Wolf-Ekkehard Lönnig und Markus Rammerstorfer (2004):

 

Ausgewogene Berichterstattung zum Thema Evolution/ID – Ein Beispiel

 

Inhalt:

 

Einleitung

 

Ankündigung der Sendung

 

Transskript

 

Fußnoten

 

Literatur

 

Stand vom 04.01.2005

 

 

Einleitung

 

Zum Themenkreis der biologischen Ursprungsfrage gibt es viele Beispiele unausgewogener Berichterstattung. Dies trifft ganz besonders zu, wenn solche Berichte auch auf die Intelligent Design Theorie (ID) zu sprechen kommen. Diese Berichte folgen in ihrem Aufbau nicht selten folgendem Muster: Zunächst werden besonders extreme Beispiele/Äußerungen kreationistischer Vereinigungen/Personen präsentiert, sowie deren vor dem Supreme Court (USA) gescheiterten Versuche, den Schulunterricht im Fach Biologie durch “Creation Science” zu ergänzen oder, so wird auch häufig in den Medien behauptet, die Evolutionstheorie ganz zu verbieten.

 

Anschließend wird dann als Tatsache mitgeteilt, „Intelligent Design“ sei nichts als ein neuer, aber diesmal intelligenterer (etwa mit dem trojanischen Pferd vergleichbarer), Versuch der Kreationisten, den Schöpfungsglauben im Biologieunterricht nun doch noch zu verankern. Nicht selten wird dann auch noch das politische System der USA thematisiert/kritisiert, welches in seiner aktuellen Konfiguration solchen Umtrieben freundlich gesonnen sei. Hinzugefügt wird oft, dass der Kreationismus und ID (oder ID-Kreationismus, Neokreationismus, Theo-Biologie,...) auch hierzulande im Vormarsch sei. Wenn das Bedrohungszenario (Angriff auf die Wissenschaft, schon morgen sei die Erde wieder eine Scheibe usw.) dann für den unbefangenen Leser perfekt ist, werden halbherzig ein paar Brocken (Evolutions-) Biologie eingestreut. Das Fazit ist grundsätzlich – und wohl wenig überraschend – , dass die Darwinsche Evolutionstheorie so hervorragend gefestigt ist, dass ihre Aussagen nur noch als Tatsachen betrachtet werden können (genau wie die Abstammungstheorie, wobei hier oft gar nicht differenziert wird).

 

Gesamttenor ist die Polarisierung evolutionärer Ansätze als „objektive Wissenschaft” vs. ID als “als Wissenschaft getarnter Glaube“. Dabei werden Motivationen nach Möglichkeit mit der Sache selbst gemixt, und es wird regelmäßig impliziert, dass es sich bei den  Kreationisten und ID-Theoretikern um Zeitgenossen mit starken (natürlich urteilstrübenden!) Motivationen handelt, während die Evolutionsforscher völlig vorurteilslos und objektiv forschende Wissenschaftler seien. Verstärkt werden diese Kompositionen oft mit raffinierten populistischen und polemisch-tendenziösen Formulierungen – und fertig ist das Meisterwerk der populärwissenschaftlichen “Informationskultur”. Gesamteindruck des Lesers: Es geht um das (mit Dobzhansky) allein sinngebende Licht der Evolutionswissenschaft gegen den bedrohlichen Schatten und Aberglauben von ID (dem der Kreationismus auf dem Fuße folgt), den selbst noch die Amtskirchen ablehnen und der sich irgenwann womöglich noch zu einer echten Bedrohung für die Naturwissenschaft Biologie auswachsen wird.  Als ID-Vertreter kann man sich anschließend nur mehr mit dem Gedanken trösten, dass ja doch eine (minimale) Chance besteht, dass der eigene Leserbrief  veröffentlicht wird (welcher - um das Konglomerat aus zutreffenden Angaben, zutreffenden Angaben im falschen Kontext, halbwahren Angaben, gänzlich falschen Angaben und massiv tendenziösen Aussagen genau zu analysieren - eigentlich zehn Seiten lang sein müsste) oder das eine negative Publicity in diesem Kontext immer noch wesentlich besser als gar keine Aufmerksamkeit ist.   

 

Eine sehr lobenswerte Ausnahme von der oben geschilderten tendenziösen Berichterstattung bildet hier eine von Birgit Dalheimer gestaltete Sendung, die am 14. 04. 2004 im Sender „Österreich 1“ (Ö1) ausgestrahlt wurde und in der tatsächlich einmal beide Seiten zu Wort kommen (wozu vielleicht noch anzumerken ist, dass Frau Dahlheimer keineswegs die ID-Position favorisiert).

 

Im Folgenden wird dem interessierten Leser ein Transskript der ersten Hälfte dieser Sendung geboten, ergänzt mit einigen Fußnoten, die dem interessierten Leser zusätzliches Material bieten. Warum nur die erste Hälfte? Während sich die erste Hälfte der Sendung grundsätzlichen Fragen und Einwänden zum Thema Evolution widmet, geht es in der zweiten Hälfte nur mehr um Interpretationen, die im Rahmen eines (darwinistischen) Evolutionsverständnisses getätigt werden, bzw. um Anregungen, die daraus entnommen werden.

 

Zur Stilistik beachte man bitte wohlwollend, dass die Zitate von Frau Dalheimer aus der freien Rede entnommen und zusammengstellt wurden.

 

 

Ankündigung der Sendung

 

Die Sendung wurde auf der Website von Ö1 wie folgt angekündigt:

 

Ö1 Programm Mi, 14.04.04

alle Artikel

Mittwoch,
14. April 2004,
21:01 Uhr

Salzburger Nachtstudio

Gerade hat der Doyen der Evolutionsbiologie des 20.Jahrhunderts, Ernst Mayr, fast einhundertjährig, ein Kompendium mit den Erkenntnissen seiner lebenslangen Forschung und damit einen Überblick über seine Disziplin mit dem schlichten Titel "Das ist Evolution" vorgelegt. Da streicht man das Wort "Evolution" in den neuen Lehrplänen des US-Bundesstaates Georgia zugunsten von "Veränderungen im Laufe der Zeit". Aber es sind nicht nur Vertreter der bibeltreuen Schöpfungsgeschichte, die sich an der Darwin'schen Lehre stoßen. Als "Intelligent Design" wird eine von einer Art Schöpfer abhängige Alternative zur Evolutionstheorie mittlerweile auch von einschlägigen Wissenschaftern diskutiert. Ein Biologe des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung in Köln etwa erklärte die Natur als Werk eines intelligenten Designers - das um seinen guten Ruf besorgte Institut sperrte daraufhin große Teile der Homepage. Während auf der einen Seite, zumindest scheinbar, Ersatz-Glaubenskämpfe geführt werden, gelten auf der anderen, in der "synthetischen Evolutionstheorie", zufällige Mutationen und natürliche Auswahl längst als Grundmechanismen der Entwicklung von Leben. Mathematische Modelle, allen voran die evolutionäre Spieltheorie, zur Modellierung dieser Entwicklung haben Hochkonjunktur - auch weit über die Grenzen der Biologie hinaus. Speziell die Wirtschaftswissenschaften interessieren sich für die Erkenntnisse ihrer naturwissenschaftlichen Kollegen, sprechen von der "natürlichen Entwicklung des Wirtschaftslebens"; in der Psychologie ist die Synthese von Freud und Darwin en vogue; und auch in den Sozialwissenschaften hat die Begrifflichkeit der Evolutionstheorie Einzug gehalten

Weitere Informationen:
BÜCHERLISTE [1a]

Ernst Mayr: "Das ist Evolution", übersetzt von Sebastian Vogel; C.Bertelsmann Verlag, München, 2003
Christoph Badcock: "Psychodarwinismus, eine Synthese von Darwin und Freud", übersetzt von Matthias Reiss, Hanser Verlag 1999
Wolfgang Wieser (Hrsg): "Die Evolution der Evolutionstheorie. Von Darwin zur DNA", Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg, Berlin, Oxford, 1994
Robert T. Pennock (ed.) "Intelligent Design Creationism and its Critics", MIT Press, 2001
Ernst Fehr, Urs Fischbacher: "The nature of human altruism", Nature Vol. 425, pp785-791, 2003
Martin Nowak, Karl Sigmund: "Evolutionary Dynamics of Biological Games", Science Vol. 303, pp793-799, 2004      

 

 

Transskript

 

Anfang

 

[Peter Schuster:]

 

„Die Evolutionstheorie is Bestandteil der Biologie. Das hat der Theodosius Dozhansky eigentlich sehr schön ausgedrückt, mit seinem berühmten Satz „Nothing in biology makes sense except in the light of evolution“. Das heißt, wir brauchen die Evolutionsvorstellungen um Ordnung zu bringen in die Biologie, um verstehen zu können wie die einzelnen biologischen Phänomene sind.“

 

[MUSIKEINLAGE]

 

[Wolf-Ekkehard Lönnig:]

 

„Bei der ID-Theorie – Intelligent-Design-Theorie – geht man anders vor: Wir gucken uns die Phänomene an, wir gucken uns die Tatsachen an – wir möchten da aufgrund von nicht reduzierbarer Komplexität und der spezifizierten Komplexität Schlußfolgerungen auf einen intelligenten Ursprung machen; wir möchten unterscheiden zwischen Zufall, Gesetzmäßigkeit und Intelligent Design. Diese drei Begriffe sind in den Naturwissenschaften auch anwendbar und häufig zu beobachten. Und es geht nicht, dass man von vornherein Intelligent Design einfach ausschließt.“ [1b]

 

[MUSIKEINLAGE]

 

[Moderation:]

 

„Spiele, Glaubenskämpfe, Auslese.“

 

[MUSIKEINLAGE]

 

[Karl Siegmund:]

 

„Der Engländer John Maynard Smith hat vor etwa dreißig Jahren dann eine ganz revolutionäre Idee gehabt, nämlich er hat den Mechanismus der Spieltheorie auch angewandt auf Tiere, später sogar auf Pflanzen – man kann das auch auf Bakterien anwenden; also Individuen, Organismen denen man ganz bestimmt keine Rationalität zuschreiben kann. Die Idee war dann einfach die, dass die nicht irgendeine Strategie durch scharfes Nachdenken und Planen und so entwickeln, sondern das sie ein Verhalten haben, dass ihnen angeboren ist. Und je nach dem ob dieses Verhalten jetzt erfolgreich ist, oder nicht wird es sich in der Bevölkerung verbreiten oder nicht.“

 

[MUSIKEINLAGE]

 

[Moderation:]

 

„Die Entwicklung der Evolutionstheorie.“

 

[MUSIKEINLAGE]

 

[Oliver Wittuch?]

 

„Die Evolutionsbiologie ist vom Ansatz her ja recht radikal, weil sie sagt, wir sind nicht einfach eine neue Teildisziplin, sondern wir sind ein neues Grundverständnis, tatsächlich ein neues Paradigma, eine Revolution in der Sicht der menschlichen Psyche und wenn wir einmal über die Psychologie drübergerollt sind, dann ist nichts in unserem Verständnis von uns selber mehr so, wie es vorher war. Das ist in bestimmten Bereichen, z.B. zumal was die Sexualität und unser Verständnis davon betrifft sicherlich gelungen, dass ist in anderen Bereichen – zumal was die kognitive Psychologie betrifft meines Erachtens noch nicht sehr überzeugend gelungen.“

 

MUSIKEINLAGE

 

[Moderation:]

 

„Evolution ist eine Tatsache, von Evolutionstheorie zu sprechen eigentlich überholt – davon ist Ernst Mayr, einer der bedeutendsten Evolutionsbiologen des 20sten Jahrhunderts, überzeugt. Nicht alle jedoch teilen seine Meinung restlos – auch nicht alle Fachkollegen. Die darwinsche Theorie sagen sie, hat gravierende Mängel und manche von ihnen interpretieren die Natur als Resultat eines intelligenten Designs. Darum geht es im ersten Teil dieser Sendung. Während auf der einen Seite – zumindest scheinbar – Ersatzglaubenskämpfe geführt werden, hat evolutionäres Denken – die Vorstellung von zufälligen Mutationen und natürlicher Auslese – ebenso wie manches evolutionsbiologische Vokabular in vielen Wissenschaftszweigen Einzug gehalten. Mathematiker beschäftigen sich in spieltheoretischen Modellen mit der Entwicklung von Verhalten, Wirtschaftswissenschaftler erforschen die Naturgeschichte des Wirtschaftslebens, in der Ergründung menschlicher Eigenheiten gewinnt die Evolutionspsychologie an Gewicht und manche versuchen sich an einer Synthese von Darwin und Freud. Beispiele wo und wie mit Ideen aus der Evolutionstheorie gearbeitet wird, zeigt der zweite Teil dieses Salzburger Nachtstudios. [2]

 

 

[MUSIKEINLAGE]

 

[Moderation:]

 

„Eine Sendung von Birgit Dalheimer. „Evolution ist der wichtigste Begriff in der gesamten Biologie, es gibt in diesem Fachgebiet keine einzige Frage nach dem Warum, die sich ohne Berücksichtigung der Evolution angemessen beantworten ließe. Aber die Bedeutung des Konzepts geht weit über die Biologie hinaus. Ob wir uns es klar machen oder nicht: Das gesamte Denken der heutigen Menschen wird vom Evolutionsgedanken zutiefst beeinflusst – man ist sogar versucht zu sagen: bestimmt. Ein Buch über dieses wichtige Thema vorzulegen, bedarf es keiner Entschuldigung.[ANM.:MAYR 2003, S.14 ]  Ernst Mayr hat ein dreiviertel Jahrhundert Forschung hinter sich. Anfang der 1930er Jahre folgte der gebürtige Deutsche dem Ruf der Wissenschaft in die USA, wo er in den Jahrzehnten darauf die Evolutionsbiologie maßgeblich prägte. Was man über die Gesetzmäßigkeiten weiß, nach denen Leben auf der Erde entstanden ist und sich dann in all die mannigfaltigen Formen, die wir heute kennen, entwickelt hat, beschreibt er jetzt, kurz vor seinem 100. Geburtstag, in dem Buch "Das ist Evolution". Nicht alle teilen seine Darstellungen. Anhänger einer bibeltreuen Schöpfungslehre, die Kreationisten z.B., verstehen es ihren Einfluss in den Vereinigten Staaten immer wieder im Schulsystem geltend zu machen. 1999 in Kansas etwa, setzten sie durch, dass die darwinsche Theorie – wenn auch nur vorübergehend – aus dem Lehrplan entfernt wurde. Im Frühjahr 2004 strich man das Wort „Evolution“ in Georgia aus den Lehrplänen und ersetzte es durch „Veränderungen in der Zeit“. Aber auch innerhalb der Naturwissenschaft gibt es Kritik an der gängigen Evolutionstheorie darwinschen Ursprungs – diese liese eine ganze Reihe wesentlicher Fragen offen, meint etwa der Biologe Wolf-Ekkehard Lönnig, und er nennt ein Beispiel: 

 

[Wolf-Ekkehard Lönnig:]

„Man hat ja nun erwartet, aufgrund der Voraussagen der Evolutionstheorie wie Darwin sie formuliert hatte - 1859 -, dass das Leben sich kontinuierlich entfalten würde. Es würde also so ganz einfach anfangen und dann im Laufe von Jahrmillionen in winzigen, kleinen Schritten, immer komplexer, immer vielfältiger, immer unterschiedlicher werden und es würden auf diese Weise völlig neue Baupläne entstehen, völlig neue Gruppen. D.h. also, die systematischen Kategorien höheren Grades würden nach einer langen Zeit erst auftreten, nach einer langen Zeit der Entwicklung. Was wir aber finden, ist etwas ganz anderes, wir finden ein schlagartiges Auftreten von fast sämtlichen Tierstämmen der Erde die heute noch existieren in den ersten Kambriumformationen.“ [3]

 

[Moderation:]

 

„In den Fossilfunden des Kambrium, aus einer Zeit vor rund 540 Millionen Jahren, tauchen schlagartig die Grundbaupläne von Lebensformen auf, wie wir sie heute noch kennen.“

 

 [Wolf-Ekkehard Lönnig:]

 

„Man spricht heute im allgemeinen von der „Kambrischen Explosion“ der Lebensformen. Und wenn man nun schaut was in den Erdschichten, die so datiert worden sind, dass sie davor liegen müssten, sich abspielt, dann stellt man fest, dass das postulierte Kontinuum nicht nachweisbar ist. Es treten also in den kambrischen Schichten fast sämtliche Tierstämme der Welt, die auch heute noch existieren, auf und die kontinuierliche Entwicklung, die davor abgelaufen sein würde - über 1,5 Milliarden Jahre - ist nicht nachweisbar. Also die verschiedenen Tierstämme wie die Mollusken, wie die Echinodermata und viele andere treten sprunghaft, schlagartig auf und man hat sich seit über 100 Jahren bemüht, Vorfahren zu finden, - findet sie aber nicht. Es fehlen also für diese Theorie von vornherein mindestens fünf Sechstel der gesamten kontinuierlichen Überlieferung, manche gehen sogar soweit und sagen, es fehlen sieben Achtel – also fünf Sechstel mindestens fehlen von vornherein – für diese Kontinuitätsidee, die Darwin vor 150 Jahren rund, aufgebaut hat.“

 

[Moderation:]

 

„Wolf-Ekkehard Lönnig ist Botaniker am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln. Ein Institutionsname, der wissenschaftliche Exzellenz und Seriosität verspricht. Entsprechend groß war die Aufregung, als Lönnig Alternativen zur Evolutionstheorie auf seiner Homepage veröffentlichte. Er vertritt die Theorie, die Vielfalt und Komplexität der Lebensformen sei Ergebnis eines intelligenten Designs. Das Leben – so die Grundidee – sei zu komplex als dass es einfach auf dem Wege von Zufallsmutationen und natürlicher Selektion entstanden sein könne. Eine Art „höhere Intelligenz“ müsse die Hand im Spiel gehabt haben. Im Frühjahr vergangenes Jahr schließlich wurde die Internetseite des Biologen von der Max Planck Gesellschaft gesperrt. Wenn Wolf-Ekkehard Lönnig heute über "Intelligent Design" spricht, tut er das nicht namens irgendeiner Forschungseinrichtung, sondern als Privatmann.

 

Wenig abgewinnen kann seinen Einwänden erwartungsgemäß der Evolutionsbiologe Ernst Mayr. Mit dem ganzen Gewicht eines Forschers, den manche als Darwin des 20ten Jahrhunderts bezeichnen, schreibt er zur Frage der kambrischen Explosion, die auch überzeugten Evolutionisten lange Zeit Rätsel aufgab: „Mittlerweile ist klar, dass die scheinbar plötzliche Entstehung (innerhalb von 10 bis 20 Millionen Jahren) so vieler unterschiedlich gebauter Tiere im frühen Kambrium (das vor 544 Millionen Jahren begann) ein falscher Eindruck auf Grund der erhalten gebliebenen Fundstücke ist. Mit Hilfe der molekularen Uhr kann man die Entstehung der Körperbaupläne in die Zeit vor rund 670 Millionen Jahre zurückverlegen, aber die Tiere, die in der Zeit vor 670 bis 544 Millionen Jahren lebten, sind als Fossilien nicht erhalten geblieben, weil sie sehr klein waren und kein Skelett besaßen.“ [4] [ANM.:MAYR 2003, S.340].

 

Ähnlich verhält es sich für Ernst Mayr mit dem Ursprung des Lebens auf der Erde überhaupt. Dazu gäbe es heute mehrere plausible Theorien, von denen sich zwar keine unmittelbar nachweisen lässt...: „...Allerdings kann die Entstehung des Lebens auf der Erde nicht allzu schwierig gewesen sein, denn sie fand offensichtlich bereits vor 3,8 Milliarden Jahren statt, also offenbar sobald die Bedingungen sich überhaupt für lebendige Wesen eigneten. Leider besitzen wir keine Fossilien aus dem 300 Millionen Jahre langen Zeitraum vor 3,8 bis 3,5 Milliarden Jahren. Die ältesten fossiltragenden Gesteine die man kennt, sind 3,5 Milliarden Jahre alt und enthalten bereits eine bemerkenswert vielfältige Lebenswelt aus Bakterien. Wie ihre Vorfahren in den 300 Millionen Jahren davor aussahen, davon haben wir keine Ahnung (und da es keine Fossilien gibt, wird es vermutlich auch dabei bleiben).“  [ANM.:MAYR 2003, S.66]  [5]

 

[MUSIKEINLAGE]

 

[Moderation:]

 

„Die kambrische Explosion ist keineswegs das einzige Beispiel, dass Kritiker an der Evolutionstheorie zweifeln lässt. Ein anderes ist die Komplexität von Lebensformen, die nur schwer als kontinuierliche Entwicklung aus einfacheren Vorstufen erklärbar scheint. Ernst Mayr dazu: „Eine typische Frage lautet zum Beispiel: „Wie kann man die Entstehung der Flügel bei den Vögeln mit der natürlichen Selektion erklären?“ Ein kleiner Flügel, so diese Ansicht, wäre zum Fliegen nutzlos und würde deshalb keinen Selektionsvorteil bieten. Natürliche Selektion könne erst dann wirksam werden, wenn bereits eine funktionierende Struktur vorhanden ist. Diese Behauptung ist in Wirklichkeit nur die halbe Wahrheit, denn eine bereits vorhandene Struktur kann durch eine Verhaltensänderung eine zusätzliche Funktion übernehmen, und diese wandelt dann die ursprüngliche Struktur so ab, dass daraus in der Evolution etwas Neues wird. Entwicklungsgeschichtliche Neuerungen können auf zwei Wegen erworben werden: Durch die Verstärkung einer Funktion oder die Übernahme einer völlig neuen Aufgabe.“  [ANM.:MAYR 2003, S.250]

 

Wolf-Ekkehard Lönnig hingegen spricht im Sinne der ID-Theorie von nicht reduzierbarer Komplexität und veranschaulicht es anhand des trickreichen Systems mit dem die kleine Wasserpflanze Utricularia Wassertierchen fängt und verdaut:

 

[Wolf-Ekkehard Lönnig:]

 

„Stellen Sie sich ein eiförmiges Gebilde vor – nur wesentlich kleiner (einen halben Zentimeter bloß groß) - , ein eiförmiges Gebilde, was vorne eine kleine Türe hat, eine “Klapptüre”, die sich nur nach innen öffnen kann. Und dieses eiförmige Gebilde – nämlich das sind diese Wasserschlauchbläschen – mit denen diese Wasserschlauchpflanzen kleine Tiere wie kleine Krebse, Hüpferlinge und Wasserflöhe, fangen kann. Und die hat diese kleine “Klapptüre” vorne und hat Sinneshaare und dieses ganze eiförmige Gebilde steht unter Unterdruck, die Wände sind stark eingedellt. Und wenn jetzt an die Sinnesorgane (so kleine „Antennen“ sind vorne dran) ein Hüpferling - ein Wasserfloh oder dergl. springt, dann öffnet sich diese “Klapptüre” schlagartig nach innen, dass Wasser strömt kräftig hinein, reißt das kleine Tierchen mit hinein und diese Falle schließt sich wieder. Dann saugt diese Falle alles wieder raus, was an Wasser da noch vorhanden ist, und dann sind vierstrahlige Drüsen an den Innenwänden zu beobachten und die produzieren Enzyme und dieses Tierchen wird aufgelöst und diese Pflanze nimmt die tierischen Eiweißstoffe auf und verwandelt sie in arteigenes pflanzliches Eiweiß.“

 

[Zu den anatomischen Details und weiteren Fragen zu Utricularia vgl. man bitte folgenden Link: http://www.weloennig.de/Utricularia.html ]

 

 

[Moderation:]

 

„Dieses ausgeklügelt aufeinander abgestimmte System von Beutefang und Beuteverarbeitung wirft für Wolf-Ekkehard Lönnig vor allem eine Frage auf:“

 

[Wolf-Ekkehard Lönnig:]

 

„Dieses Gebilde soll von einem Blatt abstammen. Also ein Blatt soll sich in ein solches Gebilde mit dem darwinschen Mechanismus von Zufallsmutationen und Selektion in großen Zeiträumen, ganz kontinuierlich über winzige, kleine Zwischenstufen entwickelt haben.“

 

[Moderation:]

 

„Eine für den Biologen wenig glaubhafte Vorstellung.“

 

[Wolf-Ekkehard Lönnig:]

 

„Welche Funktion soll das denn gehabt haben, als es noch nicht fertig war? Als die Tür noch nicht wasserdicht schließen konnte, konnte die Pflanze damit nichts fangen; als die Verdauungsdrüsen noch nicht da waren, konnte die Pflanze – selbst wenn sie damit was fangen konnte – diese Tiere nicht auflösen und das Eiweiß nicht umsetzen in arteigenes Eiweiß. Wenn dieser Unterdruck nicht vorhanden war – Sie ahnen worauf ich hinausmöchte... . Es ist also eine ganze Kette von verschiedenen Funktionen die zusammengeschlossen sind zu einem Funktionskreis – wenn eine Funktion ausfällt, ist die ganze Funktion der Falle im großen und ganzen sinnlos.“

 

[Moderation:]

 

„Die Komplexität des Organs beschreibt Wolf-Ekkehard Lönnig als „nicht reduzierbar“ – als nicht auf einfachere Vorstufen zurückzuführen. Viel mehr läge ihr eine Art „höherer Plan“ zugrunde, „Intelligentes Design“, von dem gleich noch mehr zu hören sein wird. Sprünge in der Komplexitätsebene stellen auch für die Vertreter der darwinschen Theorie eine Herausforderung dar. Wie z.B. ist es zum Übergang von einzelligen Lebewesen zu fein abgestimmten Vielzellern gekommen? Die Zugänge der Evolutionsforscher – wie etwa des Chemikers Peter Schuster von der Universität Wien – unterscheiden sich freilich deutlich von denen das Intelligent Designs.

 

[Peter Schuster:]

 

„Wir haben zwei Komplexitätsebenen – die eine ist die Zelle und die zweite ist der Vielzellerorganismus. Es bleibt die Zelle erhalten, d.h. dieser Komplexitätsgewinn, dieser Komplexitätszuwachs, kommt dadurch zustande, dass a neue hierarchische Ebene entsteht. Die Vorläufer, die Vorstufen auf da niedrigen Ebene der Komplexität, die sind enthalten. Sie müssen kontrolliert werden, sie sind in ihrer Autonomie beschränkt – eine Zelle im Vielzellerorganismus muß in ihrer Entwicklung eingeschränkt werden – um eben dem Vielzellerorganismus zu entsprechen und dort in den Verband inkorporiert sein. Und dieses Prinzip, man nennt es auch Modularitätsprinzip, - es gibt Module in der höheren Komplexitätsebene, die selbstständige Einheiten in der niedrigen Komplexitätsebene waren -, dass sehen wir öfter in der Natur. Wir sehen das beispielsweise beim Übergang , ich nenne jetzt die Tiergesellschaften als ein Beispiel: Von dem einzeln lebenden Tier zu den Tiergesellschaften, dass sieht man beispielsweise bei den Primaten aber auch in einigen anderen Fällen,  bei den staatenbildenden Insekten. Auch hier wieder: Wir haben Elemente auf der niedrigen Ebene, dass sind die Organismen, sind die Individuen und wir haben das Gebilde auf der nächst komplexeren Ebene, dass ist der organisierte Staat in dem die Einzelindividuen dadurch, dass sie in ein Gemeinwesen aufgehen, in ihrer Autonomie eingeschränkt werden.“

 

[Moderation:]

 

„An der Erklärung der Komplexitätsentstehung allgemein und des Modularitätsprinzips im besonderen wird seit geraumer Zeit gearbeitet.“

 

[Peter Schuster:]

 

„Ich möchte ein Modell, an dessen Entwicklung ich selbst beteiligt war – das ist schon lange her, es war in den siebziger Jahren, ich war damals Postdoc bei Manfred Eigen in Göttingen - den möchte ich hier erwähnen, vor allem deshalb, weil er bis heute im Grunde genommen, wenn man auf seine mathematischen Grundlagen reduziert, eigentlich auch der einzige Mechanismus dieser Art ist, der diesen Übergang plausibel machen kann. Ich sage mit Absicht nicht „erklären“, er ist modellhaft und ist im Experiment eben noch nicht nachvollzogen, drum muß man mit „erklären“ vorsichtig sein. Hierbei geht man davon aus, dass die einzelnen Elemente auf der niedrigeren Komplexitätsebene bereits eine Fähigkeit besitzen miteinander wechselzuwirken, die sie aber noch nicht ausüben. Beispielsweise Bakterien können also über chemotaktische Mechanismen mit ihrer  Umgebung kommunizieren, darunter versteht man, sie produzieren chemische Substanzen und können auf chemische Substanzen reagieren, in dem ’s ganz einfach eine Chemie gibt zwischen dem, was sie produzieren, was sie über ihre Sensoren wahrnehmen und was die Umwelt an Chemikalien vorliegen hat, also z.B. schon einfache Bakterien schwimmen in die Richtung hin, wo ihre Nahrungsmittel in der Menge zunehmen, sie schwimmen also in Richtung hin, wo es mehr Nahrung gibt, wenn sie aber irgendwelche Giftstoffe (Toxine) einbringen, dann schwimmen die Bakterien davon. D.h. also, sie haben Sensoren, nehmen wahr „was ist da in der Umwelt“ und reagieren darauf. Und dieser Mechanismus wird dann, wenn man vom Einzeller zum Vielzeller übergeht umgewandelt (abgewandelt oder umgewandelt) in den Kommunikationsmechanismus der Zellen im Vielzellerorganismus. D.h. ich nutze etwas aus was schon da ist – für andere Zwecke verwendet wurde, aber das jetzt die zelluläre Kommunikation ausmacht – und das dann verwendet wird um ganz einfach die Zellen zu integrieren in den Vielzellerorganismus.“

 

[Moderation:]

 

„Die Einzelteile geben ein bisschen ihrer Autonomie auf, so die Theorie, und entwickeln statt dessen intensivere Kommunikationsmöglichkeiten, wie Peter Schuster an einem Beispiel zeigt:“

 

[Peter Schuster:]

 

„Eine Individualzelle wird sich immer dann vermehren und teilen, wenn es genügend Nahrung gibt. Das ist im Vielzellerorganismus nicht möglich, wenn das passiert dann treten bösartige Tumoren auf , nämlich dann beginnen Tumoren zu wachsen. D.h. also der Vielzellerorganismus hat einen Kontrollmechanismus, um das zu unterdrücken und dabei bedient er sich in der zellulären Kommunikation derselben Mittel wie bei den Bakterien, die Chemotaxis. Das sind Signalwege die eben schon vorhanden waren und ausgenützt werden auf der höheren Komplexitätsebene.“ [6]

 

[MUSIKEINLAGE]

 

[Moderation:]

 

„Während Evolutionsforscher an immer verfeinerten oder neuen Modellen arbeiten, um z.B. den Komplexitätszuwachs in der  Entstehung des Lebens zu erklären, stellen sich für andere – auch Naturwissenschafter – wieder grundsätzliche Fragen:“

 

[Wolf-Ekkehard Lönnig:]

 

„Einmal ob die Theorie, die heute als Lehrbuchbeispiel gelehrt wird, auf Schulen und Universitäten, die endgültige Antwort darstellt. Und dafür lassen sich viele Punkte aufführen die uns zeigen, dass die Behauptung – wie Konrad Lorenz es einmal formuliert hatte - „...der Darwinismus hätte sich restlos als wahr erwiesen und nichts würde gegen ihn sprechen...“, diese Behauptung ist eindeutig falsch. Das ist die eine Frage. Natürlich stellt sich dann die Frage: Ja, wenn diese Behauptung falsch ist, wenn dieses Kambriumproblem tasächlich – wie Darwin es vermutet hatte – für seine Theorie ein schweres Problem darstellt, wenn solche Funktionsgefüge wie Utricularia und der Elektrorotationsmotor wirklich schwere Probleme für die Theorie darstellen – welche Alternative haben wir dann?“

 

[Moderation:]

 

„Während Anhänger des Intelligent Design von einer alternativen Theorie sprechen, die sie im Rahmen der Naturwissenschaften testen wollen, bleiben ihre Gegner beharrlich bei der Bezeichnung „Intelligent-Design-Kreationismus“. Die Alternative für Evolutionsbiologen ist, weiter zu forschen und zu experimentieren und nicht all das, was bislang unerklärlich ist als Werk einer nicht genau bestimmten höheren Macht zu interpretieren. Das „Lückenbüßer-Argument“ freilich lassen die Verfechter des Intelligenten Designs zu denen sich auch Naturwissenschafter zählen nicht gelten.

 

[Wolf-Ekkehard Lönnig:]

 

„Es sind positive Kriterien, nämlich nicht reduzierbare und die spezifizierte Komplexität, die ja erfüllt sein müssen und wir haben Erfahrungswerte, dass solche komplexen informationsreichen Strukturen nur durch Intelligenz entstehen. Es ist also kein „Lückenbüsser“ sondern es ist eine positive Evidenz.“ [7]

 

[Moderation:]

 

„Wenn diese positive Evidenz erfüllt ist, dann – so die Theorie – handelt es sich um ein Beispiel für intelligentes Design, dann beruht der Ursprung dieses Systems auf einem wohl durchdachten Plan. Auch wenn man noch nicht sagen kann, wer oder was Urheber des Planes – wer der Designer ist.“

 

[Wolf-Ekkehard Lönnig:]

 

„Natürlich möchten wir wissen: Wer war der Designer? Was können wir über ihn aussagen, aufgrund der Dinge, die wir gefunden haben? Also wir können einmal sagen, er muß wirklich absolut genial gewesen sein, um solche komplexen Lebensformen zu erschaffen, die heute gefunden werden. Wir könnten weitere Überlegungen machen, wir können aber mit den Naturwissenschaften allein nicht den Designer hier und heute identifizieren. Diese Wiederentdeckung des Designs ist ja noch am Anfang in gewissem Sinne, so dass wir die Frage zur Zeit naturwissenschaftlich einfach offen lassen müssen. Man kann natürlich die Naturwissenschaften verlassen und in die Religion übergehen, kann ein Bekenntnis ablegen, dass ist möglich. Aber gerade darauf legt die Intelligent-Design-Theorie wert: Wir bleiben im Rahmen der Naturwissenschaften.  Persönlich kann ich sagen, diese absolut geniale Intelligenz und Weisheit, dass ist, war Gott, aber das ist den Naturwissenschaften nicht möglich.“

 

[Moderation:]

 

„Das jedoch unterstellen Kritiker der Intelligent Design-Theorie immer wieder: Dass es sich dabei nur um eine neue Form des Kreationismus handle, die sich zwar nicht mehr wörtlich an den Bibeltext halte, aber letztlich auch nicht ohne die Annahme einer übernatürlichen höheren Intelligenz auskomme. Ernst Mayr widmet sich in seinem Buch einer Reihe von Einwänden gegen die Evolutionstheorie. Zu kreationistischen Ideen schreibt er schlicht: „Mehr oder weniger ähnlichen Schöpfungsberichten begegnen wir in den volkstümlichen Überlieferungen auf der ganzen Welt. Sie kamen dem Bedürfnis entgegen, jene tief greifenden Fragen nach der Welt zu beantworten, die wir Menschen stellen, seit es überhaupt eine Kultur gibt. Noch heute schätzen wir diese Geschichten als Teil unseres kulturellen Erbes, aber wenn wir die Wahrheit über die Geschichte der Welt erfahren wollen, halten wir uns an die Naturwissenschaft.“   [ANM.:MAYR 2003, S.21]

 

Zu dieser Naturwissenschaft gehört für Ernst Mayr natürlich auch die Evolutionsbiologie. Zwar könnten alle Theorien des Darwinismus aufgegeben werden, wenn sie widerlegt würden, schreibt er, dass sei aber bisher nicht passiert. Die aktuellen Kritiker teilt er in die Gruppe der Anhänger einer gänzlich anderen Ideologie – zu der er die Kreationisten zählt – und die Gruppe derjenigen die die darwinsche Lehre schlicht nicht verstanden haben.  Über Glaubensfragen zu entscheiden ist nicht Sache der Wissenschaft – zumindest das scheint die erneut entflammte Debatte um die Evolution allerdings zu zeigen. Das aus dem Zitat von Ernst Mayr sprechende Selbstverständnis der Naturwissenschaft als „die Wahrheit über die Geschichte der Welt erklärende Instanz“ wird nicht von allen geteilt.

 

Ende

 

Damit wird in den zweiten Teil der Sendung übergeleitet.     

 

 

Fußnoten

 

[1a] Es wäre sicher sachdienlich gewesen, wenn man in der Bücherliste auch einige kritische Arbeiten zitiert hätte, etwa M. J. BEHE: “Darwin’s Black Box. The Biochemical Challenge to Evolution”, The Free Press, 1996; oder: “Evolution – Ein kritisches Lehrbuch von R. JUNKER und S. SCHERER, Weyel Lehrmittelverlag, Gießen, 2001. Ein aktuelles Beispiel der Präsentation differenter Auffassungen bietet das Buch “Debating Design. From Darwin To DNA" (W.A.DEMBSKI & M.RUSE, Cambridge University Press, 2004), in dem bekannte Vertreter der unterschiedlichsten Ursprungskonzepte zu Wort kommen.

 

[1b] Um eventuelle Missverständnisse zu vermeiden, sei nochmals hervorgehoben, dass auch dieses Zitat keine direkte Stellungnahme zur Aussage von Peter Schuster ist.

 

Zum von Peter Schuster erwähnten Punkt der Ordnung sei Folgendes erwähnt: Ordnung haben die grundlegenden Disziplinen der Biologie, wie die Systematik, die Morphologie, die Anatomie, die Paläontologie schon lange vor Darwin auch ohne Evolutionsvorstellungen in die Biologie gebracht. Diese Ordnung wurde später nur evolutionistisch umgedeutet.

 

"NAEF setzte auseinander, daß die Grundbegriffe der alten, vordeszendenztheoretischen Morphologie später einfach in die Sprache der Phylogenie "übersetzt" wurden.

 

Dabei wurde dann:

 

aus Formverwandschaft.......................Blutsverwandschaft

 "  Systematik.......................................Phylogenetik

 "  Metamorphose................................Stammesentwicklung

 "  systematische Stufenreihen.............Ahnenreihen

 "  Typus..............................................Stammform

 "  typischen Zuständen.......................ursprüngliche

 "  atypischen.......................................abgeänderte

 "  niederen Tieren................................primitive

 "  atypische Ähnlichkeit.....................Konvergenz

 "  Ableitung........................................Abstammung usw. usw."

 

Zitiert nach O. Kuhn (1947, p. 5): Die Deszendenztheorie. Bamberg.

 

Tatsächlich haben also Designvorstellungen im Sinne einer intelligenten Schöpfung die Pionierarbeit für den Einzug der Ordnung in der Biologie geleistet.

 

[2] An dieser Stelle sollte man eigentlich aufhorchen: Inwiefern benötigen die Ansätze in Mathematik, Wirtschaftswissenschaft, Psychologie, etc. die Vorstellung einer Evolution? Sind sie unabhängig davon „lauffähig“? Wenn das nicht der Fall ist: Welche Vorstellung einer Evolution benötigen sie – genügt das allgemeine Postulat einer gemeinsamen (realgenetischen) Abstammung, einer naturalistischen Entwicklung aller Lebensformen auseinander, oder sind sie gar spezialisiert auf einen Ablauf der Evolution im darwinistischen Sinne?

 

Denn eines ist klar: Wenn das Fundament (Evolution, bzw. eine spezielle Vorstellung vom Ablauf dieser Evolution) gar nicht gegeben ist, so werden alle Folgehypothesen, die darauf basieren, automatisch fraglich.   

 

[3] Vergl. auch den Artikel „Towards a new evolutionary synthesis“ von Robert L. CARROLL (2000, S. 27):

 

„The most conspicuous event in metazoan evolution was the dramatic origin of major new structures and body plans documented by the Cambrian explosion. Until 530 million years ago, multicellular animals consisted primarily of simple soft-bodied forms, most of which have been identified from the fossil record as cnidarians and sponges. Then within less then 10 million years, almost all of the advanced phyla appeared, including echinoderms, chordates, annelids, brachiopods, molluscs and a host of arthropods. The extreme speed of anatomical change and adaptive radiation during this brief time period requires explanations that go beyond those proposed for the evolution of species within the modern biota.“

 

Oder VALENTINE in seinem Buch „On the Origin of Phyla“ (2004, S.37):

 

„Organisms with the characteristic bodyplans that we identify as living phyla appear abruptly in the fossil record, many within a narrow window of geologic time – perhaps 5 to 10 million years, beginning about 530 Ma (chap.5). Nearly all of these are stem taxa. Some fossils are known that may represent extinct phyla, and these appear chiefly during this same window. It is consistent with the fossil record that all of the characteristic animal bodyplans had evolved by the close of this period, but none of them can be traced through fossil intermediates to an ancestral group. The organisms belonging to many of the phyla can be further subdivided into distinctive morphological groups that possess characteristic body subplans. In no case is a morphological continuum found across a broad range of bodyplan morphologies, nor do phyla resemble each other more closely during their early fossil histories.“

 

In diesem Zusammenhang sollte auch die Ediacara-Fauna erwähnt werden, die zeitlich noch vor der „kambrischen Explosion“ eingeordnet wird. Sie bietet jedoch keine Lösung für das schlagartige Auftauchen neuer Baupläne im Kambrium, sondern stellt insgesamt ein Rätsel für sich dar. Martin BRASIER und Jonathan ANTCLIFFE (2004, S.1115) fassen die Situation wie folgt zusammen:

 

 „The Ediacara biota remains one of the greatest enigmata within evolutionary paleobiology ... . Discovered in 1946 by R. C. Sprigg in the Flinders Ranges of southern Australia, the Ediacara biota—which is 580 to 543 million years old (Ma)— represents the most ancient complex organisms on Earth. Martin Glaessner provided the first insights into Ediacaran biology (7). He saw in the fossils of Ediacaran animals (so remarkably preserved in late Precambrian sandstones) the ancestors of Phanerozoic animal phyla. The Cambrian is the first period with abundant fossils and marks the start of the era of the Phanerozoic or “visible life” that continues through to the present. Before this came the vast interval of the Precambrian, which ranges back to the origins of the Earth about 4600 million years ago. Paleontologists eagerly sought relationships between Ediacaran fossils and living seapens and worms, jellyfish and crabs. This “great ancestral” view has held sway for almost 40 years (8, 9), but a growing number of paleontologists argue that Ediacaran creatures were not ancestral to Cambrian life at all. They suggest that members of the Ediacara biota were uniquely fashioned beasts that met their doom at the end of the Precambrian (10–12).“

 

[4]  Zum Zitat von MAYR, welches wir im Folgenden zunächst wiederholen und anschließend kommentieren: “Mittlerweile ist klar, dass die scheinbar plötzliche Entstehung (innerhalb von 10 bis 20 Millionen Jahren) so vieler unterschiedlich gebauter Tiere im frühen Kambrium (das vor 544 Millionen Jahren begann) ein falscher Eindruck auf Grund der erhalten gebliebenen Fundstücke ist. Mit Hilfe der molekularen Uhr kann man die Entstehung der Körperbaupläne in die Zeit vor rund 670 Millionen Jahre zurückverlegen, aber die Tiere, die in der Zeit vor 670 bis 544 Millionen Jahren lebten, sind als Fossilien nicht erhalten geblieben, weil sie sehr klein waren und kein Skelett besaßen.“

 

Es ist wirklich beeindruckend, wie hier die tiefen wissenschaftlichen Probleme zum Kambriumproblem zu Gunsten einer vorgefassten Meinung “wegerklärt” werden. Für die gradualistische Sicht von Ernst MAYR “ist klar”, dass es eine “plötzliche Entstehung” der kambrischen Formen nicht geben kann und darf. Also handelt es ich um einen “falschen Eindruck”, der (weg-)erklärt werden muss. Womit? Antwort: Mit den molekularen Uhren wird die Entstehung und Entwicklung der im Kambrium erscheinenden Lebensformen um 126 Millionen Jahren zurückdatiert (also auf etwa 670 Millionen Jahre ‘vor Heute’).

 

Völlig verschwiegen wird dabei, dass die molekularen Uhren praktisch allesamt unsicher sind und tatsächlich zu ungeheuer widersprüchlichen Ergebnissen geführt haben. So kommen WRAY, LEVINTON, and SHAPIRO (1996) mit “der” molekularen Uhr auf 1,2 Milliarden Jahre (statt auf die von MAYR zitierten 670 Millionen). Darauf folgten Arbeiten mit einer Anzahl weiterer, z.T. völlig abweichende Messungen, von denen die von MAYR zitierten 670 Millionen Jahre nur eine unter vielen weiteren ist.

 

JUNKER hat einen guten Überblick über die widersprüchlichen Ergebnisse der molekukaren Uhren zum Kambriumproblem geliefert. Er bemerkt u.a. (2001, pp. 83-85):

 

“Verschiedene Studien mit Hilfe molekularer Uhren erbrachten sehr unterschiedliche Ergebnisse. Nach Daten von WRAY et al. (1996) unter Zugrundelegung von 7 Uhren (Abb. 2) muß die Aufspaltung der Tierstämme tief ins Präkambrium verlegt werden, teilweise bis auf ca. 1,6 Milliarden Jahre. Dabei ergeben sich je nach zugrundegelegtem Molekül sehr verschiedene Zeiten (Abb. 2).

 

Abb. 2 http://www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=sij82-6

Divergenzzeiten für Aufspaltungen einiger Tierstämme. (Aus WRAY et al. 1996).

 

AYALA et al. (1998) kritisierten die Divergenzzeiten von WRAY et al. (1996) aufgrund methodischer Fehler und gelangen aufgrund eigener Studien auf der Basis von 18 Protein-codierenden Genorten auf viel geringere Divergenzzeiten (vgl. Abb. 3, Nr. 5).

 

            Abb. 3 http://www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=sij82-6

 

Divergenzzeiten für die Trennung von Protostomiern (Gliederfüßern u. a.) und Deuterostomiern (Chordatiere u. a.) nach unterschiedlichen Studien.

Im Text erwähnt:

4 = WRAY et al. 1996,

5 = AYALA et al. 1998,

8 = WANG et al. 1999.

(NachWANG et al. 1999)

 

Ein Jahr später legten WANG et al. (1999) eine weitere, nochmals erheblich umfangereichere Studie vor (50 Gene als Grundlage). Demnach wird der Ursprung der Tierstämme wieder weit ins Präkambrium geschoben (Abb. 3). Damit spricht diese am breitesten angelegte Studie doch wieder für eine frühe Entstehung der Tierstämme.”

 

Einer der besten Kenner der Kambrium-Problematik, der schon oben zitierte Evolutionstheoretiker James W. VALENTINE, hat die Ergebnisse der molekularen Uhren in seiner neuen Monographie On the Origin of Phyla wie folgt zusammengefasst (2004, S. 191):

 

“The molecular-clock studies have placed the origins long before the Cambrian, some nearly three times earlier than the age of the earliest body fossils known. However, molecular-clock dates for Neoproterozoic events that are based on different molecules or different protocols vary widely. Clearly, severe problems still plague the interpretation of rates of molecular evolution. The times that major metazoan clades were founded, and that the bodyplans of phyla were first represented in stem ancestors, remain uncertain.”

 

Kommen wir zum nächsten Punkt von MAYRs Ausführungen. Wie auch MAYR einräumt, sind ‘die Tiere, die in der Zeit vor 670 bis 544 Millionen Jahren lebten, als Fossilien nicht erhalten geblieben’ – warum nicht? MAYRs Antwort: “...weil sie sehr klein waren und kein Skelett besaßen.“

 

Merkwürdigerweise treten aber im Kambrium nicht nur Tiere auf, die ein ‘Skelett besaßen’, sondern auch viele weitere: “Many well-preserved animals with soft tissues also appeared, including representatives of Ctenophora, Annelida, Onycophora, Phoronida, and Priapulida” (S. MEYER 2004, S. 373).

 

Warum sind darüber hinaus zahlreiche Fossilien von Organismen aus vorkambrischer Zeit bekannt, die ebenfalls sehr klein waren und kein Skelett besaßen, jedoch nicht zu einem evolutionären Stammbaum zur Enstehung der kambrischen Formen geordnet werden können (Bakterien, Algen, und insbesondere auch die schon oben erwähnte Ediacara-Fauna u.a.)?

 

VALENTINE stellt zum Kambrium-Problem zusammenfassend fest (2004, p. 194):

 

“In sum, the Cambrian fossils imply an explosion of bodyplans, but the underlying causes remain uncertain.”

 

Eine Seite weiter erwähnt er überdies, dass das Kambrium-Problem bis Heute wahrscheinlich noch weit unterschätzt worden ist:

 

“If the ratio of soft-bodied to durably skeletonized forms suggested by the Burgess Shale assemblage is characteristic of (or was exceeded by) the Early Cambrian fauna, the breadth of the Early Cambrian explosion, impressive as it appears, is actually significantly underestimated by the fossil record as it is now known. That there was a very broad early radiation of metazoans seems incontrovertible. However, the nature and timing of events during the prelude to explosion, which made it possible, remain in doubt.”

 

Weitere Details findet der daran Interessierte Leser zum Beispiel in dem ganz ausgezeichneten Beitrag „The Cambrian Explosion: Biology’s Big Bang“ von MEYER et al. in dem Band „Darwinism, Design and Public Education“ (CAMPBELL, JA & MEYER, SC (Hrsg.); Michigan State University Press; S.323-403) oder unter: http://www.discovery.org/scripts/viewDB/filesDB-download.php?id=29

 

[5] Dass die Entstehung des „Lebens auf der Erde nicht allzu schwierig gewesen sein [kann]“ ist eine Aussage, die den bekannten Daten exakt entgegengesetzt ist. Sie wird nur verständlich, wenn man von vornherein davon ausgeht (oder die Ansicht stark favorisiert), dass das Leben auf der Erde durch ungelenkte Prozesse entstanden ist. Jemand, der diese Perspektive nicht teilt, kann auch der Logik von MAYRs Argument nicht folgen – bzw. wird verneinen, dass hier überhaupt ein Argument vorliegt.

 

Interessant in diesem Zusammenhang ist sicher auch die Meinung von Stanley MILLER, bei dem man praktisch das gleiche Phänomen wie bei MAYR beobachten kann. John HORGAN (2000, S. 225) hat MILLER interviewt und schreibt darüber:  Millers Befunde schienen zweifelsfrei darauf hinzudeuten, daß Leben möglicherweise aus dem entstanden war, was der britische Chemiker J.B.S Haldane die „Ursuppe“ nannte. Große Gelehrte spekulierten darüber, daß Wissenschaftler, ähnlich wie die von Mary Shelley erfundene Gestalt des Dr.Frankenstein, schon bald in ihren Labors lebende Organismen hervorzaubern und so in allen Einzelheiten die Entstehung des Lebens rekonstruieren würden. Doch es kam ganz anders. Fast genau vierzig Jahre nach seinem Experiment sagte Miller, daß sich die Lösung des Rätsels vom Ursprung des Lebens als schwieriger erwiesen habe, als er oder irgendein anderer es sich vorgestellt habe. Er erinnert sich an eine Vorhersage, die er kurz nach seinem Experiment gemacht hatte, wonach die Wissenschaftler binnen 25 Jahren „mit Sicherheit“ wüßten, wie das Leben entstanden sei. „Nun, die 25 Jahre liegen hinter uns“ sagte Miller trocken. 

 

Der Grund für diese Enttäuschung dürfte bekannt sein, er wird von E.P. FISCHER (2002, S. 6) so beschrieben: „Denn so umfangreich die in vielen Richtungen ausschwärmende Literatur zu diesem Thema [Ursprung des Lebens] geworden ist – in der gleichen Zeit hat auch die Forschung selbst ihre Fortschritte gemacht, und die dabei zu Tage geförderte Komplexität von Bakterien und anderen Zellen hat den Unterschied zwischen Leben und Nicht-Leben sogar noch deutlicher werden lassen.“ (S.6)

 

Wie sehr sich das Verständnis vom Leben auf zellulärem Niveau geändert hat, kann man auch bei Bruce ALBERTS (1998) nachlesen – der Punkt ist, kurz zusammengefasst: „We have always underestimated cells. Undoubtedly we still do today.

 

Es war letztlich die weit über alle Erwartungen hinausgehende komplexe Organisation des Lebens auf der Erde, die bis heute alle naturalistischen Vorstellungen über dessen Ursprung als unangemessen erscheinen läßt. Millers Reaktion auf die Probleme mit dem Ursprung des Lebens ist interessant, HORGAN berichtet: „Doch als ich meinte, daß Miller die Aussichten, das Rätsel des Lebens zu lösen, offenbar skeptisch beurteile, schien er entsetzt zu sein. Skeptisch? Keineswegs! Er sei optimistisch!“

 

MILLERs Begründung läuft letztlich darauf hinaus, dass man vermutlich eine relativ einfache Sache übersehen hat: „Sie [die Entdeckung] wird zu der Art von Dingen gehören, die einem den Kommentar entlocken: >Mensch, wie konntest du das nur solange übersehen?< Und alle werden restlos überzeugt sein“ S.227).

 

Bei MILLER und MAYR findet sich also praktisch der gleiche Schluß: 

 

Sie schließen trotz unerwartet großer Schwierigkeiten bei der naturalistischen Erklärung des Lebensursprungs auf eine einfache Lösung dieser Probleme (mit dem Unterschied, dass MAYR die Schwierigkeiten scheinbar nicht so realisiert hat – s.u.).

 

Was noch weitaus erstaunlicher ist, ist MAYRs Begründung für eine nicht „allzu schwierige“ Lebensentstehung: „denn sie fand offensichtlich bereits vor 3,8 Milliarden Jahren statt, also offenbar sobald die Bedingungen sich überhaupt für lebendige Wesen eigneten.“ Das ist schon, wie man bemerken darf, ein klein wenig forsch. Hier wird in Wirklichkeit ein zusätzliches Problem für eine naturalistische Lebensentstehung in ein Argument für eine solche Lebensentstehung umformuliert. Wenn man die Fakten betrachtet, lässt sich der Schluß nicht vermeiden, dass der Ursprung des Lebens völlig im Dunklen liegt. Simon Conway MORRIS (2003a) hat unlängst ein interessantes Statement zu dieser Thematik gegeben: „Niemand hat bisher verstanden, wie Leben begonnen hat. Hunderte Forscher haben sich mit dieser Frage befasst , darunter lauter Nobelpreisträger – und trotzdem sind sie in den letzten 50 Jahren im Grunde keinen Schritt weitergekommen. Selten ist Wissenschaft gründlicher gescheitert.“

 

(Der eine oder andere mag vielleicht einwenden, dass MORRIS hier eventuell eine kleine Tendenz hat zu übertreiben, da er immerhin an Gott glaubt und sich so ein Hintertürchen für sein Eingreifen offen lassen könnte. Wer es sich allerdings so einfach machen möchte, der sollte zur Kenntnis nehmen, dass MORRIS sich gründlich mit der Thematik befaßt hat (2003b) und man dort in keiner Sekunde den Eindruck hat, als wäre er besonders voreingenommen. Man könnte auch spitz hinzufügen: Wenn MORRIS Ausführungen dort als besonders voreingenommen bezeichnet werden, dann gibt es für MAYRs Ausführungen zur Thematik gar keinen Ausdruck mehr.)

 

Ernst MAYR und andere Vertreter der Synthetischen Evolutionstheorie arbeiten übrigens mit dieser wissenschaftlich sehr fragwürdigen Methode schon seit Jahrzehnten. Salvini-Plawen und Mayr behaupteten z.B. 1977 in ihrer Arbeit zur Entstehung des Auges u. a., dass die Entstehung von Lichtsinnesorganen keineswegs so hochgradig unwahrscheinlich sei, wie man noch zu Darwins Zeiten meinte. Man beachte dazu die Beweisführung der beiden Autoren (Zitate und Kommentare aus dem Beitrag Auge widerlegt Zufalls-Evolution von LÖNNIG, 1989 und 2002):

 

"...considering the ease with which eyes are apparently acquired during evolution..." - Woher wissen nun die Autoren, dass die Evolution eines Sehorgans ganz offensichtlich nicht so hochgradig unwahrscheinlich ist, wie man noch zu Darwins Zeiten dachte? "Beweis": wenigstens 40-, wenn nicht 65-mal oder noch öfter haben sich Photorezeptoren unabhängig voneinander in verschiedenen Tiergruppen "entwickelt". Woher weiß man aber, dass sie sich tatsächlich durch die bekannten Faktoren der (Zufalls-)Mutation und Selektion aus undifferenzierten Zellen ohne Geist, Plan und Ziel "entwickelt" haben? Man kann die Arbeit so oft und so gründlich durchkämmen wie nur möglich - man findet kein Wort darüber.

 

Es ist die Weltanschauung von Salvini-Plawen und Mayr (vgl. Ruse oben), die die Aussagen der Synthetischen Evolutionstheorie kurzerhand als naturwissenschaftliche Tatsachen voraussetzt, womit die Gedankenführung etwa folgendermaßen verläuft: Die Evolution ist eine Tatsache und ihre Ursachen sind durch Mutation, Rekombination und Selektion vollständig geklärt. Alle Strukturen aller Organismen haben sich auf diese Weise gebildet. Wenn nun Photorezeptoren nicht nur einmal, sondern gleich über 60-mal unabhängig voneinander entstehen konnten, dann kann auch die Evolution eines Sehorgans ganz offensichtlich nicht so hochgradig unwahrscheinlich sein, wie man in Darwins Tagen noch dachte!

 

Hut ab vor so viel Naivität!“

Zusätzlich zu dem Sachverhalt, dass man trotz langer Anstrengungen eine naturalistische Lebensentstehung nicht plausibel machen konnte, kommt jetzt noch der Sachverhalt, dass dafür – wenn es so passiert ist - eine erheblich kürzere Zeitspanne zur Verfügung steht, als dies ursprünglich erwartet wurde. N.H. SLEEP et al. (2001) kalkulieren gar nur ein Fenster von ca. 100 000 – 10 000 000 Jahren („A potentially evolutionarily significant warm period of between 105 and 107 years seems likely, which nonetheless was brief compared to the vast expanse of geological time.“) für die Lebensentstehung, bzw. wo brauchbare Bedingungen für selbige geherrscht haben könnten. Egal wie groß dieses „Fenster“ genau ist – es deutet vieles darauf hin, dass die Entstehung des Lebens nicht an die viel beschworenen langen Zeiträume gebunden war. Zeit ist jedoch in jedem Fall eine wichtige Ressource für ungelenkte Prozesse. Und ein Mangel an Zeit gehört objektiv gesehen schlicht und einfach in die Kategorie der „unerwartet großen Schwierigkeiten“ in Bezug auf eine naturalistische Entstehung des Lebens.

Noch eine Bemerkung am Rande: MAYR schreibt auf S.65 seines Buches: „Bisher hat sich zwar noch keine Theorie als völlig zufrieden stellend erwiesen, aber das Problem [Entstehung des Lebens]  erscheint heute nicht mehr so schwierig wie zu Beginn des 20.Jahrhunderts.  Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es heute für die Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie mehrere plausible Szenarien gibt.“ 

Es stellt sich folgerichtig die Frage, wie MILLER dann überhaupt auf die Idee kommen kann, „daß sich die Lösung des Rätsels vom Ursprung des Lebens als schwieriger erwiesen habe, als er oder irgendein anderer es sich vorgestellt habe.

Kritiker können an dieser Stelle einwenden, dass es eine Sache ist, die Vorstellung eines naturalistischen Ursprungs des Lebens auf der Erde zu kritisieren, aber eine ganz andere Alternativen zu formulieren.

 

Das ist sicher richtig. Wenn man jetzt sagt, dass das Leben Resultat einer zielbewußten Schöpfung ist, würde es wohl einfach heißen, das man Unwissenheit durch einen Designer ersetzt. Das ist jedoch nicht richtig: Wir wissen, dass Leben mit hochgradig komplexen und teleologisch wirkenden Strukturen verbunden ist. Wir wissen aufgrund der Erfahrung und der Logik, dass Teleologie auf einen zielsetzenden Verstand hinweist, nicht aber auf ungelenkte Prozesse. Und wenn dann jemand fragt „Wonach sieht es heute aus? Was ist der Ursprung des Lebens?“ kann man eigentlich guten Gewissens sagen: Intelligent Design ist ein plausibler Schluß aus den über das Leben gewonnenen Daten. Natürlich könnte es sein, dass das Leben nur scheinbar teleologisch ist. Es könnte wundersame, uns unbekannte intelligenzlose Prozesse geben (eventuell mit einem starken Zufallsmoment kombiniert), die uns Teleologie nur vorgaukeln. Glücklicherweise müssen wir nur ein Urteil darüber fällen, wonach es heute aussieht!

 

Dagegen wird oft ein weiterer Einwand gestellt, nämlich die Frage nach dem heuristischen Wert des Schlusses auf Design. Es könnte zwar sein, argumentiert man, dass das Leben designed wurde, aber was bringt diese Annahme für den Fortschritt der Forschung (ist sie nicht eher ein Hemmschuh)? Ist sie nicht aufgrund mangelnder Kenntnisse über das Leben und natürliche Prozesse voreilig?

 

Die Antwort auf die erste Frage lautet, dass sie eine schlichte Themenverfehlung ist. Wir sind hier im Bereich der historischen Wissenschaft und gerade da kann man einen plausiblen Schluß nicht einfach deshalb ablehnen, weil er weitere Forschungen in eine bestimmte Richtung unnötig macht – man kann Wahrheit, bzw. die Suche danach, nicht gegen Heuristik ausspielen. Mit dem Begriff „Wahrheit“ wären wir auch schon bei der nächsten Frage: ID-Vertreter wissen sehr genau, dass ihre Schlüsse aus den Daten nicht das letzte Wort sein müssen – alleine schon deshalb, weil unser Wissen (in diesem Fall über das Leben) unvollständig ist. Die Konsequenz, die sie daraus ziehen, beantwortet auch die Frage nach dem heuristischen Wert. Befürchtungen, dass ID das Ende der naturalistischen Forschung darstellt, sind unbegründet. ID-Vertreter schließen von einer positiven Evidenz aus auf ID, diese Evidenz versuchen sie in prüfbare Modelle (z.B. Irreduzible Komplexität) zu fassen. In jedem Fall lässt sich diese Evidenz nur durch zusätzliche Forschungen sichern. Je besser es gelingt, einzuschätzen, was natürliche Prozesse leisten können, desto sicherer wird auch der Schluß auf ID. ID hat also kein Interesse daran, einfach einen Designer zu postulieren und die Forschung zu beenden. Es kann aber durchaus so sein, dass ID-Theoretiker diese Forschungen anders durchführen als Forscher, die daran interessiert sind, den Ursprung des Lebens mechanistisch zu erklären. Ein aus ID-Perspektive besonders naheliegender Vorschlag in diesem Fall wäre „Reverse Engineering“ –  der Versuch das Leben oder wenigstens Teile davon gezielt nach zu bauen. Man könnte eine Menge über die Zwänge lernen, mit denen das Leben und insbesondere ein eventueller Konstrukteur desselben fertig werden muss/musste. Eine solcher Vorgehensweise könnte zu einem tiefgehenden Verständnis des Phänomens „Leben“ führen – egal wie weit man damit kommt (es ist ja nicht ausgeschlossen, dass der Mensch schlicht nicht in der Lage ist, Leben zu erschaffen). Man könnte aufbauend auf diesem Wissen auch Spekulationen anstellen, wie ein Designer agiert haben könnte – was er alles gewußt haben muss, welche Möglichkeiten er gehabt haben muss. Das bliebe zwar wohl für alle Zeiten Spekulation – aber mehr können die Verfechter der intelligenzlosen Abiogenese auch nicht bringen, selbst wenn sie vielleicht einmal ein faktenkompatibles Modell zur Lebensentstehung bringen.

 

ID wäre also nicht das Ende der Forschung, sondern der Beginn einer neuen Forschung – inspiriert durch den Design-Gedanken. Und einer Forschung, die mit dem vollen Spektrum der uns umgebenden Realität umgehen kann: „...wir möchten unterscheiden zwischen Zufall, Gesetzmäßigkeit und Intelligent Design. Diese drei Begriffe sind in den Naturwissenschaften auch anwendbar und häufig zu beobachten...“  Sieht man sich die heutige Forschungslandschaft an, hat man das Gefühl, dass sie – obwohl mit historischen Fragestellungen konfrontiert – nur Zufall und Gesetzmäßigkeiten kennt. Der dritte denkbare Faktor wird jedoch nicht näher untersucht, sondern - mal mit einem unverhohlenen philosophischen Naturalismus, mal mit fragwürdigen Argumenten in Bezug auf die Heuristik – von vornherein aus dem Rennen genommen.     

        

[6] Eigentlich findet sich im Krebs ein gewichtiger Einwand gegen die Ausführungen Herrn Schusters. Krebszellen haben sich von der Kontrolle des Zellzyklus “befreit” (es gibt diesbezüglich verschiedene Möglichkeiten und Theorien, aber es geht immer um die Veränderung, bzw. Mutation von Genen, die in irgendeiner Form das Kontrollsystem des Zellzyklus beeinflussen. Ursachen für solche Veränderungen können mutagene Substanzen und Strahlung sein, aber auch die simple Tatsache, dass sich im Laufe der Zeit Mutationen ansammeln können.) Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass man versucht Krebs in evolutionären Modellen zu beschreiben. MICHOR et al. (2004, S.198) beschreiben das folgendermaßen:

 

„Consider a compartment of replicating cells. During each cell division, there is a small probability that a mistake will be made during DNA replication; in this case, a mutated daughter cell is produced .The mutation might confer a fitness advantage to the cell by ameliorating an existing function or inducing a new function. Then the cell proliferates more quickly or dies more slowly than its neighbors, and the mutation is advantageous in terms of somatic selection. Alternatively, the mutation might impair an important cellular function and confer a fitness disadvantage to the cell. Then the cell proliferates more slowly or dies more quickly than its neighbours. The net reproductive rate is decreased, and the mutation is deleterious in terms of somatic selection. Finally, the mutation might not change the reproductive rate of the cell. Then the cell proliferates at the same rate as its neighbours and the mutation is neutral in terms of somatic selection.“

 

Man kann also sagen, dass Krebs in gewisser Weise „evolviert“ (=degenerative Evolution), es setzen sich die Zellen durch, die sich schneller teilen, sprich reproduzieren (u.a., weil die Kontrollmechanismen nicht mehr greifen, oder selber defekt sind). Das ist typisch für die Wirkung natürlicher Selektion: Was zählt ist der unmittelbare Reproduktionserfolg, es geht nicht darum, dass sich die Zellen längerfristig den Ast abschneiden, auf dem sie selber sitzen (=Gesamtorganismus).

 

Man kann heute keine Sprünge in der Komplexitätsebene beobachten – von der Zelle zum Vielzeller (ausgenommen in der Ontogenese, aber darum geht es hier nicht). Was man aber – wie eben skizziert – beobachten kann, ist, dass Zellen aus dem wohlorganisierten Verband eines Vielzellers ausbrechen und ihn dadurch zerstören. Das kann man tatsächlich wunderbar in einem evolutionären Ansatz darwinscher Machart beschreiben! Worauf man als ID-Vertreter neugierig wäre, sind allerdings nicht weitere Beispiele für Degeneration und Zusammenbruch, sondern Beispiele dafür, wie „kurzsichtige“ evolutionäre Prozesse höhere Komplexität in Form neuer synorganisierter Strukturen schaffen.

 

[7]  Zur Diskussion dieser Begriffe siehe  http://www.designinference.com/documents/2004.01.Irred_Compl_Revisited.pdf  

 

 

Literatur

 

Alberts, B. (1998): The Cell as a Collection of Protein Machines: Preparing the next Generation of Molecular Biologists. Cell 92: 291-294

 

Ayala, F.J., Rzhetsky, A., and Ayala, F.J. (1998): Origin of the metazoan phyla: molecular clocks confirm paleontological estimates. Proceedings of the National Academy of Sciences, USA, 95, 606-611 (“We have analyzed 18 protein-coding gene loci and estimated that protostomes (arthropods, annelids, and mollusks) diverged from deuterostomes (echinoderms and chordates) about 670 million years ago, and chordates from echinoderms about 600 million years ago.”)

 

Brasier M. & Antcliffe J. (2004): Decoding the Ediacaran Enigma. Science 305: 1115-1117.

 

Carroll, R.L. (2000): Towards a new evolutionary synthesis. Trends Ecol. Evol. 15, 27-32.

 

Fortey R.A, Briggs D.E.G., and Wills, M.A. (1996): The Cambrian evolutionary 'explosion': decoupling cladogenesis from morphological disparity. Biol. J. Linn. Soc. 57, 13-33. (Etwa 1,5 Milliarden Jahre für den postulierten gemeinsamen Vorfahren von Protostomiern und Deuterostomiern und wohl mehr als 1,6 Milliarden Jahre für die “Phanerozoic” Metazoa..)

 

Fortey, R. A., Briggs, D.E.G,. Wills, M.A. (1997): The Cambrian explosion recalibrated. BioEssays 19: 429-434. (Hypothese von 1,25 Milliarden Jahre für den postulierten gemeinsamen Vorfahren der meisten neu auftretenden Formen des Kambriums.)

 

Horgan, J. (2000): An den Grenzen des Wissens. Siegeszug und Dilemma der Naturwissenschaften. Fischer Taschenbuch.

 

Junker, R. (2001): Das Präkambrium/Kambrium-Problem: Molekulare Uhren und Fossilien. Studium Integrale Journal 8: 83 – 85. Siehe auch: http://www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=sij82-6

 

Lönnig, W.-E. (1989/2002): Auge widerlegt Zufalls-Evolution. Naturwissenschaftlicher Verlag Köln und Internetausgabe. Siehe auch: http://www.weloennig.de/AuIn.html

 

Mayr, E. (2003): Das ist Evolution C.Bertelsmann.

 

Meyer, S. C. (2003): The Cambrian Explosion: Biology’s Big Bang  in:  Darwinism, Design and Public Education (Campbell, J.A. & Meyer, S.C. (Hrsg.); Michigan State University Press; S.323-403) und

http://www.discovery.org/scripts/viewDB/filesDB-download.php?id=29

 

Sleep, N.H; Zahnle, K.; Neuhoff P.S. (2001): Initiation of clement surface conditions on the earliest Earth PNAS 98: 3666-3672 URL.: http://www.pnas.org/cgi/reprint/98/7/3666.pdf

 

Morris, S.C. (2003a): siehe „Spiegel“ Nr.40/29.09.2003, S.174-182

 

Morris, S.C. (2003b): Life’s Solution. Inevitable Humans in a Lonely Universe Cambridge University Press.

 

Michor, Franziska; Iwasa, Yoh; Nowak, Martin A. (2004): Dynamics of Cancer Progression Nature Reviews/Volume4/March 2004/ 197-205 URL.: http://www.ped.fas.harvard.edu/pdf_files/nrc04.pdf

 

Valentine J. W. (2004): On the Origin of Phyla. University of Chicago Press, Chicago.

 

Vermeij, G., J. Fortey, Briggs (1997) Animal origins. Procedings of the Royal Society of London, Series B: 266: 525-526.

 

Wang, D.Y.C., Kumar, S. and Hedges, S.B. (1999): Divergence time estimates for the early history of animal phyla and the origin of plants, animals and fungi. Proceedings of the Royal Society of London, Series B: 266: 163-171.

 

Wray, G.A., Levinton, J.S. and Shapiro, L.H. (1996): Molecular evidence for deep Precambrian Divergences among metazoan phyla. Science 274: 568 –573.

 

Weitere Literaturangaben findet der daran interessierte Leser in den oben zitierten Links.