Ein Grundriss der Intelligent-Design-Theorie.
Vorbemerkung: In der Zeitschrift „biologenheute“, dem
Mitteilungsorgan des vdbiol, begann in den
letzten Monaten eine Diskussion zum Thema Intelligent Design und Evolution,
welche nun im Internet eine Fortsetzung findet.
Die zahlreichen Beiträge sind unter http://www.vdbiol.de/debatten/evolution/
abrufbar. Ich habe hier meinen Beitrag wiedergegeben, den ich am 13.03.2003 an
den vdbiol geschickt habe und der schon am 14.03.2003 unter http://www.vdbiol.de/debatten/evolution/rammerstorfer.html
veröffentlicht wurde.
Ein Grundriss der
Intelligent-Design-Theorie.
Ich lese die Beiträge zur Intelligent-Design-Debatte mit großem Interesse und möchte nun auch meine Meinung dazu beisteuern. In dieser Debatte wurde bislang nicht behandelt, was die Intelligent-Design-Theorie eigentlich ist. Man hat zwar einige bruchstückhafte Äußerungen gehört, aber ein zusammenhängendes Bild ergibt sich daraus nicht. Vielleicht hilft folgende Darstellung der Grundprinzipien:
Die Intelligent-Design-Theorie ist ein Mittel zur Erkennung von intelligentem Eingreifen, etwa wenn es um Signalreihen geht. Signalreihen, die auf eine Intelligenz zurückzuführen sind, tragen bestimmte Charakteristika, die eine Unterscheidung von Zufallsreihen (also "natürlich entstandenen Signalreihen": natürlich entstandene "Signalreihen" sind keine echten Signalreihen, sondern Zufallsreihen) ermöglichen. Auf diesen Überlegungen beruht etwa das SETI-Projekt, bei dem es gilt, mögliche Signale außerirdischer Intelligenzen zu erkennen. Der Grundgedanke ist natürlich auch auf andere Gebiete übertragbar – es ändern sich zwar Details in der Arbeitsweise, das Prinzip bleibt jedoch gleich.
Wurden nun Zeichen irgendwelcher Art gefunden, die aller Erfahrung nach typisch für Intelligent Design sind, gilt es zu überprüfen, ob nicht auch andere Erklärungen in Frage kommen. Ein Beispiel: Wenn jemand zehn Jackpots in Serie knackt, liegt der Schluss auf (betrügerisches) Intelligent Design nahe. Da der (potentielle) Betrüger jedoch ein angesehener und integrer Mann ist, steht auch die Abschätzung der Wahrscheinlichkeit für diese Serie zur Debatte, man muss also eine Entscheidung zwischen zwei Erklärungen treffen. In unserem Beispiel ist natürlich klar, dass der Mann ein Betrüger sein muss. Im Falle des SETI-Projekts stünden etwa andere, terrestrische Quellen für Intelligent Design zur Untersuchung. Waren irdische Satelliten für das (vermeintliche) Signal einer fremden Zivilisation verantwortlich? Gibt es sonstige „Störquellen“? Die Suche und Erkennung von solchen „Störquellen“ ist auch der Kernpunkt, wenn die Intelligent-Design-Theorie auf die biologische Ursprungsfrage angewandt wird. In diesem Fall muss man das Descent-with-modification-Prinzip untersuchen, welches – nach gängiger Lehrmeinung – Strukturen hervorgebracht haben soll, welche man ansonsten erfahrungsgemäß als typische Resultate von Intelligent Design werten würde, bzw. bei denen dieser Gedanke auftaucht.
Ein Beispiel: Sie finden in ihrem Garten vier Äste, die in Form eines simplen Rechtecks angeordnet sind. Sie erkennen sofort, dass diese Anordnung untypisch ist und stellen die Hypothese auf, dass diese Äste intelligent angeordnet wurden. Falsch, werden nun einige Leser einwenden, bei den Ästen gibt es kein Descent-with-modification-Prinzip, daher bleibt eigentlich nur der Schluss auf planmäßige Anordnung, der Vergleich hinkt also. Aber was bedeutet dieser Einwand? Er bedeutet nur, dass es möglicherweise einen Mechanismus gibt, der die Interpretation von Signalen als Indizien für Intelligent-Design entkräftet. Nun stelle ich eine etwas provokant wirkende Frage: Warum betreiben Intelligent-Design-Theoretiker so umfangreiche, wissenschaftliche Evolutionskritik?
Weil sie damit gründlich die Frage untersuchen, ob das Descent-with-modification-Prinzip tatsächlich in der Lage ist, die Ergebnisse der Intelligent-Design-Theorie in Frage zu stellen.
An diesem Punkt setzt ein Gegenargument an, dass Herr Waschke so formuliert hat:
„Von Seiten der ID-'Theoretiker'
kommt nur das 'argumentum ad ignorantiam': solange nicht bewiesen werden kann,
dass Evolution naturalistisch abläuft, ist es statthaft, einen Lückenbüßer zu
postulieren. Dementsprechend ist das 'Falsifikations'-Kriterium der
ID-'Theoretiker' üblicherweise 'Wir geben unsere Theorie auf, sobald die
Evolutionstheorie bewiesen ist'. Das ist als Argument für deren Position etwas
insuffzient. Sonst könnte man sich jede beliebige Phantasie für jedes noch
nicht letztlich geklärte Phänomen ausdenken und verlangen, dass dieses Haltung
Ernst genommen wird, bis das Phänomen geklärt ist.“ [1]
Demnach wäre die Intelligent-Design-Theorie ein schlichter Lückenbüßer im großen Gebäude der Evolutionstheorie – und Lückenbüßer leben gefährlich. Der Ansatz von Herrn Waschke verfehlt jedoch das Ziel, was durch ein Verständnis der Arbeitsweise der Intelligent-Design-Theorie ersichtlich wird: Die Zeichen für Intelligent Design sind da, und zwar in einem überwältigenden Ausmaß. Es müssen nur noch Störquellen überprüft werden, die möglicherweise für diese Signale verantwortlich gemacht werden können. Im Rahmen der Intelligent-Design-Theorie stellt die neodarwinistische Evolutionstheorie also gleichsam einen „Störfaktor“ dar, welcher eine Identifizierung der Signale für Intelligent Design erschwert und daher mit wissenschaftlicher Sorgfalt untersucht werden muss. Es stellt sich also die finale Frage: Was kann das Descent-with-modification-Prinzip? Verfälscht es Signale, die wir ansonsten anstandslos als Intelligent Design werten würden?
Im SETI-Projekt würde man sagen: „Schön und gut, aller Erfahrung nach können wir diese Signalreihe einem intelligenten extraterrestrischen Ursprung zuschreiben, aber könnte es nicht doch ein geheimer Spionagesatellit (etc.) gewesen sein? Werden unsere Ergebnisse verfälscht? Wir müssen folglich versuchen, diese Möglichkeit nach besten Wissen zu überprüfen und auszuschließen.“
Im Intelligent-Design-Projekt sagt man: „Schön und gut, aller Erfahrung nach ist es möglich den Coli-Motor als Signal für intelligentes Design zu werten, aber könnte er nicht doch ohne Intelligenz und Plan entstanden sein, durch descent with modification? Werden unsere Ergebnisse verfälscht? Wir müssen folglich versuchen, diese Möglichkeit nach besten Wissen zu überprüfen und auszuschließen.“
Kurz gesagt – und aus der Perspektive eines I.D.-Vertreters: Die Intelligent-Design-Theorie ist kein Lückenbüßer für die Evolutionstheorie, die Evolutionstheorie ist ein wissenschaftlich genau zu überprüfender Störfaktor in der Intelligent-Design-Theorie, oder mit der SETI-Analogie gesagt: „Ein eventuell vorhandener Spionagesatellit, eine Quelle die unsere Ergebnisse verfälschen könnte.“
Nehmen wir einmal an, man hat Signale für Intelligent Design gefunden, oder genauer gesagt: Strukturen und Sachverhalte, die der Mensch als Zeichen von Intelligenz und Plan deutet, und man könnte ferner mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass diese auf anderem Wege zustande gekommen sind (Spionagesatelliten, „descent with modification“, ...). Nun folgt der Schluss auf einen intelligenten Designer als Ursache für die entsprechenden Signale. Damit – nun wäre es spannend geworden – sind wir am Ende der Intelligent-Design-Theorie angelangt, diese hat ihren Zweck – die Frage nach Intelligent Design – beantwortet.
Anders gesagt: Wenn Sie wissen wollen, wer dieser intelligente Designer ist, der in ihrem Garten ein Rechteck angeordnet hat, haben Sie immerhin eine Grundlage gelegt: Sie wissen mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit, dass es einen intelligenten Designer gab und können andere Möglichkeiten nach besten Wissen ausschließen!
Damit
dürfte auch jede Form des Kreationismus hinreichend von der
Intelligent-Design-Theorie abgegrenzt worden sein.
Intelligent Design – Theorie:
Der Sekundärbereich.
Auf Grundlage der Intelligent-Design-Theorie kann man nun forschen, welche Schlüsse sich aus den Intelligent-Design-Signalen ableiten lassen. Ist der Designer naturalistisch oder supranaturalistisch?
Wann hat welcher Designer wie und wo was geschaffen? Nach der Erkennung der Design-Signale erfolgt nun ihre Interpretation. Das kann z.B. im Sinne verschiedener Bibelauffassungen geschehen, muss aber nicht. Man kann sich auch mit der Ansicht begnügen, es existiere "irgendein" Designer. Es dürfte klar sein, dass Theorienbildungen in Bezug auf den Designer selbst und den Modus des Designs von persönlichen Glaubensentscheidungen beeinflusst und motiviert werden.
Unabhängig davon existieren die Ergebnisse der Intelligent-Design-Theorie.
Um wieder auf die SETI-Analogie zurückzugreifen: Die SETI-Wissenschaftler haben Signalreihen vorliegen, die sie - nach ihrem aktuellen Wissenstand - als Signale einer extraterrestrischen Intelligenz deuten. D.h., sie haben den Code erkannt, aber das Wissen darum, dass es tatsächlich ein Code ist, bleibt natürlich unabhängig davon, ob es ihnen jemals gelingt, diesen Code zu knacken!
Über die Motivation, die I.D.–Theorie auf die
biologische Ursprungsfrage anzuwenden.
Herr
Kutschera hat mir unlängst einen Kommentar zu einigen Sacheinwänden zukommen
lassen, in der er behauptet: „Im übrigen weise ich darauf hin, dass das
Dogma von Intelligent Design ein Glaubenssatz ist, der mit Wissenschaft nichts
zu tun hat (s. Biologen heute, Dezember 2002).“ [2]
Es
ging dabei um eine Befundinterpretation, welche ich im Sinne der I.D.-Theorie
vorgenommen habe. Wenn Hr. Kutschera hier vom Dogma des Intelligent Design
spricht, kann er schwerlich eine Theorie zur Erfassung und Erkennung von
Signalen mit intelligenten Ursprung, in Adaption auf die biologische
Ursprungsfrage meinen. Was aber ist dann mit dem „Dogma von
Intelligent Design“ gemeint? Der
weltanschauliche Hintergrund, die Motivation für die Anwendung einer
Intelligent-Design-Theorie auf die biologische Ursprungsfrage. In der
Wissenschaft steht es Menschen jeder weltanschaulichen Motivation frei,
wissenschaftliche Theorien und Ansätze zu formulieren. Im Kommentar auf Herrn
Kutscheras Stellungnahme, habe ich das so formuliert:
„Man denke einmal über die Motivation vieler der brillantesten Wissenschaftler der Vergangenheit nach. Wo stünden wir, wenn man deren weltanschauliche Vorentscheidung zugunsten eines Schöpfers als Ablehnungsgrund gebraucht hätte?“
Diese
Wissenschaftler haben aufgrund ihrer weltanschaulichen Vorentscheidung nicht
zugelassen, dass der von ihnen praktizierte methodische Atheismus auch auf die
Ursprungsfrage extrapoliert wird. Heute wird dieser methodische Atheismus meist
auch auf die Ursprungsfrage ausgeweitet, ebenfalls aufgrund
weltanschaulicher Vorentscheidungen. Diese besagen, dass nur
"naturalistische" Erklärungen echte Erklärungen seien, dass die
Wissenschaft letztlich alle (wesentlichen) Fragen klären könne und dass alle
anderen Erklärungen (die von Menschen mit anderen weltanschaulichen
Vorentscheidungen vertreten werden) nur Lückenbüßer sein können.
Etliche
Wissenschaftler haben offensichtlich Angst, dass die Intelligent-Design-Theorie
gewissermaßen als „Trojanisches Pferd“ dienen könnte, sozusagen zur
Infiltrierung der Wissenschaft mit Gott. Dies wird oft bekräftigt, indem auf
die mutmaßliche Motivation von I.D.-Theoretikern verwiesen wird (vgl. Quelle
[3]).
Es
ist jedoch fraglich, ob befürchtete Konsequenzen, nämlich, dass Wissenschaft
mit Religion vermischt wird, tatsächlich als Ablehnungsgrund gegen eine
„Theorie zur Erfassung und Erkennung von Signalen mit intelligenten Ursprung,
in Adaption auf die biologische Ursprungsfrage“ ausreichen. Gerade die
Intelligent-Design-Theorie ist auf eine scharfe Trennung zwischen Wissenschaft
und Glaube bedacht und wird deshalb auch von religiöser Seite immer wieder
kritisiert. Meinen Erfahrungen nach geht die Intelligent-Design-Theorie vielen
Kreationisten nicht weit genug. Dass Intelligent-Design-Theoretikern Fehler
unterlaufen und ihre persönlichen Glaubensansichten in ihren wissenschaftlichen
Arbeiten erkennbar sein können, ist ein Umstand, dem man auch innerhalb der
Evolutionstheorie regelmäßig begegnet. Die Wissenschaft, welche Funktion und
Aufbau der Natur erforscht, hat jedenfalls nichts zu befürchten, wenn man den
Worten des Wissenschaftshistorikers FISCHER (2002) glauben darf:
„Wer sich gegen die Evolution
ausspricht, muss noch kein Feind der Wissenschaft sein. (...) Es scheint, dass
man im Bereich der Biologie ebensogut unter Akzeptanz einer evolutionären
Ordnung forschen kann wie unter ihrer Ablehnung. Die Evolution ist dabei fast
so etwas wie der Gedanke an Gott. Ob man ein guter Physiker ist oder nicht,
hängt nicht erkennbar damit zusammen, ob man gläubig oder ein überzeugter
Atheist ist. Dem menschlichen Tun steht hier ein Spielraum zur Verfügung, den
es nicht kleinlich einzuengen gilt.“ S.299
[4]
Ich möchte hinzufügen: „... indem Motivationen und weltanschauliche Vorentscheidungen mit der Sache selbst – etwa einer „Theorie zur Erfassung und Erkennung von Signalen mit intelligenten Ursprung, in Adaption auf die biologische Ursprungsfrage“ – gleichgesetzt werden.“
Schlussgedanken
Ich
hoffe, damit einige Missverständnisse zur Intelligent-Design-Theorie ausgeräumt
zu haben. Das Prinzip dieser Theorie sollte nun in groben Zügen erkennbar sein.
Fragen in Bezug auf Details der Arbeitsweise sollen hier nicht diskutiert
werden, ich verweise auf die unter [5] angegebenen Quellen.
Quellen:
[1]Waschke 2003: Beitrag von Herrn
Thomas Waschke, Herborn Januar 03 URL: http://www.vdbiol.de/debatten/evolution/waschke1.html
[2]Rammerstorfer 2003: C3/C4
Photosynthese – Ein Argument gegen Intelligent Design? URL: http://members.aon.at/evolution/C3C4.htm
[3]Kutschera 2002: Intelligentes
Design und Evolution.
"biologenheute“ 6/2002
S.13/14
[4]Fischer 2002: Die andere
Bildung. Ullstein Verlag.
[5]
Dembski 1999: Intelligent Design. InterVarsity Press.
Dembski 2001: Signs of Intelligence: Understanding
Intelligent Design. Brazos
Press
Dembski 2002: No Free Lunch: Why
Specified Complexity Cannot Be Purchades Without Intelligence.
Rowman & Littlefield Publishers.
Behe 1996: Darwin's Black Box. The
Biochemical Challenge to Evolution. Free Press.
Intelligent Design im Internet:
International Society for Complexity, Information, and
Design:
http://www.iscid.org/about.php
Homepage von Herrn Frieder Meis:
http://homepages.compuserve.de/MeisFrieder/Science/index.htm
Die Webseite von Herrn Dr. Wolf-Ekkehard
Lönnig:
http://www.mpiz-koeln.mpg.de/~loennig/internetlibrary.html [Nachtrag 15.05. 2003: Diese Site ist nur mehr unter www.weloennig.de erreichbar:]
Meine private Hompage:
http://members.aon.at/evolution
Ich denke, spätestens mit diesem Beitrag sollte
klar werden, dass die Intelligent-Design-Theorie nichts mit Kreationismus zu
tun hat. Viele Evolutionisten versuchen mit erstaunlicher Ausdauer, Intelligent
Design als „Neokreationismus“ abzustempeln. Ich nehme nicht an, dass
diese Evolutionsvertreter die Intelligent-Design-Theorie nicht verstehen, oder
sich nicht damit beschäftigen. Daher bleibt nur eine Erklärungsmöglichkeit:
Der stereotype Vorwurf des Kreationismus wird in
der Absicht getätigt, den Diskussionsgegner pauschal zu verunglimpfen und sich
somit eine vorteilhafte Position zu verschaffen. Wohin soll das führen, was
wird damit letztlich bezweckt? Und liegen derartige Taktiken im Interesse einer
objektiven, unvoreingenommenen Wissenschaft?
Hinweis: Herr Frieder Meis behandelt unter folgender
Adresse einige gängige Einwände zur Intelligent-Design-Theorie:
http://homepages.compuserve.de/MeisFrieder/Science/Einwaende1.html
Ursprungsversion: 12.03.2003
Aktualisiert: siehe Startseite
© 2003 by Markus Rammerstorfer
URL dieses
Dokuments: http://members.aon.at/evolution
bzw. www.intelligentdesign.de.vu