Mensch & Fisch – die Rekapitulationsthematik.

Markus Rammerstorfer (2003)

 

Haeckels Versuch eine postulierte Stammesgeschichte mit der Embryonalentwicklung von Organismen zusammenzuführen, ist als „Biogenetisches Grundgesetz“ bekannt geworden. Davon ist in dieser Form wenig übriggeblieben, aber Reste dieser evolutionären Sichtweise der Ontogenese halten sich in aktueller Literatur noch immer. In einigen Lehrbüchern finden sich auch heute noch Beispiele für „Rekapitulationen“, welche zumindest fragwürdig sind.

Das Lehrbuch „Evolutionsbiologie“ von Ulrich KUTSCHERA (2001, [1]) ist dafür ein besonders interessanter Fall, da der Autor gerade im Kapitel „Kreationismus und Evolutionskritik“ dieses Thema explizit aufgreift. Dazu einige Kommentare:

 

„Der berühmteste Embryologe des 19. Jahrhunderts, Karl Ernst von Baer (1792-1876), beobachtete, daß die Embryonen verschiedener Wirbeltiere (z.B. Echsen, Vögel, Säuger) in frühen Entwicklungsstadien so ähnlich sind, daß man sie kaum voneinander unterscheiden kann. Weiterhin beschrieb er erstmals den Befund, daß die Embryonen von Landwirbeltieren während ihrer Entwicklung Kiemenbögen und Kiemenfurchen ausbilden.“ (S.202)

 

Diese Beobachtungen listete Darwin als wichtige Belege für die Abstammungstheorie auf, wobei er von BAER in diesem Punkt als seine Autorität zitierte.* Es ist dabei jedoch interessant, dass sich von BAERs Ausführungen gegen die Präformationslehre (der Vorstellung, dass sich bereits im Samen winzige Adultformen befinden), sowie gegen die Stufenleiterlehre (der Vorstellung, dass der Mensch in seiner Entwicklung schrittweise alle unter ihm stehenden Organismen durchläuft – von der Pflanze über den Wurm zum Vogel und zum Menschen, kurz gesagt.) richteten. Gemäß von BAERs Vorstellungen treten zunächst die allgemeinen Charaktere (z.B. Gehirn, Chorda dorsalis bzw. Notochorda) in der Entwicklung früher auf, als die speziellen (z.B. Gliedmaßen). Somit werden die Unterschiede in den Bauplänen mit fortschreitender Entwicklung immer mehr erkennbar. Von BAER war allerdings nicht in den Sinn gekommen, dass es hier Wiederholungen von Ahnenbauplänen im Sinne der Deszendenztheorie gäbe – schließlich hat er auch die Stufenleiterlehre abgelehnt! Von BAER wurde übrigens zu einem starken Kritiker Darwins.*

Hinzuzufügen ist noch, dass auch die Frühstadien und die Keime der verschiedenen Wirbeltiere sehr deutlich unterscheidbar sind. (Man vergleiche z.B. Embryonalentwicklung von Amphib und Vogel.) Das von BAERs Schluss „Vom Allgemeinen zum Speziellen“ war, ist aber aufgrund der damaligen technischen Möglichkeiten leicht nachvollziehbar. Genauso ist es aufgrund der damaligen technischen Möglichkeiten nachvollziehbar, dass man etwa die Pharyngealfurchen mit Kiemen assoziierte. Thomas W. SADLER (2003, [7]) berücksichtigt diese äußerliche Ähnlichkeit, er schreibt: „Obwohl die Entwicklung der Schlundbögen,- furchen und –taschen der Bildung von Kiemen bei Fischen und Amphibien ähnelt, werden beim Menschen zu keinem Zeitpunkt Kiemen (Branchia) ausgebildet. Daher spricht man in der menschlichen Embryonalentwicklung nicht von Kiemenbögen, sondern von Schlundbögen.“ (S.324) 

Und zu Beginn der phylogenetischen Ära war man durchaus schon ein gutes Stück über die einfache Kiemenspalten-Assoziation hinaus, wie Henrik ULLRICH (1997,[8]) zeigt. Man war bereits damit beschäftigt die Funktionen dieser Strukturen zu erfassen, womit historische Erklärungen dieser Ähnlichkeiten eigentlich bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als zwingend dargestellt werden konnten. (Historische Erklärungsversuche waren und sind teilweise immer noch möglich – die „Deutungshoheit“ ging jedoch verloren.)  

 

KUTSCHERA geht anschließend auf die Fälschungsvorwürfe gegen Haeckel ein, doch diese lassen sich nicht so einfach – wie auch KUTSCHERA bemerkt – ausräumen. Jonathan WELLS (2000, [2]) zeigt auf, dass schon die Auswahl der Beispiele auf seinen Embryonentafeln vorbelastet war, so das die Unterschiede in der Embryonalentwicklung jeweils möglichst gering aussahen. Wie Haeckel selbst einräumte (und auch KUTSCHERA schreibt), sind seine Darstellungen in ihren Größenverhältnissen angeglichen worden, es wurden extraembryonale Strukturen ganz weggelassen und einige Entwicklungsstadien idealisiert. Wenn KUTSCHERA jedoch meint, dass der Vorwurf einer vorsätzlichen Fälschung entkräftet ist „da Haeckel mit seinen Zeichnungen nur das Ziel verfolgte, biologischen Laien die erstaunliche Ähnlichkeit von Wirbeltierembryonen während früher Entwicklungsstadien zu demonstrieren und daraus die gemeinsame Stammesgeschichte der Vertebraten zu dokumentieren“, so stellt sich die Frage, ob dies eine Rechtfertigung ist. Ist es gerechtfertigt, dem Laien „idealisiertes“ und nicht repräsentatives Datenmaterial vorzulegen, um diesen zu bestimmten Schlüssen zu bewegen? Es ist nicht zu leugnen, dass Haeckel die biologische Realität zugunsten seiner Thesen stark beugte – mit welchem Ausdruck man diese Vorgehensweise belegen möchte, ist eine persönliche Entscheidung und soll hier nicht diskutiert werden.**

Michael K. RICHARDSON (1998,[9]) hat meiner Meinung nach diesen Punkt in Science gut zusammengefasst, er schreibt (nachdem er seine Besorgnis darüber zum Ausdruck bringt, in früheren Artikeln möglicherweise Kreationisten Munition geliefert zu haben):

„Nonetheless, the core scientific issue remains unchanged: Haeckel’s drawings of 1874 are substantially fabricated. In support of this view, I note that his oldest „fish“ image is made up of bits and pieces from different animals – some of them mythical. It is not unreasonable to characterize this as „faking“. Later editions of Haeckel’s drawings were somewhat more accurate, and showed significant variations among embryos of different species. Sadly, it is the discredited 1874 drawings that are used in so many British and American biology textbooks today.“ (S.1289)

 

Hilfreich könnte bei der Beurteilung dieses Falls jedoch folgende Frage sein: Wie würden Evolutionstheoretiker reagieren, wenn I.D.-Theoretiker zur Stützung ihrer Theorien so mit der biologischen Realität umgehen würden? 

 

KUTSCHERA plädiert weiter für eine korrigierte Fassung von Haeckels Rekapitulationsgesetz, die darauf hinausläuft, dass alle Wirbeltiere ein „stammestypisches embryonales Frühstadium“ durchlaufen, indem die Körpergrundgestalt u.a. durch eine Rückensaite (Chorda dorsalis) und „Kiemenfurchen“  gekennzeichnet ist. Letztlich ist das moderne Überbleibsel von Haeckels „Gesetz“ so reduziert, dass es eigentlich darauf basiert, bei einzelnen Entwicklungsschritten einzelne Organanlagen als Rekapitulationen zu deuten.

 

Ronan O’RAHILLY und Fabiola MÜLLER (1999, [3]) führen in ihrem Standardwerk zur menschlichen Embryologie und Teratologie den Begriff „Rekapitulation“ nur mehr unter Anführungszeichen, sie schreiben dazu: „Die Rekapitulationstheorie war im 19.Jahrhundert beliebt und damals bekannt als „Biogenetisches Gesetz“. Sie beinhaltete, daß die aufeinanderfolgenden Stadien in der Individualentwicklung (Ontogenese) Wiederholungen (Rekapitulationen) von in der Stammesgeschichte (Phylogenese) aufeinander folgenden Stadien adulter Vorfahren seien. Nach de BEER hat die Rekapitulationstheorie einen „bedauernswerten Einfluß für den Fortschritt der Embryologie“ gehabt.“ (S.26) 

 

Die Autoren ziehen daraus offensichtlich Konsequenzen, denn in ihrem Bemühen die menschliche Embryonalentwicklung so objektiv und präzise wie möglich darzustellen, säubern sie die Terminologie ihres Fachgebietes von Anklängen an das evolutionäre Rekapitulationsdenken. So ersetzen sie den Begriff „Schwanz“ durch „Kaudale Eminenz“, mit dem Hinweis, dass „Schwanz“ eine unrichtige Interpretation dieser Struktur ist. (S.26) Der Begriff „Dotter“ wird mit der Bemerkung „es ist kein Dotter vorhanden“ durch „Ooplasma, Zytoplasma“ ersetzt. (S.26)  Entsprechend wenden sie sich auch von Begriffen wie „Dottersack“ oder „Dottervene“ ab. Auch der Begriff „Ei“ solle am besten auf Huhn und Küche beschränkt bleiben.

 

Und in Bezug auf die neuere evolutionäre Interpretation, dass die Embryonen unterschiedlicher Arten eine „Phase der Ähnlichkeit“ oder ein „stammestypisches embryonales Frühstadium“ durchlaufen, schreiben O’RAHILLY & MÜLLER: „Gemäß dem „Stundenglas-Modell“ der stammesgeschichtlichen Entwicklung durchlaufen die Embryonen verschiedener Arten eine zeitlich begrenzte Phase der Ähnlichkeit. Es betrifft dies die sogenannten „Pharyngula“, charakterisiert unter anderem durch den Besitz von Pharygealbogen. Diese Phase wird als „phylotypische Phase“ bezeichnet. Die Ähnlichkeit der Embryonen sei auf die Beibehaltung von Genexpression während der Entwicklung zurückzuführen. Dieser während eines kurzen Zeitabschnittes dauernden Phase gehe eine Divergenz der Gestaltmerkmale voraus. Auch nach ihrem Durchlaufen sei wieder Divergenz vorhanden. Die morphologische Evidenz für eine derartige Phase ist jedoch nicht überzeugend.“ (S.26,27)  

 

James HANKEN und Michael K. RICHARDSON (1998,[10]) berichten, was ihre (stark evolutionstheoretisch geprägten) Forschungen für die Hypothese des „phylotypischen Stadiums“ bedeuten: „The idea that there is an identical embryonic stage (the phylotypic stage) common to all vertebrates implies that changes in development that underlie the considerable variation in adult morphology of these animals appear only later ontogeny. In this sense, the concept of the phylotypic stage is an explicit statement, or hypothesis, about the temporal deployment of evolutionary changes in development. Yet we show that at least some significant differences in adult morphology, involving characters as fundamental to the vertebrate body plan as limbs and somites, begin to appear before, and are apparent at, the putative phylotypic stage. These and similar observations seriosly diminish the validity and applicability of the phylotypic stage concept for the vertebrates. (S.1283) 

 

Man kann also sagen, dass das Konzept einer „phylotypischen Phase“ durchaus Kontroversen verursacht. In diesem Sinne wollen wir nun die Evidenz für die von KUTSCHERA vertretene Ansicht, dass es ein „stammestypisches embryonales Frühstadium“ und damit „deutlich erkennbare Rekapitulationen von Ahnenstadien“*** gebe, betrachten. Als Beispiel führt KUTSCHERA einen 4,5 Wochen alten menschlichen Embryo an. „Deutlich sind jedoch drei an Ahnenstadien erinnernde „menschenuntypische“ Strukturen zu erkennen: Kiemenfurchen, flossenförmige Extremitäten und ein aufwärts gebogener Schwanz erinnern eher an einen Fisch als an einen noch ungeborenen Homo sapiens. (...) Die hier zusammengetragenen Merkmale des menschlichen Embryos dokumentieren somit die Verwandtschaft und gemeinsame Abstammung aller rezenten Wirbeltiere der Erde;“ (S.205) 

 

Zu den „Kiemenfurchen“ schreiben O’RAHILLY & MÜLLER: „Die Pharyngealfurchen der Wirbeltierembryonen ... sind weder Kiemenspalten noch Schlitze.“ (S.26) Auf S.235: „Aus dem Gebiet der Pharyngealbogen entwickeln sich bei den Wasser-Vertebraten Kiemen; für andere Formen ist jedoch der Ausdruck Kiemen und „branchial“ ungenau und unrichtig und sollte in der Embryologie der Säugetiere nicht verwendet werden. In bezug auf den menschlichen Embryo sei besonders betont, daß branchiale Strukturen in keinem Entwicklungsstadium vorhanden sind.“ 

In Reinhard JUNKERs & Siegfried SCHERERs „kritischem Lehrbuch“ (2001, [4]) werden genauso wie bei O’RAHILLY & MÜLLER die Funktionen dieser – rein äußerlich an Kiemen erinnernden - Strukturen beschrieben. Dabei zeigt sich, dass sie voll und ganz durch diese Funktionen verstanden werden können – der Rückgriff auf eine hypothetische Stammesgeschichte der Wirbeltiere ist unnötig. Man beachte auch noch das Argument, welches sich bei JUNKER & SCHERER findet: „Die Evolution der Säuger soll von den Fischen über Amphibien und Reptilien verlaufen sein. Nicht alle Amphibienformen (Molche, Frösche) bilden die typischen Pharyngealbögen aus, obwohl ihre Larven zunächst über funktionsfähige äußere und später über innere Kiemen verfügen. Das Rekapitulationsargument ist nicht haltbar, wenn phylogenetische Zwischenstufen, hier die Amphibien zwischen den Fischen und Reptilien, die „Kiemenbögen“ nicht ausbilden.“ (S.189)

Somit kann gesagt werden, dass der Begriff „Kiemenfurche“ oder „Kiemenspalte“ eine sehr fragwürdige evolutionäre Interpretation trägt, die von vielen Embryologen abgelehnt wird und keineswegs irgendwie zwingend ist, sondern lediglich auf einer vagen, äußeren Ähnlichkeit beruht.

 

Den „flossenförmigen Extremitäten“ (Die Struktur, die KUTSCHERA meint sind die Gliedmaßenknospen.) ergeht es nicht anders als den „Kiemenspalten“. O’RAHILLY & MÜLLER: „Man betrachtete die adulte Gliedmaße phylogenetisch als die Entwicklung aus einer archetypischen Form mit einem „Kanon“ elementarer Skelettelemente und einem fünfstrahligen Autopodium. Diese Idee einer Rekapitulation kann nicht länger aufrechterhalten werden. Die verschiedenen Carpal–und Tarsalelemente sind innerhalb der Tetrapoden nicht äquivalent. Die grundlegenden strukturellen Ähnlichkeiten der Tetrapoden-Gliedmaßen hängen vielmehr mit den gemeinsamen Entwicklungsprozessen zusammen, welche die apikale Ektodermleiste und die Polarisationszone betreffen.“ (S.367)  

Der Begriff „Flossen“ ist demnach eine Fehlinterpretation und funktionelle Erklärungen sind verfügbar. (siehe [3]&[4])

 

Den „Schwanz“ gibt es gar nicht, O’RAHILLY & MÜLLER bezeichnen ihn als „unrichtige Interpretation“ (S.26). Der bei O’RAHILLY & MÜLLER als „kaudale Eminenz“ geführte Körperabschnitt ist wachstumskonstruktiv verstehbar – siehe wiederum [3]&[4]. Auch diese Interpretation beruht nur auf äußerlichen Ähnlichkeiten. Interessant ist auch, was O’RAHILLY & MÜLLER zum seltenen Falle eines kaudalen Anhangs bei der Geburt sagen, der z.B. im „Duden Biologie“ (2000) als Atavismus gewertet wird: „Derartige Gebilde können von unterschiedlicher Herkunft sein, und einige sind Teratome. Sie enthalten praktisch nie Skelettelemente und stellen in keiner Weise einen „Schwanz“ dar. Kaudale Körperanhängsel, die Skelettelemente enthalten, sind durch eine Dorsalbiegung des Steißbeins entstanden und enthalten nicht mehr als die übliche Anzahl von Wirbelelementen. Sie haben nichts mit Atavismus zu tun.“ (S.109)

 

Letztlich zeigt sich, dass das Rekapitulationsargument auch nur eine weitere Unterabteilung des evolutionären Ähnlichkeitsarguments ist. Dieses Argument ist im Bereich „Rekapitulationen“, nachdem sich beim „Ontogenetischen Grundgesetz“ (heute spricht man nur mehr von einer „Regel“) sehr viele Ausnahmen ergeben haben, zunehmend plastischer geworden. Das verdankt man primär den Begriffen „Palingenese“ und „Caenogenese“. Nach einem Lehrbuch der Evolutionsbiologie (STORCH, WELSCH, WINK, 2001[5], S.23) sind Palingenesen „Stadien oder Merkmale in der Embryonalentwicklung, die für die Beurteilung der Phylogenie geeignet sind“ und Caeneogenesen „Embryonalstadien, die spezielle Anpassungen an das Embryonalleben darstellen und keine Beziehungen zur Phylogenie haben“. Was ist das Unterscheidungskriterium zwischen Caenogenese und Palingenese? Es geht eigentlich schon aus den gerade gebrachten Zitaten hervor: Der vermutete Verlauf der Phylogenese dient zur Unterscheidung! Und eine Palingenese die durch den vermuteten Verlauf der Phylogenese als solche „erkannt“ wurde, dient dann zur „Bestätigung“ eben dieses Verlaufs. Wer das nicht als Tautologie bezeichnen möchte, kommt doch nicht umhin, zuzugeben, dass diese Argumentation nur innerhalb des Evolutionsparadigmas überzeugend wirken kann. De facto läuft es darauf hinaus, sich in evolutionstheoretischer Perspektive selektiv diese und jene Ähnlichkeit „herauszupicken“, um sie dann – je nach vermuteter Phylogenese - als Beleg für seine Auffassung zu präsentieren, oder sie fallen zu lassen. Besonders auffallend ist dies bei den Missbildungen. O’RAHILLY & MÜLLER beschreiben Unmengen von Missbildungen, die während der Embryonalentwicklung auftreten. Ausgerechnet ein kaudales Körperanhängsel wird dann evolutionstheoretisch als Atavismus interpretiert, anderen Missbildungen wird dagegen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Das kaudale Körperanhängsel wird in der Masse der Abnormitäten nur deshalb als „Schwanz“ „erkannt“, weil es in den aktuell vermuteten Verlauf der Phylogenese passt – es bildet daher auch keinen unabhängigen Beleg für die Deszendenztheorie. Zudem ist zu bedenken: Egal welchen phylogenetischen Weg man wählt – in der Masse der Missbildungen werden sich immer welche finden, die gut dazu passen und somit als Bestätigung dienen können. Das ist nicht nur bei Missbildungen der Fall, sondern ist eine allgemeine Konsequenz aus der Interpretation von Ähnlichkeiten.         

 

Folgerungen:

 

Man kann (und sollte eigentlich) derartigem Belegmaterial für Evolution sehr skeptisch gegenüberstehen. Es mutet wie eine Ironie an, dass der Wissenszuwachs besonders in diesem Gebiet dazu führt, dass evolutionstheoretische Interpretationen an Boden verlieren, wie das Buch von O’RAHILLY & MÜLLER eindrucksvoll zeigt. Eine Ironie deshalb, weil Evolutionstheoretiker oft sehr schnell mit der Aussage bei der Hand sind, dass „die Vorstellung intelligenter Eingriffe in die Natur, mit zunehmenden Wissen zurückgedrängt würde“. Tatsächlich wären echte Rekapitulationen kaum aus der Perspektive eines intelligenten Designs zu erwarten und entsprechende Befunde werden I.D.-Vertretern auch oft mit der Bemerkung „und das soll designed sein?“ serviert. (Eine sehr gute Abhandlung der Thematik findet sich in [6])

 

Fragwürdig ist jedoch, dass einem in einigen Lehrbüchern und Nachschlagewerken (nicht nur bei KUTSCHERA) die Rekapitulationsargumente immer noch begegnen, welche in vielen Fällen auch schon von evolutionstheoretisch denkenden Wissenschaftlern selbst verworfen, oder zumindest hinterfragt werden. In dem von KUTSCHERA veröffentlichten Lehrbuch ist jedoch ein wirklich kritischer Punkt anzumerken: Warum wurde die Rekapitulationsargumentation ausgerechnet in dem Kapitel „Kreationismus und Evolutionskritik“ veröffentlicht? Es ist offensichtlich, dass der Autor keine ernsthaften evolutionskritischen Positionen zu dem Thema berücksichtigt hat. Zumindest erwähnt KUTSCHERA die relevanten Argumente gegen seine Position nicht, obwohl man dies im genannten Kontext wirklich erwarten könnte. Vor allem die Studenten und Schüler könnten das erwarten, da sie einer objektiven, mehrdimensionalen Darstellung der Sachverhalte – wie sie sich etwa bei O’RAHILLY & MÜLLER findet - bestimmt den Vorzug geben. 

 

 

* Von BAER fühlte sich nicht wohl in der Rolle, in die ihn Darwin in der „Entstehung der Arten“ gedrängt hatte, er schreibt: „Wenn ich mich dennoch zu einer Besprechung des Darwinismus nach langem Zaudern entschließe, so bestimmen mich zwei Gründe dazu. [Zunächst] habe ich das ungewöhnliche Glück, daß ich sowohl als Förderer der Darwinschen Lehre, wie auch als Gegner derselben angeführt werde. In der That glaube ich für die Begründung derselben einigen Stoff geliefert zu haben, wenn auch die Zeit und Darwin selbst auf das Fundament ein Gebäude aufgeführt haben, dem ich mich fremd fühle. Ich erinnere mich aber auch privatim und gelegentlich öffentlich gegen dieselbe mich erklärt zu haben. Ich fühle das Bedürfniß diese Position offen darzulegen, besonders da man auch von sehr achtbarer Seite laut ruft: Farbe bekennen!“ S.239/240

 

Er schreibt weiter unten auf S.240, indem er den zweiten Grund anführt: „Ich weiß, daß ich durch das erste Bändchen dieser Reden und Aufsätze manchen Personen Freude und Genuß bereitet habe. Es war ihnen eine Erquickung, den Weltbau und insbesondere die organische Welt als das Ergebniß einer nach höheren Zielen strebenden, von Vernunft geleiteten Entwicklung zu betrachten. Wenn nun laut gerufen wird: es gibt gar keine Ziele, nur blinde Notwendigkeiten beherrschen den Weltbau, in meiner Vorstellung aber alle tiefe Notwendigkeiten nur zu höheren Zielen führen, so halte ich es für meine Verpflichtung, diese Überzeugung offen zu benennen und vor allen Dingen meinen Lesern zu zeigen, daß der Sturm der Neuzeit mehr verkündet, als er leisten kann, und was mir als Ziel erscheint, nicht einer Sammlung von Zufällen preisgegeben werden darf.“

 

Diese Zitate sind von BAERS Werk „Studien aus dem Gebiete der Naturwissenschaften“ (1886) entnommen. Kurt STÜBER hat dieses Werk eingescannt und bearbeitet. Die Links (auf die mich Herr W.E.-LÖNNIG dankenswerterweise aufmerksam gemacht hat) um meine biologiehistorischen Ausführungen zu dokumentieren, lauten:

 

von Baer 1886: Studien aus dem Gebiete der Naturwissenschaften http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/~stueber/baer/reden_2/index.html    

 

von Baer&Keyserling 1908: Welche Auffassung der lebenden Natur ist die richtige? http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/~stueber/baer/baltisch/index.html 

 

 

** Bei dieser Entscheidung mag vielleicht die Schrift „Der Sturz Haeckels. Eine Abrechnung.“ (1910, Verlagsdruckerei Hansa, Leipzig-Mockau ) von Hugo C. JÜNGST hilfreich sein. Man beachte dabei, dass JÜNGST ein Anhänger Haeckels war. In der relativ kurzen Schrift beschreibt er, was ihn von Haeckel abbrachte, wobei die Atmosphäre der damaligen Debatten um Haeckel gut spürbar wird.  Hier ein direkt themenrelevantes Zitat daraus: „Und überdies besteht ein großer Unterschied darin, ob ich "unwesentliches Beiwerk einer Zeichnung weglasse, um das Wesentliche in der Gestaltung und Organisation hervortreten zu lassen", oder ob ich, - wie Haeckel das getan hat, - an der einen Stelle Wesentliches fortlasse, weil es nicht zu meiner Theorie paßt, und an der anderen Stelle Wesentliches hinzumale, was tatsächlich nicht dahin gehört. Denn was Professor Haeckel unter dem harmlos klingenden Ausdruck "Rekonstruktionen" verstecken will, wird uns klar, wenn man hört, daß er z. B. dem geschwänzten Makak-Embryo von Selenka 15-16 Wirbel fortgenommen und dann "Gibbon" darunter geschrieben oder dem Menschen-Embryo von His Schwanzwirbel hinzugefügt hat, um auf diese Weise die Entwicklungslinie "vom Urtier zum Menschen" lückenlos zu demonstrieren. Auf diese bequeme Art läßt sich natürlich viel "beweisen"! Ich behaupte: "Die Sonne ist ein Viereck." - Sie glauben das nicht? Hier ist der Beweis: (Zeichnung) Oder ich behaupte: Der Mond ist eine Elipse und male zum Beweise eine Elipse hin und schreibe Mond darunter. Wenn das wissenschaftlicher Brauch ist, haben wir es ja herrlich weit gebracht; dann ist man in Versuchung zu behaupten: "Wir Laien sind doch bessere Menschen!" Ganz unverständlich ist mir der überlegen ironisierende Ton der Erklärung. Sollte Professor Haeckel sich des Ernstes der Situation wirklich nicht bewußt gewesen sein? Oder ist es schon der Galgenhumor, was ihn veranlaßt, sich über das Vertrauen des deutschen Volkes lustig zu machen? Hat er keinen Augenblick daran gedacht, daß auch Tausende seiner Anhänger dieser Erklärung mit Spannung entgegen sehen mußten?“

 

Auch diese Schrift wurde von Kurt STÜBER online gebracht: http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/~stueber/haeckel/sturz.html

 

 

***Der Satz findet sich in KUTSCHERAs Buch auf Seite 205 neben dem Bild und ist lediglich im Satzbau, nicht aber im Sinn verändert: „Strukturen wie Kiemenfurchen (1), flossenartige Extremitätenanlagen (2) und ein Schwanz (3) sind als embryonale Rekapitulationen von Ahnenstadien deutlich zu erkennen ... .“

 

 

 

Literatur:

 

Für eine weiterführende Darstellung der Rekapitulations-Thematik empfehle ich  [2]& [4].     

 

[1] Kutschera 2001: Evolutionsbiologie - Eine allgemeine Einführung. Parey Buchverlag.

 

[2] Wells 2000: Icons of Evolution. Science or Myth? Regnery.

 

[3] Rahilly&Müller 1999: Embryologie und Teratologie des Menschen. Verlag Hans Huber.

 

[4] Junker&Scherer 2001: Evolution – Ein kritisches Lehrbuch. Weyel-Verlag.

 

[5] Storch, Welsch, Wink 2001: Evolutionsbiologie. Springer-Verlag

 

[6] Junker 2002: Ähnlichkeiten, Rudimente, Atavismen. Design-Fehler oder Design-Signale? Hänssler.

 

[7] Sadler 2003: Medizinische Embryologie. Die normale menschliche Entwicklung und ihre Fehlbildungen. Thieme-Verlag.

 

[8] Ullrich 1997: Zur Geschichte der Entdeckung und Interpretation der sogenannten Kiemenbogen und Kiemenspalten in der menschlichen Embryonalentwicklung. Diss.med. Dresden.

 

[9] Richardson 1998: Haeckel`s Embryos Continued. Science 281, 1289

 

[10] Hanken&Richardson 1998: Haeckel’s Embryos. Science 279, 1283

Ursprungsversion: 24.09.2003

Aktualisiert: 11.04.2004 (2 kleine Fehler korr.) 

© 2003 by Markus Rammerstorfer

URL dieses Dokuments: http://members.aon.at/evolution bzw. www.intelligentdesign.de.vu