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Original-Titel: Young and Innocent
Deutscher Titel: Jung und unschuldig
Genre: Drama, sw
Studio/Produktionsland: Gainsborough/Gaumont-British Pictures. England
Filmjahr: 1937
Filmlänge: 84 Min.
Drehbuch: Charles Bennet, Alma Reville, Josephine Tey (novel)
Musik: Louis Levy
Kamera: Bernard Knowles
Regie: Alfred Hitchcock
Produzent: Edward Black
Darsteller: Derrick de Marney (Robert Tisdall), Nova Pilbeam (Erica Burgoyne),
Percy Marmont (Colonel Burgoyne), Edward Rigby (Will), Mary Clare (Ericas
Tante), John Longden (Insp. Kent), George Curzon (Guy), Basil Radford (Ericas
Onkel Basil), Pamela Carme (Christine), George Merritt (Sgt. Miller), J. H.
Roberts (Anwalt).
Inhaltsangabe: Robert Tisdall findet die Schauspielerin Christine
ermordet am Strand. Er ruft die Polizei, doch die glaubt, daß er der Mörder
sei, weil sie mit dem Gürtel seines Regenmantels ermordet wurde, welcher ihm
angeblich kurz zuvor gestohlen wurde. Außerdem hat sie ihm 1.200 Pfund per
Testament hinterlassen, wovon er nichts wußte. Er wird festgenommen. Da auch
sein Rechtsanwalt nicht an seine Unschuld glaubt, muß er vor seiner Verhandlung
fliehen. Auf seiner Flucht lernt er Erica kennen, sie ist die Tochter vom
Polizeichef und nach anfänglichen Schwierigkeiten stellt sie sich auf seine
Seite. Gemeinsam versuchen sie, den Regenmantel zu finden, um ihn der Polizei zu
präsentieren...
Gespräch Alfred Hitchcock/Francois Truffaut 1955/56:
H.: Danach habe ich The Girl Was Young gedreht.
T.: Sie meinen Young and Innocent.
H.: Der amerikanische Verleihtitel war The Girl Was Young.
Die Ausgangsidee war, eine Verfolgungsgeschichte mit ganz jungen Leuten zu
drehen. Die Perspektive ist die eines jungen Mädchens. Es gerät in eine bewegte
Situation, mit einem Mord, Polizei und so weiter, und ist ganz durcheinander.
Ich habe viel Jugend eingesetzt in diesem Film. Eine Suspense-Szene ergibt sich
aus einer Kinderparty.
Es geht wieder um einen jungen Mann, der eines Mordes beschuldigt wird, den er
nicht begangen hat. Er wird verfolgt, er versteckt sich und das Mädchen hilft
ihm widerwillig. Sie sagt: »Ich muß nun zu meiner Tante, ich habe es ihr
versprochen«. Und sie nimmt den jungen Mann mit zu ihrer Tante, bei der gerade
ein Kinderfest stattfindet. Sie müssen bei den Spielen mitmachen. Dem, der
gefangen wird, werden die Augen verbunden - Blindekuh. Der junge und das Mädchen
wollen verschwinden, während die Tante die Augen verbunden hat, aber wenn einer
von ihnen geschnappt wird, müssen sie bleiben. Dadurch kommt Suspense auf. Fast
werden sie von der Tante gefangen, aber sie können sich gerade noch davonmachen.
In der amerikanischen Verleihfassung wurde eine Szene geschnitten, ausgerechnet
diese. Das war idiotisch, die ganze Essenz des Films steckte in ihr.
Ich will Ihnen am Beispiel von Young and Innocent ein Prinzip des Suspense
erklären. Man muß dem Zuschauer eine Information geben, die die Figuren des
Films nicht haben. Dann weiß er mehr als die Helden und kann sich intensiver die
Frage stellen: wie wird sich die Situation auflösen?
Zum Schluß des Films sucht das Mädchen, das jetzt auf der Seite des Helden ist,
den Mörder. Die einzige Spur, die sie gefunden hat, ist ein alter Mann, ein
Landstreicher, der den Mörder gesehen hat und ihn auch wiedererkennen würde. Der
Mörder hat einen nervösen Augentick. Das Mädchen steckt den Landstreicher in
einen ordentlichen Anzug und nimmt ihn mit in ein Grand Hotel zum Fünf-Uhr-Tee.
Es sind furchtbar viele Menschen da, und der Landstreicher sagt zu dem
Mädchen: »Es ist wirklich ein bißchen lächerlich, in diesem Getümmel nach einem
Gesicht zu suchen mit einem Augentick.« Genau nach diesem Dialogsatz platziere
ich die Kamera ganz oben unter die Decke des Ballsaals, und von da fährt sie auf
dem Kran über die Tänzer hinweg bis zu dem Podium, auf dem die Musiker sitzen,
eine Negerkapelle, und geht auf den Musiker, der am Schlagzeug sitzt. Die Fahrt
setzt sich fort in einer Großaufnahme des Schlagzeugers, auch ein Schwarzer, bis
seine Augen die ganze Leinwand füllen und in der Augenblick zucken die Augen:
der besagte Augentick! Das Ganze in einer einzigen Einstellung.
T.: Das gehört zu Ihren Prinzipien: vom Entferntesten zum Nächster
vom Größten zum Kleinsten.
H.: Ja. Da schneide ich dann und gehe zurück zu dem Mädchen und
dem Landstreicher, die immer noch am anderen Ende des Saals sitzen. Jetzt ist
das Publikum informiert, und die Frage, die es sich stellt, lautet: Wie werden
der Alte und das Mädchen den Mann entdecken? Ein Polizist, der im Saal ist,
sieht das junge Mädchen und erkennt es sie ist nämlich die Tochter seines Chefs.
Er geht zum Telefon. Es gib eine kleine Pause für die Musiker, in der sie in der
Garderobe eine Zigarette rauchen. Auf dem Weg dahin, im Flur, sieht der
Schlagzeuger durch den Lieferanteneingang zwei Polizisten hereinkommen. Weil er
den Mord begangen hat, geht er ihnen diskret aus dem Weg, nimmt seinen Platz im
Orchester wieder ein, und die Musik beginnt. Jetzt sieht der nervös gewordene
Schlagzeuger am anderen Ende des Saals die Polizisten mit dem Landstreicher und
dem jungen Mädchen sprechen. Der Schlagzeuger glaubt, daß die Polizisten ihn
suchen und fühlt sich entdeckt. Weil er immer nervöser wird, spielt er schlecht
einfach fürchterlich. Er steckt das ganze Orchester an, wegen des schlechten
Schlagzeugers geht der Rhythmus völlig zum Teufel. Es wird immer schlimmer.
Jetzt sind das junge Mädchen, der Landstreicher und die Polizisten dabei, den
Saal durch den Gang zu verlassen, der neben dem Orchester vorbeiführt. Es
betrifft den Schlagzeuger eigentlich gar nicht, aber das weiß er nicht, und
alles, was er sieht, sind die Uniformen, die auf ihn zukommen. An seinen Augen
sieht man, daß er immer nervöser wird. Wegen des Schlagzeugs muß das ganze
Orchester aufhören, die Tänzer ebenfalls, und da sinkt der Schlagzeuger
bewußtlos zu Boden. Dabei reißt er die Pauke mit, was einen riesigen Lärm macht,
und zwar gerade in dem Augenblick, als unsere kleine Gruppe durch die Tür gehen
wollte. Was ist das für ein Lärm? Was ist los? Das junge Mädchen und der
Landstreicher treten zu dem bewußtlosen Schlagzeuger. Am Anfang des Films haben
wir gezeigt, daß das Mädchen Pfadfinderin ist und sich in erster Hilfe auskennt.
So hat sie den jungen Mann überhaupt kennengelernt, weil sie im Polizeibüro
erste Hilfe leistete, als er ohnmächtig wurde. Sie sagt: »Dem Mann muß ich
helfen«, und geht zu ihm. Sofort merkt sie, wie seine Augen zittern, und sagt
ganz ruhig: »Geben Sie mir bitte ein Handtuch, ich will ihm das Gesicht
abtrocknen.« Selbstverständlich hat sie ihn sofort erkannt. Sie tut, als kümmere
sie sich um ihn, und sagt zu dem Landstreicher, er solle herkommen. Ein Kellner
bringt ein feuchtes Handtuch, und sie wischt dem Schlagzeuger das Gesicht ab.
Der hatte sich schwarz angemalt, als Neger. Das Mädchen schaut den Landstreicher
an, der Landstreicher schaut sie an und sagt: »ja, das ist er.«
T.: Ich habe den Film vor sehr langer Zeit in der Cinématèque
gesehen, und ich kann mich noch erinnern, daß gerade diese Szene großen Beifall
fand. Alle fanden sie großartig, vor allem die lange Fahrt durch den Saal.
H.: Zwei Tage habe ich allein für die Fahrt gebraucht.
Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? von Francois Truffaut.
Info:
Bravourstückchen sind die Szenen, in denen der Held ein Kinderfest platzen läßt,
und ein recht boshafter Gag am Höhepunkt: Die Heldin weiß nur eins über den
Bösewicht: daß seine Augen zucken. Sie geht zum Tanzen in ein großes Hotel, und
wir sehen die geschwärzten Gesichter der Musiker. Die Augen des Schlagzeugers
füllen die Leinwand - und zucken. Hitchcock treibt den Witz noch weiter: Als der
Schlagzeuger die Polizisten den Raum betreten sieht, wird er nervös und
bearbeitet sein Instrument so unkonzentriert, daß die Leute aufhören zu tanzen.
Hitchcocks Frühwerk Jung und unschuldig, das
ansatzweise auf dem Roman A Shilling for Candles von Josephine Tey basiert,
reiht sich gut in die britischen Filme jener Schaffensphase vor 1939 ein, auch
wenn es nie allzu große Bekanntheit erlangt hat. Viele Details weisen bereits
darauf hin, wie sich Hitchcocks Stil weiterentwickeln würde. So ist der Film mit
Humor und mehrdeutigen Szenen gespickt und zeugt auch von einem sehr geschickten
Spannungsaufbau. Das Motiv des zu Unrecht Verurteilten kommt in mehreren späteren
Filmen Hitchcocks wieder vor.
Der amerikanische Verleihtitel war The Girl was Young.
Preise/Auszeichnungen: -
Literatur: A Shilling for Candles von Josephine Tey
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Neuverfilmungen: -
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