Sliven-Varna-Sliven 2005


Nach den Teilnahmen Paris-Brest-Paris 1999 und 2003, war eine neue Langstreckenerfahrung notwendig. Deshalb entschloss ich mich zur Teilnahme am Bewerb Sliven-Varna-Sliven 2005. Es handelt sich dabei um eine 1212 km lange Rundstrecke in Bulgarien. Anhand des Streckenprofils unterhalb, ist zu erkennen das es sich um eine durchaus anspruchsvolle Strecke handelt. Genauere Details und Berichte werden nach meiner Rückkunft aus Bulgarien geliefert.

 

Quelle: http://svs-cycling.s5.com/custom.html

 

 

 

Ritt durch Himmel und Hölle

1.200 km nonstop Radrennen der Randonneure in Frankreich und Bulgarien


 

Im Rahmen des AUDAX-Clubs Paris werden jährlich auf der ganzen Welt 1.200 km nonstop-Radrennen, die in einer Zeit von 90 Stunden zu bewältigen sind, veranstaltet. Boston - Montreal - Boston, 1.200 km Rocky Mountains, Perth - Albany -Perth, London - Edinburgh - London, Sliven-Sofia-Varna-Sliven uva mehr.

Das bekannteste und das älteste Langstreckenrennen der Welt dieser AUDAX-Parisien Veranstaltungsserie, ist jedoch Paris - Brest – Paris (PBP) welches 1891 mit 207 Teilnehmern erstmals gestartet wurde, allerdings nur alle vier Jahre stattfindet. Aus diesem Klassiker heraus entstand eigentlich die Tour de France. Heute wird auch als Olympiade der Langstreckenfahrer bezeichnet, zumal 1999 und 2003 jeweils über 4.000 Teilnehmer aus 26 Nationen am Start waren.

Bereits im Jahre 1999 und 2003 nahm ich an dieser Gewalttour teil. Ein Drittel der Teilnehmer versuchte die Strecke non-stop zu bewältigen. Der Rest der Starter war schon damit zufrieden diesen Ultraradmarathon in der vorgegebenen Zeit von 90 Stunden zu schaffen. Ich benötigte das erstmal 62 Stunden und 45 Minuten, beim zweiten Antreten war ich 2 Stunden schneller. Beim letzten Rennen Paris-Brest-Paris waren 4.176 Rennradfahrer (Randonneure) am Start, davon 2056 Franzosen, 466 Amerikaner, 200 Deutsche und auch 15 Haudegen aus Österreich im österreichischen Nationaltrikot der Randonneure Autriche (siehe Bild 1).

Bild1 österr. Teilnehmer P-B-P Ferdinand Jung rechts aussen.

Bild2 Ein französischer und österr. Gendarm vor dem Prolog Paris – Brest - Paris

Qualifikation:

Um am P-B-P teilnehmen zu dürfen muß man sich qualifizieren, indem man im gleichen Jahre eine Brevet-Serie von 200 km, 300 km, 400 km und 600 km in einer vorgegebenen Zeit absolviert. Die jeweiligen Brevets sind offiziell ausgeschrieben und terminisiert. Die Brevet-Strecken sind vorgegeben, man startet gemeinsam, wobei sich nach jeweiliger Stärke der Fahrer Gruppen bilden. Man lernt sich im Laufe der Jahre untereinander kennen und es entstehen internationale Freundschaften.

Man muss bei diesen Brevets mehrere vorgegebene Kontrollstellen anfahren. Meist sind es Tankstellen und Gasthäuser, wo die Brevetkarte abgestempelt wird und nach Absolvierung der 4 Brevets wird die Karte nach Paris zur Homologiesierung geschickt. In Deutschland ist vor P-B-P 2003 ein Randonneurfieber ausgebrochen und es gibt nun fast in jedem Bundesland einen Brevet - Veranstalter. Es gingen immerhin über 200 Deutsche an den Start. Bei uns in Österreich fanden sich leider nicht so viele „Ausserirdische“.

Ich absolviere die Brevets, abgesehen vom Startort Wien, vorwiegend in Deutschland (Berlin, München, Osterdorf etc). War aber auch schon zweimal in der Schweiz bei der Bern - Bodensee - Bern Rundfahrt mit 617 km und 4880 Hm, die ebenfalls als Brevet 600 km gewertet wurden. Dabei war ich unter ca 80 Randonneuren in einer Zeit von unter 28 Stunden immer unter den ersten fünf placiert.

Nachdem im Jahr 2004 aus gesundheitlichen (Ellenbruch) und dienstlichen Gründen (Arbeitsanfall bei der Raubgruppe der KA OÖ), ein entsprechendes Training für ein 1.200 km Rennen nicht möglich war, reichte nur zur Absolvierung der 4 Brevets und dem Arber Marathon. Daher nahm ich mir für das Jahr 2005 Besonderes vor.

Bild3 Fritz HARTNER, Ferdinand JUNG, Christian HERMANUTZ -Die 3 Musketiere bei Paris – Brest – Paris und 1.200 km Sliven-Sofia-Varna-Sliven

Geplanter Start in Englang London - Edingburgh - London

Vorerst war geplant, in London im Juli 2005 beim London-Edinburgh-London teilzunehmen. Mein Freund Christian HERMANUTZ aus Attersee überzeugte mich aber und ich entschloss mich spontan mit ihm und Fritz HARTNER am 16.6.2005 in Bulgarien (Sliven-Sofia-Varna-Sliven) teilzunehmen. Obwohl ich mich mit der Strecke, Kontrollstellen, Höhenprofil, geplante Zeit für Englang bereits geistig vertraut gemacht hatte, bereute ich es nicht, meinen Start nach Bulgarien zu verlegen. Dies hatte zumindest den Vorteil, dass die Kosten für das Bulgarienunternehmen bereits in der Budgetplanung niedriger waren und vor allem der Reiz und das Abenteuer in einem uns unbekannten, noch nicht vom Tourismus verseuchtem Land, eine 1.200 km Rundfahrt auf Zeit zu machen. Auch mit dem Hintergedanken eine gute Platzierung zu erreichen, da es namhafte Konkurrenten scheuten, einem angebliche Sicherheitsrisiko in Bulgarien ausgesetzt zu sein.

Obwohl mir von den Randonneurskollegen bei den Brevets in unserem Nachbarland Deutschland, von einer Teilnahme in Bulgarien abgeraten wurde, die Strassen seien schlecht, die stehlen dir das Fahrrad beim Fahren unter dem A...... weg, wischte ich diese Bedenken weg. Ich gab ihnen in meiner charmanten „Ösi-Art“ zu verstehen, dass sie, die gewissenhaften Deutschen ja nur auf gut präparierten „Pisten“ bestehen können und das Ungewisse scheuen.

Als ich aber in Bulgarien bei ca. 280 km durch ein Schlagloch im Asphalt zu Sturz kam, bereute ich meine grossmauligen Worte meinen deutschen Freunden gegenüber. Hingegen bereute ich nicht meine Teilnahme am Rennen, da sich unsere Vorgabe, wir drei einzigen deutschsprachigen, aus dem schönen Oberösterreich, werden als erster ins Ziel kommen, tatsächlich verwirklichen ließ. Hoamatland, Hoamatland i han die so gern,………

Vorbereitung und Anreise nach Bulgarien:

Nach 14-tägigem gezieltem Aufbautraining in Gran Canaria im Jänner, sowie intensiven Training auf in Mallorca im März ( 2.000 km in 14 Tagen) und weiteren Trainingseinheiten in Österreich, 200 km und 300 km in Osterdorf bei Weißenburg, einem 400er im Salzkammergut sowie einem 600er (dafür schien mir das 24-Stundenrennen in Krems-Kraftwerktrophy geeignet) waren wir gut trainiert und für die 1.200 km in Bulgarien bestens gerüstet. Ich mietete ein Wohnmobil und gewann als Betreuer wiederum meine Gattin Edith, die ja schon einige Erfahrung hatte, sowie als Fahrer Günter Entholzer, sowie den Kollegen Karl Brandner vom Gend.Posten Sierning, der dieses außergewöhnlich Ereignis als Filmer dokumentieren sollte. Die Fahrt mit einem Fahrzeug durch das ehemalige Jugoslawien nach Bulgarien werde ich allerdings in Zukunft unterlassen und auch keinem raten. Denn die peniblen Kontrollen und Wartezeiten an 4 Grenzstellen und die unheimlich hohen Mautgebühren von insgesamt ca 160,-- Euro (das sind Wegelagerer) durch Serbien, wo die Straßen abgesehen der Autobahn, ein Horror sind. Jeder der mal nach der Stadt Nis die Autobahn verlassen hat wird mir dazu beipflichten. Wir verschätzten uns gehörig mit der Planung in 17 - 19 Stunden, nach 1.440 km in Sliven zu sein. Wir kamen nach 23-stündiger Fahrtzeit am Montag, den 14.6.05 gegen 15.00 Uhr in Sliven an und hatten dort sogleich das Problem mit der Ortbeschilderung in zyrillischer Sprache. Zum Glück radelte gerade ein Rennradler, der mitbekam, dass wir die österreichischen Teilnehmer waren und er lotste uns zu unserer Pension außerhalb von Sliven.

Bild4 mit den 3 Teilnehmer und ihren Betreuern

Kaum angekommen warf ich mich in die „Radlmontur“, stieg auf mein Simplon Pride und zog mit dem Bulgaren eine Trainingsrunde, die in der Stadt Sliven bei einem Essen und zwei Bier endete. Dort erschien auch der Veranstalter Lazar VLADISLAVOV und wir freuten uns, sich endlich persönlich kennen zulernen (vorher intensiver email-Kontakt) und wir besprachen Details über den folgenden Prolog am 15.6. und Start am 16.6. um 04.00 Uhr.Was die Gastfreundlichkeit bewies, ich wurde zum Essen und Umtrunk eingeladen. Am Abend trafen auch Christian und Fritz mit einem Wohnmobil und ihren Betreuern ein.

Prolog/Starvorbreitung:

Einen Tag vor dem Start, Mittwoch, 15.6. um 09.00, waren im Start und Zielbereich in Sliven die Formalitäten für das Rennen zu erledigen. Es wurde die Ausrüstung des Fahrrades, insbesondere Licht für die Nachfahrten kontrolliert, Roadbook übergeben und nochmals auf die vorgegebenen Kontrollstellen hingewiesen. Es sollten insgesamt 14 werden. 10 fixe Kontrollstellen und 4 geheim Kontrollstellen. Sollte einer dieser Stempel fehlen, wären wir umsonst gefahren.

Bild5 Fritz Hartner, Christian Hermanutz und Ferdinand Jung mit Damen der bulgarischen Marathonorganisation vor dem Prologstart

Um 10 Uhr war der Start zum Prolog. Nach einleitenden Worten durch den Veranstalter und der Sportstadträtin von Sliven fuhren wir drei Oberösterreicher mit 11 anderen Startern hinter einem Polizeifahrzeug mit Blaulicht eine uns nicht bekannte Strecke von 40 km, vorerst durch die Stadt und folglich aufs Land. Die Kreuzungen waren für uns gesperrt und wir hatten absoluten Vorrang. So etwas wäre bei uns in Österreich undenkbar und unfinanzierbar. Es war eine schöne und ruhige Ausfahrt, die zu unserer Überraschung bei unserem Wohnmobilstandort endete. Dort wurden wir bewirtet, mit Kaffee, Tee und Broten, auch eine kleine Tombola mit Gastgeschenken wurde durchgeführt. Nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Verkehrspolizisten, Rennkommisare und Veranstalter waren in der gesellschaftlichen Runde. Wiederum lernten wir die Gastfreundschaft der Bulgaren kennen.

Nach dem Abendessen um 21.00 Uhr verzog ich mich in mein Schlafgemach (Alkoven im Wohnmobil), wo ich in der Nacht mehrmals durch das Bellen der Hunde wach wurde und immer wieder an die bevorstehenden 1.200 km denken musste. Jedoch um 02.30 war es vorbei mit der Träumerei, es hiess Tagwache, frühstücken und Abfahrt zum Startort.

Start Sliven-Sofia-Varna-Sliven 1.200 km:

Am Donnerstag, 16.6.05 um 04.00 Uhr war es dann soweit. Volle Konzentration auf über 1.200 km und ca 10.800 Höhenmeter. Das Wetter war schön und trocken, aber relativ kühl. Die Sportstadträtin gab den Startschuss. 10 Bulgaren, 1 Engländer und 3 Oberösterreich folgten einem Polizeiauto mit Blaulicht durch die Stadt und folglich Richtung erster Kontrollstelle in Kazanlak.

Bild6 kurz vor dem Start am 16.06.05, 04.00 Uhr

Unserer Betreuerfahrzeuge durften nicht auf der Strecke fahren und uns nur bei den Kontrollstellen versorgen. Ich hatte vom Veranstalter die Ausnahmegenehmigung, dass mein Wohnmobil auf der Strecke filmen durfte. Unsere Betreuerfahrzeuge sollten aber später Anlass eines Reglementverstosses sein.

Was war da plötzlich los? Als wir die Stadt verliessen und in Richtung Sofia fuhren wehte uns der Wind bei 11 Grad Celsius entgegen. All die Tage vor dem Rennen kam er von hinten. War das ein schlechtes Omen? Wir fanden uns aber schnell damit ab, versuchten im Feld zusammenzubleiben und machten vorne Tempo. Insbesondere Christan nahm uns viel Wind ab. Er war offensichtlich am besten von uns trainiert. Abgesehen vom Gegenwind war es ein angenehmes Fahren in den Sonnenaufgang. Alle waren leicht angespannt und konzentriert. Wir bekamen einen ersten Eindruck der Strassen und waren optimistisch, sollte die Qualität des Asphalts so bleiben. Nach ca 85 km waren wir nur noch der Engländer und vier Bulgaren, die unser Tempo mithielten. Durch die Stadt Kazanlak, wie auch später durch andere Städte, wurden wir von motorrisierte Polizisten gelotst. An der dortigen 1. Kontrollstelle fuhren wir ohne anhalten vorbei, da wir keinen Stempel benötigten.

Es ging folglich Richtung Karlovo und wieder auf einer schnurrgeraden Strasse Richtung Plovdiv, wo sich Fritz und Christan zurückfielen liessen und ich mir mit den zwei Bulgaren ein Rennen lieferte. Ich gab Vollgas und sie konnte folglich nicht mit mir mithalten, weshalb ich nachliess und auf meine Kumpanen, die ebenfalls die zwei Bulgaren überholten.

Bild7 Ferdinand Jung verfolgt von zwei Bulgaren

Die Strassen waren folglich teilweise in einem schlechten Zustand. Wie sich später herausstellte, waren die meisten Strassen auf denen wir fuhren, egal ob Haupt- oder Nebenstraße von schlechter Qualität und mit grossflächigen Schlaglöchern versehen. Entschädigend dafür war der Anblick der zahlreich am Strassenrand stehenden Mädchen, die allerdings anderes im Sinn hatten als wir und scheinbar wussten, dass wir für sei keine Zeit haben, den die meisten Mädchen antworteten nicht einmal auf meine Zurufe im Vorbeifahren.

Bei km 140 hatte Christian den ersten Platten. Ich half ihm mit einer CO2 Patrone aus, was mir später zum Verhängniss wurde. Die beiden Bulgaren überholten uns wieder. Bis zur Kontrollstelle in Plovdiv (185km) um 10.20 Uhr, hatten wir sie wieder eingeholt. Nach 20 Minuten Pause und Nahrungsaufnahme ging es wieder weiter. Es sollte hügelig werden und in die Berge gehen. Doch die Berge mussten warten, denn gleich bei der Wegfahrt von der Kontrollstelle fragte ich an der nächsten Kreuzung einen Passanten nach dem Weg. Einer der Bulgaren folgte uns, und wir glaubten auf dem richtigen Weg zu sein. Doch die Himmelsrichtung passte nicht mehr und so wurden wir misstrauisch und orientierten uns auf der Karte. Wir waren falsch und fuhren 13 km umsonst. Wir kamen wieder an der Kontrollstelle in Plovdiv vorbei und schlugen nun den richtigen Weg nach Blechinski bani (3. Kontrolle bei km 318) ein. Nun waren wir wieder in Begleitung eines zweiten Bulgaren.

Nach km 250 bei Kostenec, langten wir bei den ersten grösseren Hügeln an. Christian und Fritz setzten sich von mir ab. Aber auch die beiden Bulgaren konnten nicht mithalten und fielen hinter mir zurück. Sie waren ab nun immer hinter uns. Es war nicht mehr möglich, dass Christian, Fritz und ich gleiches Tempo, speziell bergauf hielten. Nachdem wir folglich bei den Kontrollstellen immer wieder zusammenwarteten war mir das auch egal. Lazar, der Veranstalter erzählte uns beim Prolog, dass es auf der Strecke sehr hügelige Teilbereiche gäbe. Christian erwiderte, dass es die bei uns auch gibt. Er meinte damit sein Trainingsrevier im Innviertel, aber auch das Mühlviertel. Aber wir mussten nun erfahren, dass hügelig nicht gleich hügelig ist. Wenn man in Österreich 900 Hm auf 30 km zu bewältigen hat, geht es rauf, ein wenig runter und wieder rauf solange bis man oben ist. In Bulgarien geht es 30 km lang mit einer gleich bleibenden Steigung von ca 3-5% und das ohne viele Kurven. 30 – 35Grade Celsius machen dies auch nicht leichter.

Sturz bei ca km 295:

Kurz nach Borovec kam ich durch ein Schlagloch zu Sturz. Ich konnte diesem Loch nicht ausweichen, da ich gerade von einem Lastwagen überholt wurde. Ich stürzte auf die rechte Körperseite und zog mir Schürfwunden am Knie, Ellbogen und Schulter zu. Die Wunden bluteten heftig. Zum Glück kam gerade mein Wohnmobil vorbei. Sie versorgten mich. Da ich nicht kapitulieren wollte und wir kurz vor der Stadt Samokov waren, wo Gott sei Dank ein Hospital war. Ohne Bürokratismus, es dauerte nicht einmal 5 Minuten und ich lag auf einem Untersuchungstisch, wo mich eine Ärztin untersuchte. Sie veranlasste die Wundreinigung und verabreichte mir eine Tetanusspritze. Ich erhielt am rechten Ellbogen und am Knie einen Verband anlegt und war schon wieder startklar. Meine „Rastpause“ im Hospital dauerte maximal eine halbe Stunde. Ich konnte zwar den rechten Arm nicht heben, aber hatte ansonsten kein Problem die Pedale meiner roten Rennmaschine (Simplon Pride) zu betätigen, die abgesehen von einigen Lackabschürfungen den Unfall ebenfalls überstanden hat.

Bild8 Bei einer Rast im Wohnmobil - Verletzungen rechter Arm

Gedopt dadurch, dass beim Sturz nichts Ärgeres passierte (oder war es die Tetanusspritze), trat ich voll in die Pedale um den Rückstand auf meine Freunde bis zur 3. Kontrollstelle in Blechinski bani bei km 318 zu reduzieren. Als ich dort um 18.35 Uhr ankam, waren sie beinahe mit dem Essen fertig. Sie freuten sich sehr darüber, dass ich trotz des Sturzes gemeinsam mit ihnen weiterfahren konnte.

Es ging dann wieder ca 300 Hm bergauf und folglich 600 Hm bergab, wo wir eine herrliche Aussicht auf die Stadt Sofia hatten. In Sofia mussten wir zwar nur auf dem Außenring der Stadt fahren. Doch starker Schwerverkehr mit dicken Rußwolken, gepaart mit tiefen Schlaglöchern und der Hitze, war mehr als genug. Vom Außenring in Sofia bogen wir Himmelsrichtung Varna ab. Um 20.25 Uhr kamen wir nach Sarantsi (km 405 Roadbook). Dort war eine Geheimkontrolle und wir wurden bereits von den Rennkomissionären erwartet. Wir bereiteten uns für die Nachtfahrt (Diodenlampe am Rennlenker, Lampe am Helm und Leuchtgurt am Körper vor.

Bild9 erste Nachtfahrt

Wiederum nach einem längeren Anstieg, war es mir gelungen, den Anschluss zu meinen beiden Mitstreitern zu verlieren. Bei der Abfahrt ärgerte ich mich wieder über den Strassenzustand. Am liebsten hätte ich meinen Renner bergab geschoben, so desolat war dort die Strasse. Es war bei einbrechender Dunkelheit gespenstisch für mich alleine durch teilweise unberührte Landschaft zu fahren. In den Städten wurde ich wahrscheinlich als Ausserirdischer belächelt, der zur späten Zeit mit einem Fahrrad des Weges kam und immer wieder nach dem richtigen Weg fragte.

Bei der 4. Kontrollstelle (km 453 Monastery St.Teodor Teron), die ich nur mittels Telefonverständigung fand, sie war abgelegen auf einem Hügel mit zusätzlich 100 Hm zu erreichen. Im Roadbook stand „Danger wild dogs“. In der Dunkelheit, bergauf dorthin hörte ich auch einige Hund wild bellen und sah deren Schatten vorbeihuschen. Oder bildete ich mir dies zu diesem Zeitpunkt nur ein? Jedenfalls hatte ich grosse Angst, von einem wilden Hund plötzlich angefallen zu werden. Ich war heilfroh die Kontrollstelle endlich gefunden zu haben. Nach Erhalt des Stempels wurde mir von den Kontrolleuren ein heisser Tee angeboten und ich begab mich folglich in die Betreuung meines Teams. Um 23.30 Uhr, nach einer halbstündigen Pause, brachen wir wieder gemeinsam auf. Wir beschlossen nicht bis zur nächsten Kontrollstelle durchzufahren, sondern am höchsten Punkt bei km 531 des 1200 Meter hohen Berges (Shipkovo) im Wohnmobil zu schlafen, denn die Abfahrt von diesem Berg bei Dunkelheit wäre aufgrund der Strassenverhältnisse lebensgefährlich gewesen. Ausserdem stand im Roadbook bei km 540, dieser Streckenabschnitt war bergabwärts, „Attention 2 Grills“. Was immer das heissen sollte, gegrillte Hendln waren damit sicher nicht gemeint. Die Straßen nach Ribaritsa waren so schlecht, verwinkelt und eng dass wir es fast nicht schafften. Doch mit vereinten Kräften ging auch dies gut und wir erreichten den höchsten Punkt des Berges um ca 03.30 Uhr. Ich legte mich nach Entledigung der verschwitzten Raddress im Wohnmobil schlafen.

Nach zwei Stunden Schlaf und ausgiebigem Frühstück fuhren wir um 06.30 Uhr den Berg hinunter. Uns bot sich ein herrlicher Ausblick auf eine traumhaft schöne Landschaft an. Die serpentinenmässig angelegte Strasse hatte es in sich und entschädigte uns für die finstere und mühselige Auffahrt der letzten Nacht. Wir war wieder hoch motiviert und freuten uns einem wunderschönen Tag entgegenzuradeln. Noch dazu hatten wir das Vergnügen 820 Höhenmeter bergabwärts zu fahren. Da wir durch den Roadbookvermerk wussten, dass nach 9 km zwei gefährlichen Stellen mit „Grill“ kommen sollten, fuhren wir diesem Gefahrenbereich langsam und bremsend entgegen. Wir taten gut daran und ich war froh nicht in der Nacht diese Stelle passiert zu haben. Die beiden nacheinander folgenden Grills waren über die ganze Strassenbreite, jedoch nicht quer sondern der Länge nach in Fahrtrichtung verlaufend. Wir blieben stehen und hoben unsere Fahrräder drüber bzw. versuchten seitlich daran vorbeizufahren. Die Eisenstäbe waren breiter auseinander verlegt als unsere 23 mm breiten Rennradreifen. Ohne Hinweise darauf im Roadbook hätten wir bei dieser Gefahrenstelle sicher das Leben riskiert.

Die 5. Kontrollstelle in Troyan bei km 562 erreichten wir nach ca 1 Stunde Fahrzeit. Wir erhielten einen weiteren Stempel. Bis zur 6. Kontrollstelle bei Veliko Tarnovo (km 656) ging es vorerst auf einer kleineren Landstrasse in einer wundschönen Landschaft hügelig dahin. Auf den letzten 50 km mussten wir allerdings auf einer stark befahren, schnurrgeraden Strasse fahren. Wären nicht die vielen Hügeln gewesen, hätten wir bis zur Grosstadt Veliko Tarnovo gesehen. Es war um die Mittagszeit, als wir dort ankamen. Wir fanden die Kontrollstelle allerdings erst nach längerem Suchen. Zu diesem Zeitpunkt zeigte mein Tacho 33 Grad Celsius an. Nach 35 Minuten Mittagspause, Verzehr von Eiernockerl und Tomatensalat, ich genehmigte mir sogar ein kühles Bier, fuhren wir um 12.15 Uhr weiter. Es ging auf schlecht zu befahrenden Landstrassen weiter und wir querten den Fluss Jantra. Nach ca. 40 km machte mir die Hitze sehr zu schaffen. Es hatte zeitweise sogar 36 Grad. Ich verlor den Anschluss an meine Kameraden und verfuhr mich noch dazu.

Bild10 Ein Schlaglocch

Ich weiss nicht mehr wie viele Kilometer umsonst waren, denn auch meinem Tacho schien irgendwas nicht zu behagen, als ich den Anruf von Christian erhielt. Es stellte sich heraus dass sie schon 10 km vor mir waren. Meine Vorfüsse schmerzten und ich hielt es in den Radschuhen nicht mehr aus. Auch ein Brunnen am Weg, indem ich meine Füsse im kalten Wasser badete, konnte die Schmerzen nur kurz lindern. Ich war gerade ziemlich verzweifelt, als ich eine Bar am Wegesrand entdeckte. Nach kurzen Worten mit dem Betreiber nahm ich ein Cola zu mir. Als ich zahlen wollte, sagte er: "Du Austria nix zahlen". Da sieht man wieder welch guten Ruf wir in Bulgarien haben.

Etwas besser gelaunt, bestieg ich meinen Drahtesel und fuhr weiter. Nach ca. 1 km, es ging leicht bergab als plötzlich mein Hinterrad hin und her schleuderte. Oje ein Platter, dass auch noch. Ich hatte grosse Mühe nicht zu Sturz zu kommen. Ich vergass mich richtig zu verhalten. Man sollte nämlich dabei das Gewicht nach vorne auf den Vorderreifen verlagern.

Kein Schatten, es hatte gerade 34 Grad. Ich machte mich daran den defekten Schlauch zu wechseln. Als ich die CO2 Patrone am Ventil ansetzte, bemerkte ich zu meinem Entsetzen, dass diese bereits verbraucht war und ich eine bereits Christian gegeben hatte. Als ich den neuen Schlauch folglich mit der kleinen Luftpumpe aufpumpen wollte hielt die Luft nicht an und mir wurde klar, dass dieser defekt war. Ich wollte mein Rad schon vor Wut in den der Strasse angrenzenden Acker werfen, als zu meiner Freude das Fahrzeug der Rennkommission anhielt. Nach längerem hin und her waren sie so zuvorkommenden, meine Felge mitzunehmen. Christian und Fritz waren zu diesem Zeitpunkt bereits 15 km vor mir. Sie machten mein Hinterrad wieder flott und die Rennkommissäre brachte mir die Felge mit dem neuen Schlauch wieder zurück. Ich bedankte mich aufrichtig und zolle ihnen heute noch Hochachtung für das menschliche Verhalten.

Natürlich kam ich mit ziemlicher Verspätung bei der 7. Kontrollstelle (km 732), einige km vor Popovo an. Christian und Fritz waren bereits gut versorgt und wären schon fahrbereit gewesen. Doch sie warteten auf mich, damit auch ich eine warme Mahlzeit (Schüssel voll Nudelsuppe) zu mir nehmen konnte. Es befand sich dort auch ein Mineralwasserquelle wo ich reichlich trank. Diese Kontrollstelle leitete ein bulgarischer Unfallchirurg, der selbst ein begeisterter Radfahrer ist und von seiner Heimatstadt Plovdiv zum Prolog in Sliven die 120 km mit seinem Rennrad anreiste. Erst als er mich auf meine Verbände am Ellbogen und Knie ansprach, kam mir wieder in Erinnerung, dass ich Schmerzen habe, diese aber eigentlich mental verdrängt hatte. Nach 20 Minuten Pause und Essensaufnahme, fuhren wir um 16.20 Uhr weiter, nachdem mich Christian bereits zum Weiterfahren drängte.

In Popovo wurden wir von einer Polizeieskorte durchgelotst, die uns allerdings 2 km Umweg ermöglichte. Danach ging es auf einer stark befahrenen Bundesstrasse Richtung der 8. Kontrollstelle in Madara (820 km) entgegen. Christian setzte sich im Verlaufe dieses Teilstückes von uns ab. Die Kontrollstelle war wieder abseits der Fahrtroute und wir mussten wieder einen 2 km langen Hügel hinauffahren. Dort hatten die Rennkommissäre ihr Nachtlager organisiert. In der Meinung auch wir würden dort übernachten. Nein, wir fuhren nach einer halben Stunde Pause wieder weiter, wir wollten unbedingt unter 60 Stunden bleiben. Die Strecke war folglich relativ einfach, doch die schlechten Straßen machten sie in der Dunkelheit sehr gefährlich. Nach 30 km Fahrt entschlossen wir uns ein Wohnmobil als Beleuchtungshilfe hinter uns fahren zu lassen. Ein Fahren ohne Wegausleuchtung durch die Scheinwerfer der Wohnmobile wäre zu lebensgefährlich gewesen.

Obwohl wir nun ausreichend Licht hatten, passierte Christian, der zu diesem Zeitpunkt für das Roadbook verantwortlich war, der Fehler, eine Abzweigung zu übersehen und wir kamen erst 10 km später darauf und fuhren deshalb einiges mehr an Kilometer (20 km umsonst). Eigentlich egal, dachte ich mir, was soll es, werdens halt 1300 km am Ende. Aber würden wir es unter 60 Stunden noch schaffen? Dieser Gedanke begleitete mich eigentlich auf den ersten 800 km laufend.

Während dieser zweiten Nachtfahrt auf dem Weg zur 9. Kontrollstelle in Balchik am schwarzen Meer fiel den Rennkommisäre auf, dass die Wohnmobile hinter uns fuhren. Dies widerspricht dem Randonneursreglement. Obwohl sie es vorerst duldeten, bzw. es uns nicht untersagten, kam es dann anders. In der Stadt Balchik, am Goldstrand, kurz vor der Kontrollstelle, verlor ich den Kontakt zu Christian und Fritz. Aber auch sie wurden vorerst von der Polizei falsch zu Kontrollstelle gelotst. Ich brauchte eine dreiviertel Stunde um gemeinsam mit meinem Team diese Kontrollstelle zu finden.

Inzwischen wurde mir von Christian via Handy mitgeteilt, dass wir eine 2stündige Strafzeit aufgebrummt bekommen werden, da uns die Wohnmobile den Weg ausleuchteten. Ich war sehr müde, aber auch verärgert wegen der Suche und es gab ein paar unfreundliche Worte gegenüber den Kommissären. Insbesondere deshalb, weil Kontrollstellen schwer zu erreichen und finden waren. In meiner inneren Wut fielen mir die englischen Vokabeln dafür nicht ein, was ich der Rennkommission mitteilen wollte. Eigentlich ärgerte ich mich darüber, dass die 60 Stunden nicht mehr zu schaffen und ich total erschöpft war. Hinsichtlich der Strafzeit gab Christian zu verstehen, diese gerne in Kauf zu nehmen, dafür aber ohne Gefahren die gelöcherten Strassen, die merkwürdigerweise zum Meer hin besser wurden, zu bestehen.

Bild11 Die Routenübersicht

Im Nachhinein betrachtet ärgerte es mich barsch gewesen zu sein. Denn auch die Kommissäre waren schon 2 Tage und Nächte mit uns unterwegs und schliesslich gibt es ja ein Reglement an das man sich halten muss. Wir haben dagegen eindeutig verstossen. Mir war zu diesem Zeitpunkt aufgrund meiner Müdigkeit alles egal und ich dachte sogar ans aufhören. Ich war auch über mein Team verärgert, da sie mir den Weg zur Kontrollstelle nicht sagen konnten. Ich hielt mich ihnen gegenüber aber zurück, denn Edith, Karl und Günter machten bisher alles hervorragend und waren ja auch schon müde. Im Team von Christian kamen es zu einer lautstarken Auseinandersetzung, die jedoch heute bereits vergessen ist und seine Betreuer werden ihn auch nächstes Jahr wieder begleiten.

Am Morgen des 3. Tages ging es um 06.45 Uhr weiter. Ich war noch immer verärgert, weil die 60 Stunden nicht mehr zu schaffen waren und konnte die zweieinhalb Schlafstunden wenig nützen um wirklich ausgeschlafen zu sein. Ich fuhr lustlos dahin und brauchte mich nicht zu beeilen, den Fritz suchte schon die ganze Zeit eine geeignete Stelle, wo er seinen Darm entleeren konnte. Nach 20 Minuten tauchte er wieder hinter mir auf. Nun wusste ich, es ging wieder zur Sache, den er konnte nun wieder am Sattel sitzen.

8 Kilometer auf der Autobahn:

Wir fuhren etwa 40 km der Küste entlang bis Varna, wo wieder eine geheime Kontrollstelle war. Varna ist eine Großstadt und die Polizisten ließen uns zum ersten Mal in Stich. Oder war uns die Rennkommission nicht mehr wohl gesinnt? Wir fuhren nach Gefühl weiter und kamen in die Fußgängerzone. Ich entschied dann für alle auf der Autobahn aufzufahren. Ich wollte nicht mehr länger umherirren. Laut Strassenkarte, war diese ja nur 8 km lang. Diese 8 km hatten es aber in sich. Es ging vorerst über eine große Brücke und schliesslich elend lang geradeaus bergauf in Fahrtrichtung Burgas. Als wir dann nach einigen Kilometern am Pannenstreifen einige Autos geparkt sahen, hatte ich keine Bedenken mehr mit dem Fahrrad auf der Autobahn zu fahren. Es war nämlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Mineralquelle und die Menschen überstiegen einfach die Mittelleitschiene und holten sich mit grossen Trinkgefässen Wasser. Ich war trotzdem erleichtert, nachdem wir wieder auf der normalen Küstenstrasse in Richtung Burgas weiterfuhren.

Christian, unser Bergspezialist setzte sich wieder einmal von uns ab. Leider übersah er bei km 1.012 die Abzweigung zum Dyulino-Pass. Dort verließen wir nämlich die Küstenstraße nach Burgas. Es ging vorerst ins Landesinnere mit einer Bergwertung von etwa 400 Hm und erst nach ca. 67 km wieder auf die Küstenstraße in Richtung Burgas. Zum Glück war mein Wohnmobil auf dieser Strasse unterwegs und machte Christian auf seinen Fehler aufmerksam. Er wäre zwar nach Burgas gekommen, hätte aber keinen Stempel von der Geheimkontrolle in Dyulino gehabt. Auch Fritz hätte sich verfahren, wenn ich an jener Abzweigung nicht auf ihn gewartet hätte. Somit ergab es sich, dass Christian wieder hinter uns war und dass war auch mein Glück.

Kettenriss bei km 1.027 km:

Bergauf kurz nach der Geheimkontrolle in Dyulino (km 1.025) riss mir die Kette. Christian der durch seinen Navigationsfehler zum Glück wieder hinter mir war, hatte einen Kettennieter bei sich. Er entfernte das beschädigte Glied und nietete mit einem Kettenbolzen die Kette wieder zusammen. Beim nächsten Hügel bergauf riss es uns alle drei auseinander un bis zur 10. Kontrollstelle Burgas bzw. Kraymorie (km 1.098) fuhren wir getrennt. Ich fuhr hinter Christian und Fritz über den letzten Hügel und ließ mir bergab etwas Zeit. Ich hatte bei der Abfahrt keinen Sichtkontakt mehr zu ihnen. Bei km 1.079 kam ich wieder auf die Küstenstrasse Richtung Burgas. Es war schon wieder sehr heiss. Doch es machte mir nichts aus, denn ich hatte ja nur mehr 140 km bis zum Ziel. In Kraymorie, ca. 200 Meter vor der Kontrolle, kam mir mein Betreuer Günter entgegen. Ich freute mich ihn zu sehen und musste daher nicht wieder suchen. Er erzählte mir, dass Christian seit 15 Minuten da sei und auf Fritz und mich warte. Ich ahnte, dass sich Fritz verfahren haben musste, denn er war ja vor 60 km noch vor mir. Kurz entschlossen lud ich Günter auf eine Halbe Bier ein. Dass kühle Bier weckte vorerst meine Lebensgeister. Erst dann begab ich mich zur Kontrollstelle und Günter suchte nach Fritz. Unsere Wohnmobile standen gegenüber der Kontrolle und unsere Betreuer machten es sich gemütlich. Erst als Fritz seine Betreuer anrief und sehr verzweifelt war, weil er nicht nach Kraymorie fand, kam Hektik auf. Fritz hatte sich über das Roadbook und Wegkarte keine Gedanken gemacht. Er fuhr immer hinter Christan oder mir her. Obwohl ich auch ihm die Strassenkarte von Kontrolle zu Kontrolle vorbereitet und foliert hatte, war es ihm offensichtlich zu mühsam, diese oder auch das Roadbook mitzunehmen. Er war wütend und wollte das Rennen beenden und dies gute 130 km vor dem Ziel. Seine Frau Monika konnte ihn am Telefon überreden weiterzumachen. Nach einer Stunde war er noch immer nicht da und eines der Wohnmobile machte sich auf den Weg ihn zur Kontrollstelle zu lotsen. Christian und ich entschlossen sich alleine die letzten 120 km bis ins Ziel weiterzufahren, um den bestehenden Streckenrekord von 67 Stunden noch unterbieten zu können.

Bild12 ein typischer bulgarischer Wohnblock

Die letzten 120 Kilometer waren Mühlviertel like, ein Hügel nach dem anderen folgte. Christian gab Vollgas und ich hängte mich an ihm an. Normal war es für mich nicht üblich, solange bergauf, bergab an Christian dran zu bleiben. Doch ich wollte unbedingt mit ihm ins Ziel kommen. Aber nach 60 km setzte er sich von mir ab. Es kam dann auch noch Paris - Roubaix dazu (so nenne ich Strecken mit Stöckelpflaster). Dort wollte ich mein Rad am liebsten tragen so unterschiedlich groß waren die Pflastersteine. Plötzlich tauchte etwa 50 km vor dem Ziel Christian vor mir wieder auf. Er stand am Straßenrand und verpflegte sich mit einem Cola und mehreren Stück Kuchen. Er hatte einen großen Einbruch erlitten. Bei mir ging es noch halbwegs, doch konnte ich zu diesem Zeitpunkt, keine Nahrung mehr zu vertragen und das sonst verträgliche Blaubeerpulver in der Trinkflasche schmeckte mit jedem Schluck grauenhafter.

Bei der geheimen Kontrollstelle in Yambol, 30 km vor dem Ziel, wäre es fast mit mir vorbei gewesen. Christian verabreichte mir ein Powergel und ich hatte wieder Kraft sein Tempo zu folgen bzw. manchmal selbst vorne zu fahren. Aber ich war mir nicht sicher ob er sich an unsere Abmachung, gemeinsam ins Ziel zu fahren auch halten würde. Weshalb ich das letzte aus mir herausholte um folgen zu können. Erst kurz vor Sliven gab auch er mir zu verstehen, dass wir den Triumph gemeinsam geniessen und gemeinsam über die Ziellinie fahren würden. Kurz nach Yambol erreichten wir ein Schild mir der Aufschrift „SLIVEN“. Christian gab Gas als seien wir bei einem Kurzdistanzentriathlon. Ich hatte große Mühe mitzuhalten. Erst als ich ihm sagte, es seien noch 20 km, fuhren wir 2 km langsamer. Er glaubte schon die Ortstafel gesehen zu haben. Gegen 20.15 Uhr kam uns Günter mit dem Roller entgegen. Nun kam auch wirklich die Ortstafel „Sliven“. Es zog sich zwar wie ein Strudelteig, aber wir konnten das Ziel förmlich riechen.

Ich habe schon zweimal in Paris (1999 und 2003) nach mehr als 1.200 km erlebt, welches Glücksgefühl einem widerfährt, nach einer solchen Distanz, den Strapazen und einer guten Zeit ins Ziel zu kommen. Aber was in Sliven bei unserer Ankunft in mir vorging ist nicht zu beschreiben. Am Samstag, den 18.06.2005 um 20.45 Uhr war es dann soweit. Christian und ich fuhren gemeinsam nach 1.218 km (lt Roadbook, in Wirklichkeit waren es mehr) über die Ziellinie. Unsere Betreuer, zahlreiche Zuschauer feierten uns euphorisch. Ein unbeschreibliches Gefühl. Das Ende der Qualen. Es war ein gebührender Empfang für die beiden Sieger Christian HERMANUTZ und Ferdinand JUNG, nach 64 Stunden und 45 Minuten. Es wurde uns ein Lorbeerkranz aufs Haupt gesetzt. Christian leerte mir den Champus über den Kopf, es war meine erste Champagnerdusche. Wir wurden bewundert und waren stolz auf unsere Leistung. Nach den Gratulationen der Organisatoren lagen Edith und ich uns in den Armen, die große Anspannung wich einem Glücksgefühl und einer tiefen Zufriedenheit.

Bild13 und Bild14 so sehen Sieger aus

Als Fritz HARTNER, um 22.35 Uhr ins Ziel kam bereitete Christian und ich ihm einen ähnlichen Empfang und wir gratulierten unserem Freund und Weggefährten. Wir haben den inneren Schweinehund überwunden und uns über so manche Qualen und negative Empfindungen weggesetzt. Aber nicht nur wir sind die Sieger, auch die anderen Teilnehmer, die es unter 90 Stunden schafften, aber auch die Veranstalter, die sich wahrhaft bemüht haben uns ein entsprechendes Umfeld zu schaffen. Für die mangelhaften Strassen konnten sie ja nichts.

Ich kann Bulgarien jedenfalls weiterempfehlen. Als Radtourist jedenfalls nur mit dem Mountainbike und nicht mit dem Rennrad. Die Anreise nicht mit dem Auto, sondern mit dem Flugzeug zum wunderschönen Goldstrand.

Das Rennen in Bulgarien hat unvergessliche Eindrücke hinterlassen. Die Entscheidung nach Bulgarien zu fahren war richtig. Sie wurde durch die Tatsache bestätigt, dass sich die negative Stimmung, die sich auf dem Hinweg breit gemacht hatte, durch die Eindrücke der Landschaft, der Freundlichkeit der Menschen, den Unabwägbarkeiten des Rennes mit dem anschliessenden Sieg, einer sehr positiven Stimmung wich. Abschliessend möchte ich meinem Team, Edith, Günter, Karl, dem Team von Christian und Fritz (Gabi, Monika und Kurt), aber auch meinen beiden Mitstreiter für alles danken. Wurde ich doch im Vorfeld von einigen Sponsoren, die mir vieles versprachen aber nichts hielten, im Stich gelassen, möchte ich mich doch auch bei einem Sponsor, der nicht erwähnt werden will und für die Kosten eines Wohnmobiles aufkam, recht herzlich bedanken.

Während Christian in weiter Zukunft ans Race Across America denkt habe ich in Bulgarien ein Gelübte abgelegt. Mein Versprechen gegenüber meiner grandiosen Betreuerin und Ehefrau, nie wieder einen „Zwölfhunderter“ zu fahren, ist mir zwar heute noch in Erinnerung, aber ob es dabei bleibt, wer weiss?

Statistik:

Distanz  1218 km
Höhenmeter 10600 m
Absolute Fahrzeit 64 h 45 min
Nettofahrzeit 52h 3 min
Pausen 12h 42 min
Gesamtschnitt 18,81 km/h
Nettoschnitt 23,4 km/h
Kalorienverbrauch (geschätzt) 25000 cal

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