LESEPROBE
Steinmeditationen
Aus dem Kap. "Über das Werden meiner Fragen"

Geduldig fügst Du Dich in die Falten des Mantels unserer Erde. Dein sanftblauer Spiegel lässt Deinen dunkeldrohenden Tiefgrund vergessen. Zu leicht gleitet mein höhentrunkenes Auge an Deiner unbeweglichen Glattheit ab, um sich an den steilen Hängen Deiner Ufer festzuhalten. Gedankenlos ergebe ich mich dem Rausche himmelsbekränzter Freiheit, der mit der Sehnsucht nach den sonnennahen Häuptern der Berge verbunden ist.

Die silbrige Stille liegenden Wassers scheint mein unstet suchendes Leben so sehr zu beengen, dass es sich unsicher geworden den Bewegtheiten Deines felsigen Rahmens zuwendet: dem Kreisen der weißen Vögel, dem Fallen junger Bäche, dem Spiel des wolkengesäumten Windes ...

Du scheinst mir in Deiner Reglosigkeit zu sehr den Tagen unseres Alters verwandt: zu müde, um noch selbst zu gestalten, zu willenlos, um sich nicht nach fremden Spiele zu bewegen und zu formlos, um jungem Drängen Halt zu bieten.

Und doch, immer wieder ziehst Du meine Blicke mit seltsamer Gewalt von ihren ratlosen Streifzügen zu Deinem Schweigen zurück. Ich kann nicht umhin, Deine Größe in mir wachsen zu fühlen und undeutliche Ahnungen hinter der unscharfen Grenze zwischen Wasser und Himmel schweben zu sehen. Du sprichst in schwer verstehbaren Worten zu mir und Deine Geheimnisse liegen in selbstgenügsamer Sprachlosigkeit verborgen.

Dem Rausch der Höhe beginnt sich undeutlich das Abenteuer der Tiefe zuzugesellen. Mit irrenden Sinnen taste ich über die Oberfläche Deiner Unberührbarkeit. So leicht es wähnt, ihren wässrigen Widerstand zu durchdringen, so schwer dünkt es mich, ihre glänzenden Siegel zu öffnen. Die Kämme grüngezackter Berge und weiß gewölktes Blau finden ihr Bild in Deinem Angesichte ebenso wie die Gestirne von Tag und Nacht und der jagende Flug von Möwe und Schwalbe. Du nimmst alles Sein um Dich und über Dir in wehrlosem Lächeln auf, Du trägst Erde, Sonne und Himmel auf Dir und bist doch selbst etwas anderes. Gerade die Endlosigkeit Deiner Ruhe verrät mir, dass Du Dich nicht an fremden Spiegelbildern zu sättigen brauchst. Du schweigst aus äonenalter Fülle, aus dem Wissen um gespeicherte Urkraft.