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Original-Titel: Under Capricorn

Deutscher Titel: Sklavin des Herzens

Genre: Kostüm-Drama, Farbe

Studio/Produktionsland: Transatlantic, GB

Filmjahr: 1949

Filmlänge: 117 Min.

Drehbuch: James Bridie nach dem Theaterstück von John Colton und Margaret Linden nach einem Roman von Helen Simpson.

Musik: Richard Addinsell, Louis Levy

Kamera: Jack Cardiff, Paul Beeson, Ian Craig, David McNeilly, Jack Haste

Regie: Alfred Hitchcock

Produzent: Sidney Bernstein, Alfred Hitchcock

Darsteller: Ingrid Bergman (Lady Henrietta Flusky), Joseph Cotten (Sam Flusky), Michael Wilding (Hon. Charles Adare), Margaret Leighton (Milly), Cecil Parker (Sir Richard), Denis O'Dea (Mr. Corrigan), Jack Watling (Winter), Harcourt Williams (Coachman), John Ruddock (Mr. Potter), Ronald Adam (Mr. Riggs), Francis De Wolff (Major Wilkins), G.H. Mulcaster (Dr. McAllister), Olive Sloane (Sal), Maureen Delany (Flo), Bill Shine (Mr. Banks), Julia Lang (Susan), Betty McDermott (Martha), Roderick Lovell, Victor Lucas (Reverend Smiley).

Inhaltsangabe: Australien 1831: Charles Adare (Michael Wilding), Verwandter des britischen Gouverneurs, sieht nach Jahren seine Cousine Henrietta (Ingrid Bergmann) wieder. Er ist erschüttert: Sie ist dem Alkohol verfallen, und ihre skandalumwitterte Ehe mit Sam Flusky (Joseph Cotten) scheint unglücklich zu sein. Außerdem setzt ihr die Haushälterin (Margret Leighton) zu, die insgeheim ihren Herrn liebt. Während der nächsten Wochen versucht Charles Henrietta auf andere Gedanken zu bringen und ihr Selbstvertrauen zu Stärken. Dabei verliebt er sich in sie. Bei einem Ball des Gouverneurs kommt es zu einem Skandal.

Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
T.: Nach Rope haben Sie Ihren zweiten Film in eigener Produktion dreht, Under Capricorn. Um diesen Film hat es in Frankreich Mißverständnisse gegeben. Viele Ihrer Bewunderer halten ihn für Ihren besten Film. Aber ich weiß, daß er eine finanzielle Katastrophe war daß es wahrscheinlich der Film ist, bei dem Sie es am meisten bedauern, daß Sie ihn gedreht haben. Die Vorlage war ein englischer Roman. War das ein Buch, das Sie mochten?
H.: Nein, ich hatte keine besondere Vorliebe für das Buch, und ich hätte es wahrscheinlich nie genommen, wenn ich nicht den Eindruck gehabt hätte, daß es für Ingrid Bergman gut geeignet war. Damals war Ingrid der größte amerikanische Star, und ich hatte zwei Filme mit gedreht, Spellbound und Notorious. Alle amerikanischen Produzeten rissen sich um die Bergman, und ich muß gestehen, daß ich irrtümlicherweise glaubte, Ingrid Bergman zu bekommen, sei für mich das Wichtigste. Es war ein Sieg über die Industrie. Mein Benehmen in der ganzen Geschichte war falsch und geradezu kindisch. Wenn es auch kommerziell ein Vorteil war, daß sie mitspielte, machte es den Film doch so teuer, daß das Unternehmen nicht mehr vernünftig war. Selbst vom rein kommerziellen Standpunkt aus hätte ich mir die Dinge genauer ansehen müssen, dann hätte ich keine zweieinhalb Millionen Dollar für diesen Film ausgegeben, was damals sehr viel Geld war.
Ich war 1949 schon abgestempelt als Spezialist für Suspense und Thriller. Aber Under Capricorn ist weder das eine noch das andere. Im Hollywood Reporter stand: »Einhundertundfünf Minuten wartet man in diesem Film auf die erste Gänsehaut.«
Mein erster Irrtum also war meine Begeisterung darüber, daß ich mir mit Ingrid Bergmans Zusage eine Feder an den Hut stecken konnte. Der Film wurde von meiner eigenen Gesellschaft produziert, und hier kam ich also, Hitchchock, ehemals britischer Regisseur, zurück in London mit dem größten Star des Tages. Alle Kameras waren auf Ingrid Bergman und mich gerichtet, als wir aus dem Flugzeug stiegen. Ich hielt das für einen wichtigen Augenblick, das war wirklich kindisch und idiotisch von mir.
Der zweite Fehler war, daß ich mit meinem Freund Hume Cronyn zusammen das Drehbuch schrieb. Ich hatte ihn genommen, weil er in der Unterhaltung seine Ideen sehr gut zu formulieren verstand. Aber als Szenarist fehlte ihm einfach die Erfahrung.
Der dritte Fehler war, ebenfalls bei der Ausarbeitung des Drehbuchs, daß ich mich an James Bridie wandte, einen Autor von halbintellektuellen Stücken, der eigentlich kein erfahrener Handwerker war. Als ich später über alles nachgedacht habe, fiel mir auf, daß Bridie ein Autor ist, der erste und zweite Akte immer ausgezeichnet hinbekommt, es aber nie schafft, seine Stücke zu ende zu bringen. Ich erinnere mich, wie wir eine Stelle des Drehbuchs diskutierten. Das Ehepaar hat sich nach einem fürchterlichen Krach getrennt, und ich frage Bridie: »Wie versöhnen wir sie jetzt wieder?« Na, wie schon! Sie werden sich entschuldigen, und jeder wird sagen: Ich habe Unrecht getan, entschuldige bitte.«
T.: Ja, das stimmt. Selbst ein Bewunderer des Films muß zugeben, daß das letzte Viertel ziemlich schwach ist und daß die Geschichte sich nur schwerfällig auflöst.
H.: 0 ja. Sehen Sie, ich versuche, Ihnen ein klares Bild von der Verwirrung zu geben, in der ich mich damals befand, und wie sehr ich mich irrte. Darüber dürfte es überhaupt keinen Zweifel geben: Wenn man im Verlauf seiner schöpferischen Arbeit spürt, daß man sich auf etwas Fragwürdiges und Verschwommenes einläßt, dann muß man sich sofort zum Wahren und Erprobten flüchten, ob das nun ein Schriftsteller ist, mit dem man arbeitet, die Art des Themas oder was sonst immer.
T.: Was verstehen Sie darunter: sich flüchten zum Erprobten? Wollen Sie damit sagen, daß man, wenn man nicht mehr recht weiß, wo man ist, auf Elemente zurückgreifen soll, die sich bewährt haben?
H.: Auf das, was in Ihrem Kopf ordentlich fundiert ist. Das sollten Sie jedesmal machen, wenn Sie sich einen Moment lang verloren fühlen, jedesmal, wenn Sie verwirrt sind. »Run for cover«. Das ist ein bewährtes Rezept bei Bergführern und Forschungsreisenden; wenn man merkt, man hat sich im Weg geirrt oder in einem Wald verlaufen, dann soll man nie versuchen, den Weg wiederzufinden, indem man quer in den Wald geht oder sich auf seinen Instinkt verläßt, Die einzige Lösung ist, genau den Weg, den man gegangen ist, wiede rück zu gehen bis zum Ausgangspunkt, von dem aus' man sich verlaufen hat.
T.: Je, aber in Under Capricorn gibt es die übergetreue Haushälterin langsame Vergiften, den Druck der Vergangenheit, die eingestandene Schuld, lauter Dinge, die sich in Rebecca und Notorious bewährt hatten.
H.: Das stimmt. Aber die Dinge wären auch in dem Film, wenn ich mich an einen richtigen Professionellen wie Ben Hecht gewandt hätte, um mit ihm das Drehbuch zu schreiben.
T.: Das stimmt, der Dialog nimmt zu großen Raum ein, aber er ist auch sehr poetisch. Trotz allem, Under Capricorn ist vielleicht kein guter, aber jedenfalls ein schöner Film.
H.: Ich hätte gewünscht, er wäre ein Erfolg geworden, abgesehen selbst von den finanziellen Erwägungen. Wir hatten uns mit soviel Enthusiasmus in das Unternehmen gestürzt, daß wir uns hinterher schämen mußten, weil nichts dabei herausgekommen war. Außerdem habe ich mich geschämt, daß ich mir als Regisseur und Produzent eine sehr gute Gage bewilligt hatte und auch Ingrid Bergman sehr viel. Vielleicht hätte ich für mich gar nichts nehmen sollen, aber es schien mir ungerecht, daß Ingrid Bergman so viel bekommen und ich die Arbeit umsonst machen sollte.
T.: Der Film hat sehr viel Geld verloren?
H.: Ja, sehr viel. Jetzt gehört er den Banken, die ihn finanziert haben. Aber er wird jetzt überall in der Welt wieder etwas eingesetzt und in Amerika wahrscheinlich im Fernsehen gesendet.
T.: Es ist ein sehr romantischer Film, und deshalb sollte man glauben, auch ein kommerzieller. Andererseits ist er auch ziemlich traurig und morbide, die Personen haben sich alle etwas vorzuwerfen, und die Umgebung des Ganzen hat etwas von einem Alptraum. Einen Aspekt gibt es, der die Perfektionierung früherer Elemente aus ihrem Werk darstellt: die Figur der zu ergebenen Haushälterin Milly. Sie ist die Tochter von Mrs. Danvers aus Rebecca, nur noch furchterregender.
H.: Das finde ich auch, aber die englischen Kritiker haben geschrieben, es sei übel, eine so schöne Schauspielerin wie Margaret Leighton für eine so unsympatische Rolle zu nehmen. Und noch mehr: Während einer Pressekonferenz in London sagte ein Journalist: »Ich verstehe nicht, wie Sie aus Amerika Mr. Joseph Cotten mitbringen konnten, wo wir hier einen so guten englischen Schauspieler wie Kieron Moore haben.«
T.: Ah, nein! Die Schauspieler in Under Capricorn sind ausgezeichnet und sehr gut ausgesucht.
H.: Ich bin da nicht so sicher. Under Capricorn ist wiedermal die Geschichte von der Lady und dem Stallknecht. Ingrid hat sich in den Stallknecht Joseph Cotten verliebt, und als man ihn als Sträfling nach Australien schickt, ist sie ihm gefolgt. Das entscheidende Element war also die Erniedrigung der Lady Henrietta, ihre Erniedrigung durch die Liebe. Deshalb ist Joseph Cotten an der Stelle nicht ganz richtig, Burt Lancaster hätte dahin gehört.
T.: Das ist das Problem des Kontrasts, wie in The Paradine Case. Selbst wenn dieser Film nicht gelungen ist, kann man ihn nicht auf eine Stufe stellen etwa mit Jamaica Inn. Es ist eindeutig, wenn man den sieht, daß Sie an ihn geglaubt haben, während Sie ihn drehten, daß Sie die Geschichte geliebt haben, wie bei Vertigo.
H.: Das ist wahr. Ich mochte die Geschichte, aber nicht so sehr wie die von Vertigo. Ich hatte eine Geschichte für Ingrid Bergman gesucht und ich glaubte, sie gefunden zu haben. Ich hatte genau überlegt, hätte ich mich sonst für einen Kostümfilm entschieden; ich habe auch nie wieder einen gedreht. Dann hat er zu wenig Humor. Wenn ich heute einen Film drehen würde, der in Australien spielt, würde ich einen Polizisten zeigen, der in den Beutel eines Känguruhs springt und ihm zuruft: »Folgen Sie dem Wagen dort! «
T.: Ein anderer interessanter Aspekt von Under Capricorn ist die Technik. Sie haben die Erfahrung von Rope verschiedentlich wieder aufgenommen und Einstellungen von sechs bis acht Minuten gedreht, mit der zusätzlichen Schwierigkeit, daß Sie dabei vom Parterre den ersten Stock mußten.
H.: Das war eigentlich keine zusätzliche Schwierigkeit, aber diese fließende Kamera war wahrscheinlich ein Fehler, weil sie noch unterstrich, daß es kein Thriller war. Wegen dieser langen Einstellung war Ingrid Bergman eines Abends nach dem Drehen sehr böse at mich. Weil ich nie Wutanfälle bekomme und Diskussionen hasse, bin ich heimlich aus dem Zimmer gegangen, und zwanzig Minuten später, als ich zuhause ankam, hat mich jemand angerufen und mir gesagt, daß sie sich noch immer weiter beklagt hätte, ohne zu merken, daß ich längst nicht mehr im Zimmer war.
T.: Als ich einmal in Paris mit ihr über diesen Film sprach, erinnerte sie sich daran wie an einen Alptraum, wegen der großen Dekorteile, die plötzlich, wenn sie daherkam in ihren großen Szenen, in der Luft verschwanden.
H.: Sie mochte diese Art zu arbeiten nicht, und weil ich Diskussionen hasse, sagte ich zu ihr: »Ingrid, das ist doch bloß ein Film.« Sie wollte nur Meisterwerke drehen, aber wer kann vorher wissen, ob ein Film ein Meisterwerk wird? ....
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.

Info: Under Capricorn war nach heutigen Maßstäben ein Flop: Hitchcock, der mit Ingrid Bergman den damals größten amerikanischen Star verpflichtet hatte, musste alle Rechte an die Geld gebenden Banken verkaufen und verlor dennoch Unsummen. Gleichwohl stellt der Film einen wichtigen Schritt in Hitchcocks Schaffen dar: Nach Rope war dies der zweite Film, den Hitchcock auch selbst produzierte - umso tragischer der Misserfolg im ungewohnten Genre. Vom Vorgängerfilm übernahm Hitchcock die Technik der langen, fließenden Kamera-Einstellungen. Doch so wurde nur noch deutlicher, wie wenig dieser Film auf die Art von Spannung setzt, die sich aus der Handlung ergibt. Hier stehen statt dessen die unterschiedlichen Figuren in höchst gespanntem Verhältnis zueinander.

Bauten: Tom Morahan, Kostüme: Roger K. Furse, Prod.-Firma: Transatlantic, Warner Bros. Pictures Ltd. (US-Kinoprod.) , Produktionsleiter: John Palmer, Fred Ahern, Schnitt: A.S. Bates.

Kompletter Film

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Neuverfilmungen:
Under Capricorn - Australien 1982, Regie: Rod Hardy

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