| |
Original-Titel: The Paradine Case
Deutscher Titel: Der Fall Paradin
Genre: Thriller, sw
Studio/Produktionsland: Selznick International. USA
Filmjahr: 1947
Filmlänge: 110 Min.
Drehbuch: David O. Selznick nach einem Roman von Robert Hichens
Musik: Franz Waxman
Kamera: Lee Garmes
Regie: Alfred Hitchcock
Produzent: David O. Selznick
Darsteller: Gregory Peck (Anthony Keane), Ann Todd (Gay Keane),
Charles Laughton (Richter Horfield), Ethel Barrymore (Lady Sophie Horfield),
Charles Coburn (Sir Charles Flaquer), Louis Jourdan (André Latour), Alida Valli
(Maddalena Anna Paradine), Leo G. Carroll (Staatsanwalt), John Tetzel (Judy
Flaquer) Isobel Elsom (Wirtin), John Williams (Anwalt).
Inhaltsangabe: Die schöne Mrs. Paradine ist angeklagt, ihren blinden
Mann ermordet zu haben. Der Anwalt Keane wird mit ihrer Verteidigung beauftragt.
Er ist mit einer hübschen Blondine verheiratet, verliebt sich aber heillos in
seine Mandantin, der es leichtfällt, ihn von ihrer Unschuld zu überzeugen.
Kurz vor Prozessbeginn bekommt Keane heraus, dass Mrs. Paradine die Geliebte
ihres Stallknechts (Louis Jordan) war. Der Prozess beginnt unter größten
Schwierigkeiten für Keane, weil Richter Horfield, dessen Avancen von Keanes
Frau zurückgewiesen wurden, ihn hasst. Der Stallknecht, durch Keanes Angriffe
einem Nervenzusammenbruch nahe, belastet mit seiner Aussage seine Geliebte und
nimmt sich das Leben. Mrs. Paradine gesteht ihr Verbrechen und erklärt öffentlich,
dass Keane in sie verliebt sei und sie ihn verachte. Noch während
der Sitzung verlässt Keane den Gerichtssaal. Seine Karriere ist zerstört, aber
er findet zu seiner Frau zurück.
Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: Für das Drehbuch von The Paradine Case - nach einem Roman von
Robert Hichens adaptiert von Ihrer Frau, Alma Reville - zeichnet auch David 0.
Selznick selbst.
H.: Robert Hichens hat auch The Garden of Allah, Bella Donna und
viele andere Romane geschrieben. Ein Mann vorn Anfang dieses Jahrhunderts. Als
die Vorlage feststand, haben meine Frau und ich eine Adaptation geschrieben,
damit Selznick einen ersten Kostenanschlag aufstellen konnte. Dann habe ich
einen schottischen Theaterschriftsteller, James Bridie, um Mitarbeit gebeten,
der in England einen sehr guten Ruf hatte. Er war über sechzig und sehr
unabhängig. Selznick hat ihn nach New York kommen lassen, aber als niemand auf
dem Flughafen war, um ihn abzuholen, ist er mit der nächsten Maschine nach
London zurückgeflogen. Ein sehr unabhängiger Mensch! Er hat dann in England an
dem Drehbuch gearbeitet und es uns geschickt. Das war keine sonderlich gute
Arbeitsmethode. Danach hat Selznik dann selbst ein Drehbuch schreiben wollen.
Das hatte er sich eine Zeitlang so angewöhnt. Er schrieb etwas und ließ es alle
zwei Tage ins Studio bringen. Eine unmögliche Methode.
Schauen wir uns jetzt einmal die auffälligsten Fehler dieses Films an.
Erstens glaube ich nicht, daß Gregory Peck einen englischen Rechanwalt
darstellen kann, ein englischer Anwalt ist hoch gebildet u gehört der Oberklasse
an.
T.: Wenn Sie hätten wahlen können ...
H.:... hätte ich Laurence Olivier genommen. Ich hatte auch an Ronanald
Colman gedacht. Für die Frau hatten wir eine Zeitlang gehofft, Greta Garbo zu
bekommen, das wäre ihr Comeback gewesen. Aber der größte Fehlgriff in der
Besetzung war Louis Jourdan in der Rolle des Stallknechts. The Paradine Case
handelt von der Erniedrigung ein vornehmen Anwalts, der sich in seine Mandantin
verliebt. Seine Mandantin ist nicht nur eine Kriminelle, sondern obendrein
nymphoman, und der Höhepunkt seiner Erniedrigung ist, wenn der Anwalt vor dem
Gericht die Heldin mit einem ihrer Liebhaber, einem Stallknecht, konfrontieren
muß. Dieser Liebhaber, der Stallknecht, muß nach Stall riechen, er mußte
wirklich nach Mist stinken. Leider hat Selznick Alida Valli unter Vertrag
genommen, die er für eine zweite Ingrid Bergman hielt, und außerdem hatte er
Louis Jourdan unter Vertrag, deshalb mußte ich sie nehmen. Das alles hat die
Geschichte sehr runtergebracht.
Was den Mord betrifft, der stattgefunden hat, ehe die Handlung beginnt, so habe
ich mich da nie ganz festgelegt, weil ich es selbst nie ganz verstanden habe.
Die Personen sollten einander begegnet sein auf dem Weg von einem Zimmer zum
anderen, auf einem Flur, oberhalb oder unterhalb einer Treppe. Wirklich, die
Topografie dieses Hause habe ich nie recht verstanden, und auch nicht, wie der
Mord passiert ist.
Für mich bestand das Interesse des Films darin, eine Frau wie die Mrs. Paradine
zu zeigen, die unvermittelt dem Zugriff der Polizei ausgesetzt wird, die
Formalitäten, die sie über sich ergehen lassen muß, wie sie zwischen zwei
Polizisten das Haus verläßt und zu ihrem Zimmermädchen sagt: »Ich glaube kaum,
daß ich zum Abendessen zurück bin.« Dann verbringt sie die folgende Nacht in der
Zelle, und sie wird nie mehr herauskommen. Ein Echo davon war in The Wrong Man.
Ich habe mir immer schon vorgestellt - vielleicht ist das ein Ausdruck meiner
Angst -, wie ganz normale Leute plötzlich ihrer Freiheit beraubt und mit
Berufsverbrechern in eine Zelle gesperrt werden. Zu zeigen, wie Delinquenten ins
Gefängnis abgeführt werden, ist nichts Ungewöhnliches, aber wenn es sich dabei
um gesellschaftlich Höhergestellte handelt, ergibt sich ein Farbkontrast, der
mich außerordentlich fesselt.
T.: Dieser Kontrast wird durch eine treffende Einzelheit illustriert,
wenn Mrs. Paradine im Gefängnis ankommt. Eine Wärterin löst ihr da die Haare und
führt mit den Händen hinein, um sich zu vergewissern, daß nichts darin versteckt
ist. Man hat auch den Eindruck, daß Ann Todd in der Rolle der Ehefrau kaum die
richtige war.
H.: Sie ist zu kalt.
T.: Die besten Rollen des Films sind imgrunde die Nebenrollen, der
Richter, den Charles Laughton spielt, und Ethel Barrymore, seine Frau. Es gibt
gegen Schluß eine sehr schöne Szene, wenn Ethel Barrymore Mitleid zeigt mit
Alida Valli, die gehängt werden soll, während sich Laughton als wirklich
mitleidlos erweist. An einer anderen Stelle erscheint Laughton eindeutig als
Lüstling. Während er aus dem Eßzimmer geht, wirft er einen Blick auf Ann Todds
nackte Schulter. Danach setzt er sich neben sie, und ganz kühl, als ob nichts
wäre, legt er seine Hand auf die ihre, vor allen Leuten. Das ist mehr als
unverschämt, das ist skandalös, und es ist mit viel Gespür gefilmt, so als es
sich um nichts Besonderes handelte.
Die ganze zweite Stunde des Films ist dem Prozeß gewidmet, und kann mir
vorstellen, daß dieser zweite Teil, vor Gericht, Sie besonders interessiert hat.
H.: Ja, sehr, denn die Gegebenheiten des Konflikts waren im ersten Teil
gut präsentiert worden, was dem Prozeß von Anfang an eine große Spannung
verlieh.
Im Gerichtssaal gibt es eine sehr interessante Einstellung. Wenn Louis Jourdan
als Zeuge aufgerufen wird und in den Gerichtssaal kommt, muß er hinter Alida
Valli, die auf der Anklagebank sitzt, hergehen. Sie kehrt ihm den Rücken zu,
aber ich wollte, man sollte den Eindruck haben, daß sie ihn spürt, nicht daß sie
seine Gegenwart ahnt, sondern daß sie ihn riecht, mit der Nase. Deshalb haben
wir in zwei Phasen filmen müssen. Die Kamera ist auf Alida Valli richtet, und
über ihre Schulter hinweg sieht man, ganz hinten auf Seite, Louis Jourdan
hereinkommen, er geht hinter ihr vorbei in Zeugenstand. Ich habe zuerst den
Schwenk um 200 Grad gedreht, Jourdan zeigt, wie er von der Tür bis hin zum
Zeugenstand geht, aber ohne Alida Valli. Dann habe ich die Großaufnahme mit
Alida Valli vor der Rückprojektion gedreht, dazu mußte ich sie auf einen
Drehstuhl setzen, um den Rotiereffekt zu bekommen. Gegen Ende der Bewegung mußte
sie dann aus dem Bild verschwinden, die Kamera mußte genau bei Jourdan sein,
wenn er in den Zeugenstand tritt. Das zu drehen war sehr kompliziert, aber sehr
interessant.
T.: Der große Moment des Prozesses kommt dann mit der Aufnahme ganz von
oben auf Gregory Peck, wenn er den Gerichtssaal verläßt, weil er die
Verteidigung seiner Mandantin nicht weiterführen kann.
Ich bin ganz Ihrer Meinung, Laurence Olivier hätte besser gepaßt. Hatten Sie an
jemand Bestimmten gedacht für die Rolle von Louis Jourdan?
H.: An Robert Newton.
T.: Ah ja, sehr gut, das Rohe ...
H.: Und Krallenfinger, wie der Teufel.
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.
Info: Hitchcock war
nicht sehr froh über die Besetzung Gregory Pecks als Anthony Kane. Eine
chargierende Glanzleistung lieferte allerdings Charles Laughton in der (kurzen)
Rolle des geilen Richters Hornfield, der seine eigene Frau wie der letzte Dreck
behandelt und Keanes Gattin mit einer Dreistigkeit anmacht, die ihresgleichen
sucht.
Dieses war der letzte Film Hitchcocks unter dem Vertrag mit
David O. Selznick.
Der Film kostete beinahe exakt so viel wie Vom Winde verweht (1939) u.a.
wegen der ständigen Einmischungen Selznicks in Hitchcocks vorsichtige Planung
des Produktionsbudget und seinem Beharren darauf, dass Hitchcock Szenen zu oft
wiederholen lasse.
Für die Gerichtsszenen wurde eine genaue Kopie des Old Bailey Gerichtsraums
konstruiert.
Hitchcock wünschte sich ursprünglich folgende Besetzung: Sir Laurence Olivier
als Keane, Greta Garbo als Mrs. Paradin.
Obwohl Hitchcock die Darsteller mochte, hielt er dennoch Gregory Peck, Alida
Valli und Louis Jourdan ungeeignet für ihre Rollen. Selznick bestand allerdings
als Studio-Chef darauf, sie einzusetzen.
Als Hitchcock den fertigen Film dem Studio nach einer Rekordzeit von 92
Drehtagen ablieferte, hatte er eine Laufzeit von fast drei Stunden.
1980 wurde die ungeschnittetene Original-Version des Films
bei einer Flut zerstört, wodurch eine Restaurierung der geschnittenen Version
unmöglich wurde.
Preise/Auszeichnungen: -
Literatur:
Robert Hichens: Wege im Zwielicht. Roman (OT: The Paradine Case). Ullstein, Berlin 1935.
Videos
Neuverfilmungen: -
Links:
Filmplakate
Videocovers
|
|