Zurück Nach oben Weiter

 
     
 

 
     
 
 
     
  The Pleasure Garden - Irrgarten der Leidenschaft   The Pleasure Garden - Irrgarten der Leidenschaft   The Pleasure Garden  
     
 

Original-Titel: The Pleasure Garden

Deutscher Titel: Irrgarten der Leidenschaft

Genre: Melodrama, sw

Studio/Produktionsland: Gainsborough/Münchner Lichtspielkunst. England/Deutschland

Filmjahr: 1925

Filmlänge: 101 Min.

Drehbuch: Eliot Stanard nach dem Roman "The Pleasure Garden" von Oliver Sandys

Musik: keine (Stummfilm)

Kamera:Baron (Giovanni) Vertimiglia

Regie: Alfred Hitchcock

Produzent: Michael Balcon, Erich Pommer

Darsteller: Virginia Valli (Patsy Brand), Carmelita Geraghty (Jill Cheyne), Miles Mander (Levet), John Stewart (Hugh Fielding), Nita Naldi - Eingeborene, Ferdinand Martini, Florence Helminger, Georg H. Schnell, Karl Falkenburg.

Inhaltsangabe: Patsy, ein Chorousgirl der Pleasure Garden-Theatergruppe, besorgt ihrem Schuetzling Jill eine Anstellung. Jill ist mit Hugh verlobt, der England verlässt, um in die Tropen zu gehen. Patsy heiratet Levett, einen Freund von Hugh. Hochzeitsreise an den Comer See, danach reist Levett seinerseits ab in die Tropen. Jill schiebt es immer wieder hinaus, ihrem Verlobten nachzureisen und führt ein lockeres Leben. Patsy fährt ihrem Ehemann Levett nach und findet ihn, völlig verkommen, in den Armen einer Eingeborenen. Sie will sich von ihm trennen. Levett wird wahnsinnig, er treibt die Eingeborene in den Selbstmord und schaut zu, wie sie ins Wasser geht. Als er versucht Patsy umzubringen, wird er vom Arzt des Ortes niedergeschossen. Patsy beginnt ein neues Leben mit Hugh, den Jill verlassen hat.

Gespräch Hitchcock/Truffaut 1955/56:
T.: Damit wären wir im Jahr 1925. Nach den Dreharbeiten von "The Prude's Fall" entläßt Sie der Regisseur, dessen Assistent Sie waren. Und Michael Balcon bietet Ihnen an, Regisseur zu werden?
H.: Michael Balcon hat mich gefragt: "Möchten Sie nicht selbst einen Film inszenieren?" Ich habe ihm geantwortet. "Daran habe ich nie gedacht!" Und das war die Wahrheit. Ich war zufrieden damit, Drehbücher zu schreiben und die Dekorationen zu entwerfen. Als Regisseur sah ich mich überhaupt nicht. Darauf sagte Balcon zu mir: "Man hat uns eine Koproduktion mit Deutschland angeboten." Ich bekam einen Ko-Autor für das Drehbuch und fuhr nach München. Meine zukünftige Frau Alma wurde meine Assistentin. Wir waren noch nicht verheiratet, aber wir lebten auch nicht in Sünde. Wir waren noch sehr rein.
T.: Es handelte sich also um "The Pleasure Garden", nach einem Roman von Sandys. Ich habe ihn nur einmal gelesen, ich glaube, es war eine sehr bewegte Geschichte.
H.: Melodramatisch, aber mit ein paar interessanten Szenen. Ich werde ihnen von den ersten Drehtagen erzälen, weil es sich doch um meinen allerersten Film als Regisseur handelte. Und das bei meinem ausgeprägten Sinn für Dramatik!
Also, an einem Samstagabend, um zwanzig vor acht, bin ich auf dem Münchner Bahnhof, um nach Italien zu fahren, wo die Außenaufnahmen gedreht werden sollen. Im Bahnhof, während ich auf den Zug wartete, sagte ich mir: Das ist dein erster Film. Heute, wenn ich zu Außenaufnahmen fahre, begleitet mich ein Stab von hundertvierzig Leuten, auf dem Bahnsteig in München, war nur der Hauptdarsteller des Films, Miles Mander, der Kameramann Baron Vintimigla und ein junges Mädchen bei mir, das die Eingeborene spielen und ins Wasser fallen sollte. Und dann noch ein Wochenschauoperateur, weil wir im Hafen von Genua die Abfahrt eines Schiffes filmen wollten. Diese Abfahrt wollten wir mit einer Kamera am Kai und einer auf Deck drehen. Dann sollte das Schiff stoppen, die Schauspieler sollten von Bord gehen und der Wochenschauoperateur die winkenden Leute aufnehmen. Die nächste Szene wollte ich in San Remo drehen. Es ging um die Eingeborenen, die sich umbringen sollte. Levett, der Schurke der Geschichte, folgt ihr ins Meer, und damit das Mädchen auch bestimmt tot is, drückt er ihren Kopf unter Wasser, dann bringt er ihre Leiche ans Ufer und sagt: "Ich habe mein bestes getan, um sie zu retten." Die folgenden Szenen spielen dann am Comer See, im Hotel Villa d'Este. Flitterwochen. Liebesszenen auf dem See. Zärtliche Idylle.
Meine Frau, die es noch nicht war, woran ich Sie erinnern möchte, steht also mit mir auf dem Bahnhof in München und wir reden miteinander, Sie kann nicht mitkommen. Sie sollte - Sie wissen ja, sie ist nur so groß, und damals war sie vierundzwanzig - nach Cherbourg fahren und den Star des Films, der aus Hollywood angereist kam, in Empfang nehme. Es handelte sich um Virginia Valli, einen sehr großen Star, den Star überhaupt der Universal. Sie spielte die Patsy. Meine Verlobte sollte sie also in Cherbourg abholen, wo sie mit der L'Aquitaine ankam, mit ihr nach Paris fahren, ihre Gardarobe kaufen und dann zu uns in der Villa d'Este stoßen. Das war alles. Um acht Uhr soll der Zug fahren. Es ist zwei vor acht. Da sagte Miles Mander, der Schauspieler, zu mir: "Meine Güte, ich habe meinen Schminkkoffer im Taxi vergessen." Und läuft weg. Ich schrie ihm nach: "Wir sind in Genua im Hotel Bristol. Nehmen Sie den Zug morgen abend. Wir drehen ja nicht vor Dienstag." Wie gesagt, es ist Samstagabend, am Sonntagmorgen wollen wir in Genua sein, um mit den Vorbereitungen für die Dreharbeiten zu beginnen. Es ist acht Uhr. Der Zug fährt nicht ab. Ein paar Minuten vergehen. Es ist zehn nach acht.Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. An der Sperre ist eine wilde Rauferei, und ich sehe, wie Miles Mander über die Sperre springt, hinter ihm drei Bahnbeamte. Er hat sein Schminkzeug wiedergefunden und schafft es noch eben, auf den letzten Wagen aufzuspringen. Das also war mein erstes Drama beim Film, aber das war erst der Anfang.
Der Zug fährt. Ich habe niemand für die Buchhaltung, ich muß mich selbst darum kümmern. Das ist beinahe wichtiger als die Regie. Die Geldgeschichten beschäftigten mich ungeheuer. Wir haben Schlafwagen. Wir kommen an die österreich-italienische Grenze, da sagte Vintimiglia zu mir: "Passen Sie auf mit der Kamera, vor allem sagen Sie nichts beim Zoll, sonst müssen wir jedes Objektiv einzeln verzollen." "Aber wieso denn?" "Die deutsche Firma meinte, wir sollten die Kamera heimlich mitnehmen." Darauf fragte ich: "Wo ist denn die Kamera?" Er antwortet: "Unter Ihrem Bett." Wie Sie wissen, habe ich immer Angst vor der Polizei gehabt. Ich fange also an zu schwitzen. Gleichzeitig erfahre ich, daß wir dreitausend Meter unbelichtetes Material in unserem Gepäck haben und das ebenfalls nicht beim Zoll angeben sollen. Da kommen die Zöllner auch schon, und für mich beginnt der Suspense. Die Kamera finden sie nicht, aber sie entdecken das Filmmaterial, und da wir es nicht angegeben haben, beschlagnahmen sie es.
Am Samstagmorgen sind wir in Genua, aber natürlich ohne Material. Den ganzen Tag unternehmen wir alles Mögliche, um welches aufzutreiben. Am Montagmorgen sage ich: "Wir müssen den Wochenschaumann nach Mailand schicken, daß er bei Kodak Material kauft." Ich komme ganz mit meiner Buchhaltung durcheinander, es ist fürchterliche Konfusion mit den Lire, Mark und Pfund. Am Mittag ist der Kameramann zurück und hat Material im Wert von zwanzig Pfund bei sich. Inzwischen sind die dreitausen Meter Material, die man an der Grenze beschlagnahmt hatte, ebenfalls eingetroffen und liegen beim Zoll bereit zur Auslösung. Ich habe also zwanzig Pfund hinausgeworfen, bei unserem Budget sehr viel, unser Geld reicht nur knapp für die Außenaufnahmen.
Dienstagnachmittag lichtet der Dampfer die Anker. Es ist ein riesiges Schiff, das nach Südamerika geht, die Lloyd Prestino. Wir müssen einen kleinen Schlepper mieten, um hin- und herzufahren, das bedeutet weitere zehn Pfund. Schließlich ist alles so weit. Es ist halb elf, und ich ziehe meine Brieftasche heraus, um dem Typ vom Schlepper ein Trinkgeld zu geben. Meine Brieftasche ist leer. Ich habe keinen Pfennig mehr. Zehntausend Lire sind verschwunden. Ich gehe zurück ins Hotel, suche überall, sogar unterm Bett. Das Geld ist weg. Ich gehe zur Polizei und sage: "Jemand muß in meinem Zimmer eingebrochen sein heute nacht, während ich schlief." Vor allem sagte ich zu mir selbst: Ein Glück, daß du nicht wach geworden bist, sonst hätte dich der Dieb sicher erstochen. Ich bin sehr unglücklich, aber da fällt mir ein, daß wir ja drehen wollen, und über der Aufregung, daß ich meine allererste Sequenz inszeniere, vergesse ich das Geld.
Als das vorüber ist, bin ich total deprimiert. Ich leihe mir zehn Pfund vom Kameramann und zwanzig von meinem Hauptdarsteller, aber ich weiß genau, daß reicht nicht. Also schreibe ich nach London und bitte um einen Vorschuß auf meine Gage. Und an die Firma in München schreibe ich: Ich brauche vielleicht noch etwas zusätzliches Geld. Aber diesen zweiten Brief wage ich nicht abzuschicken, schließlich könnte man mir antworten: Wie können Sie jetzt schon wissen, daß Sie zusätzlich Geld brauchen werden? So schicke ich nur den Brief nach London ab.
Dann gehen wir zurück ins Hotel Bristol, essen zu Mittag und wollen uns dann auf den Weg nach San Remo machen. Nach dem Essen komme ich auf die Straße und sehe da meinen Kameramann Vintimilia, das deutsche Mädchen, das die Eingeborene spielen soll, die ins Wasser geht, und noch den Wochenschauoperateur, der mit seiner Arbeit fertig ist und nach München zurückfahren soll. Die stehen da, stecken die Köpfe zusammen und wirken sehr ernst. Ich gehe zu ihnen und erkundige mich: "Irgendwas nicht in Ordnung?" "Ja, das Mädchen kann nicht ins Wasser gehen." "Was heißt das: Sie kann nicht ins Wasser gehen?" "Sie kann nicht ins Wasser gehen, verstehen Sie nicht?" Ich insistierte und sagte: "Nein, ich verstehe nicht, was heißt das?" Und dann, mitten auf der Straße, müssen mir die beiden Kameramänner erklären, was eine Periode ist. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nichts davon gehört. Mitten im Straßengewühl erklären es mir die beiden lang und breit, ich höre aufmerksam zu, und als sie mir alles erzählt haben, bin ich noch immer wütend. Mir tut das ganze Geld leid, das ich rausgeworfen habe, die Lire, die Mark, die ich für das Mädchen ausgegeben habe. Wütend frage ich: "Und warum hat sie uns das nicht vor drei Tagen in München gesagt?" Wir schicken sie mit dem Kameramann zurück und fahren nach Alessio.
Wir finden ein anderes Mädchen, aber da sie etwas fetter ist als unsere indisponierte Deutsche, schafft der Schauspieler es nicht, sie auf den Armen zu tragen. jedesmal läßt er sie fallen. Etwa hundert Schaulustige stehen herum und biegen sich vor Lachen. Als er es schließlich geschafft hat, geht eine Alte, die Muscheln gesammelt hat durchs Bild und schaut direkt in die Kamera.
Dann auf dem weg in die Villa d'Este. Ich bin sehr aufgeregt, weil der Star aus Hollywood, Virginia Valli, angekommen ist. Ich möchte nicht, daß sie erfährt, daß das mein erster Film ist, und das erste, was ich meiner Verlobten sage, ist: "Hast du Geld?" "Nein." "Aber du hattest doch was?" "Ja, aber sie hat noch ein Mädchen bei sich, eine Schauspielerin, Carmelita Geraghty. Ich wollte sie ins Westminster Hotel in der Rue de la Paix bringen, aber sie bestand auf dem Claridge." Darauf erzähle ich meiner Verlobten von meinem Mißgeschick. Schließlich fangen wir an zu drehen, und alles geht ohne Zwischenfall. Die Szenen kommen gut. Damals drehte man Vollmondszenen bei Sonnenlicht und färbte den Film dann blau. Nach jeder Aufnahme schaute ich meine Verlobte an und fragte: Ging es? War es gut? Nun habe ich Mut, das Telegramm nach München zu schicken: "Ich glaube, ich brauche noch etwas zusätzliches Geld." In der Zwischenzeit bekomme ich eine Überweisung, eben den Vorschuß auf meine Gage. Sofort verlangt der Schauspieler, der Geizhals, das Geld zurück, das er mir geliehen hat. Als ich ihn fragte, warum, antwortet er mir: "Mein Schneider verlangt eine Anzahlung für meinen Anzug." Aber das war nicht wahr.
Der Suspense geht weiter. Ich bekomme etwas Geld aus München, aber die Hotelrechnung, das Geld für die Boote und alle möglichen andere Dinge gehen mir ständig durch den Kopf. Ich bin sehr nervös. Es ist Abend vor unserer Abreise. Ich möchte nicht, daß mein Star erfährt, daß dies mein erster Film ist, und auch nicht, daß sie erfährt, wie wenig Geld wir haben, wie arm wir dran sind. Dann habe ich etwas wirklich Übles gemacht. Ich verdrehte die Tatsachen und versuchte alles meiner Verlobten anzuhängen, weil sie Virginias Freundin mitgebracht hätte. "Jetzt kannst du auch zu unserem Star gehen", habe ich gesagt, "und von ihr zweihundert Dollar leihen." Und sie ist hingegangen und sie hat sie wirklich gebracht. So habe ich die Hotelrechnung und die Schlafwagenkarte bezahlen können.
Wir wollen abfahren in die Schweiz, in Zürich, müssen wir umsteigen, um am nächsten Morgen zu sein. Wir kommen am Bahnhof an, und ich muß für Übergepäck zahlen, weil die beiden Amerikanerinnen mit Riesenkoffern reisen. Und ich habe fast kein Geld mehr. Ich nehme mir wider meine Rechnungen vor, meine Buchhaltung, und überlasse wieder die ganze Schmutzarbeit meiner Verlobten. Ich sagte ihr: "Frag die Amerikanerinnen, ob sie was zum Abendessen wollen." Die antworten: " Nein, wir haben Sandwiches aus dem Hotel mitgenommen, wir trauen dem Essen in ausländischen Zügen nicht." Und so können wir uns dann ein Abendessen leisten. Wieder nehme ich mir meine Kalkulation und stelle fest, daß wir beim Umwechseln von Lire in Schweizer Franken ein paar Pfennige verlieren. Außerdem bin ich unruhig, weil der Zug etwas Verspätung hat. Wir müssen in Zürich umsteigen. Es ist neun Uhr abends, und wir sehen einen Zug aus dem Bahnhof hinausfahren. Es ist unserer. Müssen wir jetzt auch noch mit unserem wenigen Geld in Zürich übernachten? Da hält der Zug an, und jetzt ist der Suspense unerträglich. Träger drängen heran, ich schiebe sie weg - zu teuer! - und nehme selbst die Koffer. Sie wissen, in den Schweizer Zügen haben die Fenster keinen Rahmen. Mit der Kofferecke drücke ich eine Scheibe auf. So laut habe ich nie Glas klirren gehört. Beamte kommen angerannt: "Hierher, Monsieur, folgen sie uns." Man bringt mich ins Büro des Bahnhofsvorstehers, und ich muß die zerschlagene Scheibe bezahlen: fünfunddreißig Schweizer Franken. Das Geld für die Scheibe habe ich mit Mühe zusammenbekommen, in München kam ich an mit einem einzigen Pfennig in der Tasche. Das waren meine ersten Außenaufnahmen.
T.: Die Geschichte ist ja bewegter als das Drehbuch. Aber da ist noch ein Wiederspruch, der mich interessiert. Sie sagten, Sie seien damals völlig unschuldig gewesen und hätten nichts über sexuelle Dinge gewußt. Dabei sind die beiden Mädchen in Pleasure Garden, Jill und Patsy, gefilmt wie ein Paar. Die eine im Pyjama, die andere im Nachthemd. Im Lodger ist das noch auffälliger. In einer Loge des Varietés flüchtet sich eine kleine Blonde auf die Knie einer maskulin wirkenden Brünetten. Von Ihren ersten Filmen an scheint alles Anomale sie fasziniert zu haben.
H.: Mag sein, aber das ging nicht besonders tief. Ich war sehr rein, sehr unschuldig. Zum Verhalten der beiden Mädchen in Pleasure Garden wurde ich inspiriert durch eine Geschichte in Berlin, 1924, als ich Assistent war. Eine sehr respektable Familie hatte mich eines Abends mit dem Regisseur zusammen ausgeführt. Ein junges Mädchen war noch dabei, die Tochter eines Ufa-Bosses. Ich verstand kein Deutsch. Wir waren nach dem Abendessen in einem Nachtclub gelandet, in dem die Männer und die Frauen unter sich tanzen. Später erboten sich dann zwei deutsche Mädchen, die eine neunzehn Jahre, die andere dreißig, uns nachhause zu bringen. Das Auto hielt vor einem Hotel, ich wollte im Wagen bleiben, aber sie sagten zu mir: "Come on!" Im Hotelzimmer machten sie uns dann verschiedene Angebote, aber ich sagte nur immer unbeweglich: "Nein, nein." Wir tranken dann mehrere Cognacs, und schließlich stiegen die Mädchen zusammen ins Bett. Und seltsamerweise setzte das deutsche Mädchen, das bei uns war, sich die Brille auf die Nase, um alles genau zu beobachten. Es war ein gemütlicher deutscher Familienabend.
T.: Allerdings. Alle Innenaufnahmen von Pleasure Garden sind also in München gemacht worden?
H.: Ja, in den Münchner Studios. Als der Film fertig war, kam Michael Balcon aus London, um ihn sich anzusehen. Am Ende des Films wurde de Levett, der Böse, verrückt, er droht Patsy mit dem Säbel umzubringen, und der Arzt der Kolonie tauchte auf mit einem Revolver. Ich habe das so gemacht. Im Vordergrund hatte ich den Revolver, und ganz im Hintergrund waren der Verrückte und das Mädchen. Der Arzt zielt auf die Entfernung, die Kugel trifft den Verrückten, er kriegt einen Schock und kommt zur Vernunft. Er dreht sich um zu dem Arzt, er wirkt überhaupt nicht mehr wahnsinnig und sagt: "Ach, guten Tag, Doktor." Ganz normal, dann sieht er, daß er Blut verliert, er schaut auf das Blut, er schaut auf den Arzt und sagt zu ihm: "Oh, sehen sie!" Dann bricht er zusammen und stirbt.
Während der Vorführung dieser Szene steht einer der deutschen Produzenten, ein sehr wichtiger Mann, auf und sagt: "Sie können doch eine solche Szene nicht zeigen, das ist unmöglich, das ist unglaubwürdig und brutal." Nach der Vorführung sagte Michael Balcon zu mir: "Das eigenartige an dem Film ist, daß er technisch gar nicht wie ein europäischer Film aussieht, sondern eher wie ein amerikanischer." Die Presse war sehr gut. Der Titel im Londoner "Daily express nannt mich "Young Man with a Master Mind".
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.

Info: Gedreht wurde hauptsächlich in den Münchner Studios "Emelka", dem Vorläufer der "Bavaria"-Studios, koproduziert von dem Briten Michael Balcon und dem Deutschen Erich Pommer. Als Mitarbeiter von Balcon hatte sich Hitchcock in den Jahren zuvor zum perfekten Kinotechniker entwickelt: "Hitchcock, 'das Mädchen für alles', zeichnete Zwischentitel, arbeitete als Requisiteur, entwarf Dekorationen, schrieb Drehbücher, wählte Schauspieler aus, wurde Regieassistent" (Fründt). Er hatte dort auch die hochbegabte Drehbuchautorin und Cutterin Alma Reville kennengelernt, nur einen Tag jünger als er. Sie wurde seine ständige Mitarbeiterin, war seine Regieassistentin und Cutterin bei "The Pleasure Garden" und ein Jahr später seine Frau. Wie weit ihr Einfluß auf Hitchs Arbeit reichte, wird ihr Geheimnis bleiben. Hitchcock selbst nannte seinen Debütfilm Truffaut gegenüber "melodramatisch, aber mit ein paar interessanten Szenen". Die Geschichte spielt in dem Milieu der Show, der Bühne, in der die Grenzen zwischen Illusion und Realität fließend sind, eine Welt, die Hitchcock immer faszinierte. In ein, zwei genialen optischen Einfällen umreißt er, um was es in diesem Zwischenreich geht: "um käuflichen Sex, um Fixierung auf Frauenbeine". Schon hier blitzt der zynische Humor auf, der ihn legendär machte, auch wenn Hitchcock hier die Welt noch säuberlich aufteilt in Gut (Patsy und Hugh) und Böse (Jill und Levett). Der Erfolg war groß, die "Daily Express" feierte den damals 26jährigen als "den jungen Mann mit dem Superhirn". Wie groß er werden sollte aber ahnte damals niemand.

Preise/Auszeichnungen: -

Literatur: -

Videos

Video "The Pleasure Garden" Teil 1 (15:12)
Video "The Pleasure Garden" Teil 2 (15:10)
Video "The Pleasure Garden" Teil 3 (15:09)
Video "The Pleasure Garden" Teil 4 (15:08)

Neuverfilmungen: -

Links:
BritMovie