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Original-Titel: The Trouble with Harry

Deutscher Titel: Immer Ärger mit Harry

Genre: Krimi-Komödie, Farbe

Studio/Produktionsland: Paramount Pictures, USA

Filmjahr: 1955

Filmlänge: 95 Min.

Drehbuch: John Michael Hayes nach dem Roman von Jack Trevor Story

Musik: Bernard Herrmann

Kamera: Robert Burks

Regie: Alfred Hitchcock

Produzent: HerbertColeman, Alfred Hitchcock

Darsteller: John Forsythe (Sam Marlowe), Shirley MacLaine (Jennifer Rogers), Edmund Gwenn (Captail Albert Wiles), Mildred Natwick (Miss Ivy Gravely), Mildred Dunnock (Mrs. Wiggs), Jerry Mathers (Arnie Rogers), Royal Dano (Calvin Wiggs), Parker Fennelly (Millionär), Philip Truex (Harry), Barry Macollum (Landstreicher), Dwight Marfield (Dr. Greenbow), Leslie Wolff (Kunstkritiker), Philip Truex (Harry Worp), Ernest Curt Bach (Chauffeir).

Inhaltsangabe: In den herbstlichen Hügeln von Vermont stolpert der kleine Arnie (Jerry Mathers) beim Spielen im Wald über Harrys Leiche. Wie Kinder so sind, macht er sich zunächst keine Gedanken über Leben und Tod. Ganz anders verhält es sich da allerdings bei einigen Bewohnern des nahen Dorfes, wo sich gleich mehrere Personen für Harrys Tod verantwortlich fühlen. Da ist zum Beispiel der senile Captain Wiles (Edmund Gwenn), der glaubt, er habe Harry bei der Hasenjagd erschossen. Aber auch Harrys Witwe Jennifer (Sherley MacLaine) und die alte Jungfer Miss Gravely (Mildred Natwick) haben ein schlechtes Gewissen. Zusammen mit dem Landschaftsmaler Sam Marlowe (John Forsythe) bemühen sie sich, die Leiche verschwinden zu lassen...

Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: Danach haben Sie The Trouble with Harry gedreht, einen etwas unüblichen Film. In Paris kam er in einem kleinen Kino an den Champs Elysées heraus, man gab ihm ein bis zwei Wochen, und dann war das Kino sechs Monate lang ausverkauft. ich habe nie herausbekommen, ob er den Parisern so gut gefiel oder den englischen Touristen und den Amerikanern in Paris, aber ich erinnere mich, daß er sonst in der Welt kein allzu großer Erfolg war.
H.: Das stimmt. Ich habe den Film sehr frei gedreht, nach einem Stoff, den ich selbst ausgesucht hatte. Als der Film fertig war, wußte niemand, was man damit anfangen, wie man ihn auswerten sollte. Er sei zu speziell - für mich war er das überhaupt nicht. Es war die sehr getreue Verfilmung eines englischen Romans von Jack Trevor Story, und nach meinem Geschmack war er voller Humor. Wenn beispielsweise der alte Edmund Gwenn die Leiche zum erstenmal hinter sich herzieht und die alte Jungfer ihn trifft, sagt sie: »Haben Sie Unannehmlichkeiten, Kapitän?« Das ist einer der komischsten Sätze, und für mich liegt in ihm der ganze Geist der Geschichte.
T.: Man merkt, Sie mögen den Film sehr.
H.: Er entsprach meiner Neigung, mit Gegensätzen zu arbeiten, gegen die Tradition zu kämpfen und die Klischees. Mit The Trouble with Harry hole ich das Melodram aus der Dunkelheit der Nacht und bringe es ans helle Tageslicht. Es ist, wie wenn ich einen Mord an einem plätschernden Bach zeigte und einen Tropfen Blut ins glasklare Wasser spritzte. Durch diese Kontraste entsteht ein Kontrapunkt, und vielleicht werden so die alltäglichen Dinge des Lebens aufgewertet.
T.: Tatsächlich, selbst wenn Sie schreckliche oder furchterregende Dinge filmen, die leicht schmutzig oder morbide werden könnten, machen Sie es so, daß es niemals häßlich wird. Im allgemeinen ist es sogar sehr schön.
Zum Schluß des Films gibt ein Millionär jeder der Personen die Gelegenheit, sich etwas zu wünschen, sich ein Geschenk auszusuchen, wie eine Bitte, die erhört wird, und man weiß nicht, was Shirley MacLaine und John Forsythe sich gewünscht haben, aber man weiß, es muß etwas Besonderes sein. Und zum Schluß erfährt man, es war ein Doppelbett. Das wer, glaube ich, im Buch nicht so.
H.: Nein, das hat John Michael Hayes erfunden.
T.: Das schafft einen kleinen Fragesuspense, der der letzen Rolle des Films ein besonderes Interesse verleiht, während der Film sonst doch eigentlich keine Suspensegeschichte war.
H.: Das entspricht dem Crescendo oder der Coda in meinen anderen Filmen. Man findet das auch am Schluß von Lifeboat oder Rope.
The Trouble with Harry war Shirley MacLaines erster Film. Sie war ausgezeichnet, und sie hat es ja hinterher auch zu etwas gebracht. Der junge, John Forsythe, wurde ein sehr populärer Fernsehstar, und er hat auch in einer meiner ersten Sechzig-Minuten-Sendungen gespielt.
T.: Der ganze Humor des Films entwickelt sich aus einem Mechanismus, und zwar immer demselben, einer Art übertriebenem Phlegma. Man spricht von der Leiche, als sei es eine Schachtel Zigaretten.
H.: Das ist mein Prinzip. Mich amüsiert nichts mehr als die Komik des Understatement.
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.

Info: Ausstattung: Hal Pereira, John Goodman, Sam Comer, Emile Kuri. Schnitt: Alma Macrorie. Kostüme: Edith Head. Ton: Harold Lewis, Winston Leverett.

Hitchcock selbst bezeichnete sein Werk "als englischsten seiner amerikanischen Filme". Bewusst hielt er das Budget gering, da er Bedenken hatte, ob der Film in den USA überhaupt sein Publikum finden würde. Hitchcock behielt recht: Nur in England und Frankreich wurde sein Film, in dem Shirley MacLaine ihr Filmdebüt gab, begeistert aufgenommen.

The Trouble with Harry lag Hitchcock besonders am Herzen. Zum einen, weil er den Stoff selbst ausgesucht hatte, was im amerikanischen Studiosystem selbst für jemanden wie Hitchcock eine Seltenheit war. Zum anderen, weil der Film den ihm eigenen makabren Humor illustriert, wie Hitchcock selbst befand. So stehen Drehzeit und Location - Altweibersommer in den Wäldern Vermonts - in Kontrast zu dem an sich düsteren Thema eines Leichenfunds und dessen Vertuschung im kleinbürgerlichen Milieu.

Die Komik in The Trouble with Harry trägt bisweilen surreale Züge. So zeigt keiner der Dorfbewohner auch nur den Ansatz des Bedauerns. Der ganze Ärger mit Harry besteht nicht darin, daß er tot ist, sondern daß er eine Leiche ist...

In The Trouble with Harry machte Hitchcock eine Frage zum Schlüsselthema, die ihn immer schon fasziniert hatte und auch weiterhin faszinieren sollte: Wohin mit der Leiche? Seine Bösewichte sind erstaunlich erfindungsreich in der Beseitigung des menschlichen, Körpers. In Rope steckt die Leiche im Tisch, in Rear Window wird sie in Einzelteilen in einem Koffer aus der Wohnung getragen und in Frenzy endet ein lebloser Frauenkörper in einem Kartoffelsack.

Ist die Beseitigung der Leiche im Whodunit ein kleiner Nebenplot, so füllt das Problem dramaturgisch hier einen ganzen Film. Die braven Bürger stecken ihre ganze Energie in die Beseitigung der Leiche, ohne auch nur ein einziges Mal die Frage nach dem Täter zu stellen. The Trouble with Harry ist eine intelligente schwarze Komödie, die die Konventionen des Krimi-Genres ad absurdum führt.

Dieser Film war zusammen mit vier weiteren für Jahrzehnte nicht verfügbar, da Alfred Hitchcock die Rechte daran zurückgekauft und sie als Teil seines Erbes an seine Tochter vorgesehen hatte. Sie waren lange bekannt als die berüchtigten "Fünf verlorenen Hitchcocks" und wurden erst 1984 nach 25-jähriger Abwesenheit wieder gezeigt. Die anderen sind: Cocktail für eine Leiche (1948), Das Fenster zum Hof (1954), Der Mann, der zuviel wusste (1956), Vertigo - Aus dem Reich der Toten (1958).

"Mich amüsiert nichts mehr als die Komik des Understatement". Dieses Zitat von Alfred Hitchcock passt hervorragend zum herrlich amüsanten Verwirrspiel um die Leiche von Harry. Die Spannung zwischen den makabren Vorgängen und der heitere Erzählstil wurde von Hitchcock kommentiert als der englischste seiner amerikanischen Filme.

Preise/Auszeichnungen: -

Literatur: Jack Trevor Story: The Trouble with Harry. T. V. Boardman, London und New York 1949 (bislang keine deutsche Übersetzung)
Robert A. Harris, Michael S. Lasky, Hrsg. Joe Hembus: Alfred Hitchcock und seine Filme (OT: The Films of Alfred Hitchcock). Citadel-Filmbuch bei Goldmann, München 1976, ISBN 3-442-10201-4

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Neuverfilmungen:
Dumm gelaufen - D 1979, Regie: Peter Timm

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