Geringfügige Erklärungsschwierigkeiten?

 

„Ließe sich das Vorhandensein eines zusammengesetzten Organs nachweisen, daß nicht durch zahlreiche aufeinanderfolgende geringe Abänderungen entstehen könnte, so müsste meine Theorie unbedingt zusammenbrechen.“  C.Darwin [12]

 

 

Diese Befürchtung Darwins ist heute eingetroffen. Von Evolutionskritikern werden die Organe, von denen Darwin sprach, oft als „Systeme nicht zu vereinfachender Komplexität“ (vergl. Behe) bezeichnet. Im Prinzip dasselbe ist auch gemeint, wenn von „synorganisierten Systemen“ gesprochen wird. Fest steht, dass viele der Fallbeispiele gegen die Gültigkeit des Neodarwinismus und anderer Evolutionstheorien auf „zusammengesetzte Organe“ bezogen sind, bei denen eine schrittweise Evolution schwer oder gar nicht vorstellbar ist.

Viele Evolutionisten geben zu, dass Erklärungsschwierigkeiten bestehen, sehen allerdings keine so weitreichenden Konsequenzen wie Darwin. Evolutionskritikern wird nun vorgeworfen die Erklärungsschwierigkeiten zu übertreiben, wobei auf eine potentielle zukünftige Lösung hingewiesen wird.

Ein Beispiel dafür liefern einige Zitate von Herrn Neukamm aus seiner Homepage:

 

„Ein beliebtes Beispiel, anhand dessen die Unvollständigkeit unseres Wissens im Bereich der historischen und kausalen Evolutionsforschung immer wieder gern demonstriert wird, ist die raffiniert gebaute Falle der fleischfressenden Pflanze Utricularia vulgaris (NACHTWEY, 1959). Die Demonstration solch komplizierter (und gewiß wunderbarer!) Konstruktionen wird meist von Argumenten begleitet, in denen behauptet wird [1], das bekannte Faktorensystem der synthetischen Evolutionstheorie reiche nicht zur Erklärung von Höherentwicklung ("Makroevolution") aus.“

Weiter unten:

„Der Kreationist geht natürlich angesichts der Materialfülle immer den "bequemen" Weg und fordert solange eine spezifische Kausalerklärungen nach der anderen ein, bis man zu einem Organ gelangt, dessen spezifische Evolution noch nicht im Detail erklärt werden kann. Daraus läßt sich aber nicht die gewünschte Fundamentalkritik der Kreationisten generalisieren.“

 

Herr Neukamm geht offensichtlich davon aus, dass die Erklärungslücken der kausalen Evolutionsforschung auf (noch) mangelhafte Kenntnisse zurückzuführen sind, die ob des gewaltigen Umfangs der Organismenwelt ja zu erwarten sind.

Herr Mahner hat dazu eine ganz ähnliche Meinung, wenn er in der hochinteressanten Internetdiskussion auf http://www.iavg.org/iavg027.htm argumentiert:

„Nachdem man einen Fall erklärt hat, bleibt dem Evolutionskritker immer der einfache Weg offen, sich nun einem neuen Beispiel zuzuwenden und dessen spezifische Erklärung einzufordern. Das Grundschema ist damit aber nicht zu Fall zu bringen, denn mit diesem müssen alle Detailerklärungen kompatibel sein.
Natürlich sollte man Evolution möglichst auch in allen Details rekonstruieren bzw. erklären--und dies wird auch teilweise gemacht--aber angesichts der Materialfülle werden Sie verstehen, daß man sich auf Allgemeines und Prinzipielles konzentriert. Somit haben die Evolutionsbiologen recht, wenn sie sagen, daß Evolution erklärt ist--im allgemeinen und prinzipiellen. Aber auch die Evolutionskritiker haben insoferne recht, als die spezifische Evolution aller Arten in allen Details (noch) nicht erklärt bzw. beschrieben ist. Bloß daraus läßt sich halt nicht die gewünschte vernichtende Fundamentalkritik generalisieren..."

 

Hier wird dem Leser zunächst der Eindruck vermittelt, als ob man schon viele Fälle von Synorganisationen im Sinne der Synthetischen Evolutionstheorie geklärt habe und das der Evolutionskritiker auf immer weitere ("neue") bislang ungeklärte Fälle ausweichen muss, um seine Kritik aufrecht zu erhalten. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Die meisten der heute noch diskutierten Beispiele von Synorganisationen sind in aller Regel spätestens seit der Zeit Darwins bekannt und viele haben sich durch die weitere Forschung als noch wesentlich komplexer organisiert erwiesen als ursprünglich angenommen. So hatte Darwin beispielsweise bei seiner Beschreibung von Utricularia den komplexen Fangmechanismus noch nicht erkannt (auch die meisten weiteren Beispiele unten sind seit Jahrhunderten bekannt, jedoch das ungeheure Ausmaß ihrer synorganisierten Komplexität erst in neuerer Zeit).

 

Um die Stichhaltigkeit von Herrn Neukamms und Herrn Mahners Argumentation zu beurteilen, ist es daher entscheidend, die folgende grundsätzliche Frage zu klären:

Handelt es sich um Lücken im Tatsachenwissen oder um prinzipielle Lücken in der Theorie selbst?

Vorher zeige ich noch kurz einige Beispiele der oben genannten Kategorie auf, da das für meine Argumentation wichtig ist:

Die Kolbenpumpe

Zwischen menschlicher Technologie und den Strukturen und Systemen in der Natur finden sich oft erstaunliche Analogien, wozu auch die Speichelpumpe von Wanzen zählt. Einige Details aus „Das große Buch der Bionik“: [10]

„Wie eine klassische technische Pumpe muß diese biologische Miniaturpumpe – sie ist nur 2/10mm groß – bestimmte Konstruktionselemente enthalten, nämlich Zylinder, Kolben, Dichtungen, Ventile, einen Antrieb. Wie die Zeichnung links erkennen läßt, sind alle diese Komponenten da, jedoch „voll integriert“.“ (S.177)

Diese Pumpe ist, vom Prinzip her vergleichbaren, menschlichen Konstrukten weit überlegen und die vollintegrierte Bauweise bei der ein Bauteil flüssig in ein anderes übergeht, ermöglicht eine entsprechend raffiniertere Arbeitsweise:

„Auffallend ist, daß der Antrieb nicht zum aktiven Heben und Senken des Kolbens führt. Durch Muskelzug wird der Kolben vielmehr nur gehoben. Das Einströmventil öffnet, das Ausströmventil schließt sich. Beim Heben werden elastische Strukturen im gesamten Pumpenbereich gedehnt. Hört der Muskelzug auf, so schnurrt der Kolben durch den Ausgleich dieser Elastitität wieder in den Zylinder zurück und treibt den Speichel aus. Dabei öffnet sich das Ausström- und schließt sich das Einströmventil.“ (S.178)

 

Speichelpumpe. (verändert aus Nachtigall&Blüchel 2001, S.177 [10])

 

Diese biologische Kolbenpumpe ist ein wunderbar übersichtliches Beispiel für „zusammengesetzte Organe“ und somit das krasse Gegenteil zu dem, was man auf Basis einer schrittweisen Entwicklung erwarten würde. [2] Wie könnte ein ungelenkt evolutiver Prozess solche Systeme hervorbringen? Beginnen wir mit der Evolution der Ventilklappen, im Prinzip ist es aber egal, mit welcher Komponente man beginnt – das Problem ändert sich dadurch nicht wesentlich: Welchen Überlebensvorteil hätten erste Mutationen die eine Ventilklappe hervorbringen könnten? Ein halbfertiges oder undichtes Ventil ist nur ein Strömungswiderstand – ein eindeutiger Nachteil. Bei unserer Pumpe benötigt man gleich zwei solcher Ventile, die miteinander koordiniert sein müssen, d.h. jeweils umgekehrt schließen müssen.  Die Ventile sind bis jetzt völlig nutzlos und sogar nachteilig, da sie a) einen Konstruktionsaufwand bringen und b) einen ordentlichen Strömungswiderstand darstellen. Jetzt benötigt man noch einen Arbeitsraum, wobei ein Rätsel bleibt, welchen Nutzen dieser bringen könnte und warum er zwischen den beiden Ventilklappen entstehen sollte – je nachdem - mit der Entstehung welcher Komponente - man dieses Beispiel beginnt. Das Ganze ist wieder nutzlos, bis nicht der Kolben und der entsprechende Muskel entstanden und integriert sind.

Dreht man den Erklärungsversuch um und beginnt mit der Entstehung des Arbeitsraums - was er zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht ist, also müsste eine Funktion plausibel gemacht werden – kommt man einer Problemlösung nicht wirklich näher. Ich persönlich kann den Nutzen einer strömungsberuhigten Strecke im Speichelgang nicht erkennen. Was nützt jetzt dieser Zwischenraum ohne Kolben, ohne Rückziehmuskel? Was nützen diese ohne koordiniert angeordnete Ventile? Dieses Spielchen könnte man noch lange so treiben, und scheitern wird man letztlich immer an der Frage: „Welche selektionspositiven Schritte könnten (selbstverständlich als völlig ungeplanten Nebeneffekt) eine Pumpe ergeben?“ Erst wenn alle ihre Komponenten vorhanden sind, richtig angeordnet sind und die Pumpe selbst sinnvoll in den Organismus integriert ist, kann sich ein Selektionsvorteil ergeben.

Man könnte natürlich postulieren, dass sich alle Bestandteile gleichzeitig entwickelt hätten. Dass man damit mutativen Zufallsveränderungen viel zu viel zutraut, dürfte klar sein. Dabei bleibt ein Kernproblem immer noch bestehen: Was bringt eine in Entwicklung begriffene Pumpe – über welche selektionspositiven Zwischenstufen könnte diese Entwicklung zumindest rein theoretisch gelaufen sein?

Auch kann man bei solchen Beispielen prinzipiell den (gedanklichen) Versuch starten, alle oder möglichst viele Komponenten einer synorganisierten Struktur von bereits bestehenden, in den Organismus integrierten Teilen abzuleiten. Das muss jedoch von Fall zu Fall überprüft werden. Der Kernpunkt der Synorganisationsproblematik bleibt davon allerdings unberührt: Wie ergab sich das eigentliche Zusammenspiel? Gemäß dem Beispiel der Speichelpumpe: Alle Bauteile einer Pumpe sind vorhanden, wie wird aus diesen Einzelteilen eine organisierte Struktur, bei der jede Komponente auf die andere angewiesen ist – wo sich der Nutzen erst durch das funktionsfähige Ganze ergibt? Sind selektionspositive Schritte denkbar, die zu diesem System führen könnten? (Wobei es zu bedenken gilt, dass in der Regel mehr denkbar erscheint, als in der Realität machbar ist, wie ich in Anhang A aufzeigen möchte.)         

Das Ei

Der von Evolutionisten postulierte Übergang von den Amphibien zu den Reptilien hätte auch die Entwicklung von unbeschalten zu beschalten Eiern hin erfordert.

Die postulierten Vorstufen der Reptilien legten ihre weichen, gallertartigen Eier im Wasser ab, wo sie extern befruchtet wurden. Reptilien sind Landtiere und legen ihre Eier auf dem Land ab, doch benötigen die Embryonen in den Eiern weiterhin eine wässrige Umgebung. Das beschalte Ei macht genau das möglich. Damit wäre aber auch eine große Veränderung des Befruchtungsvorgangs verbunden gewesen: Eine interne Befruchtung wäre nötig gewesen, bevor das Ei von einer Schale umgeben worden wäre. Um das zu bewirken, wären neue Geschlechtsorgane, neue Instinkte und ein neues Paarungsverhalten erforderlich geworden. Das Umschließen des Eies mit einer Schale hätte weitere bemerkenswerte Veränderungen nötig gemacht, um die Entwicklung eines Reptils und schließlich sein Schlüpfen aus dem Ei zu ermöglichen. Innerhalb der Schale befinden sich zum Beispiel verschiedene Häute und Hüllen wie das Amnion. Es umschließt die Flüssigkeit, in der der Embryo heranwächst. Eine weitere Haut, die Allantois, nimmt die embryonalen Abfallprodukte auf und dient sozusagen als Blase. Zudem ist sie von einem reichen Blutgefäßnetz durchzogen, das dem Gasaustausch dient.

Die Embryonen in den Eiern der Fische und Amphibien geben ihre Abfallprodukte in Form von löslichem Harnstoff in das sie umgebende Wasser ab. Innerhalb eines beschalten Reptilieneies würde der Harnstoff jedoch auf den Embryo tödlich wirken. Aus diesem Grund gibt es im beschalten Ei einen wesentlich anderen chemischen Vorgang: Die Abfallstoffe — unlösliche Harnsäure — werden in der Allantois gespeichert. Der Eidotter ist die Nahrungsgrundlage für das heranwachsende Reptil, die es ihm ermöglicht, sich vollständig zu entwickeln, bevor es aus der Schale schlüpft — im Unterschied zu den Amphibien, die nicht in ihrer endgültigen Form ausschlüpfen. (Eine der wenigen Ausnahmen bildet die lebendgebärende Kröte Nectophrynoides occidentalis, sowie der Alpensalamander Salamandra atra der nur zwei Junge zur Welt bringt, die sich im Mutterbauch von den restlichen zu Nährsubstanz zerfallenden Eiern ernähren) Und um die Schale aufpicken zu können, ist der noch nicht geschlüpfte Embryo mit einem charakteristischen Merkmal ausgestattet, dem Eizahn, mit dem er sein Gefängnis aufbricht.

 

Im Zusammenhang mit unserer Thematik könnte man u.a. folgende Fragen stellen:

Welchen Selektionsvorteil ergeben erste Mutationen, die im gänzlich ungeplanten Prozess der Evolution später z.B. einmal eine Allantois bilden?  Welchen Selektionsvorteil ergeben erste Mutationen, die später einmal die Herstellung einer Eischale ermöglichen? Welchen Vorteil brachten erste Mutationen, die schließlich lösliche in unlösliche Harnsäure umgewandelt haben sollen? Welche Vorteile brachten erste Mutationen, die letztendlich von einer externen zu einer internen Befruchtung geführt haben sollen? (Diese Frage könnte man noch viel weiter aufsplittern), etc.,etc.

 

Das Schema ist immer das gleiche: Man nimmt ein Merkmal, beispielsweise das Amnion, (eine mit Wasser gefüllte Tasche, die das Ei vor Austrocknung schützt), und fragt nach dem Selektionsvorteil, die erste Mutationen bewirkt haben sollen. Im konkreten Fall ist es nicht ganz leicht nachzuvollziehen, wozu Amphibien die ihre Eier im Wasser ablegen einen Schutz vor Austrocknung benötigen. Die nächsten Punkte beziehen sich auf die Verzahnung des einen Merkmals mit vielen anderen: Wozu ein Amnion ohne Allantois, Schale, Dotter, unlösliche Harnsäure,...?

 

Selbst wenn man postulieren könnte, dass viele Merkmale schon bei den Amphibien vorhanden gewesen wären, so stellt sich dennoch die Frage, wie sich ein so komplexes und synorganisiertes Zusammenspiel ergeben haben soll. Die „Umstellungen“ hätten ja nicht langsam, sondern schlagartig vor sich gehen müssen, da der wesentliche Vorteil des beschalten Reptilieneis in seiner Autonomität besteht. Und weitgehend autonom (bei entsprechender Lagerung) ist nur ein Reptilienei, das die komplette Palette an internen Lebenserhaltungssystemen besitzt. Fehlt eines davon, ist die Fortpflanzung gescheitert – die Amphibien, die eigentlich am Sprung zum beschalten Ei wären, sterben aus. Es sei dabei noch einmal ausdrücklich betont, dass in der biologischen Realität - auch im vorliegenden Falle - weit mehr Faktoren zusammenspielen, als ich hier aufgeführt habe.

 

Das Kannenblatt

 

Im Kannenblatt von Nepenthes alata befindet sich Verdauungsflüssigkeit. Durch den farbigen Deckel, den Kannenrand oder durch Nektardrüsen werden Insekten angelockt. Der glitschige Kannenrand bringt die gelandeten Insekten zum Abrutschen ins Kanneninnere, wo sie verdaut werden und die Verdauungsprodukte von der Pflanze aufgenommen werden. Die aufgenommenen tierischen Stoffe werden in pflanzliches Eiweiß umgebaut. Wie könnte ein erster Mutationsschritt ausgesehen haben, der uns dem Kannenblatt näher bringt?

Nehmen wir also an, eine erste Mutation in Richtung Kannenblatt verändert die Blattform. Eine solche Veränderung wäre nutzlos bezw. nachteilig, solange sich nicht die übrigen Eigenschaften eines funktionstüchtigen Fallenblattes eingestellt hätten. Die unbrauchbare Blattform (man könnte sich eine starke Eindellung denken) würde nicht durch Selektion beibehalten, bevor sich nicht mindestens zwei drei andere Änderungen eingestellt hätten. Beginnen wir stattdessen mit der komplexen Fähigkeit, Verdauungssäfte zu synthetisieren. Eine solche Änderung ist nicht durch einen einzigen Mutationsschritt erreichbar. Das setzen wir aber mal einfach voraus. Trotzdem wäre diese Fähigkeit wiederum nutzlos, solange nicht die Fähigkeit der Ausscheidung der Verdauungssäfte, der Aufnahme der verdauten tierischen Stoffe in den Pflanzenkörper und der Verarbeitung dieser Stoffe in arteigene pflanzliche Stoffe gegeben ist.

So kann man auch andere denkbare erste Mutationsschritte durchgehen, wobei trotz dieser stark vereinfachenden Darstellung klar wird, dass hier das gleiche Problem wie oben vorliegt.

Das Problem ist auch hier ganz einfach, dass „Übergangsformen“, die eine schrittweise Entwicklung dieser Systeme ermöglichen schon theoretisch nicht oder nur sehr schwer vorstellbar sind – ohne dass man jetzt sonderlich ins Detail geht. (Frei nach [4])

(Den Lösungsversuch eines Neodarwinisten möchte ich kurz im Anhang diskutieren)

 

 

 

Die Giraffe 

 

Die Giraffe soll angeblich vom Okapi oder einem okapiähnlichen postulierten Vorfahren abstammen. Abgesehen davon, dass das Okapi eher einem Zebra sehr ähnlich sieht, ist der auffälligste Unterschied der lange Hals, den die rezenten Giraffen besitzen. Es scheint zunächst leicht vorstellbar, dass Giraffendimensionen schrittweise erreichbar sind. Ganz im Sinne der additiven Typogenese könnten kleine Veränderungen der Halslänge und der Körperproportionen zu einer immer besseren Anpassung und somit einen deutlichen Selektionsvorteil geführt haben. Woran angepasst wurde ist unklar, sowohl die Hypothesen des Nahrungsvorteils, als auch „sexual selection“ stehen vor gewichtigen Einwänden, was hier jedoch nicht Thema ist. Fakt ist jedoch, dass Giraffendimensionen nicht durch bloße Veränderungen der Proportionen erreicht werden können, vielmehr sind neue Einrichtungen erforderlich, etwa um den Blutdruck zu regeln oder um die Flüssigkeitsaufnahme zu gewährleisten.

 

Eckert (2002, [11]) schreibt dazu: „Die mit der Blutansammlung und der Aufrechterhaltung der Kapillardurchblutung verbundenen Probleme sind besonders auffällig bei Tieren mit langen Hälsen. Steht beispielsweise eine Giraffe mit erhobenen Kopf, dann ist ihr Gehirn etwa 6 Meter über dem Boden und mehr als 2 Meter über dem Herzen. (...) Senkt die Giraffe ihren Kopf zum Boden, muß der arterielle Druck auf Höhe des Herzens beträchtlich reduziert werden, um die Durchblutung des Gehirns einigermaßen Konstant zu halten.“ (S.557) Weiter auf S.558: „Wären keine entsprechenden Kontrollmechanismen vorhanden, würde die Giraffe ihren Kopf senken, um zu trinken, und dann – sobald sie den Kopf hebt – durch die gesteigerte Nierentätigkeit die gesamte aufgenommene Flüssigkeit wieder verlieren.“ 

 

Die majestätische Höhe einer Giraffe bringt also viele konstruktive Probleme mit sich – das waren keineswegs alle -, natürlich bedürfen diese einer Lösung bevor überhaupt an eine wesentliche Verlängerung des Halses und des restlichen Körpers zu denken ist. Ansonsten würden die postulierten Selektionsvorteile, die aus dem Höhenzuwachs entstehen sollen, schnell durch erhebliche Selektionsnachteile abgelöst, die aus (mit der Körpergröße) zunehmenden Kreislaufschwächen resultieren. Hier die markantesten Merkmale, welche für eine lebensfähige Giraffe unabdingbar sind:

 

+spezielle Klappen in der Jugularvene, die verhindern, dass das Blut ins Gehirn schießt (z.b. beim Trinken) [5]

+ein spezielles Gefäßsystem (Wundernetz) zur Blutdruckregulierung

+Wirbel in kugelgelenkähnlicher Anordnung

+Jugularvene und Halsvene durch strapazierfähiges elastisches Gewebe verstärkt

 

Und schon liegt das gleiche Problem vor wie oben:

 

Ein einzelnes Merkmal ermöglicht keine Halsverlängerung - erst alle Merkmale gemeinsam ermöglichen die phantastischen Dimensionen der Giraffe.

Welche Vorteile hätten erste Mutationen gebracht, z.B. bei den Klappen in der Jugularvene? Welchen Nutzen hätten diese ohne Wundernetz?

Ist es vorstellbar, dass sich alle Merkmale gleichzeitig entwickelten? Dann gilt es zu bedenken, dass dies die gleichzeitige, unabhängige Neubildung von Strukturen durch zufällig auftretende Mutationen bedeuten würde. Und das alles ohne Selektionsvorteil, sofern man keine schlagartige Evolution innerhalb einer oder weniger Generationen postuliert.

 

Nesselkapseln

 

Nesselzellen tragen am oberen Ende einen Fortsatz (Cnidocil) der als Auslöser für den Kapselmechanismus dient. Der Kapseldeckel springt auf, durch den Innendruck wird zuerst der Halsabschnitt des Fadens explosionsartig ausgestülpt, wobei die Stilette in die Beute eindringen, sich harpunenartig spreizen und die Beute festhalten. Dann wird der Schlauch in die Wunde gestülpt, wobei durch Poren in seiner Wand Kapselsekret austritt, das für kleinere Beutetiere schnell lähmend wirkt.[8] Man kann sich übrigens bei einer Berührung mit Nesselquallen selbst von der Effizienz dieser Harpunentechnik überzeugen.

 

 

 

Nesselzelle. (verändert nach Kahle 1999, S.53 [9]) Für eine besonders anschauliche Darstellung vergl. auch [13] 

 

 

Der Biologe Henning Kahle bringt die Kernproblematik für eine evolutionäre Entwicklung auf den Punkt:

 

„Jede zufällige Entstehung eines einzelnen Bestandteils der Nesselzelle, sei es Nesselfaden, Stilett, Sekret usw., hätte für sich allein keinen Selektionsvorteil gebracht; ja, es ist zu bezweifeln, ob überhaupt ein einzelner Bestandteil durch Mutation erklärbar ist.“ [9]

 

 

Fledermaus

 

Fledermäuse verfügen über ein Ultraschallortungssystem, das sogar US-Militärtechnik völlig alt aussehen lässt. Sie können aus 2m Entfernung Drähte von 3mm Dicke orten, aus 1m Distanz sogar Drähte bis 0,2mm – für eine Fledermaus weit genug entfernt um sehr gemütlich auszuweichen.

Bei der Jagd auf Insekten stößt die Fledermaus kurze Schreie aus, die etwa zehn bis fünfzehn Tausendstel Sekunden lang sind. Trifft der Laut auf ein Insekt, wird er reflektiert, erreicht wieder die Fledermaus, worauf eine „Zielaufschaltung“ aktiviert wird.

Die Fledermaus verkürzt die Schreie auf weniger als eine Tausendstel Sekunde und erhöht die Anzahl auf 200 in der Sekunde, wodurch sie das „Bild“ ständig aktualisiert, während sie sich ihrem Opfer nähert.

Die Echoortung wird noch dadurch verfeinert, dass sich bei jedem Schrei die Tonhöhe von etwa 50 000 bis auf 25 000 Schwingungen pro Sekunde ändert. Nimmt die Frequenz ab, vergrößert sich die Wellenlänge von etwa 6 mm bis auf 12 mm. Auf diese Weise kann das Tier unterschiedlich große Ziele orten. Die meisten Beuteinsekten liegen in diesem Größenbereich. Anhand der Echos kann die Fledermaus auch beurteilen, ob es sich um ein genießbares Insekt handelt oder nicht. Bei einem Kieselstein würde sie im letzten Moment abdrehen.

Das System ist extrem effizient, eine hungrige Fledermaus fängt im Durchschnitt zwei Insekten in 0,5 Sekunden (!) aus einem Schwarm – wobei die enorme Sensoren - und Steuerungsleistung nur einen Aspekt des Gesamtkunstwerkes „Fledermaus“ darstellt.

Wenn ein Beutetier das Signal reflektiert, fliegt die Fledermaus nicht auf die Signalquelle zu, sondern berechnet die Flugbahn der Beute voraus um sie exakt an diesem Punkt abzufangen. 

Beeindruckend ist der Signalfilter der Fledermaus, selbst hochfrequente Signale, die weit stärker sind als das der Fledermaus, stören nicht, genau wie die enorme Signalmenge tausender anderer Sonaranlagen von Artgenossen. Fledermäuse können noch Signale auswerten und unterscheiden, die 2000mal schwächer sind als die Hintergrundgeräusche.

Fledermäuse hören den von ihnen ausgestoßenen Schrei nicht, da ein mit dem Schallsender koordinierter Ohrmuskel im selben Moment den Laut ausblendet, sodass nur das Echo gehört wird.

 

Die Synorganisation ist wirklich bemerkenswert, man könnte sie stark vereinfachend so zusammenfassen:

 

a)    Steuerung der Schallerzeugung, mit Kehlkopf koordiniert.

b)    Steuerung Schallabstrahlung u. Schallaufnahme, mit Muskulatur Ohr und je nach Art auch Nase verknüpft.

c)     Verrechnung Schallecho, entsprechende Impulse an die Flugsteuerung, die dann den weiteren Bewegungsablauf koordiniert.

 

Wie soll das System Fledermaus evolutionär entstehen? Mit welcher Komponente könnte man beginnen?

 

In Grzimeks Tierleben (2000) heißt es dazu auf S.92:

 

„Wir können mit Sicherheit[*] annehmen, daß die Fledertiere von baumbewohnenden Ur-Insektenfressern abstammen, die sich kletternd und springend auf den Ästen bewegten und zwischen Rindenspalten und von Blättern und Blüten ihre Insektennahrung gesucht haben.“

 

Im folgenden wird geschildert, wie sich eine Flughaut entwickelt haben könnte, ähnlich wie bei den Gleitbeutlern. Und über eine starke Verlängerung der Fingerglieder soll schließlich der Vorderfuß zum Flügel geworden sein. Selbst wenn man den Aufbau neuer Gene und Genfunktionen für prinzipiell möglich erachtet**, stellen sich Fragen wie z.B.: Welchen Vorteil hätten erste Anzeichen einer Flughaut gebracht? Was nützen Flughäute ohne entsprechende Instinkte, um das Potential der Flughäute zu nutzen? Wie wirken sich derartige „Innovationen“ auf die angestammte Lebensart des postulierten Fledertiervorläufers aus? Sind Flughäute ein Vorteil für einen Bodenjäger, oder stellen sie nicht einen unnötigen und sogar hinderlichen Materialaufwand dar? Wie steht es mit dem aktiven Flug? Ohne das hochgradig synorganisierte Echolot ist dieser für Insektenjäger, wie es Fledermäuse sind – die ob ihrer relativen Verwundbarkeit in der Nacht operieren müssen – ein sinnloses Unterfangen. Andererseits ist eine Echolotortung erst im Flug von Nutzen. Davon abgesehen bedingt der aktive Flug sehr viele Änderungen in Muskulatur, Knochenbau und natürlich auch dem instinktiven Verhalten. Diese müssen zwangsläufig gleichzeitig erfolgen. Wie auch der Mensch in vielen (teils schmerzhaften Versuchen) gelernt hat, bedeutet aktiver Flug mehr als nur flattern. Es ist schwer vorstellbar, wie der Übergang vom postulierten Gleitflieger zum aktiven Flieger schrittweise erfolgen kann.

 

Somit zeigt sich schon bei dieser Schnellbetrachtung, dass die postulierte Fledermausevolution durch die Selektion effizient verhindert werden müsste, da es stets um den Selektionsvorteil erster, winziger Mutationen geht. Ist kein klarer Selektionsvorteil gegeben, verliert sich die Mutation wieder. Dazu kommt noch, dass der Nutzen einzelner Merkmale von dem Zusammenspiel mit anderen funktionstüchtigen Komponenten abhängt, die ebenfalls erst entstehen müssten.  

 

[*] Wir können mit Sicherheit annehmen, dass Fledertiere von Fledertieren abstammen. Die ältesten versteinerten Reste von Fledertieren stammen aus dem frühen Teritär; am besten erhalten sind die Funde aus eozänen Ablagerungen von Messel. Das waren bereits vollwertige Fledermäuse, mit voll ausgeprägtem Flugapparat und Echolot.

 

** Die Daten aus Züchtungs- und Mutationsforschung werden um des Beispiels willen erst mal ignoriert, es wird postuliert das sehr lange Zeiträume entgegen den Erwartungen aus den Fakten der genannten Forschungsgebiete nicht nur Varianten erzeugen, sondern auch zu regelrechten Transformationen führen können.   

 

Die Spritzgurke

 

Jetantriebe kommen in der Natur in den verschiedensten Formen vor, so auch bei der Spritzgurke. (Ecballium elaterium) Die Spritzgurken stellen ein gutes Beispiel für Selbstverbreitung (Autochorie) dar, sprich: der aktiven Ausschleuderung von Samen. Die Erhöhung des Zelldrucks (Turgor) in bestimmten Bereichen der Frucht und plötzlicher Ausgleich sorgen für ein Wegspritzen bzw. Wegschleudern der Samen. Die beerenartige Frucht der Spritzgurke erinnert an eine kleine Gurke und besitzt eine derbe, fein bestachelte Außenhülle. Die Samen sind in ein musartiges Gewebe eingebettet, in dem sich im Verlauf der Fruchtreifung durch Wasseraufnahme (Osmose) ein hoher Druck (bis 15 bar!) ausbildet, wobei die innere Schichte der Hülle als Widerstandsgewebe fungiert. Die „Gurke“ hängt dabei nach unten; am Ansatz ihres hakenförmig gekrümmten Stiels wird mit einem Trennungsgewebe eine Sollbruchstelle ausgebildet. Bei Berührung der reifen Frucht bzw. im Endstadium der Reife auch ohne äußere Einflüsse, zerreißt das Trennungsgewebe und die Samen werden mitsamt des saftigen Inhalts (giftig; kann starke (Augen-)Reizungen hervorrufen!) durch Kontraktion der elastischen Fruchtwand aus dem entstandenen Loch heraus gespitzt und das bis zu 12 m weit! (mit 10m/sec = 36 km/h)  Durch den Rückstoß wird die entkernte Fruchthülle in die entgegengesetzte Richtung geschleudert. 

 

Unschwer ist zu erkennen, dass bei diesem Fortpflanzungsystem zahlreiche Komponenten zusammenwirken, erst durch das funktionsfähige Ganze wird eine Fortpflanzung ermöglicht. Wieder erscheint die Vorstellung einer allmählichen Entwicklung absurd – ein „bisschen Funktionieren“ läuft bei Fortpflanzungsmechanismen noch weniger als sonst wo.

Die Erhöhung des Turgordrucks auf ein brauchbares Maß setzt eine entsprechend justierte Sollbruchstelle voraus – ist diese zu schwach, ist die Auswurfweite zu gering. Ist die Sollbruchstelle zu stark oder nicht vorhanden, scheitert die Fortpflanzung wieder. Und ohne Widerstandsgewebe läuft sowieso nichts – wo beginnt hier eine evolutionäre Entwicklung? (Selektionsvorteil!)

      

 

 

 

Zusammenfassung

 

Eines zeigt sich bei allen Fallbeispielen deutlich: So unterschiedlich die Organismen und Organe auch sind, so identisch ist die zugrundeliegende Problematik.

 

Bei allen Beispielen bin ich bewusst ganz oberflächlich geblieben, da ansonsten dieser Vorwurf von Hr. Neukamm zum tragen kommt:

 

„Sobald jedoch eine Theorie der Evolution auf einer bestimmten Ebene allgemeine Kausalerklärungen anzubieten vermag, wollen Kreationisten sofort "tiefere" Erklärungen und auch alle möglichen Spezifika erklärt bekommen, wie etwa die Evolution des Wirbeltierauges oder des Fangapparates der Kannenpflanze Nepenthes (JUNKER und SCHERER, 1998).“ [6]

 

Interessant wäre nun eine evolutionäre Erklärung für die genannten Beispiele. Erst DANN kann man tiefer in die Materie eintauchen und so testen, was die Erklärung in Bezug auf die biologischen Realitäten tatsächlich wert ist. Das kann einem doch niemand zum Vorwurf machen? Genauigkeit ist schließlich ein wesentlicher Leitsatz der Naturwissenschaften, die Forderung nach tieferen Erklärungen ist schließlich erkenntnisfördernd – die Blockade von tieferen Erklärungen durch oberflächliche Kausalerklärungen, die womöglich schon als Tatsache gehandelt werden, bevor sie überhaupt genau getestet werden, ist hingegen erkenntnisfeindlich. Wäre dem nicht so, so wäre es möglich, allgemeine Erklärungsschemen aufzustellen die, immer wenn sie auf Probleme stoßen, mit dem Hinweis auf „Detailprobleme“ immunisiert werden. Aber was ist schon eine allgemeine Erklärung wert, die immer, wenn man (zurecht) eine spezifische und genaue Erklärung einfordert, versagt – oder stets unrealistische Postulate benötigt?

 

Was ist z.B. ein Bauplan wert, der sich bei genauer Betrachtung als undurchführbar erweist – oder nur unter starker Abänderung des Grundplans?

Wenn das Sprichwort „Der „Teufel“ liegt im Detail“ schon im Alltag oft zutrifft, wie viel mehr muss das dann auf die Wissenschaft zutreffen!

 

Beachten wir was der Biochemiker Behe (1996) in seinem Buch „Darwins Black Box“ auf S.65 sagt: „Science, however, cannot ultimately ignore relevant details, and at the molecular level all the „details“ become critical.“

          

Bei den obigen Beispielen ist es so, dass die allgemeine Kausalerklärung der additiven Typogenese (die heute von vielen als Tatsache betrachtet wird) schon an den offensichtlichsten und banalsten Sachverhalten scheitert, von „allen möglichen Spezifika“, kann hier nicht einmal die Rede sein.

 

Wie eine genaue und umfangreiche Ausarbeitung von solchen Beispielen aussieht zeigen Junker&Scherer (2001) [3] anhand des Bakterienrotationsmotors von E.coli.; W.-E.Lönnig anhand der carnivoren Pflanze Utricularia sowie der Orchideen Coryanthes und Catasetum; Michael J. Behe (1996) bringt weiter Beispiele in seinem Buch Darwins Black Box: the Biochemical Challenge to Evolution; hochinteressant auch Entstehung der Photosynthese von S.Scherer (1996)

  

 

Schlussfolgerungen

 

Stellen diese Beispiele nun (eine im oben zitierten Sinne) Fundamentalkritik dar oder nicht? Oder greifen sich Evolutionskritiker einfach Beispiele aus der Organismenwelt heraus und fordern dessen spezifische Erklärung ein, wobei die Beispiele nicht mehr als Detailprobleme im (ansonsten intakten?) Gebäude der Evolution darstellen?

Ein simples Beispiel schafft hier Klarheit: Stellen Sie sich vor, Sie wären Mathematiklehrer. Sie geben einem Schüler einige Beispiele und die vom Schüler gelösten Beispiele sehen so aus: 14:2=8; 70:10=10; 36:6=7; 8:4=3; 9:3=2; Was würden Sie als Ursache für dieses Fiasko vermuten?

Der Schüler behauptet nun: „Mein System, Divisionen zu berechnen stimmt im Allgemeinen und Prinzipiellen. All diese Fehler sind nur Detailprobleme, ich kann Detailerklärungen für jeden dieser Fehler anbieten: Beim ersten Beispiel etwa hat mich ... Es liegt also nur am Finetuning.“

Sie erkennen natürlich sofort, dass ihr Schüler hier kunstvolle Ausreden konstruiert, die Fakten sprechen ja eine deutliche Sprache: Alle Beispiele sind Divisionen. Alle Ergebnisse sind falsch. Folglich hat der Schüler nicht erfasst, worum es bei den Divisionen geht und alle seine „Detailerklärungen“ sind wertlose Ausreden. Nun sind Divisionen ein so wesentlicher Teil der Mathematik, dass ihr Schüler keine Chance hat, den darauf aufbauenden Stoff zu verstehen. Es ist also ein FUNDAMENTALES Problem.

 

Auf den Bereich Evolutionsbiologie umgelegt, sieht der Fall ganz ähnlich aus:

Alle oben genannten Beispiele haben eine Gemeinsamkeit, auch wenn sie biologisch gesehen ganz verschieden sind. Alle diese Beispiele handeln von synorganisierten Systemen, bei denen der Selektionsvorteil eines Teils von der Funktion und der Abstimmung mit anderen Komponenten abhängt.

Bei allen Beispielen oben sind die Fragestellungen ganz ähnlich.

Diese Beispiele existieren in Massen, wie auch M.Mahner bemerkt. Alle diese Beispiele stellen die verschiedenen Evolutionstheorien vor Erklärungsschwierigkeiten. Ich bezweifle nicht, dass man vielleicht einzelne Beispiele zumindest theoretisch und teilweise über Doppelfunktionen erklären kann.

Weiter bezweifle ich nicht, dass man für einzelne Fälle Szenarios konstruieren kann, die eine Entstehung vorstellbar machen. Ich bezweifle auch nicht, dass unser Schüler seine Fehler in einzelnen Fällen erklären kann. Aber das kann über eines nicht hinwegtäuschen: Es liegen sowohl bei unserem Schüler als auch in den Evolutionstheorien FUNDAMENTALE Probleme vor: Bei ersteren ist es die Unfähigkeit Divisionen zu berechnen, bei letzteren die Unfähigkeit die synorganisierten Systeme der Natur (adäquat [1]) zu erklären.

 

Zur Ausgangsfrage: „Handelt es sich um Lücken im Tatsachenwissen oder um prinzipielle Lücken in der Theorie selbst?“

 

FAZIT: Es handelt sich um Lücken in der Theorie selbst, da die Fallbeispiele, die Evolutionskritiker gegen die Gültigkeit des Neodarwinismus und andere Evolutionstheorien bringen, meist dem selben Prinzip folgen, obwohl sich diese Fallbeispiele auf gänzlich verschiedene Organismengruppen und Systeme beziehen. Die Beispiele hätten weniger Gewicht, wenn sie sich etwa „nur“ auf karnivore Pflanzen und deren Fangmechanismen beziehen würden oder auf ganz verschiedenen Fragestellungen basieren würden. 

 

Die Beispiele der Kategorie "synorganisierte Systeme, die erst bei Vorhandensein und raumzeitlich koordinierter Funktion aller notwendigen Teilsysteme einen Selektionsvorteil bringen", sind sehr zahlreich und keine Ausnahmen. [7] Die Frage erhebt sich, ob mit hypothetischen Detailerklärungen für einzelne Beispiele auch die Gesamtproblematik gelöst wäre, wenn in aller Regel ein Selektionsvorteil nur im fertig ausgebildeten Zustand gegeben ist. "Unfertige" Zwischenstufen sind biologisch wertlos und werden durch stabilisierende Selektionswirkung ausgemerzt. Das gilt für die Entstehung einzelner Merkmale genauso wie für das Zusammenspiel vieler Merkmale.

Und das ist ein prinzipielles Problem - kein Detailproblem, für das man einfach Detaillösungen finden muss, wie etwa postulierte Doppelfunktionen. Evolutionisten, die meinen, es seien Detaillösungen gefragt, werden bis in alle Ewigkeit mit der Konstruktion von Detaillösungen beschäftigt sein, da sie die Wurzel des Problems nicht erkannt haben.

 

Oben hatte ich M. Mahner mit folgender Behauptung zitiert:

"Nachdem man einen Fall erklärt hat, bleibt dem Evolutionskritker immer der einfache Weg offen, sich nun einem neuen Beispiel zuzuwenden und dessen spezifische Erklärung einzufordern. Das Grundschema ist damit aber nicht zu Fall zu bringen, denn mit diesem müssen alle Detailerklärungen kompatibel sein."

Da es bislang keine im Sinne der Theorie erklärten Fälle gibt, könnte man diesen Hauptpunkt in Abwandlung von M. Mahners Erklärung wie folgt zusammenfassen:

"Obwohl man bislang nicht einmal einen einzigen Fall von Synorganisation mit der Synthetischen Evolutionstheorie befriedigend mit testbaren Hypothesen erklärt hat, kann sich der Evolutionskritiker zusätzlich auch neuen Beispielen zuzuwenden und deren spezifische Erklärung einzufordern. Die sich kumulierende Argumentation gegen die Richtigkeit der Synthetischen Evolutionstheorie liegt an den prinzipiellen Lücken im (neodarwinistischen [2]) Grundschema, welches den Ursprung der Lebewesen mit ihren komplexen synorganisierten Systemen nicht erklären kann."
                                                                                                                                               

 

 

 

[1] Um die Konsistenz dieser Aussage zu beurteilen ist die Utricularia-Diskussion auf http://www.weloennig.de/Wasserschlauch.html sehr hilfreich.

[2]  Meine Aussagen und Argumentationen beziehen sich primär auf den Neodarwinismus. Prinzipiell sind die Argumente auch auf andere Evolutionstheorien anwendbar. Wenn dem nicht so ist, sollten mir die Vertreter entsprechender Ansätze Erklärungen für die hier angeführten Beispiele liefern.  

[3] Junker&Scherer 2001: Evolution-ein kritisches Lehrbuch. S.129 – 134

[4] Junker&Scherer 2001: Evolution-ein kritisches Lehrbuch. S.80 – 81

[5] Grzimeks Tierleben 2000; S.274

[5] vergl. weitere Details zur Giraffe unter http://www.weloennig.de/Giraffe.html

[5] Larousse Naturenzyklopädie 2002; S.779

[6]  Homepage M.Neukamm

[7] Selektionsvorteil dürfte für viele Fälle zuviel gesagt sein. Wenn man z.B. Coryanthes und Catasetum betrachtet, wird einem klar, dass deren hochkomplex synoganisierte Fortpflanzung zwar die Überlebensfähigkeit sichert, aber keinen Vorteil gegenüber „konventionellen“ Fortpflanzungsmechanismen von Orchideen bietet.

[8] vergl. z.B. dtv-Atlas Biologie 2001; S.125 

[9] Kahle 1999: Evolution-Irrweg moderner Naturwissenschaft? S.53

[10] W.Nachtigall & K.G.Blüchel 2001: Das große Buch der Bionik. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München

[11] Eckert 2002: Tierphysiologie. S.557/558

[12] Darwin 1872 (6.Auflage): Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl. S.250 Nachdruck 2001; Übersetzt von C.W.Neumann; Reclam 

[13] Müller 1998: Tier- und Humanphysiologie. S.339/340

 Anhang A: Neodarwinistischer Lösungsversuch zu einem Fallbeispiel.

Ich möchte zu folgendem Lösungsversuch anmerken, dass ich sinngemäß ähnliche Erklärungsversuche in bezug auf karnivore Pflanzen schon öfter gehört habe. Im Folgenden sind die Kommentare von Hr.X zu Nepenthes fettgedruckt. Der kritisierte Ausgangstext ist kursiv gefasst und grün. In Normalschrift erfolgen meine Kommentare.

Wie könnte ein erster Mutationsschritt ausgesehen haben, der uns dem Kannenblatt näher bringt? Nehmen wir also an eine erste Mutation in Richtung Kannenblatt verändert die Blattform. Eine solche Veränderung wäre nutzlos bezw. nachteilig solange sich nicht die übrigen Eigenschaften eines funktionstüchtigen Fallenblattes eingestellt hätten. Die unbrauchbare Blattform (man könnte sich eine starke Eindellung denken) würde nicht durch Selektion beibehalten, bevor sich nicht mindestens zwei drei andere Änderungen eingestellt hätten.

Also wenns nutzlos wäre, dann könnte es ja entstehen, ohne wieder ausselektiert zu werden. Und wieso nachteilig?“

Aber nur selektionspositve Mutanten hätten die Möglichkeit gehabt sich in der Population auszubreiten. Abgesehen davon hätten Mutationen, die die Blattform krümmen, negativen Selektionswert, da sie die Photosynthese behindern. Schließlich soll ein Blatt möglichst große Mengen an Sonnenlicht einfangen, was aber bei einer starken Krümmung oder Eindellung nicht mehr der Fall ist. Wäre dem nicht so, könnte man auch in der freien Natur jede Menge Mutanten mit deformierten Blättern finden, aber hier ist offensichtlich ein stabilisierender Selektionsdruck vorhanden, der das verhindert.  Das Blatt ist bei Nepenthes zu einer Kanne geformt, das sind denkbar ungünstige Formen für Photosynthese.

[Dazu einige wichtige Punkte, die zeigen das selbst (leichter) Selektionsvorteil noch nicht ausreichend für die Ausbreitung über eine Population ist, aus dem Artikel natural selection :

 Fisher, perhaps the most important forerunner of the neo-Darwinian theory, has calculated (1930) that new alleles with even 1% selective advantage (i.e., more than is usually expected by neo-Darwinian theorists), will routinely be lost in natural populations. According to these calculations the likelihood of loosing a new allele with 1% advantage or no advantage is more than 90% in the next 31 generations (Fisher, 1930/1958; Dobzhansky, 1951; Schmidt, 1985; see also ReMine, 1993; Futuyma, 1998; Maynard Smith, 1998). Considering genetic drift, i.e. random fluctuations of gene frequencies in populations, Griffith and colleagues state in agreement with these authors (1999, p. 564):

Even a new mutation that is slightly favorable will usually be lost in the first few generations after it appears in the population, a victim of genetic drift. If a new mutation has a selective advantage of S in the heterozygote in which it appears, then the chance is only 2S that the mutation will ever succeed in taking over the population. So a mutation that is 1 percent better in fitness than the standard allele in the population will be lost 98 percent of the time by genetic drift.

Nevertheless, it appears that if such a mutation occurred at a constant rate in a large population, it would have a fair chance to become established after an average occurrence of about 50 times. However, such estimates are made on exceedingly imperfect assumptions biased in favor of the modern synthesis. Note that the basis of these calculations are dominant mutant alleles with 1% fitness increase in the heterozygous state. In the plant kingdom, however, more than 98% of all the mutations are recessive and more than 99.99% of the dominant (as well as homozygous recessive) mutants in the plant and animal kingdoms are lowering fitness.“]

Beginnen wir stattdessen mit der komplexen Fähigkeit, Verdauungssäfte zu synthetisieren. Eine solche Änderung ist nicht durch einen einzigen Mutationsschritt erreichbar. Das setzen wir aber mal einfach voraus.

„Sobald die "Ur-Kannenpflanze" durch ihre Blattform einmal ein Insekt versehentlich eingeklemmt hat, sodaß dieses dort innen stirbt, können zersetzte Leichenteile via Osmose in die Pflanze eingedrungen sein. Sobald von diesen Stoffen durch den normalen Stoffwechsel etwas verwertet werden konnte, war das schon der Selektionsvorteil. Danach kann sich die Pflanze sehr wohl schrittweise um Verbesserungen "kümmern".“

Das heißt, wir postulieren eine nicht-karnivore Pflanze, deren Blätter zu Trichtern geformt sind. (Eine Kanne wie bei Nepenthes ist gewiss nicht über einen einzigen Mutationsschritt erreichbar.) Aber wie sich ein Insekt in einem Trichter einklemmt ist ein Rätsel. Derart „verblödete“ Insekten kommen bestimmt viel zu selten vor, um irgendeiner Vorläuferform von Nepenthes als Nahrung zu dienen. Um die äußerst geschickten und geländegängigen Insekten zu fangen, benötigt man entsprechendes Equipment, z.B. eine Anlockzone und einen Stolpermechanismus, welcher im Fall von Nepenthes eine sehr glatte und leicht schleimige Wachsbeschichtung ist. Erst dann besteht die Möglichkeit ein Insekt zu fangen. (Wobei für Fluginsekten mehr notwendig ist.)

Nehmen wir aber fernab der biologischen Realität an, das mutativ zum Trichter geformte Blatt einer nicht-karnivoren Pflanze hätte tatsächlich ein Insekt „gefangen“, da dieses an Altersschwäche im Trichter gestorben ist. Nehmen wir ferner an, der nächste Regen hätte diese Insektenleiche nicht fortgespült.

Zur Osmose sagt uns das Bertelsmann Universallexikon 1999 folgendes: „[griechisch], das Hindurchwandern von Flüssigkeit infolge  Diffusion durch eine halbdurchlässige (semipermeable) Trennwand ( Diaphragma: z. B. unglasierter Ton, Pergamentpapier), die zwei Flüssigkeiten (bzw. Lösungen verschiedener Konzentration) trennt und nur für eine Flüssigkeit (bzw. ein Lösungsmittel, nicht aber für den gelösten Stoff) durchlässig ist. So findet z. B. bei Zuckerwasser und reinem Wasser eine Diffusion zur konzentrierten Lösung hin statt (einseitige Osmose); infolgedessen nimmt dort die Flüssigkeitsmenge so lange zu, bis der entstehende hydrostatische Druck dem osmotischen Druck (Überdruck, der durch die diffundierende Flüssigkeit hervorgerufen wird) das Gleichgewicht hält.“ 

Selbst wenn wir also postulieren, dass Wasser im Trichter die Insektenleiche aufgelöst hätte, wäre nichts gewonnen, da die gelösten Stoffe nicht durchkämen, was auch der Duden/Biologie (2000) bestätigt: „... Ein solcher Diffusionsvorgang tritt immer auf, wenn zwei Lösungen unterschiedlicher Konzentration durch eine semipermeable Membran getrennt sind und durch diese nur die kleineren Moleküle (z.B. die Moleküle des Lösungsmittels) hindurchtreten können, während die größeren (z.B. die Moleküle oder Ionen des gelösten Stoffs) zurückgehalten werden....“

Kompetent dürfte auch das Lehrbuch Zellbiologie (Westermann,1992) sein, welches auf S.49 mitteilt: „Begrenzt durchlässig (semipermeabel) bedeutet, dass z.B. die kleineren Wassermoleküle die Membran passieren können, nicht aber die größeren Moleküle des gelösten Stoffes.“   

Noch eine Beschreibung aus dem DK Kompaktwissen Biologie (2001), S.22: „Osmose: Wanderung von Wasser durch eine selektiv permeable Membran aus einer schwächeren in eine stärkere Lösung. (...) Die Membran verhindert den Durchtritt der großen gelösten Moleküle, lässt aber die kleineren Wassermoleküle passieren, bis beide Lösungen die gleiche Konzentration erreicht haben.“

Interessant auch die Ausführungen in dem Buch Pflanzenphysiologie (UTB für Wissenschaft, 1999) auf S.439: „...ihr Zellsaft ist eine oft hochkonzentrierte Lösung von Zuckern, Glykosiden, organischen Säuren und manchmal auch anorganischen Salzen, um nur einige osmotisch wirksame Zellsaftbestandteile zu nennen. Die semipermeablen Membranen der Zelle lassen Wasser hindurchtreten, die eben genannten osmotisch wirksamen Stoffe dagegen nicht oder kaum.“

Die Aussage „können zersetzte Leichenteile via Osmose in die Pflanze eingedrungen sein“, ist somit angesichts der biologischen Tatsachen hinfällig.

Durch Osmose ist es dem Wurzelwerk der Pflanze möglich Wasser und Mineralsalze aufzunehmen. (Letztere werden von der Pflanze nur in wässrigen Lösungen als Ionen aufgenommen, wobei die Gesamtkonzentration mit 0,2% aus osmotischen Gründen sehr niedrig sein muss.)  Die Ionenaufnahme selbst ist ein weiterer hochkomplexer Vorgang und „der notwendige Übergang der Ionen in den Symplasten geschieht selektiv durch aktiven Transport und ist damit vom Wassertransport unabhängig kontrollierbar.“   (dtv-Atlas Biologie 2001; S.289)

Postulieren wir weiter, dass irgendwie trotzdem tierische Stoffe in die Pflanze eingedrungen sind. Jetzt müssten a) die aufgenommenen tierischen Stoffe in pflanzliches Eiweiß umgebaut werden b) Abfallprodukte müssen ausgeschieden werden.

Trotzdem wäre diese Fähigkeit wiederum nutzlos, solange nicht die Fähigkeit der Ausscheidung der Verdauungssäfte, der Aufnahme der verdauten tierischen Stoffe in den Pflanzenkörper und der Verarbeitung dieser Stoffe in arteigene pflanzliche Stoffe gegeben ist.

“Nachdem die Pflanze auch nur einen geringen Nahrungsvorteil davon hatte, daß sich in ihrem Blatt ab und zu mal ein Insekt einklemmt, hatte sie alle Zeit der Welt, um sich nach und nach, schrittweise um eine bessere Aufnahme der Zersetzungsprodukte zu kümmern. Und jeder einzelne Schritt, verbesserte Durchlässigkeit, verbesserte Umsetzung im Stoffwechsel, Produktion und Verbesserung eines Verdauungssaftes, Transport nach außen, Verengung der Falle, Beutehäufung durch Glitschigkeit, Fluchtvereitelung durch Deckel, das alles verbessert je einzeln die Ernährung und ergibt für jeden Schritt einen Selektionsvorteil.“

Hr.X konstruiert nun ein Luftschloss, da seine vorangehende Erklärung nicht haltbar ist. Zudem ist nicht wirklich nachvollziehbar, was „geringer Nahrungsvorteil“ bedeutet. Selbst wenn die Erklärung von Hr.X bis jetzt glaubhaft wäre, so wäre der Selektionsvorteil den einige „einfältige“ Insekten, die sich in Blättern einklemmen, bringen sollen, nicht nachvollziehbar. Das sollten zum einen obige Ausführungen zur Selektion zeigen, zum anderen die Tatsache, dass die eingeschränkte Photosynthese eines trichterförmigen Blattes einen klaren Selektionsnachteil darstellt. Übrigens dient der Deckel nicht als Fluchtvereitelung, sondern bei manchen Arten als „Regenschirm“ und Lockmittel. (vergl. Fleischfressende Pflanzen;G.Braem; 2002; S.67,68)

Ein, zwei Punkte noch: „... verbesserte Durchlässigkeit...“  „Verbesserte Durchlässigkeit“ ist etwas lax formuliert, es wäre ein Nachteil für jeden Organismus zersetzte Leichenteile“ aufzunehmen. (Selbst wenn dies entgegen der biologischen Realität möglich wäre, s.o.) So besitzt z.B. das Fettkraut (Pinguicula) eine Klebfalle, sowie einen bakterientötenden Verdauungssaft, damit die Beute nicht auf dem Blatt verwesen kann und dieses dadurch beschädigt.

Darum ist abschließend zu sagen, dass die bei rezenten Pflanzen vorkommenden Verdauungstechniken eine Vorraussetzung für eine karnivore Lebensweise sind – mit Osmose ist nichts gewonnen. Was den genauen Ablauf und die an den Verdauungsprozessen beteiligten Substanzen betrifft, liegt oft noch vieles im Dunklen. Allgemein könnte man aber zusammenfassen: Karnivore besitzen meist zwei Drüsenarten, Verdauungsdrüsen und Resorptionsdrüsen. Die Verdauungsdrüsen reagieren auf chemische Reize durch das Insekt und sondern als Reaktion Enzyme ab (Protease, saure Phosphatase, Esterase, Ribonuclease, Peroxidase; bei einigen Arten Invertase und Amylase) Die Menge des abgegebenen Verdauungssaftes wird in Zusammenhang mit Menge der registrierten Stickstoffmoleküle gesteuert, wobei die Enzymabgabe endet, wenn alle Nährstoffe der Beute entzogen wurden und keine Stickstoffmoleküle mehr registriert werden. Einige Pflanzen (Zwergkrug, Schlauchpflanze) verfügen sogar über Bakterien, die den Abbau von Eiweißen übernehmen. Wie immer auch dieser Abbau im Detail aussieht, danach treten die Resorptionsdrüsen in Aktion, die die  Nährflüssigkeit aufsaugen. Diese Drüsen findet man oft in Form von Absorptionshaaren, welche die gelösten Eiweiße aufnehmen.

Das war ein ganz kurzer Einblick in ein enorm komplexes Gebiet – ganz beiläufig erwähnt als „...Produktion und Verbesserung eines Verdauungssaftes...“ so als wäre eine evolutionäre Erklärung „locker“ möglich, ja geradezu selbstverständlich. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass der Bereich der karnivoren Pflanzen zahlreiche einfach erkennbare Synorganisationsprobleme aufwirft. (Dionaea,...) Zusätzlich müssen im Rahmen der Evolutionslehre viele konvergente Entwicklungen postuliert werden.  

Ein Selektionsvorteil ist nur im fertig ausgebildeten Zustand gegeben; unfertige Zwischenstufen sind biologisch wertlos und werden durch stabilisierende Selektionswirkung ausgemerzt. Das gilt für die Entstehung einzelner Merkmale genauso wie für das Zusammenspiel vieler Merkmale.

“Genau das ist der Irrtum der meisten Evolutionskritiker, die nicht ernsthaft darüber nachdenken wollen, wie ein komplexes Zusammenspiel schrittweise entstanden sein könnte. Wenn man für ein Problem keine Lösung finden will, findet man sie auch nicht.“

Nette Geschichten* zu erfinden ist eine Sache, wissenschaftlich haltbare Erklärungen zu formulieren eine ganz andere. Was den Vorwurf im letzten Satz betrifft: Ob Hr.X auch schon einmal eine Erklärung im Sinne der I.D.-Theorie erwogen hat? Schließlich sind Systeme wie oben genannte Kolbenpumpen, Harpunen, Grubenfallen etc., Sachverhalte, die eine Überprüfung auf I.D. unumgänglich erscheinen lassen. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich die Zielgerichtetheit in derartigen Systemen als (durch Evolutionsmechanismen hervorgerufene) Illusion erweisen könnte – im Gegenteil: Auf Basis der I.D.-Theorie ist in Bezug auf den Themenkreis der synorganisierten Systeme folgende Prognose zu machen: Die Zahl dieser Systeme wird mit zunehmenden Kenntnissen der Organismen weiter steigen, wobei Wissensfortschritte im Bereich der genetischen Grundlagen dieser Systeme für Evolutionsvorstellungen noch größere Probleme aufwerfen werden, als dies bereits der Fall ist.

*Mit der Erklärungstechnik von Hr.X ist ALLES erklärbar. Ich könnte anhand derselben Geschichte jede beliebige Pflanze (gedanklich) zur karnivoren Pflanze entwickeln. Mit dieser Erklärungsmethodik kann man vermutlich jedes der oben angeführten Beispiele „erklären“ – aber nicht auf wissenschaftliche Art und Weise, von empirischen Nachweisen soll hier noch gar nicht die Rede sein.    

 

Anhang B: Allgemeines neodarwinistisches Lösungsschema zur Synorganisationsproblematik.

Der Biologe und Zoologe Thomas P. Weber geht in seinem Buch „Darwinismus“ (2002, Fischer Taschenbuch Verlag) im Kapitel „Die neuen Naturtheologen->intelligent design< etwas näher auf die Synorganisationsargumentation ein. Er schreibt auf den Seiten 105/106, nachdem er den Flagellenantrieb und die Blutgerinnung als „Lieblingsbeispiele von Vertretern des >intelligent design<“ erwähnt hat:

„Darwinisten erwidern auf diese Herausforderung, dass es zum einen zahlreiche Hypothesen zur Evolution solcher biochemischer Systeme gibt und zum anderen, dass die Theorie des >intelligent design< ein fehlerhaftes Verständnis von schrittweiser Evolution zeigt. Ein irreduzibel komplexes System kann auf folgende Weise Schritt für Schritt gebaut werden: Ein Teil A führt eine bestimmte Aufgabe aus, und das nicht sonderlich gut. Ein zweites Teil B entsteht, das A bei der Aufgabe hilft. Dieses neue Teil ist nicht wesentlich, aber es verbessert das Ergebnis. Später wird A aber so abgewandelt, dass B unentbehrlich wird. Dieser Vorgang kann weitergehen, mehr und mehr Teile werden hinzugefügt und schließlich unabkömmlich.“

Dass es zahlreiche Hypothesen zur Evolution „solcher biochemischer Systeme gibt“, ist nicht der springende Punkt – es geht darum, dass sich diese Hypothesen auch mit der biologischen Realität vertragen. In Anhang A ist eine Hypothese, die das offensichtlich nicht tut - genauso wie die unter [1] diskutierte.

Ein Teil A führt eine bestimmte Aufgabe aus,...“ Ein Merkmal von synorganisierten Systemen ist, dass sich eine Funktion erst durch das Zusammenwirken vieler Komponenten ergibt – ein gewisses Teil A reicht hier nicht aus um eine Grundfunktion zu ermöglichen. Die heute bekannten Funktionen (Motoren, Pumpen,...) müssten über selektionspositive Schritte erreichbar sein – andernfalls scheidet eine evolutionäre Erklärung dieser Systeme aus.

„Ein zweites Teil B entsteht, das A bei der Aufgabe hilft.“ Damit hätte man die Verbesserung einer bereits bestehenden Grundfunktion – was hier nicht das Thema ist. Ich könnte allerdings fragen, was Teil B in Entstehung gebracht haben soll – man kann ja nicht pauschal postulieren, dass es durch eine Punktmutation entsteht.

Dieses neue Teil ist nicht wesentlich, aber es verbessert das Ergebnis.“ Genau: Optimierung einer vorhandenen Struktur. Ich frage mich langsam, ob hier tatsächlich „die Theorie des >intelligent design< ein fehlerhaftes Verständnis von schrittweiser Evolution zeigt.“. 

„Später wird A aber so abgewandelt, dass B unentbehrlich wird.“ Was nichts daran ändert, dass die Grundfunktion von Anfang an gegeben war.

Soweit, so spekulativ. Der Wert jeglicher Spekulation ist an der Realität zu bemessen – dazu möchte ich die oben beschriebene Kolbenpumpe verwenden.

„Ein Teil A führt eine bestimmte Aufgabe aus,...“ Und welches Teil wäre das bei der Kolbenpumpe? Eine erste Funktion kann nicht durch eine Einzelkomponente erreicht werden. Versuchen wir daher eine vorläufige Funktion für eine der (späteren) Komponenten zu finden, was aber schwer vorstellbar ist. Nehmen wir an, der Zwischenraum, der später als Arbeitsraum für die Pumpe dient, hätte einen enormen Selektionsvorteil gehabt. (?)

„Ein zweites Teil B entsteht, das A bei der Aufgabe hilft.“ Damit hätten wir eine Verbesserung der Funktion des „Zwischenraums“ – der jedoch nicht als Pumpe dienen kann. Das ändert sich auch mit Teil B nicht: Denn selbst wenn Teil B aus unerfindlichen Gründen ein Kolben oder ein Ventil (etc.) wäre, stellt sich die simple Frage nach einem Selektionsvorteil.  Welche Funktion könnten Zwischenraum und Ventil übernehmen?

Dieses neue Teil ist nicht wesentlich, aber es verbessert das Ergebnis.“ Welches Ergebnis? Bis jetzt gibt es noch lange kein Ergebnis, sondern größte Schwierigkeiten mit der gedanklichen Konstruktion von Doppelfunktionen.

Es ist deutlich zu erkennen, dass die von Weber angeführte allgemeine Erklärungsformel unzutreffend formuliert ist und in der biologischen Realität keinen Millimeter weiterführt. Die Problematik bleibt evolutionstheoretisch ungelöst. Die Tatsache, dass Evolutionisten schon Probleme mit der allgemeinen Formulierung eines Erklärungsschemas im Sinne der Synthetischen Theorie haben, bestätigt meine obige Einschätzung zur Bedeutung dieser Beispiele.  

 

Ursprungsversion: 15.11.2002

Aktualisiert: 26.05.2003

 

© 2002-2003 by Markus Rammerstorfer

URL dieses Dokuments: http://members.aon.at/evolution bzw. www.intelligentdesign.de.vu