte?
H.: Das ist schon deshalb wichtig, weil man dem Publikum nur die
Emotionen vermitteln kann, die man selbst verspürt. Zum Beispiel können Leute,
die nicht zu vereinfachen wissen, die Zeit nicht kontrollieren, über die sie
verfügen. Ihre Bemühungen bleiben abstrakt, und diese ungenauen Bemühungen
halten sie davon ab, sich auf die konkreten Probleme zu konzentrieren. Sie sind
wie ein schlechter Redner, der die Nerven verliert, weil er sich beim Reden
beobachtet und darüber den Faden verliert.
Bei The Man Who Knerv Too Much gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen
den beiden Fassungen. In der englischen bleibt der Ehemann in Haft, und die
Heldin ist bis zum Ende des Films allein in der Albert Hall.
Truffaut: Das ist in der zweiten Fassung besser. James Stewarts Eintreffen
mitten in der Aufführung der Kantate erlaubt es, den Suspense noch mehr in die
Länge zu ziehen. Er findet Doris Day, sie verständigen sich durch Zeichen, sie
macht ihm die Situation klar, zeigt ihm den Killer, dann den Botschafter, der in
Gefahr schwebt. Stewart will etwas unternehmen. Er versucht, in die Loge des
Botschafters zu kommen, aber dabei muß er erst mit ein paar Polizeibeamten
diskutieren. Auch das wieder nur pantomimisch. Man versteht, daß er von den
Polizisten immer an den nächsten, ranghöheren verwiesen wird, und diese ganze
Pantomime erhöht den Suspense noch und macht gleichzeitig die Ironie der ganzen
Szene aus. Der Humor ist sehr viel feiner als in dem englischen Film und meiner
Meinung nach gelungener, weil er das Drama nicht unterbricht, sondern wirklich
ein Teil davon ist.
H.: Das stimmt. Aber davon abgesehen ist, glaube ich, die Szene in der
Albert Hall in den beiden Fassungen sehr ähnlich, finden Sie nicht? Es ist
dieselbe Kantate.
T.: Aber das zweitemal von Bernhard Herrmann besser orchestriert. Ich habe
den Eindruck, die Szene ist in der zweiten Fassung länger, aber jedenfalls ist
es eine Rolle von dreihundert Metern nur mit Musik, ohne Dialog, fast
ausschließlich aus starren Einstellungen. In der ersten Fassung waren die
Einstellungen häufig bewegt, es gab mehrere Schwenks, zum Beispiel vom Kopf des
Mörders zu dem der Frau, von dem der Frau zu dem des Botschafters. Das Remake
ist rigoroser geschnitten.
H.: Sagen wir, die erste Fassung hat ein talentierter Dilettant gemacht
und die zweite ein Professioneller.
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.
Info: Der Film war Hitchcocks größter englischer Erfolg und
war auch in Amerika sehr erfolgreich. The Man Who Knew Too Much nimmt die
Quintessenz vieler späterer Hitchcockfilme vorweg: Ein Durchschnittsmensch wird
in ein Geschehen hineingezogen, dessen Hintergründe für den weiteren Verlauf
der Geschichte unwesentlich ist. Auf sich selbst gestellt wird er dazu
gezwungen, über sich selbst hinauszuwachsen und zum Helden zu mutieren.
Der Mann, der zuviel wußte hat schon alle Zutaten, für die
ein Hitchcockfilm später bekannt werden sollte. Ein Pärchen aus der Oberschicht,
pittoreske Schauplätze, Spione und finstere Bösewichte, sowie die Zeit, die eine
entscheidende Rolle spielt. Ein Rezept das schon damals funktionierte.
Für die Schießerei gab es ein reales Vorbild. 1911 hatte sich in London eine
russische Anarchistengruppe in einem Haus verschanzt. Der Polizei gelang es
nicht die Belagerung aufzugeben und so musste die Armee geholt werden. Der
Vorfall ist in der englischen Geschichte als „die Belagerung der Sydney Street“
bekannt.
Preise/Auszeichnungen: -
Literatur: -
Neuverfilmungen:
The Man Who Knew Too Much,
USA 1956, Regie: Alfred Hitchcock
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