Markus Rammerstorfer 2005
Erzähl's mir
noch mal...
... und noch einmal, bitte! Manche Geschichten sind so
gut, dass man sie immer wieder gerne hört. Star Wars etwa (die alte
Triologie...). Das Science-Fiction-Märchen schlechthin – ich wette, wenn diese
Geschichte noch ein drittes Mal im Kino erzählt wird, wird es erneut genügend
Menschen geben, die ihr lauschen. Es gibt auch andere beliebte Geschichten:
Etwa die von Rotkäppchen (für die etwas jüngeren Semester), von einem Hobbit
der ein massives Problem mit seinem Fingerschmuck hat (oha, hier sollten die
jüngeren Semester vorsichtig sein) und die von Intelligent Design,
welches eine List und/oder Ausgeburt des Kreationismus ist (sollte man den
jüngeren Semestern überhaupt von ID erzählen ...?).
Das Problem mit letzterer Geschichte ist freilich,
dass sie uns als Tatsache verkauft wird. Und das immer und immer wieder:
Unlängst etwa mehrfach in der Süddeutschen Zeitung (SZ Wissen 8.Juli 05,
SZ Feuilleton 11.Juli 05, SZ Wissen 12.Juli 05). Dabei scheint sich nicht
herumgesprochen zu haben, dass Geschichten durch Wiederholung nicht wahrer
werden, somit ihr Tatsachengehalt dadurch nicht zunimmt. Okay, für manche Star
Wars-Fans hat Star Wars schon irgendwie Tatsachengehalt – im Sinne
einer Ersatzrealität. Aber deswegen materialisiert Yoda mit Lichtschwert nicht
im Wohnzimmer und es bleibt bei der Plastikvariante (ja ich weis, man könnte
das auch schonender ausdrücken...).
Woher kommt diese Geschichte um die kreationistischen
Ursprünge von ID eigentlich? Aus dem Land, welches die Welt mit Kaugummi, Big
Mac und dunkleren Innovationen beehrt hat (für manche gehört ID dazu...).
ID-Gegner wiederholen dort die „ID=Kreationismus“-Story mit dem Fleiß von Bienen.
Dabei richten sie allerdings (im Gegensatz zu Bienen) nichts Produktives aus,
es sei denn das Ziel ist es, von ernsthaften und berechtigten Fragestellungen
abzulenken (was man kaum zu vermuten wagt...). Die Journalisten in Europa haben
in Bezug auf ID schon oft bewiesen, dass sie gut abschreiben können*.
Erstaunlicherweise schreiben sie aber selten von ID-Vertretern ab. Nur ein
Beispiel dafür unter vielen ist der Artikel von Patrick Illinger.
Ich habe dazu folgenden Leserbrief an die SZ
geschickt:
„Intelligent Design“ (ID)
hat Schwächen. Doch soweit dringen Kritiker selten vor, da sie vorher daran
scheitern, die Thematik zu erfassen. Nur drei Punkte aus dem Artikel von Patrick
Illinger: a) ID ist kein „gemäßigter Kreationismus“ und spielt nicht auf dem
Niveau einer Schöpfungslehre – es geht nicht darum, Aussagen über das WIE der
Schöpfung (z.B. Erdalter) zu tätigen. Das ist auch der Grund, warum man in den
Reihen von ID-Vertretern „Junge-Erde“-Kreationisten genauso wie Vertreter einer
gemeinsamen Abstammung findet. ID ist der Versuch, Planung in der
Organismenwelt anhand genau definierter Kriterien nachzuweisen. ID ist in
seinen Grundzügen also nur eines: Der Gedanke, Planung („Intelligentes Wirken“)
anhand der Beschaffenheit materieller Strukturen erkennen zu können. Im
konkreten Fall geht es allerdings um Lebewesen, was Sprengstoff birgt... b)
Selbstverständlich ist ID prüfbar – genau deshalb werden ja auch Kriterien
entwickelt um ungerichtete Prozesse von intelligentem Eingreifen unterscheiden
zu können. SETI-Forscher machen exakt dasselbe mit Signalen aus dem All. ID ist
im Prinzip genauso „wissenschaftlich“ wie das SETI-Programm, was immer das auch
bedeuten mag. In beiden Fällen ist übrigens nicht widerlegbar, dass es einen
Designer gibt/geben könnte, sondern es geht nur darum, positive Evidenz für das
Wirken eines Designers zu finden. Das ist bei Signalen aus dem All freilich ein
unstrittigeres Unterfangen als bei Lebewesen, denn was solche „positive
Evidenz“ ist, lässt sich im ersten Fall sicher einfacher klären. c) Der
Ausdruck „Intelligent“ im Begriff „Intelligent Design“ bezieht sich nicht auf
die Intelligenz des Designers, sondern darauf, dass es einen Designer im eigentlichen
Sinne gab. Denn im Zusammenhang mit ungerichteten evolutionären Prozessen wird
oft von „Design“ gesprochen und eingeräumt, dass gewisse Dinge so aussehen als
ob sie geschaffen wurden. „Intelligentes“ Design steht somit im Kontrast zu
„Design“, welches durch evolutionäre Prozesse bedingt ist.
Markus Rammerstorfer,
Linz/Österreich
Das trifft selbstverständlich auch den Beitrag von
Andrian Kreye (SZ, 11.Juli 05), der sich auf Illinger als Referenz bezieht. In
seinem Beitrag geht es um einen Dinopark von Kent „Dr.Dino“ Hovind, der für
meinen Geschmack den klassischen „Bilderbuch-Kreationisten“ verkörpert. ID wird
dort so eingeführt:
„Während der letzten Jahre haben die Kreationisten
ihre Rethorik dafür entschieden verfeinert und die Theorie vom „Intelligent
Design“ entwickelt (SZ Wissen vom 8.Juli). Danach konnte das komplexe
Zusammenspiel der Organismen auf dieser Erde unmöglich von Zufällen, sondern
nur von einer höheren, also göttlichen, Existenz geschaffen worden.“
Der Artikel von Kreye ist übrigens in Ordnung und
interessant, sieht man von den Darstellungen zu ID ab, für die gilt: Die selbe
alte Geschichte eben, aber immer noch eine Geschichte. Und ich halte es für unnötig
sie hier zu korrigieren. Auf www.intelligentdesign.de.vu
habe ich das Wesentliche dazu längst geschrieben. Doch die eigentliche Schlacht
(der Argumente) wurde im Land von Big Mac und Space Shuttle geschlagen. Hier
ein paar Vorschläge zum schnellen Einlesen, für den der wissen will, wie es
sich mit ID und Kreationismus verhält:
William A. Dembski 2004: The Design Revolution.
Answering the toughest questions about intelligent design Inter Varsity Press
Dieses Buch ist optimal zum „schnellen Einlesen“. Die
Kapitel sind in sich abgeschlossen, kurz und behandeln jeweils eine gängige
Frage/Einwand bezüglich ID. Kritiker die dieses Buch benützen, haben den
Vorteil, dass kein gröberes Mißverständnis von ID mehr möglich sein sollte.
Eine kurze Rezension aus Sicht eines ID-Sympathisanten findet man hier,
wobei auch interessant ist, wo er die Probleme für ID sieht.
William A. Dembski 2005: INTELLIGENT
DESIGN'S CONTRIBUTION TO THE DEBATE OVER EVOLUTION: A REPLY TO HENRY MORRIS
Unter: http://www.designinference.com/documents/2005.02.Reply_to_Henry_Morris.htm
Dembski
steht ganz vorne im US-ID-Movement. Er erzählt hier, wie ihn der Kreationismus
beeinflußt hat. Letztlich sagt dieser Artikel viel über die Beziehung zwischen
ID und Kreationismus, bzw. Kreationisten, aus und zeigt wunderbar was
trennt.
Delvin Lee
Ratzsch 2005: How Not to Critique Intelligent Design Theory Ars Disputandi Volume
5 (2005) ISSN: 1566-5399 Unter: http://www.arsdisputandi.org/publish/articles/000191/article.pdf
Del
Ratzsch ist ID-Kritiker und soweit ich bislang gesehen habe, sehr kompetent
(sein Buch Nature, Design and Science werde ich demnächst lesen). In
diesem Artikel verteidigt er ID primär gegen unrichtige Kritik. Abs. 7 ist
besonders interessant.
Delvin Lee
Ratzsch 2002: Design Theory and ist Critics Ars Disputandi Volume
2 (2002) ISSN: 1566-5399 Unter:
http://www.arsdisputandi.org/publish/articles/000079/article.pdf
Ähnlich
wie der obige Artikel von Del Ratzsch.
Ok, wer sich fragt, warum dieser Beitrag nicht in
aller Ruhe die Behauptungen aus der SZ kritisiert, dem sei hier die Antwort
gegeben: Manchmal langweilt es einfach, die selbe Geschichte immer wieder zu
behandeln. Und es ist immer auch eine Frage, wie man die gegebene Zeit sinnvoll
investiert. Vor allem, wenn Kritiker ihre Hausaufgaben nicht einmal im Ansatz
machen. (So spricht etwa Sebastian Herrmann (SZ, 12.Juli 05) gar von der „Theorie
eines „Intelligenten Designers“ – die Strohmann-Taktik läßt grüßen.
Reinhard Junker gibt hier
einige sehr aufschlußreiche Kommentare zu diesem Artikel.)
Fakt ist, dass es sehr wohl Berührungspunkte zwischen
ID und Kreationismus gibt. Fakt ist, dass ID leider auch von so mancher Agenda
benutzt wird – unlängst etwa von einer kreationistischen Gruppierung in Utah (hier).
Fakt ist auch, dass an ID durchaus berechtigt Kritik geübt werden kann. Doch
Journalisten täten gut daran, ihre Informationen nicht nur von ID-Gegnern
einzuholen. Am wichtigsten wäre es, die eigentlichen Fragen im Zusammenhang mit
ID aufzuzeigen: Hatte der Ursprung des Lebens etwas mit Planung zu tun? Was
spricht dafür, die Frage nach Planung speziell im Bereich der Biologie zu
stellen, welche Hinweise auf Planung gibt es? Wie kann man möglichst sicher
zwischen Planung („Intelligent Design“) und ungerichteten Prozessen
unterscheiden – wie kann man präzise, testbare Kriterien formulieren? Sind die
gegenwärtigen Antworten auf die Fragen nach dem Ursprung des Lebens – im Sinne
evolutionärer Konzepte – zufriedenstellend, wenn sie mit wissenschaftlichen
Einwänden konfrontiert werden? Oder ganz kurz: Planung in der Natur – Illusion
oder Realität?
Wird dies nicht berücksichtigt, bleibt es bei der
Wiederholung von alten Geschichten. Immer und immer wieder – bis sie von den
meisten Menschen geglaubt werden. Oder auch nicht. Wahrer werden sie dadurch
jedoch keinesfalls. In jedem Fall laufen sie in Gefahr, ausgelutscht zu werden.
Star Wars sehe ich mir auch nicht jedes Wochenende an.
TIPP:
Das Discovery-Institut hat seit längerer Zeit unter www.evolutionnews.org einen Newsticker
eingerichtet, der über die Medienberichterstattung bezüglich ID in den USA
informiert. Dort wird regelmäßig auf mangelhafte Darstellungen, bzw. glatte
Falschinformationen eingegangen (das Discovery-Institut scheint dafür schon
eine eigene Abteilung zu haben...). Nützlich, da sich diese hier wie dort stark
ähnlich sind. Auch wenn die Situation in den USA und Europa verschieden ist,
aber das betrifft primär Dinge des ID-Movements, nicht der ID-Theorie.
NACHTRAG: Die SZ hat inzwischen einige kritische Leserbriefe zu
dem Artikel von Sebastian Herrmann veröffentlicht, was sehr positiv ist. Marko
Wild (SZ Leserbriefe 19.07.05, S.16) kritisiert die tendenziöse Wortwahl
des Artikels und die damit verknüpften Suggestionen. Zudem merkt er an, dass
jede inhaltliche Auseinandersetzung zur Thematik in der Evolutions-Serie der SZ
bislang unterblieben ist. Prof.Dr.Lutz E. von Padberg (SZ
Leserbriefe 19.07.05, S.16) übt ebenfalls heftige Kritik an der Vorgehensweise
von Herrmann und verteidigt die Freie Theologische Akademie in Gießen
(FTA) vor ungerechtfertigten Darstellungen. Thomas Waschke (SZ
Leserbriefe 19.07.05, S.16), der zu der Spezies ID-Kritiker gehört, die sich
auch mit ID befasst, bringt es schließlich auf den Punkt, wenn er schreibt: „Es
müsste doch möglich sein, die Position Andersdenkender korrekt darzustellen,
bevor man sie kritisiert.“ Prof.Dr.Marin
Busse (SZ Leserbriefe 20.07.05, S.31) hat einen Beitrag geschrieben, den
man stilistisch gesehen treffend als „cool“ bezeichnen kann. Er hat keine Angst
vor Genfood, ist resistent gegen Elektrosmog + „bekennender Heide“ und
der Vorgänger von Prof.Dr.Siegfried Scherer in Weihenstephan. Kurz: Er sieht
das alles etwas locker und lässt so manche verspannt wirkende Forscherkollegen
etwas seltsam aussehen, worauf er offensichtlich auch hinaus will...
*Fairerweise
muss gesagt werden: Die Thematik regt zu gewissen Mißverständnissen an. Nicht
jeder Irrtum muss auf Kopie zurückgehen, sondern kann auch konvergent
entstehen. Illingers Psychoanalyse von ID-Vertretern beinhaltet etwa, dass das
„Intelligent“ in „Intelligent Design“ angeblich auf eine besonders hohe
Intelligenz des Designers hinweist (bzw. diese betont) und somit irgendein
Bedürfnis bei IDlern befriedigt – nette Geschichte. Mir wäre der Gedanke nie
gekommen, aber in den USA ist das kein neuer Irrtum in Zusammenhang mit ID.
William A. Dembski hat ihn sogar in seinem Buch The Design Revolution
(IVP, 2004) auf S.57 aufgegriffen. Ich kann mir zwar vorstellen, dass dieses
Mißverständnis unabhängig voneinander bei versch. Menschen auftaucht, nur
leider wird es schon durch das rudimentärste Verständnis der Thematik
ausgeräumt. Etwa eine Stunde Beschäftigung mit ID-Literatur oder eine kleine
Internetsuche sollte man schon kalkulieren. Kann aber sein, dass es trotzdem
überlebt, wenn man bei der Auswahl der Quellen etwas einseitig ist.