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Original-Titel: The Thity-nine Steps
Deutscher Titel: Die 39 Stufen
Genre: Krimi, sw
Studio/Produktionsland: Gaumont-British, GB
Filmjahr: 1935
Filmlänge: 85 Min.
Drehbuch: Charles Bennet, Alma Reville und Ian Haynach dem Roman von John Buchan
Musik: Louis Levy
Kamera: Bernard Knowles
Regie: Alfred Hitchcock
Produzent: Michael Balcon, Ivor Montagu
Darsteller: Robert
Donat (Richard Hannay), Madeleine Carroll (Pamela), Lucie Mannheim (Annabella
Smith), Godfrey Tearie (Prof. Jordan), Peggy Ashcroft (Margaret Crofter), John Laurie (John
Crofter, der Bauer), Helen Haye (Mrs. Jordan), Frank Cellier
(Sheriff Watson), Wylie Watson (Mr. Memory), Gus MacNaughton, Jerry Verno (Reisender),
Jerry Verno (Reisender), Peggy Simpson (Dienstmädchen)
Hilda Trevelyan (Frau des Gastwirtes), John Turnbull (Inspector).
Inhaltsangabe: Die Geschichte beginnt im Londoner Palladium,
in dem der Gedächtniskünstler Mr. Memory das Publikum bittet, ihm alle
möglichen Fragen zu stellen. Der gerade in England ankommende Kanadier Richard
Hannay schaut sich die Vorstellung an, als plötzlich ein Schuß fällt. Bei der
nachfolgenden Panik steht er der jungen Annabella bei, die einen stark
erschreckten Eindruck auf ihn macht. In seiner Wohnung stellt er fest, daß sie
für die Abwehr arbeitet und auf der Spur eines Meisterverbrechers ist, der
hochwichtige militärische Geheimnisse aus dem Land schmuggeln will. Zwar kennt
sie seinen Namen nicht, aber sie weiß, daß ihm an einer Hand das erste Glied
des kleinen Fingers fehlt. Außerdem erwähnt sie '39 Stufen', ohne sich näher
zu erklären. - Hannay entdeckt, daß seine Wohnung
überwacht wird, und läßt Annabella bleiben. Im Morgengrauen wird er von einem
Tumult geweckt und stellt fest, daß man sie ermordet hat. Sie kann ihm nur noch
sagen, daß auch sein Leben in Gefahr ist.
Ihre Hand umklammert eine Landkarte, auf der ein Dörfchen in Schottland
markiert ist. Hannay entwischt den Verfolgern und fährt mit der Eisenbahn nach
Schottland. In Edinburgh erfährt er aus der Zeitung vom Tod des Mädchens und
liest, daß man ihn für den Mörder hält. Der Zug wird von der Polizei
durchsucht. Hannay dringt in ein Abteil ein und umarmt in der Hoffnung,
ungeschoren zu bleiben, die Blondine Pamela. Diese jedoch verrät ihn, und er
spring ab. Er flüchtet durch das schottische Hochland und erreicht schließlich
das Haus Professor Jordans, der, was Hannay nicht weiß, der Chef der Spione
ist. Er erzählt ihm, was er von dem Mädchen erfahren hat, erkennt aber zu
spät, daß Jordan besagtes Fingerglied fehlt. Jordan schießt ihn nieder und
hält ihn für tot, doch eine Bibel, die sich in Hannays Mantel befindet, hat
die Kugel abgefangen. Als die Polizei ihm dichtauf folgt, sucht er Zuflucht auf
einer politischen Versammlung, auf der man ihn für den Hauptredner hält.
Hannay wird auf das Podium gedrängt. Er drischt allgemeine Phrasen und entdeckt
unter den Anwesenden Pamela. Sie läßt ihn festnehmen, doch nicht von der
Polizei: Ahnungslos hat sie die Bande des Professors alamiert, die Hannay und
sie mit Handschellen aneinander fesselt und in einen Wagen verfrachtet. Im Moor
gelingt den beiden die erneute Flucht. Sie stoßen auf einen einsamen Gasthof,
in dem sie, aneinander gefesselt, den Abend im Streit verbinden. Als Hannay
schläft, befreit Pamela sich, hört die Ankunft zweier Bandenmitglieder und
belauscht ihr Gespräch. Nun wird ihr klar, daß Hannay die Wahrheit gesagt hat.
Sie berichtet ihm, was sie gehört hat. Hannay meint, er müsse ins Paladium
zurück. Pamela geht zur Polizei, die ihr jedoch keinen Glauben schenkt. - Das
Palladium ist voller Menschen. Hannay mustert das Publikum durch das Fernglas.
In einer Loge sitzt Professor Jordan. Pamela gesellt sich zu Hannay. Die
Polizisten, die ihr gefolgt sind, umzingeln ihn und wollen ihn festnehmen. Auf
der Bühne agiert Mr. Memory. Hannay springt auf und fragt ihn nach der
Bedeutung der '39 Stufen'. Der Künstler zögert, doch nach nochmaliger
Nachfrage platzt er mit der Antwort heraus - daß es sich dabei um eine
Spionageorganisation handelt, die für eine ausländische Macht tätig ist. Ein
Schuß ertönt, Mr. Memory fällt zu Boden. Jordan. der gefeuert hat, will
fliehen. Die Polizisten fallen über ihn her und entwaffnen ihn. Mr. Memory
gesteht, daß die Spione ihn gezwungen haben, sich die Pläne eines neuen
geheimen Flugzeugtyps einzuprägen. Er sollte sie mit Hilfe seines
fotografischen Gedächtnisses außer Landes schaffen.
Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: Nach dem Erfolg von The Man Who Kn'ew Too Much konnten
Sie Ihre Stoffe wahrscheinlich ziemlich frei wählen, und Sie entschieden sich
für The Thirty-nine Steps, die Geschichte eines jungen Kanadiers, der von
London noch Schottland flieht, um dort die Spur von Agenten wiederzufinden, die
in seiner Wohnung eine Frau erdolcht haben. Von der Polizei des Mordes
verdächtigt, von den Agenten verfolgt, gerät er in tausend schwierige
Situationen, aber schließlich geht alles gut aus. Das Drehbuch war nach einem
Roman von John Buchan, einem Schriftsteller, den Sie, glaube ich, sehr
bewundern.
H.: Allerdings, ich kann sagen, daß Buchan mich sehr beeinflußt hat,
lange bevor ich The Thirty-nine Steps gemacht habe. Auch The Man Who Kneri Too
Much verdankt ihm einiges. Es gibt ein großartiges Buch von ihm, das nie
verfilmt worden ist, Greenmantle, ein Roman, der wahrscheinlich inspiriert war
von der sehr seltsamen Gestalt des Lawrence von Arabien. Ich glaube, Alexander Korda hat die Filmrechte daran gekauft,
aber den Film hat er nie gemacht. Ich
habe zuerst an dieses Buch gedacht, mich dann aber doch für The Thirtynine Steps
entschieden, einen weniger wichtigen Roman, wahrscheinlich aus denselben
Gründen, über die wir in Verbindung mit Destojewski gesprochen haben, aus
Respekt.
Was mir an Buchan so gefällt, ist etwas absolut Britisches, was wir
Understatement nennen.
T.: Im Französischen gibt es gar kein Wort dafür.
H.: Es bedeutet Unter-Bewertung, Unter-Einschätzung.
T.: Im Französischen gibt es eine rhetorische Figur, die Litotes, aber die
hat mehr zu tun mit Zurückhaltung, mit Bescheidenheit als mit Ironie.
H.: Understatement bedeutet, dramatische Ereignisse in einem leichten Ton
zu präsentieren.
T.: Wie in The Trouble with Harry?
H.: Genau. Das Understatement ist für mich sehr wichtig.
Ich habe dieses Drehbuch zusammen mit Charles Bennett geschrieben. ich erinnere
mich, daß ich mir damals eine Methode erarbeitet hatte, die darin bestand, den
Film bis in seine letzten Details schriftlich zu fixieren, aber ohne einen
einzigen Satz vom Dialog. Ich stellte ihn mir als Episodenfilm vor, und ich war
in glänzender Form. Sobald wir mit einer Episode fertig waren, sagte ich: Hier
brauchen wir wieder eine gute Kurzgeschichte. Der Inhalt jeder Szene sollte
solide sein und einen kleinen Film für sich bilden.
Trotz meiner Bewunderung für Buchan sind sehr viele Dinge in dem Film, die nicht
im Roman sind. Zum Beispiel die Szene, in der Robert Donat nachts zu einem
Bauern und seiner Frau kommt. Sie geht zurück auf eine sehr alte schlüpfrige
Geschichte. Sie handelt von einem Burenfarmer in Südafrika, schrecklich streng,
mit einem riesigen
schwarzen Bart und mit einer jungen, unbefriedigten und liebeshungrigen Frau. Am
Geburtstag ihres Mannes hat sie ein Huhn geschlachtet und eine Pastete daraus
gemacht. Es ist ein stürmischer Abend, und sie hofft, daß die Pastete eine
hübsche Überraschung für ihren Mann sein wird. Stattdessen wird der Mann wütend
und wirft ihr vor, daß sie das Huhn geschlachtet hat, ohne ihn zu fragen. Ein
trauriger Geburtstagsabend! Da klopft es an der Tür. Draußen steht ein hübscher
Fremdling, der sich verirrt hat. Die Bäuerin bittet ihn herein und gibt ihm zu
essen. Der Bauer hindert ihn daran, sich satt zu essen und sagt: »Davon müssen wir
noch die ganze Woche leben.« Die junge Frau verschlingt den Fremden mit den
Blicken und fragt sich: Wie kann ich es nur anstellen, daß er mit mir schläft?
Der Mann will den Fremden über Nacht in der Hundehütte unterbringen. Aber die
Frau ist dagegen, und schließlich schlafen alle drei in dem großen Bett. Der
Bauer schläft in der Mitte. Die Frau würde alles machen, um ihren Mann
loszuwerden. Als sie ein Geräusch hört, weckt sie ihren Mann und sagt: »Ich
glaube, die Hühner sind draußen.« Darauf steht der Mann auf, man hört seine
Schritte im Hof. Die Frau rüttelt den Fremden wach und sagt: „Schnell, schnell,
mach, jetzt ist der geeignete Augenblick.“ Schnell steht der Fremde auf und
verschlingt den Rest der Hühnerpastete."
T.: Eine amüsante Geschichte. Aber mir ist die Szene, wie sie im Film ist,
lieber. Die Stimmung erinnert an Murnau, wahrscheinlich wegen der Gesichter,
wegen des Dekors, und wahrscheinlich auch, weil die Personen in dem Augenblick
wirklich an die Erde gebunden sind und an die Religion. Es ist eine sehr kurze
Szene, und doch sind die Personen in ihr besonders präsent. Die Sache mit dem
Gebet ist großartig. Der Ehemann betet hingegeben das Tischgebet, währenddessen
bemerkt Donat die Zeitung, die auf dem Tisch liegt, mit seinem Foto. Er wendet
den Kopf zu der Bäuerin, die Bäuerin sieht die Zeitung und das Foto und wendet
den Kopf zu Donat. Ihre Blicke treffen sich. Donat merkt, daß sie jetzt weiß, er
wird gesucht. Sie wirft ihm einen strengen Blick zu, er antwortet mit einem
bittenden Blick, und genau in diesem Augenblick überrascht sie der Bauer und
denkt, es spinnt sich etwas an zwischen ihnen. Darauf geht er nach draußen und
beobachtet sie durchs Fenster. Es ist ein schöner Stummfilmmoment, die Personen
sind hinreißend. Man merkt gleich, wie cholerisch, geizig, eifersüchtig und
entsetzlich puritanisch der Ehemann ist.
Dadurch wird Donat dann später auch gerettet. Die Frau hat ihm den Mantel des
Bauern gegeben, und die Revolverkugel geht in die Bibel, die in der Innentasche
des Mantels steckt.
H.: Ja, das war eine gute Szene. Eine andere interessante Figur war der
Mister Mernory. Die Idee dazu war mir bei einem Artisten gekommen, den ich in
einem Varieté gesehen habe. Er nannte sich Datas wegen der Daten. Die Leute im
Saal fragten ihn nach bestimmten Ereignissen, und er gab die genauen Daten an.
»Wann ist die Titanic gesunken?« Es gab auch sehr knifflige Fragen. Fragen, bei
denen gemogelt wurde, die ein Eingeweihter stellte. Eine Frage war: »When did
Good Friday fall an a Tuesday?« (Wann fiel Karfreitag auf einen - bzw. an einem
- Dienstag?) Und die Antwort lautete: »Karfreitag war ein Pferd, das in
Wolverhampton lief, und es fiel zum erstenmal bei einem Hindernis am Dienstag,
den 22. Juli 1864.«
T.: Ja, der Mister Memory war auch eine sehr gute Figur. Ich fand toll,
wie er umkam. Er stirbt im wahrsten Sinn an seinem Berufsethos. Robert Donat
fragt ihn in dem Varieté: „Was sind die neununddreißig Stufen?“. Und er kann
einfach nichts anders, als alles zu sagen, was er weiß: „Das ist ein
Spionagering“, undsoweiter. Und natürlich schießt ihn der Chef des Rings, der in
der Loge sitzt, mit einem Revolverschuß nieder. Das ist etwas, was man in Ihren
Filmen häufig findet und was große Genugtuung bereitet: eine Figur, die ihrem
Charakter treubleibt bis zum Äußersten, bis in den Tod, mit einer
unerschütterlichen Logik. Die Dinge entwickeln sich vom Pittoresken zum
Pathetischen, was den Tod etwas lächerlich und grandios zugleich erscheinen läßt.
H.: Ich mag das sehr und auch dieses Pflichtgefühl. Mister Mernory weiß,
was die neununddreißig Stufen bedeuten, man stellt ihm eine Frage, und er muß
antworten. Aus demselben Grund habe ich auch die Lehrerin in The Birds sterben
lassen.
T.: Ich habe The Thirty-nine Steps kürzlich in Brüssel wiedergesehen, und
als ich wieder in Paris war, habe ich mir das Remake angeschaut, das Ralph
Thomas mit Kenneth Moore in London gemacht hat. Es war ziemlich lächerlich und
sehr schwach inszeniert, aber das Buch war so stark, daß das Publikum trotzdem
mitging.
In manchen Punkten ist das Remake in seinem Aufbau Ihrem Film genau gefolgt, nur
immer etwas schlechter, und wenn sie einmal etwas anderes gemacht haben, dann
ergibt sich im allgemeinen ein Widerspruch. Zum Beispiel zu Beginn, wenn Robert
Donat in der Wohnung eingesperrt ist, sieht er vom Fenster aus zwei Spione, die
auf dem Bürgersteig auf- und abgehen. Sie haben die beiden Spione aus Donats
Perspektive aufgenommen, die Kamera ist in der Wohnung, und die Spione sind
unten auf dem Bürgersteig, ziemlich weit weg. In dem Remake hat Ralph Thomas
zwei Nahaufnahmen von den Spionen in die Szene hineingeschnitten, und dadurch
verliert die Szene ihre ganze Überzeugungskraft, die Spione werden einem
vertraut, und man hat keine Angst mehr um den Helden.
H.: Das ist wirklich jämmerlich. Wer sowas macht, weiß wirklich nicht,
worauf es ankommt. Man kann doch in einer solchen Situation nicht den Standpunkt
wechseln, das ist einfach unmöglich.
T.: Als ich Ihre Fassung von The Thirty-nine Steps wiedersah, ist mir
aufgefallen, daß Sie ungefähr zu der Zeit damit angefangen haben, sich mit Ihren
Geschichten große Freiheiten herauszunehmen, daß Sie sich nicht mehr um die
Wahrscheinlichkeit der Handlung kümmerten und die Wahrscheinlichkeit jedenfalls
ständig der reinen Emotion opferten.
H.: Ja, das stimmt.
T.: Wenn Robert Donat zum Beispiel London verläßt und in den Zug steigt,
begegnen ihm lauter beunruhigende Dinge. Oder, wenn einem das lieber ist, er
interpretiert die Realität in dieser Richtung. Er glaubt, die beiden Reisenden
ihm gegenüber im Abteil würden ihn hinter den Zeitungen bespitzeln. Als der Zug
in einem Bahnhof halt, sieht man durchs Fenster Polizisten, steif wie
Bohnenstangen, die starr in die Kamera blicken. Alles sieht nach Gefahr aus,
alles ist Bedrohung, und das mit einer Entschiedenheit, die schon einen Schritt
auf die amerikanische Stilisierung hin bedeutet.
H.: Ja. Wir kommen zu einer Zeit, in der ich den Details größere
Aufmerksamkeit schenkte als vorher. Ich sagte mir ständig: Hier muß das Muster
noch ausgefüllt werden, da muß es noch ergänzt werden.
Was ich an The Thirty-nine Steps besonders mag, sind die unvermittelten
Übergänge. Robert Donat ist von sich aus zur Polizei gegangen, um den Mann mit
dem abgeschnittenen Finger anzuzeigen und zu erzählen, wie er dem Tod entgangen
ist, dank der Bibel, die die Kugel aufgefangen hat. Aber da glaubt man ihm nicht
und legt ihm Handschellen an. Man weiß nicht, wie er da rauskommen soll. Die
Kamera geht hinunter auf die Straße, und man sieht Donat durch das Fenster
springen, das in tausend Stücke zerspringt. Er kommt an einer Heilsarmeekapelle
vorbei und mischt sich dazwischen. Dann läuft er in eine Sackgasse und steckt in
einem Hausflur fest. Da sagt jemand: »Gottseidank, endlich ist unser Redner da.«
Man schiebt ihn auf ein Podium, und er muß eine Wahlrede halten. Das Mädchen,
das er im Zug geküßt hat und das ihn schon einmal angezeigt hat, taucht
plötzlich mit zwei Burschen auf und will ihn zur Polizei schaffen, aber in
Wirklichkeit, wie Sie sich vielleicht erinnern, sind die beiden Polizisten
falsch. Donat, mit Handschellen an das Mädchen gefesselt, kann mit ihr
entfliehen, als eine Schafherde den Verkehr aufhält. Sie verbringen eine Nacht
in einem Hotel, immer noch in Handschellen, und so geht das weiter.
Sehen Sie, das ist toll, die Schnelligkeit der Übergänge. Um dahin zu kommen,
muß man viel arbeiten, aber das lohnt sich auch. Man muß eine Idee auf die
andere folgen lassen und dabei alles der Schnelligkeit opfern.
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois
Truffaut.
Info: Die 39 Stufen ist Hitchcocks wohl
bekanntester englischer Film und einer seiner populärsten überhaupt. Erstmals
konnte Hitchcock mit diesem Agenten-Thriller auch in den USA beachtliche
Aufmerksamkeit erregen. Eine fesselnde Spionagegeschichte, die sich gleichzeitig
zeitloser Themen wie Vertrauen und Verrat, Wahrheit und Lüge, Maskerade und
Verkleidung usw. annimmt und daher auch fast 65 Jahre nach ihrer
Erstausstrahlung bei Publikum und Kritik nichts an Beliebtheit eingebüßt hat.
Das Drehbuch zu Die 39 Stufen beruht auf
dem Roman The Thirty-Nine Steps aus dem Jahr 1915
des Schotten John Buchan (1874-1940). Wesentliche Teile
wurden verändert und einige Szenen hinzugefügt. Richard Hannay, dargestellt
von Robert Donat, wurde zum Prototyp des Hitchcock’schen Helden. Ein
sympathischer, unbedarfter Bürger, der sich unversehens und unverschuldet in
Umstände verstrickt sieht, die er zunächst nicht versteht, um sie dann aber -
im Fortgang der Ereignisse - mit Mut, Aufrichtigkeit und Entschlossenheit zu bewältigen.
Ohne Rücksicht auf Plausibilität legte es
Hitchcock in seinem achtzehnten Film vor allem auf die Schnelligkeit der Übergänge an. Sein Held sah sich permanent unglaublichen
Zufällen und unwahrscheinlichen Begebenheiten ausgesetzt. Wichtig war nicht, was Hannay
eigentlich zu erreichen versuchte, sondern wie er es tat und in welcher
Beziehung er dabei zu den anderen Beteiligten der Geschichte stand. "Man muß
eine Idee auf die andere folgen lassen und dabei alles der Schnelligkeit
opfern," rechtfertigte sich Hitchcock dazu. "Die Wahrscheinlichkeit
interessiert mich nicht. Ein Kritiker, der mir etwas von Wahrscheinlichkeit erzählt,
hat keine Phantasie."
Die 39 Stufen ist ein früher Klassiker des Regisseurs. Er folgt dem Prinzip,
dass sich Logik und Verlauf des Films an der Spannung orientieren und nicht
zwingendermaßen an der Realität. Ein Episodenfilm, wo sich Situationen
aneinanderreihen, mit den typischen Hitchcockmustern, wie dem unschuldigen
Helden, der im Verlauf einer Flucht oder Suche seine Reputation wieder
herstellen muss. Ein Prinzip, das Hitchcock auch in Der unsichtbare Dritte oder
Saboteure anwendet.
In diesem Film machen wir auch die erste Begegnung mit einem waschechten
MacGuffin, den „39 Stufen“. Dahinter verbirgt sich ein Spionagering, eine völlig
unwichtige Information, die nur dazu da ist, die Handlung voranzutreiben.
Bauten: Oskar Friedrich Werndorff, Albert Jullion, Kostüme: J. Strassner,
Prod.-Firma: Cineguild, Schnitt: Derek Twist, Spezialeffekte: Jack Whitehead,
Ton: Albert Birch.
Preise/Auszeichnungen: -
Literatur: John Buchan: Die neununddreißig Stufen. Roman (OT: The thirty-nine steps).
Diogenes, Zürich 1980, ISBN 3-257-20210-5
Videos
Neuverfilmungen:
The Thirty-Nine Steps/Die 39 Stufen, GB 1959, Ralph Thomas
The Thirty-Nine Steps/Die 39 Stufen, GB 1978, Don Sharp
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